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[Pragma]: Pragmatik, Kommunikationstheorie  » nicht erledigt Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
▶ Hintergründe für das Siezen

06.06.2012, 10:27:21
Beitrag #1
Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Hallo,

mir (und Kollegen) ist aufgefallen, dass an Universitäten in Deutschland sehr oft gesiezt wird. Oft werden auch - besonders bei der schriftlichen Kommunikation - die Titel (Prof/Dr) verwendet.

Wir haben die Kommunikation zwischen verschiedenen Doktoranden und ihren Betreuern aus Deutschland, Uganda, Indien, UK und USA verglichen. Allerdings keine wissenschaftliche Studie, quasi nur so "zum Spass" unter Kollegen.

Ich würde meinen Doktorvater (Deutschland) nie mit "Hi Vorname" anschreiben, in anderen Ländern ist das normal.

===> Was sind die Hintergründe hierfür?

Viele Grüsse,
kpl


Lächel
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06.06.2012, 13:30:37
Beitrag #2
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Bei uns (Anglistik, HHU Düsseldorf) ist es, soweit ich es einschätzen kann, üblich, sich innerhalb der Departments zu duzen. Ich arbeite im Medieval Department und duze alle dort, ebenso machen es die Lingus. Department-übergreifend duze ich nur die, die es mir explizit anbieten (oder es von selbst tun).

Das mag vielleicht mit dem Fachbereich zusammenhängen?


Starfleet Yeah
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06.06.2012, 13:43:14
Beitrag #3
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Hallo,

danke für die Antwort!
Werden bei euch die E-Mail Adressen mit "Prof.Dr.Vorname.Nachname" angezeigt?

Ich hab jetzt schon von vielen Leuten (vieler verschiedener Fachrichtungen und Universitäten) gehört, dass in Deutschland deutlich mehr Titel geschrieben werden und häufiger gesiezt wird (inkl Ansprache mit "Herr/Frau Nachname, bzw "Mr Nachname).

Gibt es hierfür kulturelle Gründe?
Gibt es irgendwo Literatur dazu?


Lächel
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06.06.2012, 23:55:32
Beitrag #4
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Naja, das liegt zum einen natürlich daran, dass man zu "fremden" Leuten Sie sagt. Meistens ist man als Student mit Professoren ja nicht befreundet. Das Siezen drückt sicherlich auch eine gewisse Distanz zwischen den Gesprächspartnern aus – zwischen Student und Professor würde das zusätzlich auch die Hierarchien anzeigen.

Zumindest in der Linguistik ist es meiner Erfahrung nach eher so, dass man sich duzt, sobald man zusammen in einem Projekt arbeitet oder am selben Institut angestellt ist. Es gibt aber auch einige Professoren, die gerne wollen, dass man beim Sie bleibt um die Hierarchien weiterhin klar darzustellen.

Disclaimer: rein persönliche Ansicht und keine sonderlich tiefgründig durchdachte Analyse der Funktion von t/v-Pronomen!

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07.06.2012, 00:03:12
Beitrag #5
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Hallo Sebastian,

danke für deine Antwort!

OK, dann sind wir wohl nur an anderen Universitäten unterwegs als du. Ich zumindest habe noch nie einen Professor aus der Linguistik geduzt (Professoren aus anderen Fachrichtungen jedoch schon, auch wenn wir nicht befreundet waren).

Aber zu meiner Frage:
Warum wird weiterhin durch das Siezen die Hierarchie hergestellt? Woher kommt das? Sprachgeschichte...

Grüsse,
kpl


Lächel
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07.06.2012, 08:51:41
Beitrag #6
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Hast Du scghon mal in die einschlägige Literatur zur Geschichte und Funktion der deutschen Höflichkeitsformen geschaut? Z.B.:
  • Haase, Martin: Die Grammatikalisierung von Höflichkeit. München: Lincom, 1994.
  • Simon, Horst: Für eine grammatische Kategorie 'Respekt' im Deutschen. Synchronie, Diachronie und Typologie der deutschen Anredepronomina. Tübingen: Nemeyer, 2003.


