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 » nicht erledigt Esperanto: Suffigierung oder Komposition?

18.09.2015, 18:24:06
Beitrag #1
Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Hallo,
ich habe einmal eine Frage über das Esperanto. Wahrlich eine interessante Sprache und die Wortbildung ist ziemlich eingängig und intuitiv. Aber ich habe einmal über die Klassifizierung von einigen Elementen nachgedacht. Traditionellerweise werden die fraglichen Elemente als Suffixe angesehen. Die meisten davon können aber eigentständig vorkommen. "Schule" heißt "lernejo", von "lern-" und "-ejo" für Ort, wo besagtes stattfindet. Der Ort per se kann aber auch durch "ejo" ausgedrückt werden. Es gibt dann oft Merksätze wie "Lernejo estas ejo por lerni." Die Suffixe werden natürlich ohne "-o" angegeben, weil sie ebenso Adjektive, Adverbien und Verben modifizieren können. Wenn die Suffixe nun oft auch ohne Stamm und alleine plus Suffigierung durch "-a", "-o" oder "-i" etc. stehen können, kann man sie dann überhaupt als Suffixe klassifizieren? Auf der anderen Seite gibt es Suffixe im Esperanto, die verschiedene Verbaspekte anzeigen und an das Verb angehängt werden wie "lernita" für "gelernt", mit "-it-" als Morphem für Partizip Perfekt und "-a" als Suffix für ein Ajdektiv. Diese werden aber nie in den Listen für Suffixe geführt und werden selten erklärt, weil das Aspektsystem im Esperanto ja viele slawische Züge hat und meist ausgelassen wird.
Im engeren Sinne kann ich den traditionellen Suffixen wenig für ihren Status als solche abgewinnen. Für mich hat es oft eher kompositionellen Charakter. Was würdet ihr sagen?


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Martin Solveig ~ Heart of Africa
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21.09.2015, 13:36:49
Beitrag #2
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Terminologieklärung vorab:
  • Komposition ist Wortbildung unter Verwendung lexikalischer Morpheme (diese sind in der Mehrheit der Fälle frei)
  • Derivation ist Wortbildung unter Verwendung grammatischer Morpheme (diese sind in der Mehrheit der Fälle gebunden)
  • Suffigierung ist das Hinzufügen von Affixen (per Definition gebundene Morpheme) am Wortende; das gibt es in der Derivation genau so wie in der Flexion

Was du beschreibst, würde ich Derivation nennen. Dabei spielt es zunächst einmal keine Rolle, ob -ejo aus einem oder zwei Suffixen besteht. Es liegt ja in der Bedeutung des {-ej} als Marker für eine Ortsbezeichnung, dass es normalerweise Substantive bildet und daher mit dem {-o} zusammen auftritt. Das ist vergleichbar (bzw. im Grunde kognat) mit dt. {(-er)-ei} oder lat. {-eum}.

Was du mit den Merksätzen becshreibst, ist ja im Grunde ein metasprachliches Wortspiel. Das können wir im Deutschen auch, wenn wir über die Verwendung von Morphemen reden: Eine Bücherei ist eine -ei wo's Bücher gibt. (Sorry, was besseres fiel mir gerade nicht ein!)
Es ist ja nicht so, dass das Wort für 'Ort' im Esperanto *ejo wäre (es ist loko), insofern müsste da deutlich mehr Belegmaterial her, dass ejo ein frei vorkommendes Wort ist, um diese Analyse zu stützen.


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21.09.2015, 13:40:59
Beitrag #3
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Nachdem was du, Kevin, beschreibst, würde ich dir zustimmen. Nach meiner Vorstellung sind Affixe gebundene Morpheme, können also nicht alleine stehen. Das scheint, wenn ich das richtig verstehe, von den genannten auf die Suffixe '-a', '-o', '-i' zu zutreffen, sowie auf das interfix '-it-'. Aufgrund der Tatsache, dass die Zuweisung von Wortklassen mittels Morphemen¹ erfolgt würde ich sogar behaupten, dass Lexeme im Esperanto gebundene Morpheme sind (oder übersehe ich etwas?).

