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 » Erledigt: Heute Heute Bezugsgröße von Verben

14.06.2011, 13:48:34
Beitrag #1
Bezugsgröße von Verben
Hallo Zusamen,

ich schreiben gerade an meiner Abschlussarbeit und muss im Anfangsteil die Beutung eines Wortes erarbeiten. Diesbezüglich habe ich eine Frage:

Grundsätzlich hat ja jedes Wort eine oder mehrere Bedeutungen.Zum Beispiel kann "fahren" bedeuten, (selbst) ein Fahrzug zu lenken.

Aber gerade bei Verben wird die Bedeutung vom Kontext bestimmt, auf den es sich bezieht ...

Man kann sagen:
Der Busfahrer fährt den Bus.
oder
Der Vater fährt mit dem Zug.
Beides Mal bedeutet "fahren" etwas anderes.

Man kann aber nicht sagen:
Der Pilot fährt das Flugzeug.

Meine Frage ist nun, wie man diese Bezugsgröße von Verben nennt. Ich will in meiner Arbeit zwei unterschiedliche Bezugsgrößen bzw. Bezugsmöglichkeiten eines Verbs voneinander unterscheiden und dazu fehlen mir die korrekten Begriffe.


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14.06.2011, 15:25:02
Beitrag #2
RE: Bezugsgröße von Verben
Ich als Nicht-Experte weiß noch aus der Vorlesung, dass solche Verben jeweils gesondert betrachtet werden. Sie haben ja unterschiedliche Valenz-Strukturen. Die Valenz eines Verbes gibt quasi an, welche Argumente (Objekte, Subjekte, Orte etc.) ein Verb erfordert, damit es grammatisch ist. lesen hat zwei Argumente: SubjektNominativ und ObjektAkkusativ

IchNOM lese ein BuchAKK.

Nehmen wir zum Beispiel das Verb kochen. Dort gibt es quasi zwei Verben von: 1. das einstellige Verb (also eines, das nur ein Argument (das Subjekt im Nominativ) erfordert) und 2. das zweistellige Verb (also eines, das zwei Argumente braucht).
Bsp.:
Das Wasser kocht. Das Verb ist intransitiv -> einstellig.
Mein Vater kocht die Kartoffeln.
Das Verb ist transitiv -> zweistellig
Auch wenn das nicht ganz das Thema trifft, bezieht es sich zumindest auf die ersten beiden Verben fahren, da diese nicht als ein Verb gelten, sondern als zwei, da sie verschiedene Valenzstrukturen haben.
Der Busfahrer fährt den Bus. Dieses Verb ist ganz eindeutig transitiv -> zweistellig.
Der Vater fährt mit dem Zug. Dieses Verb ist zwar auch zweistellig, aber nicht transitiv. Das Verb erfordert als zweites Argument eine PP (Präpositionalphrase) und kein Akkusativ-Objekt. Daher wird davon ausgegangen, dass es sich um zwei verschiedene Verben handelt, die "zufällig oder auch nicht" gleich lauten. Ein Verb kann seine Valenzstruktur im Grunde nicht ändern. (Es gibt auch Wissenschaftler wiederum, die solche Verben unter ein Verb verbuchen.)

In der generativen Grammatik wäre das erste Verb mit der transitiven Bedeutung ein "normales" Verb, das auch in der D-Struktur (also die Struktur, die ein Satz hat, bevor er ausgesprochen wird [Dort sind meist die Phrasen und Bestandteile noch anders angeordnet und werden noch verschoben bis der Satz grammatisch wird.]) ein Subjekt (Der Busfahrer) hat. Das zweite Verb allerdings gehört zu den sogenannten ergativen Verben. Diese haben eigentlich nichts mit den Ergativkonstruktionen in Ergativ-Sprachen zu tun, aber werden anders gebildet als die "normalen" Verben. Denn in der D-Struktur ist das Subjekt Der Vater eigentlich das Objekt, das erst nach vorne verschoben wird und dann zum Subjekt wird. Sehen kann man das daran, dass beide Verben unterschiedliche Hilfsverben erfordern:
Der Busfahrer hat den Bus gefahren.
Der Vater ist mit dem Zug gefahren.
Verben, die sein im Perfekt als Hilfsverb erfordern, sind fast immer ergative Verben.

Das ist wahrscheinlich nicht ganz dein Thema, aber könnte vielleicht dabei eine Rolle spielen.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
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14.06.2011, 19:32:28
Beitrag #3
RE: Bezugsgröße von Verben
Super, vielen Dank schonmal für diese ausführliche Antwort. Leider ist es tatsächlich nicht ganz das Thema.

Es geht mir nicht darum, die grammatischen Regeln zu beschreiben, nach denen ein Verb verwendet wird, sondern die unterschiedlichen Bedeutungen eines Verbs zu beschreiben.

Das Verb "fahren" war dabei nur ein Beispiel. Konkret geht es bei mir um das Verb "aneignen". Aneignen hat ohne weitere Ergänzungen eine Bedeutung, die aber erstmal sehr vage ist. Konkreter wird es, wenn sich das Verb auf etwas bezieht.

