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 » nicht erledigt Atavismen in Sprache

19.10.2015, 14:07:03
Beitrag #1
Atavismen in Sprache
Hallo,
ich frage mich gerade, ob es auch in der Linguistik so etwas wie "Atavismen" gibt. Dass also grammatische oder phonologische Eigenschaften, die eigentlich bereits abgelegt wurden, wieder auftreten. Ich kann mir vorstellen, dass ein wieder auftretendes Merkmal schwer einzuschätzen ist. Es kann ja aus einem Randdialekt, das dies bewahrt hat, wieder in die Sprache zurückkommen, durch Schriftlichkeit (zum Beispiel unausgesprochene aber geschriebene Laute) oder durch Sprachpurismus und Rückbesinnungen wieder eingeführt werden.
Gibt es dafür einen Ausdruck, gibt es das auch als spontane, eigenständige Prozesse? Das Problem wäre wahrscheinlich, dass entgegen des genetischen Codes, frühere Sprachstufen nirgends abgespeichert werden, dass nach völligem Aussterben des Merkmals, dieses wieder spontan auftreten könnte, ohne nicht eine sekundäre Neuentwicklung zu sein.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
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19.10.2015, 14:42:57
Beitrag #2
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Folgende Szenarien kann ich mir gerade ausmalen, auch wenn ich nicht überall Beispiele parat habe:
  • Ein nicht mehr produktiver Prozess wird durch analogische Übertragung "reaktiviert".
    Wasweißich, Umlautplurale bei Lehnwörtern, Ablaut bei Neologismen etc. Beispiele?
  • Entlehnung aus einer verwandten Sprache (bzw. Dialekt) bringt Lautfolgen zurück, die durch Lautwandel unmöglich geworden waren.
    Irgendwas Niederdeutsches oder Englisches ohne S-Palatalisierung vor p,t,k,lm,n wie Snowboard
  • Eine weitgehend ungewöhlich gewordene Konstruktion kommt wieder in Mode
    Genitiv regierende Alt-Präpositionen? Lexikalische Zombies wie desselbigengleichen?
  • Eine Entwicklung wie im Jespersen-Zyklus, die den Kreis tatsächlich schließt.
    Ugs. haste hat im Grunde zweimal das Pronomen der 2SG inkorporiert, beim ersten Mal blieb das /t/ hängen, beim zweiten mal der zu Schwa reduzierte Vokal; Kennzeichen der 2SG wäre eigentlich das {-s}


Ein dezidierter Terminus dazu ist mir nicht bekannt. Aber Atavismus passt so schön, das sollte man nehmen.
Wäre doch ein schönes Examensarbeits-Thema! Lächel


P.S.: Wäre es nicht auch ein Atavismus, wenn bei Lehngut Kategorien und Funktionen aus der Gebersprache auftauchen, die eigentlich durch den Entlehnungs- und Anpassungsprozess verloren hätten gehen sollen? Ich denke da an beibehaltene Vokative (Christe, du Lamm Gottes) oder Plurale die außerhalb unserer Paradigmen stehen (Atlanten, usw.)


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19.10.2015, 17:17:53
Beitrag #3
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Ich würde allerdings sagen, dass es in Sprache kaum einen wirklichen Atavismus im engeren Sinne geben kann. Wenn ein Merkmal wirklich ausgestorben ist, dann ist es nirgends mehr gespeichert, außer vielleicht in schriftlichen Quellen. Wenn man durch Sprachpurismus und Sprachbeeinflussung nun wieder dieses Merkmal einführt, würde ich von einer Art engeren Atavismus sprechen. Aber da sind die Entstehungsumstände trotzdem außer- und nicht innersprachlich. Ein Beispiel wäre entfernt die Kasusrektion von "wegen". Ursprünglich aus dem Niederdeutschen kommend als "von ... Wegen" benötigte es ein Genitivattribut für den Dativ Plural von "Weg" (dt. Stelle). Die hochdeutschen Varietäten, die den Ausdruck entlehnten, die Bedeutung von "Weg" aber nicht kannten, machten daraus eine Präposition "wegen ...", die richtigerweise einen Dativ (oder Akkusativ) regiert. Sprachverbesserer und -vorschreiber hielten sich allerdings an eine frühere Sprachstufe und propagandierten wegen + Genitiv. (Die eigentliche Sprachgrenze klammern wir jetzt mal aus, mir fiel ad hoc kein anderes Beispiel ein.)

Alle anderen Formen würde ich nicht als engeren Atavismus zählen, weil sie eigentlich immer sekundäre Entwicklungen sind, die oberflächlich nur dasgleiche sind aber nicht dasselbe.
Wenn nun das Verb "niesen" früher stark war: ich nos (nôs), ich habe genosen (genorn) --> dann schwach wurde: ich nieste, ich habe geniest. --> und wieder stark wird mit den gleichen Formen ... dann würde ich das nicht direkt als engen Atavismus auffassen, weil der Grund zu dieser sekundären Neuentwicklung ein anderer ist als er es damals war. Germanisch "*hneus-a" war ein starkes Verb mit indogermanischer Herkunft, wo es nur ablautende Verben gab. Der Grund weshalb es schwach wurde und in theoretischer Zukunft stark sein könnte, sind Klassenwechsel, ergo eine andere Entwicklung und im Grunde nicht diesselbe Form, nur eine ähnliche Form.