Im Prinzip ist 'lernejo' nach deiner Beschreibungals 'lern-ej-o' segementierbar, also 'lern-ort-NMLZ'. Für mich wäre das Komposition. Das würde denke ich auch der Defintion von Bauer (2001) entsprechen:

"A compound can be defined as a lexical unit made up of two or more elements, each of which can function as a lexeme independent
of the other(s) in other contexts."

Was denke ich die Analyse von z.B. '-ej-' als Wortbildungsaffix begünstigt, ist unter anderem die relative hohe semantische Generalität von 'Ort', im Vergleich zu z.B. 'Haus'; wenn man Wierzbickas NSM-Theorie folgt, ist 'PLACE' sogar ein semantisches Primitivum. Aus Sicht der Grammatikalisierungstheorie könnte man ja auch erst mal vermuten, dass es ein Marker ist, der sich aus einem Lexem für 'Haus' oder sowas entwickelt hat; die Bedeutung ist sehr generell, das phonologische Material gering und das Zeichen gebunden. Allerdings trifft all das auch für 'ej-o' zu. Insofern sehe ich da nicht so viele Argumente dafür, das als Suffix zu betrachten.

Allerdings müsste man sich da wohl eine größere Menge von Elementen anschauen. Ist in jedem Fall sehr interessant Lächel Andere Ansichten dazu würden mich auch interessieren.

¹ Gibt es für diese nominal-/verbal-/adjectiv- izer" eigentlich einen übergeordneten Fachterminus?

EDIT: Oh, Jan war schneller Traurig

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21.09.2015, 14:03:58
Beitrag #4
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
(21.09.2015 13:40:59)thf schrieb:  Aufgrund der Tatsache, dass die Zuweisung von Wortklassen mittels Morphemen¹ erfolgt würde ich sogar behaupten, dass Lexeme im Esperanto gebundene Morpheme sind (oder übersehe ich etwas?).

Die drei Hauptwortarten, ja. Man könnte also sagen, dass affixlose Wortstämme wortartneutral oder -ambig sind, das wäre ja auch nicht komplett ungewöhnlich, derlei kennen wir aus anderen IE Sprachen ja auch. Die Suffigierung mit den Wortartenmarkern ist hier aber das kleinere Problem. Das {-ej} würde ich so lange weiter als Suffix (interfix ist was anderes, das kommt zwischen zwei Stämme) bezeichnen, bis es Belege gibt, dass es selbst als Stamm fungieren kann.

Die Grammatikalisierungs-Hypothese kann man bei Esperanto nicht verwenden, da der Sprache als Konstrukt die nötge Zeittiefe fehlt. Die Formen sind ja nicht gewachsen sondern sind so gesetzt worden.


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21.09.2015, 14:58:29
Beitrag #5
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Danke für die Erläuterungen Lächel
(21.09.2015 14:03:58)janwo schrieb:  Das {-ej} würde ich so lange weiter als Suffix (interfix ist was anderes, das kommt zwischen zwei Stämme) bezeichnen, bis es Belege gibt, dass es selbst als Stamm fungieren kann.
Ja, du hast recht. Ich war von der Prämisse ausgegangen, dass 'ej' bzw. 'ej-o' das Lexem für Ort ist. Bzgl. des Interfixs habe ich mich von der etwas abweichenden
Definition in einigen Grammatiken fehlleiten lassen; du hast natürlich recht, dass das nicht die Standarddefinition ist. (Hätte ich mich mal auf Mel'čuk statt auf meine "Intuition" verlassen Traurig )

Zitat:Die Grammatikalisierungs-Hypothese kann man bei Esperanto nicht verwenden, da der Sprache als Konstrukt die nötge Zeittiefe fehlt. Die Formen sind ja nicht gewachsen sondern sind so gesetzt worden.
Na ja, kann man die Grammatikalisierungsparameter von Lehmann nicht auch anwenden, um quasi die Grammatikalisierungsstatus sprachlicher Einheiten synchron festzustellen? Beim Esperanto ist das ja keine Evolution sondern quasi Kreationismus (Zwinker), sodass streng genommen die Voraussetzungen nicht gegeben sind, das ist richtig -- aber als analytisches Werkzeug wüsste ich jetzt nicht, wo da Probleme auftreten könnten.

