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 » nicht erledigt Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)

28.06.2016, 18:49:55
Beitrag #1
97_question Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Hallo liebe Linguisten,

ich habe eine Frage zum Einheitsplural im ostfriesischen Niederdeutschen.

Regulär wird der Einheitsplural im ostfriesischen Platt mit +en gebildet.

Beispiel (Verb: haben/hebben). Dann würde es heißen: wi hebben.

Ich habe aber einen Fall, wo ein jemand des Öfteren "wi hebb", "wi hebbt" und manchmal auch "wi hebben" sagt (unbewusst und abwechselnd).

Wie ist dieses Phänomen denn aus linguistischer Perspektive zu erklären? Die Person hat ihr ganzes Leben lang in Ostfriesland verbracht und müsste ja eigentlich nur den für den Ort typischen Einheitsplural -en verwenden.

Gibt es für dieses Phänomen einen Fachbegriff? (zum Beispiel wenn man "wi hebb" anstelle von "wi hebbt" sagt?)

Bin leider total überfordert und wäre für Ideen und Erklärungen äußerst dankbar! Lächel

Euer Lucian

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28.06.2016, 19:44:59
Beitrag #2
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Hallo,
ich kann dir da keine genauen, exakten Dinge sagen, aber ich glaube, dass da mindestens zwei Phänomene ineinander greifen. Du hast Recht, für viele ostfriesischen Gegenden ist der niederdeutsche Einheitsplural auf "-en". Es wäre nun interessant, wie sich die niederdeutsche Sprachkompetenz des Sprechers ausgestaltet. Denn oftmals benutzen Sprecher inkonsequenterweise manche Formen durcheinander, ganz einfach weil sie zum einen ständig mit einer Vielfalt anderer, oft ganz unterschiedlicher Dialekte konfrontiert sind als auch mit dem Deutschen. Ganz besonders "Semisprecher", die eine große passive Sprachkompetenz aber nur eine leidige aktive Kompetenz, neigen dazu Formen zu wählen, die dem Deutschen ähnlicher klingen, sowohl in der Aussprache (scht-, schp-, schl- etc. anstatt st-, sp-, sl-), im Wortschatz (hüüt anstatt vundaag, wer anstatt wokeen, wie geseggt anstatt as seggt) als auch in der Grammatik (-en als Einheitsplural außerhalb des Ostfriesischen oder Schleswigschen, oder auch 3. P. Pl. Objektfall se anstatt jem/jüm, oder sogar Dativ und Akkusativ bei verschiedenen Deklinationen (Adjektiv, Nomen, Pronomen) anstatt dem reinen Objektfall). Das ist etwas, das vor allem bei Semisprechern vorkommt, die zwar viel Sprachkontakt hatten, aber aktiv nur schlecht Platt sprechen und fehlendes Sprachwissen durch deutsches ersetzen.
Auf der anderen Seite ist der Einheitsplural auf "-en" im Vergleich zum "-t"-Einheitsplural eher in der Unterzahl und das auch vor allem, wenn man den zwar kleinen aber dennoch vorhandenen Literaturapparat und andere öffentlichen Sprachgebräuche betrachtet, wo sich inoffiziell das Nordniedersächsische zwischen Hamburg und Bremen als häufigste Varietät und somit als Orientierungsstandard etabliert hat. Da kommt es selbst bei eingefleischteren Ostfriesischsprechern vor, dass sie ad-hoc die Einheitsplurale vertauschen, weil sie beständig mit dem auf "-t" konfrontiert werden.
Und vorletzterens kommt es auch darauf an, woher aus Ostfriesland er kommt. Denn es gibt wie gesagt auch Gegenden, wo der Einheitsplural auf "-t" lautet, zum Beispiel östlich von Ostfriesland und ohnehin an den Dialektgrenzen.
Und zu guter letzt zur "wi hebb"-Form: Auch hier ist es interessant, welche Kompetenzen der Sprecher hat, auch im Missingsch (eine Mischsprache zwischen Deutsch und Niederdeutsch). Im Missingsch zum Beispiel wird niederdeutsche Aussprache und Grammatik auf den deutschen Wortschatz übertragen. Manche niederdeutschen Aussprachephänomene werden sogar ziemlich weit getrieben, zum Beispiel das Tilgen eines fast jeden wortfinalen "-t"s, wenn ein Konsonant davor kommt, außer in den meisten Fällen bei der 3. P. Sg. Flektion oder beim Partizip: "Du lies selbs nich gern innie Zeitunk, richtich? - Dascha verrück! Ich auch nich." In niederdeutschen Dialekten kommt es vor allem in der zweiten Person Singular vor: z. B. "du hes" nebst "du hest". Bei den Pluralpersonen ist es allerdings eher seltener, aber ich könnte mir gut vorstellen, dass im ganzen Varietätenkomplex zwischen Niederdeutsch-Deutsch-Missingsch die wortfinale t-Tilgung bei dem Sprecher auch in den Pluralpersonen vorkommt. Das ist aber weder kanonisch, noch wirklich häufig. (Zumindest von meiner Warte aus.)

