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 » nicht erledigt Erklärung des Lautwandels

27.06.2014, 16:39:12
Beitrag #1
Erklärung des Lautwandels
Schönen Tag euch allen,

ich bin linguistischer Laie, eigentlich Musikstudent, jedoch sehr sprachinteressiert, und wage mich nun in euer Forum mit einer Frage, die sich mir in letzter Zeit mehrmals aufgedrängt hat.
Bis vor Kurzem habe ich mich 'lediglich' mit Sprache beschäftigt, indem ich begeistert Italienisch lernte und viel Literatur las. Inzwischen habe ich auch erste Kenntnisse in der Sprachwissenschaft gesammelt, natürlich sehr lückenhafte ...
Meine Frage betrifft den allmählichen Lautwandel einer Sprache über längere Zeit. Alles, was ich bisher darüber gelesen habe, war rein 'phänotypisch' (ich kenne den Fachbegriff nicht) als Folge von Lautverschiebungen und anderen Prinzipien erklärt, nicht aber, welches (psycholinguistische?) Phänomen hinter eben diesen steckt.
So weiss ich zwar einigermassen konkret, welche Laute sich v.A. durch die beiden grossen Lautverschiebungen in welche anderen gewandelt haben, aber noch immer nicht, wie sich dieser Wandel erklären lässt.
Würde mich ein Kind fragen, wie sich eine Sprache denn sosehr ändern könne, erklärte ich es ihm wohl, so dachte ich, anhand des Kinderspiels, in dem ein Satz flüsternd durch die Reihe geht und zum Schluss nicht mehr als der ursprüngliche erkennbar ist - nur um mich dann über die Naivität meiner unzulänglichen Erklärung zu schämen, da es ja unmöglich so vonstatten gehen kann.
Wie kommt es, dass ein recht genau umgrenztes Gebiet das Wort 'Schiff' verwendet und eben nicht 'Schipp', die Zeit aus der Tied hervorging?
Es drängt sich einem der naive Gedanke auf, dass ja 'irgendjemand mal damit angefangen haben müsse'.
Natürlich vollzieht sich ein solcher Wechsel graduell, was ich mir gerade bei Vokalen, besonders Diphthongen gut vorstellen kann. Bei einem Wandel beispielsweise von P zu V, zwei Konsonanten unterschiedlicher Klasse, von Plosiv- zu Reibelaut, scheint mir der Fall wieder weniger klar.
Handelt es sich dabei um eine (noch) unerklärte Massendynamik oder gibt es eine einfache Antwort darauf, die sich mir soweit bloss entzog?

Liebe Grüsse,
Verklärte Nacht


VerklärteNacht
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27.06.2014, 19:49:43
Beitrag #2
RE: Erklärung des Lautwandels
Grundsätzlich würde ich erstmal unterscheiden zwischen dem Zustandekommen solcher Lautwandel und ihrer Festigung und Verbreitung.

Um zu verstehen, warum sich Aussprache verändert, ist meiner Ansicht nach ein gutes Verständnis der Sprachproduktion sowie der Sprachperzeption sehr hilfreich.

Zu deinem Beispiel mit den Lauten [p] und [f]¹:
Es stimmt, dass diese beide verschiedenen "Lautklassen" angehören, aber das ist nur einer von mehreren Parametern, anhand derer sich Laute unterscheiden können, nämlich die Artikulationsart. Allerdings haben sie auch eine Menge gemeinsam, sie sind beide stimmlos (im Gegensatz zu [b] und [v/ʋ]) und sie werden an benachbarten Orten produziert. Zusätzlich könnte man -- wenn man etwas theoretischer werden will -- noch beispielsweise die Sonoritätshierarchie zur Erklärung hinzu ziehen; es handelt sich um Laute benachbarter Sonoritätsstufen (Leni(si)erung).

Artikulatorisch findet also bei [p] ein voller Verschluss im Ansatzrohr statt, bei [f] nur eine Annäherung. Dies lässt sich z.B. durch geringeren Artikulationsaufwand, d.h. Sprechökonomie erklären. Hilfreich ist hier zu wissen, wie Laute exakt produziert werden (wie ist die Stimmbeteiligung, wie die Stellung der Zunge, wie strömt die Luft) usw. Beispielsweise ist der Artikulationsaufwand von [ð] verglichen mit [t] zwischen zwei Vokalen geringer, weil kein vollständiger Verschluss gebildet werden muss, und die Stimmhaftigkeit gleich bleibt. Auch der gegenläufige Prozess, also etwa die Verschiebung von [f] zu [p] oder [ð] zu [t] (Fortisierung) kommt vor, ist z.B. mit der Erhöhung des Kontrasts erklärbar.

Letztendlich muss man für die Erklärung (die eine Plausibilisierung, aber keinen Beweis darstellen) die betreffende Sprache als Gesamtes betrachten, finde ich, und verschiedene Dinge wie die erwähnte Sprechökonomie, die Sprachwahrnehmung sowie den phonologischen Typ (wenn man das so nennen will) in Betracht ziehen.

Eine andere Frage ist, wie sich diese spontanen Variationen perpetuieren und verbreiten. Und das ist meiner Ansicht nach vor allem ein Fall für die Soziolinguistik. Da spielen dann z.B. solche Dinge wie Sprachkontakt, soziales Prestige u.v.m. eine wichtige Rolle. Ein Erklärungsansatz ist z.B. die soziolinguistische Netzwerktheorie.

¹Im Deutschen kann das Graphem <v> für verschiedene Laute stehen, ich Beschränke das hier der Einfachheit halber mal auf einen.

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