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21.09.2015, 20:31:55
Beitrag #6
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Ich will nicht ausschließen, dass es in der vergleichsweise kurzen Biographie des Esperanto auch Fälle von Grammatikalisierung geben könnte. Aber Einheiten, die bei der Erschaffung der Sprache gesetzt wurden, kann man doch schlecht auf andere Einheiten der Sprache zurückführen. Gut, man kann natürlich sagen, dass es Entlehnungen seien, die im Zuge der Entlehnung grammatikalisiert bzw. delexikalisiert wurden, aber das bringt uns hier auch nicht weiter, da die jeweiligen Vorlagen bereits grammatische Morpheme sind.


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21.09.2015, 21:19:41
Beitrag #7
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
(21.09.2015 20:31:55)janwo schrieb:  Ich will nicht ausschließen, dass es in der vergleichsweise kurzen Biographie des Esperanto auch Fälle von Grammatikalisierung geben könnte.
Das ist vielleicht nicht so, wie es ursprünglich gedacht war, weil für natürliche Sprachen andere Voraussetzungen als für konstruierte gelten, aber ich kann doch z.B. den Begriff der "Autonomie des sprachlichen Zeichens" nehmen, um einzelne sprachliche Elemente im Kontinuum zwischen Lexikon und Grammatik zu verorten. Dafür wäre es im Prinzip unerheblich, ob da nun tatsächlich Sprachwandel stattgefunden hat oder in der Realität überhaupt möglich gewesen sein könnte.
...War zumindest meine Überlegung -- aber vielleicht muss ich da noch etwas dran feilen Zwinker

Zitat: Aber Einheiten, die bei der Erschaffung der Sprache gesetzt wurden, kann man doch schlecht auf andere Einheiten der Sprache zurückführen.
Ich finde es nicht so abwegig, dass Zamenhof Affixe von Lexemen hätte ableiten können; und davon war ich in meinem ersten Post ausgegangen.

Da ej-o aber nicht das Wort für Ort ist, hat sich das eigentlich eh erledigt Zwinker

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21.09.2015, 23:12:45
Beitrag #8
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Hallo,
vielen Dank erst einmal für die Antworten. Ich muss erstmal aufklären: Dass ich den Merkspruch gebraucht habe, sollte nicht heißen, dass es kein freies Lexem ist. Das war nur ein Beispiel, die besagten Suffixe finden sich oft in freier Stellung. "ejo" kann daher immer verwendet werden, wenn ganz neutral "Ort" gemeint ist.
Andere Beispiele sind zum Beispiel: {-eg-} steht für "groß in etwas": granda (groß) > grand-eg-a (sehr groß, riesig); domo (Haus) > domego (großes Anwesen, Riesenhaus), ami (lieben) > amegi (über die Maßen lieben). Das Morphem kann aber auch ganz frei als "ego" vorkommen und ganz allgemein "Großheit" bedeuten.
Noch mehr Beispiele:
{-estr-} (Chef, Führer etc. von etwas): hotelestro (Hotelmanager) --> frei: estro (Chef allgemein)
{-id-} (Nachwuchs von etwas, offspring): hundido (Welpe), regxido (Prinz, von regxo - König) --> frei: ido (allgemein Nachwuchs)
{-il-} (Objekt, das für die durch das Verb ausgedrückte Handlung benutzt wird): fotilo (Kamera, von foto (Foto)), muzikilo (Musikinstrument) --> frei: ilo (allg. Werkzeug)
{-ism-} (Doktrin, Bewegung, Theorie etc.): turismo, alkoholismo, platonismo etc. --> frei: ismo (all. Theory, Doktrin etc.)
{-ist-} (Person, die die Verbbedeutung ausführt, meist Beruf): dentisto (Zahnarzt), instruisto (Lehrer) --> frei: isto (allg. Beruf, bzw. Berufstätiger)
{-uj-} (Behälter, Container für die ausgedrückte Bedeutung, "Inhaber" auch für Länder): monujo (Geldbeutel), Italujo (Italien) --> frei: ujo (allg. Behälter, Container)
{-un-} (Bezeichnet Brüche): duono (die Hälfte), duona (halb/e/r/s), triono (das Drittel) --> frei: ono (allg. Bruchteil)

(Weitere Beispiele ergäben sich aus dem angehängten PDF. Da sind aber keine Beispiele für die freie Stellung der Morpheme.)

