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 » nicht erledigt Eu und Oi im Deutschen

27.01.2015, 21:32:13
Beitrag #1
Eu und Oi im Deutschen
Kurz vornangestellt: Ich bin kompletter Laie


Ich frage mich im Grunde schon seit ich schreiben gelernt habe, warum der oi-Diphtong im deutschen als "eu" geschrieben wird. Naheliegend fände ich da durchaus eine Schreibung mit Oi, also statt Eule könnte man auch Oile schreiben. Ich will hier keine Rechtschreibreform anstoßen, sondern mich interessiert eher wie historisch die Rechtschreib-Konventionen entstandend sind.

Ein Paar interessante Aspekte an der Sache die mir aufgefallen sind:
  • Wenn Dialekt verschriftlicht wird, ist teilweise auch "Oi" zu lesen, z.B. "Oide Wiesn" (alte Wiesn)
  • Bei der Deklination findet man z.B. Maus -> Mäuse, insofern ist es naheliegend den Oi-Diphtong auch an anderer Stelle ähnlich zu schreiben eu/äu
  • Ich könnte mir vorstellen, dass man ein geschriebenes oi tatsächlich auch etwas anders liest als ein eu, ich bilde mir auch ein, Laib und Leib leicht unterschiedlich auszusprechen.

Bin mal gespannt, was aus Sicht der Fachleute dazu zu sagen ist.


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27.01.2015, 22:28:17
Beitrag #2
RE: Eu und Oi im Deutschen
OK, ich hoffe, das hier ist jetzt nicht zu arg wissenschaftlich für dich … Die Mittelhochdeutsche Grammatik schreibt zur Entwicklung von mhd. /yː/ (modernem 〈eu〉 /ɔʏ/):

Paul, S. 101 schrieb:In der bair. Überlieferung des 12./13. Jh.s wird die unterschiedliche Entwicklung von /iu/ und /iü/ graphisch zum einen daran deutlich, dass nicht umgelautetes /iu/ im späten 12. Jh. und der 1. Hälfte des 13. Jh.s schon früher und häufiger durch 〈eu ~ ev〉 bezeichnet wird als /ǖ/ < /iü/, /ū/; zum anderen werden beide Laute auch in den bair. Urkunden der 2. Hälfte des 13. Jh.s tendenziell unterschiedlich geschrieben (vgl. Reiffenstein 2003b, 2912).

Und die dort zitierte Quelle:

Reiffenstein, S. 2911-2912 schrieb:Eine eigene Entwicklung erfuhr im Bair. der alte Diphthong iu. Im normalisierten Mhd. steht 〈iu〉 sowohl für den Diphthong iu wie für den Umlaut von û mit dem angenommenen Lautwert [ü:], nach alem. Sprachgebrauch (〈iu〉 für den Umlaut von û zuerst bei Notker). Das Bair. (zusammen mit dem Schwäb.) unterscheidet jedoch zwischen umgelautetem (z. B. in liute, diutsch) und nichtumgelautetem iu (z. B. in niuwe, ziuge). Nur umgelautetes fiel mit dem Umlaut von û in einem Langvokal zusammen und wurde von der Diphthongierung [d.h. mhd. /yː/ zu nhd. 〈eu〉 /ɔʏ/] erfaßt. Nichtumgelautetes iu blieb hingegen ein Diphthong eigener Qualität, außerhalb der Reihe ei, au, äu ([ai, au, oü]).

In den Urkunden des 13. Jhs. wird diese Unterscheidung zunächst vor allem in bayer. Texten auch graphisch ausgedrückt, vor allem durch 〈iv, eu, ev : æu, æv, av〉, seltener durch 〈iu, iv : eu, ev, eů〉 u. ä.

[…]

Da sich im Lauf des 13. Jhs. die Schreibung eu für nichtumgelautetes iu allmählich durchsetzt, muß sich die Lautqualität des Diphthongen verändert haben (> [eu, eo], in den rezenten Dialekten [eo, oi, ui]).

So, wie ich das verstehe (bitte um Korrektur, wenn das falsch ist!), lässt sich also grob folgendes annehmen:

[Bild: JDr7EML.png]

Literatur:
  • Paul, Hermann: Mittelhochdeutsche Grammatik. Neu bearb. von Thomas Klein, Hans-Joachim Solms und Klaus-Peter Wegera. Mit einer Syntax von Ingeborg Schnöbler, neubearb. und erw. von Heinz-Peter Prell. 25. Aufl. Tübingen 2007 (= Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte, A. Hauptreihe, 2).
  • Reiffenstein, Ingo: Aspekte einer Sprachgeschichte des Bayerisch-Österreichischen bis zum Beginn der frühen Neuzeit. In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 3. Teilband. Hrsg. von Werner Besch u. a. 2., vollst. neubearb. und erw. Aufl. Berlin 2003 (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 2). S. 2889–2942.

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28.01.2015, 14:33:51
Beitrag #3
RE: Eu und Oi im Deutschen
Danke, für mich sehr verständlich, der heutige Diphton <oi> (dunkel zu hell) war mal ein Diphton <iu> (hell zu dunkel) und die heutige Schreibung geht auf damalige Aussprache zurück. Sehr einleuchtend


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28.01.2015, 16:53:40
Beitrag #4
RE: Eu und Oi im Deutschen
Ergänzend: dieser Wandel fand zu einer Zeit statt, als sich die Schreibung der Wörter bereits gefestigt hat (Buchdruck sei Dank). Daher die Diskrepanz.


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