Ich eigne mir eine fremde Sprache an.

Der Dieb hat sich das Fahrzeug widerrechtlich angeeignet.

Aneignen kann sich also generell auf materielle und nicht-materielle Dinge beziehen und hat dann eine unterschiedliche Bedeutung. Wie lässt sich dieser Sachverhalt linguistisch beschreiben?

Nach dem, was Kevin geschrieben hat, könnte man 'aneignen' als ein zweistelliges, transitives Verb beschreiben. Ist das richtig?


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14.06.2011, 20:09:21
Beitrag #4
RE: Bezugsgröße von Verben
Ich wollte auch nur darstellen, dass Verben, die gleich geschrieben werden auch zugrundeliegend unterschiedliche sein können.
Ja, aneignen ist zweistellig und transitiv.


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14.06.2011, 20:39:39
Beitrag #5
RE: Bezugsgröße von Verben
Hallo,
wenn es dir um die Bedeutungs- oder Interpretationsunterschiede geht, so kann man die Lesart(en) oder schlicht Bedeutung nennen wie in 'x' ist eine Bedeutung/eine der Bedeutungen des Wortes W.. (Siehe auch diesen Thread hier)
Wenn es um mehr als "nur" Nuancen geht, spricht der Fachmann auch von Polysemie bzw. Polysem(en).


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15.06.2011, 19:21:12
Beitrag #6
RE: Bezugsgröße von Verben
Vielen Dank für euere Hilfe ... aber ich schlag mich leider immer noch damit rum.
Wahrscheinlich hab ich meine Frage noch nicht präzise genug gestellt ... jetzt bin ich aber ein Stück weiter, deshalb versuch ich es nochmal:

Betrachtet man das Verb V ohne einen konkreten Kontext, kann es unterschiedliche Bedeutungen x1, x2, ... haben.
Das Verb "aneignen":
x1 = eine Sache widerrechtlich in Besitz nehmen
x2 = herrenlose oder frei verfügbare Güter in Besitz nehmen

Ein Verb V kann sich auf unterschiedliche Objekte o1, o2, ... beziehen und dadurch eine gewisse Bedeutungen erhalten.
o1 = sich eine neue Fähigkeit aneignen
o2 = sich ein Grundstück aneignen

Also gibt es doch zwei Bedeutungsebenen: Einmal die Ebene der Verbbedeutung an sich (eine "wie-Frage") und einmal die Bedeutung, die das Verb erst durch seinen Kontext erhält (eine "was-Frage").

Ich schaffe es nicht diese Ebenen sinnvoll zu benennen. "Verb-Ebene" und "Kontext-Ebene", "Satzprädikat-" und "Satzobjekt-Ebene", "Ausdrucksbedeutung" und " ...?"

Könnt ihr mir weiterhelfen?


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15.06.2011, 22:22:23
Beitrag #7
RE: Bezugsgröße von Verben
Diese zwei Bedeutungsebenen, die Du meinst, nennen sich lexikalische Bedeutung einerseits und kontextuelle Bedeutung oder aktuelle Bedeutung andererseits.
Vielleicht hilft Dir das PDF hier weiter: http://www.uni-leipzig.de/~fsrger/materi...ologie.pdf


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17.06.2011, 21:44:21
Beitrag #8
RE: Bezugsgröße von Verben
Zitat:Man kann sagen:
Der Busfahrer fährt den Bus.
oder
Der Vater fährt mit dem Zug.
Beides Mal bedeutet fahren etwas anderes.
Hmm, etwas ganz anderes? Hier geht es schon beide Male um "fahren" in etwa in demselben Sinne. Allerdings steuert das "mit" im zweiten Beispiel eine Modifikation bei, das Regieren des Objekts hinsichtlich des Akkusativ im ersten Beispiel ebenfalls, und zwar natürlich eine andere.

Klarer um eine andere Bedeutung handelt es sich wohl bei fahren in Ergebnissen von Metaphorisierungen wie in
Sie lässt einen fahren
Er fährt gut mit der Methode
Aber auch da wird man Gemeinsamkeiten finden. Etwas Klarheit schafft im Einzelfall doch oft die gute alte strukturelle Wortsemantik (Coseriu, Pottier, Geckeler, ...):
fahren mit : + Fortbewegung; 0 am Steuer; ....
fahren mit Akk. : +Fortbewegung; + am Steuer; ...

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28.06.2011, 12:00:08
Beitrag #9
RE: Bezugsgröße von Verben
(15.06.2011 22:22:23)janwo schrieb:  Diese zwei Bedeutungsebenen, die Du meinst, nennen sich lexikalische Bedeutung einerseits und kontextuelle Bedeutung oder aktuelle Bedeutung andererseits.
Vielleicht hilft Dir das PDF hier weiter: http://www.uni-leipzig.de/~fsrger/materi...ologie.pdf

Genau das war die Antwort, nach der ich gesucht habe. Vielen Dank


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