Atavismus im weiteren Sinne könnte man dann auffassen, dass es (anders in der Biologie) zu einem Merkmal kommt, das eine ähnliche oder gleiche Form hat wie ein früherer Sprachstand, dessen Herkunft oder Entstehungsgrund aber zweirangig ist.
Darunter würden dann auch die fehlende S-Palatalisierung zählen, Umlautplurale bei Lehnwörtern etc.

Eine andere Auffassung von Atavismus könnte folgende sein:
Sprache wird ja oft und gerne mit Biologie allegorisiert. Bei einem Atavismus wird eine genetische Information, die bereits ausgestorben ist, die noch im genetischen Code gespeichert ist, wieder hervorgebracht - zum Beispiel die Augenbrauenwülste des Ab-in-den-Urlaub-Clowns. Sprache hat allerdings keinen neurologischen Speicher früherer, bereits ausgestorbener Sprachformen. Wenn man sich aber des biologischen Bildes bedient, dass die Geninformation in das Erbgut "zurückgedrängt" wurde und im Phänotyp nicht mehr vorkommt, könnte man auch sagen, dass ein Sprachmerkmal in einen Randdialekt zurückgedrängt wurde, dieser quasi als "Speicher" dieses Merkmals dient, in der "Haupt"varietät ist es aber verschwunden. Aus diesem Dialekt kann es aber wieder in die Mehrheitsvarietät zurückwandern. Das könnte man ja theoretisch auch als Atavismus bezeichnen, der der biologischen Allegorie nahekommt.
Dementsprechend sind Atavismen, wenn zwei sprachliche Formen übereinstimmen, die varietätenintern und diachron einen Abbruch der Kontinuität verzeichnen.

Obwohl ich die Grenzen des "Nicht-Speichers" doch wiederum schwammig finde. Zum Beispiel werden in allen (?) französischen Varietäten die meisten auslautenden Schwas nicht mitgesprochen. Dass sie dennoch phonologisch vorliegen, zeigt gesungenes Französisch, wo sie oft mitgesungen werden, oder in absichtlich betonten Wörtern (ähnlich wie Deutsch: laufen [la͜ʊfn̩] - bet. [la͜ʊfən]). Anscheinend sind sie also noch vorhanden, werden nur nicht im Normalfall realisiert. Wenn sie wiedererstarken würden, könnte man dann auch von einem Atavismus im engeren Sinne sprechen?


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19.10.2015, 21:29:48
Beitrag #4
RE: Atavismen in Sprache
Naja, das Problem mit dem Terminus ist, dass sich ein Begriff aus der Biologie, wo er sich auf ein Individuum bezieht, nicht so einfach auf Sprache übertragen lässt. Die ist ja kein Individuum, sondern vielleicht eher mit einr Spezies vergleichbar.

Beim Atavismus in der Biologie ist es so, dass phylogenetisch ältere Strukturen in einem Individdum phänotypisch realisiert werden, obwohl die Spezies insgesamt dies nicht mehr hat. Beim Menschen wären das z.B. ein Schwanz, Halsrippen, oder ein Uterus bicornatus. Das ist etwas, das nicht jedes Individuum hat. Die Ursachen dafür können genauso vielfältig sein, wie das, was ich oben aufgeführt habe. Externe Einflüsse (Hybridbildung : Sprachkontakt), Mutationen ( : interner Wandel) oder Fehler in der Ontogenese.

Hiervon separat zu betrachten sind dann die Rudimente (Blinddarm, Ohrmuskulatur usw.) die quasi immer noch ausgebildet werden, auch wenn sie ihre eigentliche Funktion verloren haben.

Du schreibst, Sprache hat keinen neurologischen Speicher früherer Formen. Das stimmt irgendwie und stimmt irgendwie auch nicht. Natürlich gibt es kein Sprecherbewusstsein über altgermanische Flexionsparadigmen usw.. Deren Reste sind aber in der Gegenwartssprache noch da. Und wenn wir immer noch Exotengenitive wie des Herzens und des Menschen haben, dann kann das auch als Atavismus bezeichnet werden, weil es in individuellen Sprechakten auftaucht, aber nicht in der gesamten "Population"


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19.10.2015, 22:49:32
Beitrag #5
RE: Atavismen in Sprache
Okay, vielleicht hinkt der Vergleich mit der Biologie zu sehr und man müsste Atavismus mehr mit linguistischen Kriterien definieren. Ist das denn vorher noch nicht geschehen?