Ich hoffe, ich konnte dir damit ein wenig helfen. Wenn du mehr Fragen hast, hau ruhig raus. Lächel
Viele Grüße,
Kevin


"So the whole reason the French people can't really dance
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And why don't they live and breathe the beat?
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Martin Solveig ~ Heart of Africa
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28.06.2016, 20:32:22
Beitrag #3
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Hallo Kevin,

vielen herzlichen Dank für deine ausführliche und zugleich hilfreiche Antwort. Sie hilft mir dabei einen Überblick zu gewinnen. Lächel

Zum Sprecher: Der Sprecher kommt aus der Region Moormerland und ist an sich sehr sprachkompetent (L1: Niederdeutsch, L2: Hochdeutsch). Er kann bewusst zwischen Sprachlagen wechseln und kann auch Hochdeutsch ohne niederdeutsche Interferenzen sprechen. Umso verwunderlicher ist dieser (unbewusste) Wechsel zwischen den unterschiedlichen Formen (hebben/hebbt/hebb). Der Sprecher weist tatsächlich in einigen fällen die t-Apokope auf (Beispiel: sach, nich). Also kann sich dieses Phänomen dann tatsächlich auch auf die Verbflexion auswirken (hebb)? Dann müsste man ja folglich davon ausgehen (und dem Sprecher unterstellen), dass der Sprecher zwar "hebb" sagt aber eigentlich "hebbt" (und nicht "hebben") sagen wollte, sodass das -t hier (aus Gewohnheit) weglassen wird. Kann man dies so annehmen? Oder bin ich da auf dem Holzweg?

Und da wir wissen, dass der Sprecher sehr sprachkompetent ist (er weist nur bei der Verbflexion Unregelmäßigkeiten auf), lässt sich die Verwendung von "hebbt" -unter Berücksichtigung dieser Tatsache- noch anders erklären?

Über weitere Ideen oder Erklärungen wäre ich Dir erneut sehr dankbar Lächel


Viele Grüße

Lucian

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28.06.2016, 22:04:03
Beitrag #4
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Hallo,
okay, das ist auch schon sehr viel informativer. Lächel
Im Moormerland ist tatsächlich der Einheitsplural definitiv auf "-en". Wenn er solche Sprachkompetenzen hat, ist es relativ unwahrscheinlich, dass er Regeln zwischen den Sprachen und Varietäten mischt. Eigentlich sollte die für seine Varietät gewöhnliche Flexion ziemlich stark und verinnerlicht sein.
Kommt seine ganze Familie aus dem Moormerland? Vielleicht ist er mit anderen Varietäten aufgewachsen, die einen anderen Einheitsplural haben? Dann könnte ich mir vorstellen, dass er oft hin und her wechselt, weil er die verschiedenen Varietäten spricht und ohne besonderen Trigger beide auf einmal benutzt.
Kann es auch sein, dass du sein "wi hebb" falsch verstehst und eigentlich ein sehr assimiliertes "wi hemm" ist? "-bben" wird eigentlich quasi wie ein "-m" ausgesprochen im Niederdeutschen. Oder du könntest das "-t" vielleicht auch schlecht verstehen, weil es weitaus weniger aspiriert ist als an anderer Stelle, quasi die Vorstufe zur Apokope. Auf jeden Fall sollte eine richtige Apokope ziemlich ungewöhnlich sein bei seiner Kompetenz.

Dass im Norddeutschen bei Wörtern wie "nicht > nich" das "-t" fehlt, ist nicht unbedingt alleinig t-Apokope, sondern einfach niederdeutsches Substrat, das sich auch in der Phonologie widerspiegelt wie "ich sach" oder Zug [tsʊχ] anstatt [tsuːk].


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29.06.2016, 19:39:16
Beitrag #5
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Hallo Kevin,

also das "wi hebb" ist (leider) wirklich so gesprochen. Das sagt der Sprecher an mehreren Stellen (habe es mehrmals angehört, um sicherzugehen).
Die gesamte Familie des Sprechers kommt aus dem Moormerland. Allerdings hat der Sprecher 20 Jahre lang in Aurich gelebt. Aurich grenzt an Wittmund. Ist es richtig, dass in Wittmund der Einheitsplural mit -t gebildetet wird?
Könnte hier eventueller Sprachkontakt eine Rolle spielen?

Ach, und Danke für die Infos zur t-Apokope - sie sind sehr hilfreich, da ich neu auf diesem Gebiet bin Zwinker