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07.06.2012, 08:59:30
Beitrag #7
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
(07.06.2012 00:03:12)kpl schrieb:  OK, dann sind wir wohl nur an anderen Universitäten unterwegs als du. Ich zumindest habe noch nie einen Professor aus der Linguistik geduzt (Professoren aus anderen Fachrichtungen jedoch schon, auch wenn wir nicht befreundet waren).

Dabei beziehe ich mich nur auf die Allgemeine Linguistik, nicht auf die Einzelphilologien/-sprachwissenschaften... Zwinker

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07.06.2012, 10:39:36
Beitrag #8
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Ich würde es nicht prinzipiell an Fächergruppen/Institutsgrenzen festmachen. An der Uni, an der ich studiert habe, wurde deutlich häufiger und schneller geduzt, als es an der jetzigen Uni der Fall ist. Das ist aber letztendlich und zuerst natürlich typabhängig, obwohl ich denke, dass - in zumindest einem Fall - die persönliche Präferenz, ab wann geduzt wird - von den Konventionen im Institutskosmos beeinflusst waren.

(Derzeit isses ja so, dass ich mich hier zumindest mit all den ProfessorInnen duze, die ich schon mal getroffen hab, aber ich bin vermutlich zu selten da und treffe auch nur die, mit denen man zusammenarbeitet!)

Ich persönlich nutze *nie* den Titel zur Anrede. So ist es in E-Mails immer "Liebe/r Frau/Herr XY" - egal, um welchen Rang es sich handelt. Ich finde "Herr Professor XY" eigentlich abartig und zu hierarchisch (als wären mir die Hierarchien in Rang und Erfahrung nicht klar...). Der Titel wird aber dort angegeben, wo er relevant ist - also so steht in meinem Lebenslauf oder in Stipendienanträgen der Titel meiner ehemaligen BetreuerInnen, um dem Leser die Einordnung der Betreuung zu ermöglichen (da z.B. ab und an auch Post-Docs dabei waren).

"Hi/Hey" o.ä. als Anrede geht eigentlich nur unter Freunden und sehr guten Bekannten (für mich gilt das sogar für 'Hallo'). In semi-offiziellen Kontexten ist das ein großes No-No. "Sehr geehrte/r" finde ich überholt und viel zu altmodisch, "Liebe/r" ist da (momentan!) irgendwie ein angenehmer Zwischenweg zwischen Distanz und Nähe. (Ähnliches finde ich auch bei "Sie" + Vorname, aber das scheint außerhalb Hamburgs recht wenig verbreitet zu sein...)

Meiner Meinung nach hat es auch recht wenig mit Respekt zu tun - ich hab vor und für alle(n) Menschen Respekt (initial zumindest! Zwinker ), und vor denen, die ich duze natürlich erst recht. Also dieses Argument finde ich immer ziemlich schwach. Hat jetzt hier keiner gebracht (außer mir, glaub ich), aber das kommt irgendwann ja immer.

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07.06.2012, 18:04:56
Beitrag #9
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Bei "Respekt" muss man zwei Dinge unterscheiden. Den tatsächlich gefühlten Respekt, der sich nicht zwangsläufig in der Wahl des Anredepronomens äußerst, und den situativ geforderten (oberflächlichen) Respekt, der sprachlich markiert wird (werden muss/sollte) und nicht zwangsläufig mit gefühltem Respekt einher gehen muss (vgl. "Sie Arsch!").


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07.06.2012, 19:46:59
Beitrag #10
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Zitat:"Hi/Hey" o.ä. als Anrede geht eigentlich nur unter Freunden und sehr guten Bekannten (für mich gilt das sogar für 'Hallo'). In semi-offiziellen Kontexten ist das ein großes No-No.

Bei dem Projekt an dem ich arbeite werden die PIs (Profs aus London und Edinburgh) und die Projektleiter der jeweiligen Teams (z.B. Profs aus Uganda und Südafrika) mit "Hi Vorname" angeschrieben. Auf diese Idee wäre ich bei meinen Profs aus Deutschland nie gekommen.

Respekt (gefühlten) habe ich vor den PIs durchaus!


