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[Hist]: Historisch-vergleichende Ling., Diachronie, Sprachwandel  » nicht erledigt Angenommen: Deutschland ohne Einheitsdeutsch

26.06.2012, 20:26:50
Beitrag #1
Angenommen: Deutschland ohne Einheitsdeutsch
Guten Abend,

ich mache mir öfters Gedanken darüber, wie die sprachliche Entwicklung in Deutschland hätte anders verlaufen können ohne Einheitsdeutsch.

Es hat ja vor Martin Luther schon die Schreibsprachen für den amtlichen und schriftlichen Gebrauch gegeben. Man hätte durchaus daran festhalten können. Zur Verständigung über Landesgrenzen hinweg hätte sich angeboten, Niederdeutsch zur Verkehrssprache zu machen. In der Hanse hat es schon einmal als Verkehrssprache gedient. Es hätte sich also angeboten, von der Hanse das Niederdeutsche für die nördlichen Länder als Verkehrssprache zu übernehmen.

Wahrscheinlich wären die südlichen Länder im oberdeutschen Raum auf Dauer zusammen mit der Schweiz und Österreich eigenständige Wege gegangen. Der Bairische und alemannische Sprachraum sind insgesamt ziemlich einheitlich wie auch der niederdeutsche Sprachraum, wo man sich untereinander ohne Weiteres versteht. Ohne die sogenannte "großdeutsche Lösung" wäre es denkbar gewesen, daß sich die bairischsprachigen Länder mit Österreich verbündet oder vereinigt hätten und die alemannischsprachigen mit der Schweiz. Etwas knifflig wäre es für Ostfranken geworden, auf wessen Seite sie gegangen wären.

Der mitteldeutsche Raum ist sprachlich gesehen am stärksten zersplittert. Aber die Länder nördlich des Mains waren schon immer eher nach Norden ausgerichtet als nach Süden. Bei den ererbten Sprachen haben die mitteldeutschen Sprachen wohl eher etwas mit Niederdeutsch als mit Alemannisch und Bairisch gemeinsam.

Alex

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27.06.2012, 10:10:11
Beitrag #2
RE: Angenommen: Deutschland ohne Einheitsdeutsch
(26.06.2012 20:26:50)AlexderFranke schrieb:  Bei den ererbten Sprachen haben die mitteldeutschen Sprachen wohl eher etwas mit Niederdeutsch als mit Alemannisch und Bairisch gemeinsam.

Hm. Wie kommst Du zu dieser Ansicht?
Ich hätte jetzt eher das Gegenteil gesagt.


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05.07.2012, 01:43:41
Beitrag #3
RE: Angenommen: Deutschland ohne Einheitsdeutsch
Ich habe vielleicht ein wenig einen Rundumschlag gemacht. Aber beim Rheinischen, meiner eigenen Regionalsprache, erkenne ich mehr Gemeinsamkeiten mit dem Niederdeutschen als mit Alemannisch und Bairisch. Das betrifft Lautstand, Wortschatz und Grammatik. Vor allem bei reinem Bairisch habe ich den Eindruck, daß es sich in Wortschatz und Grammatik deutlich von Niederdeutsch und mitteldeutschen Sprachen abhebt. Es gibt sogar im südlichen Standarddeutsch Unterschiede im Wortschatz.

Das Moselfränkische bewegt sich ein wenig auf das Alemannische zu. Südfränkisch und Ostfränkisch, vielleicht Pfälzisch, sind schon stark oberdeutsch geprägt. Echt Hessisch (nicht Franfurterisch) sehe ich als sehr urtümlich mit ein paar Besonderheiten an, die sich kaum in eine Abstufung zwischen Niederdeutsch und Oberdeutsch einordnen lassen.

Im Gegensatz zur Grobeinteilung in Nieder- und Hochdeutsch galt der Main früher als grobe Kulturgrenze zwischen Süd- und Norddeutsch. Es gab ja auch den Norddeutschen Bund, der ungefähr nördlich vom Main anfing. Niederdeutsch hätte sich als norddeutsche Verkehrssprache angeboten als Erbe der Hanse.