Das kann man so mit einigen der besagten Morpheme machen. Die Grammatik des Esperanto würde es erlauben, das mit allen der "Suffixe" zu machen. (wahrscheinlich auch für alle Wortklassen) Das einzige, was das beschränken würde, wäre, dass es bei manchen zu abstrakt würde oder keinen Sinn macht und vom Pragmatismus eingeschränkt würde.

Das würde eigentlich für mich, so wie ich es verstanden habe, unter Komposition fallen, weil im Grunde alle fraglichen Suffixe frei wären und somit de facto keine Suffixe wären.

Ich weiß nicht, ob sich das auch auf die Präfixe anwenden lässt. Ich weiß nicht, ob man die durch die Wortartenmarker in freier Stellung einbauen kann. So viel, wie ich bisher von der Sprache gesehen habe, ist das sehr untypisch. Ich bezweifle aber, dass die Grammatik sich darüber äußert, bzw. aber es nicht erlaubt.


Angehängte Datei(en)
.pdf  Affixes.pdf (Größe: 189,14 KB / Downloads: 4)


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21.09.2015, 23:47:37
Beitrag #9
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Ooooookay. Ich bin zwar noch nicht ganz überzeugt, aber macht ja nix.

Wenn diese Morpheme tatsächlich in derselben Position wie Wortstämme vorkommen können, kann man sie Konfixe nennen. Die können im Deutschen ja auch schon mal frei vorkommen: Bio, Elektro, Psycho usw. Bei denen sieht man noch schön das griechische Fugenelement {-o-}, das ja eigentlich nur stehen kann wenn danach das zweite Kompositionsglied folgt. Das wird aber im Deutschen reanalysiert, auch wenn uns Formen wie elektrisch und psychisch verraten, dass da noch etwas ist.

Zurück zum Esperanto: ganz fre stehen diese Konfixe ja in deinen Beispielen nicht. Die sind genauso auf ihre Wortartensuffixe angewiesen, wie andere Wortstämme auch. Insofern müssten wir die ursprüngliche Frage vielleicht umformulieren. Es gibt ja, wenn diese Wortartensuffixe obligatorisch sind, in diesen Klassen keine morphologisch simplen Lexeme sondern ausschließlich derivierte Formen. Die Frage wäre nunmehr also: sind diese Affixe reine Affixe oder Konfixe? Die Grenze zwischen Derivation und Komposition verschwimmt genau hier bei den Konfixbildungen.

Konfixe, mit denen das im Deutschen geht: Ismen (Strukturalismus, Generativismus usw.), Stans (für die zumeist auf -stan endenen Republiken Zentralasiens), emisch und etisch (abstrahiert aus phonemisch und phonetisch). Denen ist, zumindest in den Beispielen, die mir gerade einfallen, aber immer gemeinsam, dass sie eine Art künstlicher Klasse bilden der Dinge, die mit diesen Elementen bezeichnet werden. Hat wer Gegenbeispiele?


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22.09.2015, 00:01:06
Beitrag #10
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Mit deiner Klassifizierung als Konfix würde ich mich vollends zufrieden geben.
Zwar fehlt dem Esperanto die Zeittiefe, dennoch könnte ich mir sehr gut vorstellen, dass die Nominalisierung der Konfixe ein sekundärer Prozess war, der erst auftrat (vielleicht und wahrscheinlich noch bei Zamenhof selbst) als die Suffixe selbst ihre Bedeutung als solche hatten. Vielleicht haben sich viele der Begriffe auch erst durch die anschließende Lernerschaft überhaupt erst gefestigt, auch aus Frönung der freien Grammatik und dass dies überhaupt möglich ist. Zumindest habe ich oft den Eindruck bei Esperantisten, dass sie solche Wörter eben drum benutzen, weil es möglich ist.

Ich habe in der Esperanto Grammatik einen Abschnitt zu dem Thema gefunden, glaube ich. Die Grammatik ist selbst nur auf Esperanto. Vielleicht kann ich zu morgen fraglichen Abschnitt mal übersetzen.


