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 » nicht erledigt Alte / kostbare / besondere Sprachen
▶ [geteilt] Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind

03.03.2017, 13:42:15
Beitrag #1
Alte / kostbare / besondere Sprachen
Hallo,
gibt es eigentlich einen Begriff für die Weltanschauung, die viele Sprecher über ihre (oder andere) Sprache(n) haben, dass sie schon super alt und super schwer zu lernen seien?
Ich höre so oft, dass diese Attribute benutzt werden. "Plattdeutsch ist eine ganz alte Sprache." hört man immer als Begründung, dass es ja bewahrt werden müsste, obwohl es nicht älter oder jünger als Deutsch ist, wenn man davon absieht, dass solche Aussagen ohnehin wenig Grundlage haben (Beinhaltet das neueste Stadium einer Sprache auch seine Vorgänger? Kann etwas älter sein als das andere, wenn es eigentlich vom fast gleichen Punkt im Stammbaum kommt?). Ich glaube, viele verwechseln Eigentümlichkeit mit Alter.
Ich höre diesen Altersmythos auch oft, wenn Leute mit Migrationshintergrund irgendwie die Besonderheit ihrer Sprache hervorstellen wollen. Letztens auf einer Party habe ich die Aussage gehört "Georgisch gehört zu den ältesten Sprachen, die es gibt." Oder Armenisch sei älter als alle europäischen Sprachen; was bei deren gemeinsamem Ursprung im Protoindoeuropäischen sehr unwahrscheinlich scheint.
Und was man ganz oft hört, ist, dass viele über ihre eigene Sprache sagen, dass sie ganz kompliziert sei und man sie nur ganz schwer lernen könne. Das hört man sogar oft von (meist monolingualen) Englischsprechern.
Grenzt das nicht irgendwie an Sprachchauvinismus? Ich unterstelle niemandem böse Absichten dadurch, meist ist es einfach die Unwissenheit über die eigene Sprachgeschichte und linguistische Verhältnisse und der "Stolz" über die eigene Sprache in einem Umfeld von Leuten, die diese Sprache nicht sprechen.
Aber da ich solche Aussagen, wo jemand ohne wissenschaftliche Grundlage durch herausstellende Aussagen die eigene Sprache aufwerten will, so oft höre, wollte ich einmal fragen, ob es dazu nicht irgendwie einen Begriff gibt. Trifft es nicht "leichter Sprachchauvinismus" schon?
Vielen Dank und viele Grüße,
Kevin


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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03.03.2017, 15:03:07
Beitrag #2
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Hej Kevin,
ja, was du schreibst ist wohl allen hier nur zu gut bekannt.

Chauvinismus scheint mir die treffendste Bezeichnung zu sein, auch wenn sie für putzige Sichtweisen auf die eigene Muttersprache fast zu negativ klingt.
Es handelt sich dabei m.E., wie bei allen weltanschaulichen Äußerungen von Laien über Sprache(n) ("Sprachverfall", "archaische Indianersprachen", "diskriminierende Grammatik" vs. "Genderismus" etc.), um Projektionen ideologischer Ansichten auf die Sprache, die als alltägliches Instrument ein williger Spiegel bzw. Sündenbock ist. Zugrunde liegt also ein Chauvinismus in Bezug auf die eigene, zu Unrecht als klein oder randständig empfundene Nation/Volk/Ethnie, der wohl tatsächlich häufig aus (historisch/politisch bedingten) Minderwertigkeitsgefühlen erwächst. Sprache ist nun mal ein wichtiges Mittel der Identitätsbildung.

Häufig erlebt habe ich das (auch von Leuten, die in Deutschland gelebt und studiert haben) in Bezug auf eine kleinere indogermanische Sprache mit sehr später Bezeugung, die jedoch unbedingt die einzige autochthone in ihrer Region sein soll, mit obskuren Völkern aus antiker Nebenüberlieferung in Verbindung gebracht werden muss und natürlich die älteste Sprache überhaupt ist - hätten nur nicht die späteren Invasoren alle alten Schriftzeugnisse verbrannt! Zum Glück belegen die (Volks-)Etymologien von Orts- und Personennamen biblische Abstammung (...). Das ist natürlich ein Teil von identiätsbildenden Narrativen über die eigene wechselvolle Geschichte und lange Fremdherrschaft.

Interessanterweise lässt sich Ähnliches aber auch für größere Sprachgruppen beobachten, wie von dir für Englisch beobachtet (aber da wohl eher von Personen, die keine Fremdsprachen beherrschen, wie Noam Chomsky); oder kürzlich hörte ich, dass Arabisch die größte [i.e. quantitaiv] Sprache der Welt sei. Im letzteren Fall könnte man aber wiederum mit dem Bedürfnis der Überhöhung der eigenen Identität in fremder Umgebung argumentieren.


Auch ein beliebtes Topos solcher Erzählungen: Die Schrift.

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04.03.2017, 10:56:19
Beitrag #3
RE: Alte / kostbare / besondere Sprachen
Ich würdse auch sagen, dass das eine, oft unbewusste, Form des Sprachchauvinismus ist . Und Wichtigtuerei.
Mir hat mal ein Pärchen aus dem Saterland verklickern wollen, dass ihre heißgeliebte Seelter Muttersprache ja mit keiner anderen Sprache auf der Welt vergleichbar oder verwandt sei. Das ist, insbesondere bei "kleinen" Sprachen natürlich Teil der Identitätsstiftung, dass man etwas besonderes sei bzw. spreche.

Interessant ist, dass der Topos sich aber auch außerhalb der Sprechergemeinschaften findet. Versucht mal, einen für Laienpublikum verfassten journalistischen Bericht über eine Minderheitensprache o.ä. zu finden, wo nicht auf dem Alter und der mysteriösen Sprachverwandtschaft herumgeritten wird. Das erzielt ja auch einen bestimmten Effekt: Antiquitäten behandeln wir ja auch als kostbare Relikte die ins Museum gehören.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
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