Zitat:Du schreibst, Sprache hat keinen neurologischen Speicher früherer Formen. Das stimmt irgendwie und stimmt irgendwie auch nicht. Natürlich gibt es kein Sprecherbewusstsein über altgermanische Flexionsparadigmen usw.. Deren Reste sind aber in der Gegenwartssprache noch da. Und wenn wir immer noch Exotengenitive wie des Herzens und des Menschen haben, dann kann das auch als Atavismus bezeichnet werden, weil es in individuellen Sprechakten auftaucht, aber nicht in der gesamten "Population"
Wie genau meinst du das? Ich kenne eigentlich nur "des Herzens" oder "des Menschen". (Okay, Wiktionary klärt mich gerade auf mit "des Herzes". Ich habe das allerdings noch nie gehört, oder vielleicht nur nie darauf geachtet, obwohl ich sonst immer die Grammatikpolizei spiele.) Wo ich das aber kenne, ist zum Beispiel "der Typ" (im Sinne von "der Kerl"), das mittlerweile oft umgangssprachlich schwach gebeugt wird: "Ich habe den *Typ gesehen." Aber bei diesen Formen würde ich nicht von Atavismus sprechen, da es eine Kontinuität der (älteren) Formen gibt und sie nur langsam außer Gebrauch kommen und neben den neuen klassengewechselten Formen koexistieren. Ich würde sie daher als Archaismen bezeichnen.


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19.10.2015, 23:54:26
Beitrag #6
RE: Atavismen in Sprache
Ja wie gesagt, nagel mich nicht auf die Beispiele fest, ich bin linguistisch gerade mit anderem befasst. Was ichmeinte ist, dass {-ens} ein sehr seltenes Pluralmorphem ist, das bei manchen Sprechern kaum noch verwendet wird.


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20.10.2015, 08:53:30
Beitrag #7
RE: Atavismen in Sprache
Sorry, ich wollte dich natürlich nicht darauf festnageln. Das war nur ein Gedankenfluss, ich finde das Thema gerade sehr interessant. Gibt es da denn nichts sonst weiter zu? Vielleicht unter einem anderen Namen?
Kann man sonst eine Bachelorarbeit auch schreiben, in der man einen neueren Begriff versucht zu definieren und gegenüber andere abzugrenzen? (Bin ja immer noch auf der Suche nach einem Bachelorthema.)


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20.10.2015, 09:36:08
Beitrag #8
RE: Atavismen in Sprache
Das ist für ein Bachelorarbeit vielleicht schon etwas zu engagiert, wenn man es nicht gut eingrenzt. Das Thema ließe sich auch in einer Dissertation abhandeln. Mir ist keine Literaur bekannt, die sich vorrangig mit dieser Thematik befasst. Da musst du einfach mal googeln.


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20.10.2015, 22:08:54
Beitrag #9
RE: Atavismen in Sprache
(20.10.2015 08:53:30)Kevin schrieb:  . Gibt es da denn nichts sonst weiter zu? Vielleicht unter einem anderen Namen?
Kann man sonst eine Bachelorarbeit auch schreiben, in der man einen neueren Begriff versucht zu definieren und gegenüber andere abzugrenzen? (Bin ja immer noch auf der Suche nach einem Bachelorthema.)
Um dich zu äh … welches Wort nehme ich hier statt beruhigen? Zwinker
Also jedenfalls: Ein bisschen Literatur habe ich dazu schon gefunden, etwa diesen Aufsatz hier zu Atavismen im Griechischen:
Ruge, Hans. 1985. "Atavismen im Neugriechischen." In: Glossologia 4:31-48.
So wirklich elaboriert wird der Terminus da aber auch nicht.


So allgemein:
Tolle Idee, ich finde das ist ein sehr schönes Thema Lächel Ich kenne mich da nicht so gut aus wie Jan, mein Eindruck ist aber auch, dass für Bachelorarbeiten meist etwas niedriger angesetzt wird; neue theoretische Konzepte einführen und diskutieren wäre wohl eher was für eine Dissertation oder wenn man gut drauf ist vielleicht eine Masterarbeit. Im Prinzip könnte man ja -- als ein möglicher Ansatz -- sagen, dass man sich irgendeine Sprach(sub)familie, die diachron gut erforscht ist heraussucht und da die Atavismen analysiert. Ich glaube aber, dass es einiges an Arbeit kosten wird, genug Sprachen zu suchen, um herauszufinden, in welchen Sprachen/Familien so etwas zu finden ist.

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24.10.2015, 13:46:55
Beitrag #10
RE: Atavismen in Sprache
Hey, sorry, es ging unter, dir noch einmal zu danken. Der Artikel klingt ja schon mal vielversprechend, ich hoffe, ich habe bald Zeit und kann ihn mir zu Gemüte führen.
Dann schreibe ich auch noch mal mehr, gerade ist die Zeit knapp.


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