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04.05.2017, 00:11:50
Beitrag #11
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
Ich springe hier zwar auf den "Arsch vom Bummelzug" auf, möchte aber doch etwas schreiben, da ich zu dem Thema (vor einiger Zeit) geforscht habe.

Ich würde die Wortbildungssilben (so erst mal theorieneutral) nicht als Konfixe wie Bio-, Pseudo- etc. bezeichnen, da letztere, oft ja nur Kurzform für ein ganzes Wort (biologisch → Bio-) doch in ihrer Form (umfangreicher), Bedeutung (spezifischer) und Distribution (fast ausschließlich in Wortbildungskonstruktionen) abweichen, während jene Morpheme im Esperanto klassische Affixfunktionen übernehmen und sich von diesen nur in dem einen Punkt unterscheiden, dass sie (zusammen mit den obligatorischen Wortartenendungen) wortfähig sind.
Ein für solche Morpheme gelegentlich verwendeter und m.E. treffender Terminus ist Affixoide.

Die Fähigkeit der Affixoide selbst Kern einer Wortform zu werden war latent schon 1887 gegeben, es dauerte nur einige Zeit, bis sie nach und nach so in Gebrauch genommen wurden, einzelne (z.B. isto 'Berufsausüber, Profi' werden auch heute noch praktisch nur in WBK verwendet).

Hier gibt es eine knappe deutschsprachige vergleichende Untersuchung der Esperanto-Wortbildung aus meiner Feder, in dem ich auch auf Details wie die Distribution der Affixe eingehe.

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04.05.2017, 14:42:48
Beitrag #12
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
(Nur, um meinen Unmut kundzutun: Ich habe die Antwort fast fertig gehabt und dann den Tab geschlossen -.- Also nochmal von vorn)
Hallo,
vielen Dank für die Antwort, kirilo81, das war sehr erhellend. Deinen Anhang werde ich mir beizeiten gerne mal durchlesen, vielleicht erübrigten sich dann dadurch einige meiner folgenden Aussagen, aber ich versuche es trotzdem mal:
Ich bin mir immer noch nicht ganz im Klaren über den Unterschied zwischen Komposition und Affixoid bei den besagten Elementen. Was ich bisher über Affixoide gelesen habe, zeigt, dass der Begriff nicht ganz unumstritten ist, auch im Hinblick auf seine Daseinsberechtigung. Ich kann bei den hier genannten esperantischen Wörtern keinen Grund erkennen, nicht von Komposition sondern von Affixoiden zu sprechen. Der Affixcharakter ergibt sich meistens erst in der Übersetzung und dadurch, dass Kognaten wie "ismo" im Deutschen eindeutig Affixcharakter haben. So wäre für "Schule" - "lernejo" wahrscheinlich die Übersetzung "Lernort" angemessener, genauso "Fotogerät" für "fotilo" - "Kamera", da jeweils "fot-" und "il-" freie Lexem sind, die jeweils einzeln oder zusammen als Verbund die Worttypenendung "-o" annehmen können. Es lässt sich nicht bestreiten, dass manche Morpheme, wie das von dir genannte "isto" seltener erscheinen. Aber das spricht für mich nicht dafür, sie anders einzustufen und ist allein eine Sache der Pragmatik, nicht Morphologie. Im Deutschen wird das Wort "Lehre" (im monovalenten Sinne "die Lehre von etwas") auch häufiger in einem Kompositum wie "Wortbildungslehre" benutzt als alleinstehend (wahrscheinlich seiner Valenz geschuldet), was aber nicht dafür spricht, es anders einzustufen, da das Wortbildungsmuster hier klar kompositioneller Natur ist. Das Esperanto-Wort "vortfaradismo" für "Wortbildungslehre" [EDIT] wäre genauso ein Kompositum "la ismo de la farado de vorto" - "die Lehre der Bildung von einem Wort". Gemäß Ockhams Rasiermesser spricht für mich nichts dafür, eine Extrakategorie Affixoid einzuführen, wenn die Eigenschaften der Elemente genauso gut durch einen Status als "freies Lexem" (von den derrivativen Wortartensuffixen abgesehen) wie "dom-" für "Haus" (dom-o) erklärbar sind. Ich sehe keinen formellen Unterschied zwischen "fot-" und "il-", außer in ihrem pragmatischen Wortfeld, wenn überhaupt.
Wahrscheinlich habe ich es dann noch immer nicht verstanden, aber ich denke, dass die grammatische Beschreibung des Esperanto hier zu sehr zentriert von den gängigen Sprachen Englisch, Deutsch etc. ausgeht, anstatt die Eigenheiten des Esperanto für sich stehend zu betrachten. Daher vermisse ich in grammatischen Beschreibung die Unterscheidung zwischen den Suffixen "-ad-", wie in "farado" (far- = mach-, -ad- = Substantivierung, -o = Nomenmarker), oder "-it-" als Partizipendung, die beide nicht wortbildungsfähig sind, im Gegensatz zu "il-" oder "uj-" oder "ej-", die lexematische Bedeutung haben und die gleichen Wortbildungsmuster wie in Komposita benutzen, aber mit den nicht freien Suffixen in eine Klasse geworfen werden.