Alex


Hallo, ich bin AlexderFranke und seit 17.01.2012 19:15 hier angemeldet.
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18.09.2012, 23:35:10
Beitrag #4
RE: Angenommen: Deutschland ohne Einheitsdeutsch
Auf Wunsch in einem anderen Faden will ich etwas dazu sagen, daß Standard-Deutsch ein Esperanto im Kleinen sei. Das ist etwas überspitzt. Aber es ist eine erschaffene Sprache, die vorher im Volk nicht gesprochen worden ist. Es ist hauptsächlich Ostmitteldeutsch mit oberdeutschen Bestandteilen. Deshalb kommen einzelne ostmitteldeutsche Mundarten dem Standard-Deutschen am nächsten. Aber auch Oberfränkisch ist ihm sehr ähnlich.

Wenn man Niederdeutsch mit echtem Bairisch oder Alemannisch vergleicht, wird klar, daß es sich nicht um einen Mundartausgleich handelt. Die alten Schreibsprachen waren ein Mundartausgleich für großräumlichere Zwecke. Ohne die Durchsetzung von Standard-Deutsch mit Zwang als einzige vorherrschende Sprache wäre es seit dem Eisenbahnzeitalter irgendwann zur Vermischung von Merkmalen der Ortsmundarten gekommen, wie es in einigen Städten der Schweiz heute vorkommt. Wichtige Städte hätten am ehesten Besonderheiten der Stadtmundart beibehalten.

Am Niederrhein hat man gebietsweise noch bis ins 19. Jahrhundert am Niederländischen als Amtssprache festgehalten, weil es den dortigen Ortsmundarten doch sehr ähnlich ist. Niederländisch ist nichts anderes als eine Schriftsprache auf Grundlage niederfränkischer Mundarten in Brabant, Utrecht und Südholland wie auch Luxemburgisch auf Grundlage der moselfränkischen Mundarten dort.

Am Anfang war Deutsch oder damals theodisca, später teutsch eine Sammelbezeichnung germanischer Sprachen zwischen Nordsee, Ostsee und Alpen. Theodisca hieß soviel wie in volkstümlicher Sprache im Gegensatz zu Latein. Auch heute noch ist die Vorstellung einfach falsch, daß alle Regionalsprachen Mundarten des Standard-Deutschen seien. Es ist genauso eine deutsche Sprache wie die Regionalsprachen im Sinne einer Familie verwandter Sprachen. Die Umgangssprachen auf standard-deutscher Grundlage, sind wirklich Mundarten desselben. Beste Beispiele dafür sind Berlinerisch und Ruhrdeutsch.


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19.09.2012, 00:04:22
Beitrag #5
RE: Angenommen: Deutschland ohne Einheitsdeutsch
Hallo AlexderFranke,

ähm, was ist jetzt deine Frage? Allen Ernstes, wie es in Deutschland sprachlich aussähe, wenn Luther nicht gewesen wäre? Das ist rein spekulativ und kann nicht Gegenstand einer wissenschaftlichen Diskussion sein! Ich kann dir aber bei Interesse ein paar Theorien per PN zukommen lassen, wie es jetzt weltanschauungstechnisch und politisch in Europa aussähe, wenn Luther nicht gewesen wäre!

Gruß Gernot


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24.09.2012, 20:22:43
Beitrag #6
RE: Angenommen: Deutschland ohne Einheitsdeutsch
Schicke mir mal mögliche Entwicklungen per PN zu, wenn es Martin Luther nicht gegeben hätte.

Sind Bibeln außer ins Niederdeutsche auch in andere Regionalsprachen übersetzt worden? Zu jener Zeit hat ein einfacher Mensch in Bayern oder Schwaben Luthers Bibel wohl nicht vollständig verstanden. Martin Luther hat die Bibel natürlich in seine Muttersprache übersetzt, die ein thüringisch-obersächsischer Dialekt war. Sind Luthers Flugblätter in Regionalsprachen übersetzt worden?

Ohne Martin Luther wäre wohl Niederdeutsch zur Verkehrssprache in Deutschland geworden, weil es als solches schon bei der Hanse gedient hatte.

Gruß an alle,

Alex


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