Liebe Grüße

Lucian

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29.06.2016, 20:09:39
Beitrag #6
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Hmm, hast du das auch bei anderen Verben gehört oder nur bei "hebben"?
Es könnte sein, dass es mit Aurich (Auerk) zu tun hat. Eigentlich gehört es gerade noch zum "-en" Pluralgebiet würde ich sagen, aber es kann sein, dass durch seine zentrale Lage auch viele aus der Umgebung und daher auch aus "-t"Plural-Gegenden kommen und er viel Kontakt mit denen hat und daher ständig zwischen beiden Formen wechselt.
Vielleicht lässt er idiolektisch auch jegliche Flexionsendungen weg, weil er selbst merkt, dass er immer zwischen ihnen hin und her wechselt. Lächel Aber ich weiß nicht, ob das wirklich eine vorkommende linguistische Überkompensierung sein kann.
Am Ende wird er wahrscheinlich einfach das große Potpourrie an Möglichkeiten sein. Vielleicht gewinnt der "-t"Einheitsplural überhand und erreicht immer mehr Schichten, seine große Präsenz in den niederdeutschen Medien und Nachrichten ist sicherlich auch ein Faktor, dass die größere Sprecherschaft (wenn auch nur außerhalb von Ostfriesland) den Plural auf "-t" bildet, ist ebenfalls ein Faktor.
Letzlich muss es gar nicht so ungewöhnlich sein, dass er beide Formen benutzt und wahrscheinlich die kleinste Unachtsamkeit oder der kleinste Trigger ausreicht. Ich nutze "blinken" sowohl stark als auch im schwach im Partizip (geblunken und geblinkt) und benutze sowohl Dativ als auch Genitiv in Verbindung mit "wegen". Wann was kommt, ist von zig Faktoren abhängig und anscheinend war er in seiner Sprachentwicklung an einigen Punkten beiden Pluralen ausgesetzt und benutzt daher beide. Es gibt sicherlich einige Trigger, wann er nur einen oder den anderen benutzt oder manchmal alles vermischt.


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30.06.2016, 18:38:59
Beitrag #7
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Also neben "wi hebb" sagt der Sprecher auch an einigen Stellen "wi will", "wi mutt" und "se (3.Pl) süllt".

So wie es aussieht, beschränkt sich das Phänomen nicht nur auf "wi hebb".

Benutzen alle niederdeutschen Medien eigentlich den Einheitsplural mit -t? Oder gibt es da auch ausnahmen?
Und ist es in der Wissenschaft festgestellt worden, dass der Einheitsplural mit -t den Einheitsplural mit -en verdrängen könnte?


Viele Grüße

Lucian

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30.06.2016, 23:24:17
Beitrag #8
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Hmm, also die Formen sind auf jedenfall merkwürdig. Die meisten haben den reduzierten Vokal aus der 3. P. Sg. aber nicht aus dem Plural. Im Nordniedersächsischen wären die Formen "he will, wi wüllt", "he mutt/mütt, wi mööt" und Ostfriesisch "he sall, wi süllt". Letzteres wäre also normal, aber die restlichen haben komische Formen. Im Nordniedersächsischen gibt es eigentlich nur ein Verb ("ween", dt. "sein"), dessen Pluralform nicht aus dem Infinitiv ableitbar ist. Ansonsten ist (unter Berücksichtigung der Schreibung von offenen und geschlossenen Silben) der Plural immer gleich dem Infinitiv, nur mit "-t" oder "-en". Im Nordniedersächsischen wird die Vergangenheit durch "-en" im Plural gebildet, ohne Dentalpräteritum (übrigens die einzige germanische Varietät, die das Präteritum hat aber kein Dentalsuffix mehr): wi maakt - wir machen, wi maken - wir machten.
Unter hochdeutschen Einfluss gibt es aber immer häufiger vereinzelt reduzierte Vokale im Plural, viele sagen auch "wi mütt" oder "wi hefft".
Und nein, es benutzen bei weitem nicht alle niederdeutschen Medien den Einheitsplural. Ostfriesland ist noch immer der letzte großräumige, natürliche Rückzugsort des Niederdeutschen, von einigen Schleswig-Holstein-Ecken abgesehen. Ansonsten wird es zwar auch andernorts überall auf dem Land gesprochen, aber nirgendswo sonst kannst du durch Auerk gehen und davon ausgehen, dass in einer Stadt auch die Jugendlichen alle Niederdeutsch miteinander sprechen. Daher kommt es drauf an aus welcher Perspektive du Medien beschaust. Aber viele Dinge und Materialien wie zum Beispiel vom Institut für niederdeutsche Sprache, die Beiräte etc. sind alle im -t-Einheitspluralgebiet. Daher gibt es schon noch ein 80:20 Gefälle was die Repräsentanz betrifft.
Ich wüsste von keiner wissenschaftlichen Untersuchung, was den Kampf zwischen den Plurälern angeht. Das war eher eine Vermutung und ich kann mir vorstellen, dass die Geschichte vielschichtig ist, zum Beispiel im öffentlichen, behördlichen Register würde das -t vorherschen, im privaten und nachbarlichen Register aber nicht, wenn man in Ostfriesland wohnt. Daher keine genaue Ahnung. Das entscheidet nur die Zukunft. Lächel


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03.07.2016, 09:45:47
Beitrag #9
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
Vielen Dank für deine Hilfe, Kevin. Ingesamt haben mich deine Beiträge schon sehr viel weiter gebracht.
Wollte dich nur wissen lassen, dass ich dich positiv bewertet habe. Zwinker

Viele Grüße

Lucian

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04.07.2016, 12:51:23
Beitrag #10
RE: Einheitsplural (Niederdeutsch/Ostfriesisch)
hey, haha das freut mich, dass ich dir wenigstens etwas helfen konnte. Lächel
Viele Grüße,
Kevin


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