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[Sem]: Semantik, Etymologie, Semiotik  » nicht erledigt Eigennamen bei Fiktion
▶ Was bedeuten Eigennamen für Sachen, die es nicht gibt?

30.03.2015, 22:09:36
Beitrag #1
Eigennamen bei Fiktion
Ich habe folgende Frage:
Wie gehen Linguisten gegenwärtig typischerweise mit Eigennamen fiktionaler Gegenstände um?
„Sherlock Holmes ist Detektiv“ schreibt scheinbar Holmes die Eigenschaft zu, Detektiv zu sein. Mancher Logiker mag vorschlagen, der Satz sei weder wahr noch falsch, weil „Sherlock Holmes“ nicht für einen Gegenstand steht. Mich führen solche Sätze zu phänomenologischen Vorschlägen, ‚bedeutungsverleihende Akte‘ anzunehmen, wobei der ‚Bedeutung‘ von „Sherlock Holmes“ kein Gegenstand entsprechen müsste (vgl. Husserl, erste der "Logische[n] Untersuchungen": "Ausdruck und Bedeutung"). Greifen kognitive Semantiken Ähnliches auf?
Oder gibt es ganz andere Ideen dazu?

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31.03.2015, 11:33:37
Beitrag #2
RE: Eigennamen bei Fiktion
Uff, Du kannst Fragen stellen! Comp_idee

Ich habe von (formaler) Logik und derlei nicht genug Ahnung. Ich kann mir also nur eine "Ausrede" zurecht basteln, um sie in den virtuellen Raum zu stellen.
Du sprichst zunächst von fiktiven Gegenständen, dann von Personen. Darf ich die mal kurz zusammenfasen? Letztlich beziehen sich Namen (appellativa und propria) nur mittelbar auf das Objekt in der außersprachlichen Wirklichkeit. Unter jene kann man auch imaginäre Wirklichkeiten fassen, denke ich. Es geht darum, dass es außersprachliche entitäten sind. Mittelbar deshalb, weil sie sich eigentlich auf die Vorstellung, eine mentale Repräsentation beziehen, das, was bei de Saussure mit concept gemeint ist. Und diese Vorstellung ist letztlich dieselbe, ob der Referent nun physisch greifbar ist oder nicht. Ich sollte mich hüten, jetzt das Fass aufzumachen, ob Gott fiktiv ist oder nicht, aber für die Argumentation können wir ja einfach mal davon ausgehen, dass für Teile der Sprechergemeinschaft Gottheiten, Engel, Dämonen, usw. existieren, für andere nicht. Das hindert uns als Gesamtheit nicht daran, diese Begriffe zu werwenden und verstanden zu werden.

Wenn jemand eine fiktive Figur erfindet, so existiert in seiner Vorstellung eine mentale Repräsentation dieser Figur. Auf die kann er sich mit einem Namen beziehen und jeder, der an der Konvention teilhaben möchte, auch.

Wahrscheinlich verstehe ich das Problem nicht ganz — oder?


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31.03.2015, 12:58:33
Beitrag #3
RE: Eigennamen bei Fiktion
Jeder wird dem zustimmen, dass es Fantasieren, Vorstellen, ... gibt und dass es Holmes usw. nicht gibt.
Kann uns nun die Anerkennung der Realität des Fantasierens dabei helfen, "Holmes ist ein Detektiv" satzsemantisch zu beschreiben? Ich denke, ja - insofern ist der Hinweis auf das Fantasieren berechtigt. Aber wie genau kann es helfen? Was ordnen wir den Ausdrücken "Holmes", "ist", "ein Detektiv", ... so zu, dass die Kompositionalität der Satzbedeutung erkennbar wird? Ich vermute, dass man dafür jeweils zu einer Thematisierung der Kognition übergehen muss. In dieser Hinsicht verhält es sich hiermit anders als wie bei "Merkel ist Kanzlerin"; oder sogar in diesen (nichtfiktionalen) Fällen ist die kognitive Sicht ebenfalls geboten.

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31.03.2015, 13:45:36
Beitrag #4
RE: Eigennamen bei Fiktion
Ich glaube, ich würde schon daran scheitern, eine klare Linie zwischen fiktional und nichtfiktional zu ziehen. Da gibt es für mich eine Grauzone.


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31.03.2015, 13:57:44
Beitrag #5
RE: Eigennamen bei Fiktion
OK, aber es gibt die klareren Fälle, z.B. "Janwo" versus "Pippi Langstrumpf". Eine Grauzone spräche erst recht für die satzsemantische Berücksichtigung der Sprecher- bzw. Hörerkognitionen.