Lächel
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24.07.2012, 19:24:34
Beitrag #11
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Zwei Aspekte wurden hier noch nicht angeführt.
1. Sprachentwicklung und Sprachwandel: Die Anreden haben sich mit der Änderung der Gesellschaftsformen geändert. "Sie" wurde als Anrede zur Höflichkeitsform und zur allgemeinen Anredeform.
"Du" wurde nur zu Freunden und guten Bekannten sowie zu Familienmitgliedern gesagt.
Das "Du" konnte angeboten werden, wenn man aber erst einmal beim "Du" ist, kann es schlecht in neutraler Weise zurückgenommen werden.
Die Anrede steht unter sehr verschiedenartigem Einfluss.
An der Universität gibt es eine zunehmende Internationalisierung. Diese führt tendenziell zu einer Vereinfachung der Strukturen. In meinem früheren Betrieb haben wir viel mit englischen Kollegen zusammengearbeitet. Etwa zwischen 1996 und 1998 war ein fast durchgehender Übergang zum "Du" - außer zur hierarchischen Ebene Betriebsleitung. Dort blieb es bei "Sie".

Einen großen Einfluss hat verschiedenartiges Brechen von Traditionen. (1. Beispiel 1968 - das einer Generation den namen gab und Umbrüche - auch sprachliche - herbeiführte, 2. Beispiel DDR nach der "Wende" ging man wieder sehr stark zum "Sie" zurück.)

2. Es ist die "normale" Höflichkeitsform.
Wenn ich von außerhalb in eine Universität komme, spreche ich jeden mit "Sie" an, von der Reinigungskraft bis zum Professor, außer Freunde und Verwandte.
Eine Vereinfachung führt dazu, dass man sich allgemein mit "du" anredet.

Wenn man Briefe übersetzt, ist es nicht ganz einfach. Bei offiziellen Briefen und bei Bewerbungen würde ich den Titel wahrscheinlich schreiben.
Dieses "außer" - das eine Einteilung in verschiedene informelle Gruppen bedeutet, erhöht die Komplexität der Kommunikation. Ich habe von 1976 bis 1979 an einer Universität (TU Dresden) gearbeitet, mir wäre es damals nicht eingefallen, den Professor mit "Du" anzureden.


Hallo, ich bin Hutschi und seit 28.04.2012 10:13 hier angemeldet.
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03.12.2012, 17:55:15
Beitrag #12
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Zu diesem Thema noch einen interessanten Bericht aus der Zeit: http://www.zeit.de/2012/47/Professoren-S...respondenz


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04.12.2012, 12:58:07
Beitrag #13
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Also, mir würde nie im Leben einfallen, einen Dozenten/eine Dozentin zu duzen, ohne dass er/sie mir das vorher angeboten hat. Das ist mir bisher erst zweimal passiert. Ich weiß, dass das zum Beispiel in den Niederlanden lockerer ist. Da geht man allgemein großzügiger mit dem du um (das erzählt zumindest meine Niederländischdozentin). Ich denke, das ist wirklich kultur- und scheinbar auch uni- oder institutsabhängig ... also im Grunde ziemlich willkürlich Big Grin

Ich bin auch oft unsicher, was den Mailkontakt mit Dozenten angeht, vor allem bezüglich Anrede und Schlussformel. Es ist immer einfacher, wenn die Mail vom Dozenten zuerst kommt und man sich daran orientieren kann.


Hallo, ich bin kunterbunt und seit 20.11.2011 14:12 hier angemeldet.
Hier könnte meine Signatur stehen.
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04.12.2012, 15:55:53
Beitrag #14
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Ach guck, das ehemalige Nachrichtenmagazin hat sich des Themas auch angenommen: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium...70038.html


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04.07.2013, 15:27:43
Beitrag #15
RE: Duzen/Siezen an Universitäten in Deutschland
Bei der "ZEIT" bzw. deren Ableger "academics.de" hat man nun auch noch einmal das Thema aufgegriffen, wie es mit dem Duzen und Siezen im Deutschen wohl weitergehen wird:

http://www.academics.de/wissenschaft/_du...56040.html


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