Viele Grüße,
Kevin


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04.05.2017, 21:55:17
Beitrag #13
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
(04.05.2017 14:42:48)Kevin schrieb:  (Nur, um meinen Unmut kundzutun: Ich habe die Antwort fast fertig gehabt und dann den Tab geschlossen -.- Also nochmal von vorn)

Dann brauchst Du "Lazarus".


Jesus saves.
Buddha makes incremental backups.
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05.05.2017, 12:05:51
Beitrag #14
RE: Esperanto: Suffigierung oder Komposition?
@Kevin

Zwei Details vorweg:
1. -ad- ist genauso wortfähig (immer mit der Einschränkung, dass die Wortartenmarkierung dran muss) wie die anderen Affixoide auch. Nicht wortfähig sind im Esperanto nur die folgenden Morphemklassen:
-Flexionsendungen (-j -n -as usw.), wobei der Status der Partizipien umstritten ist: Es gibt auch Leute, die inta anta onta als 'vergangen, gegenwärtig, zukünftig' selbständig benutzen.
-Die Hypokoristika -ĉj -nj, die auch sonst aus der Reihe tanzen (Mikaelo → Mi(ka)ĉjo 'Michi'), wobei ich auch hier schon mal zumindest njo-knabo '~Muttersöhnchen' gesehen habe.
-Die Kategorialendungen der Wortarten (-o -a -e -i). Auch die wurden experimentell schon selbständig benutzt (l' o dirita 'das Gesagte').
2. 'Wortbildung' ist einfach vortfarado. Ein vortfaradismo wäre eine auf Wortbildung aufgebaute Denkrichtung o.ä.


Die Affixoide unterscheiden sich mehrheitlich* tatsächlich auch formal-semantisch von gewöhnlichen Kompositionsgliedern. Sie sind in WBK in ihrer Bedeutung weiter als als Wortbasen, z.B. bedeutet -an- 'Einwohner, Anhänger, Mitglied' (insulano), selbständiges ano hat aber nur die beiden letzten Bedeutungen. In ihrer gewöhnlichen Funktion kann man anders als bei anderen Komposita kein o als Fugenelement einschieben. Wenn man es doch macht, dann bekommen die Wörter eine andere Bedeutung, nämlich die der selbständig verwendeten Affixoide. Ein Beispiel: -ar- ist das Kollektivaffixoid (arbo 'Baum' → arbaro 'Wald'), selbständig bedeutet es 'Schar, (kleinere) Menge'. Wenn ich statt arbaro nun arbo(-)aro sage, dann heißt das nicht mehr 'Wald', sondern eben 'Gruppe von Bäumen'. Das kann man bei gewöhnlichen Komposita nicht machen.
Von daher ist der Ansatz einer Kategorie Affixoid im Esperanto m.E. gerechtfertigt. Ein weiterer der Derivation ähnlicher Zug ist außerdem die Reihenbildung.

*Vgl. die Tabelle auf S. 34f. meiner Diplomarbeit: Es gibt tatsächlich vier Typen, von reinen Affixen über typischer und weniger typisch Affixhafte hin zu Morphemen, die sich eigentlich wie gewöhnliche Wurzeln verhalten. Ein schönes Beispiel für die Unschärfe linguistischer Kategorien.

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