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31.03.2015, 14:28:01
Beitrag #6
RE: Eigennamen bei Fiktion
Ich weiß nicht ..... ist es denn im Rezipientenbewusstsein so ein fundamentaler Unterschied zwischen real und fiktional?

So weit ich weiß sind wir beide uns noch nie persönlich begegnet. Ich kann mir also unter kunnukun (oder deinem Klarnamen) genauso sehr oder wenig ein konkretes Gesicht vorstellen, wie bei Pippi Langstumpf, wobei ich bei letzterer zumindest durch die alte Fernsehserie und die Illustrationen in den Büchern eine gewisse Prägung habe und mich vermutlich leichter tun würde, die Intension von 'Pipi Langstrupf' zu umschreiben, als die von 'kunnukun'. (No offense.)

(Nebenbei: Zu meinem Bedauern bin ich nicht der einzige, der den Nickname janwo führt.)


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31.03.2015, 14:52:16
Beitrag #7
RE: Eigennamen bei Fiktion
"So weit ich weiß sind wir beide uns noch nie persönlich begegnet. Ich kann mir also unter kunnukun (oder deinem Klarnamen) genauso sehr oder wenig ein konkretes Gesicht vorstellen, wie bei Pippi Langstumpf, wobei ich bei letzterer zumindest durch die alte Fernsehserie und die Illustrationen in den Büchern eine gewisse Prägung habe [...]" Ja, das sind aber nur Gründe für die RealitätsANNAHME.


Wenn Linguisten nun keinen Unterschied mehr zwischen Realität und Nicht-Realität machen wollen, werde ich Terrorist - ich weiß nur noch nicht, ob das in der Realität der Fall sein wird.

MotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrotMotzrot

Nun gut, darüber mach ich zurzeit'n Buch. Aber Leute, es gibt schon Gründe dafür, Viecher, z.B. Drachen, nicht in die Extension von "Lebewesen" aufzunehmen. "Fafner" ist zwar ein Name für einen Drachen, unterscheidet sich aber hinsichtlich des Fiktionsbezuges von meinem Namen.

Teach Wer darüber Genaueres wissen will, schaue mal in die Stanford Encyclopedia of Philosophy in den Aufsatz "Nonexistent Objects" von Maria Reicher.
Teach

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31.03.2015, 16:06:19
Beitrag #8
RE: Eigennamen bei Fiktion
(31.03.2015 14:52:16)kunnukun schrieb:  Wenn Linguisten nun keinen Unterschied mehr zwischen Realität und Nicht-Realität machen wollen, werde ich Terrorist - ich weiß nur noch nicht, ob das in der Realität der Fall sein wird.

Na, verallgemeinere mal nicht von meiner Unwissenheit auf die ganze Branche. Shy
Wie gesagt, ich bin kein Philosoph, und bis vor kurzem habe ich mich aus den Abgründen der Semantik auch fern gehalten...

Ach, wenn @christina noch aktiv wäre! Die wäre hierzu eine bessere Gesprächspatnerin als ich.


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31.03.2015, 18:08:51
Beitrag #9
RE: Eigennamen bei Fiktion
Ich dachte immer, kognitive Semantik wäre noch ganz Mode, und die könnte dazu Stellung nehmen. Aber es mangelt im Forum wohl an Semantikern überhaupt? Na ja, nicht zu ändern ... übrigens: Es wäre mir recht, wenn es zu der Frage überhaupt wenig gäbe

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19.08.2015, 00:07:09
Beitrag #10
RE: Eigennamen bei Fiktion
https://www.youtube.com/watch?v=kVzIMedaPps


Hallo, ich bin loca und seit 19.01.2012 13:17 hier angemeldet.
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27.08.2015, 19:40:05
Beitrag #11
RE: Eigennamen bei Fiktion
(19.08.2015 00:07:09)loca schrieb:  https://www.youtube.com/watch?v=kVzIMedaPps

Ja, nett gemacht. Dazu ist Maria Reichers Artikel "Nonexistent Objects" in der Stanford Encyclopedia als wissenschaftlicher Einstieg richtig passend. Allerdings geht daraus nicht hervor, ob Eigennamen einen Beitrag zum Wahrheitswert von Sätzen, in denen sie vorkommen, leisten - nach alter Montague-Manier. Aber eigentlich ist mir doch recht klar, wie die Lieblingsstrategie kompositioneller Semantiker aussieht: Man setzt Sherlock Holmes und all diese Sachen, die es nicht gibt, in ihre Extrawelten. (So macht es zum Beispiel Chris Fitting. Aber ich glaube, schon Kripke beschrieb es so ... nachlesen ...)

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