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[Theor]: Sprach- und Grammatiktheorie  » nicht erledigt Experimente mit Grammatik?
▶ Grammatik, Semantik, Bedeutung, Kunstsprache

07.11.2014, 17:02:03
Beitrag #1
Experimente mit Grammatik?
Hallo liebe Sprachliebhaber,

ich bin nicht nur neu im Forum, sondern habe erst letztens damit begonnen, mich für Linguistik zu interessieren - daher bitte ich um etwas Nachsicht, wenn ich gewisse Dinge amateurhaft betrachte.

Ein Teil der Linguistik stellt ja die Erforschung von Sinnentstehung dar, speziell auch im Zusammenhang mit der Grammatik. Nun ist es ja ein Ziel, eine universelle Grammatik zu finden, die auf alle Sprachen zutrifft, d.h. die in gleicher Weise für alle bekannten Sprachen gilt und anwendbar ist. Man versucht u.A. damit, zu erforschen, welche "Grundstrukturen" bereits kognitiv vorhanden sind.

Jetzt weiß ich nicht genau, wie nahe man diesem Ziel bereits gekommen ist. Was mich aber interessieren würde: Wurde denn schonmal versucht, eine Grammatik/Sprache zu formulieren, die bewusst - dies auf Grundlage der State-Of-The-Art-Erkenntnis - von Universalien abweicht, und untersucht, wo das hinführt (also ob man da trotzdem noch Sinn hineinbekommt, ob es konsistent ist, die Realität umfangreich genug abgedeckt etc.)? Und falls ja, hättet ihr da Referenzen?


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10.11.2014, 12:18:54
Beitrag #2
RE: Experimente mit Grammatik?
(07.11.2014 17:02:03)Osmium schrieb:  Hallo liebe Sprachliebhaber,

ich bin nicht nur neu im Forum, sondern habe erst letztens damit begonnen, mich für Linguistik zu interessieren - daher bitte ich um etwas Nachsicht, wenn ich gewisse Dinge amateurhaft betrachte.

Ein Teil der Linguistik stellt ja die Erforschung von Sinnentstehung dar, speziell auch im Zusammenhang mit der Grammatik. Nun ist es ja ein Ziel, eine universelle Grammatik zu finden, die auf alle Sprachen zutrifft, d.h. die in gleicher Weise für alle bekannten Sprachen gilt und anwendbar ist. Man versucht u.A. damit, zu erforschen, welche "Grundstrukturen" bereits kognitiv vorhanden sind.

Jetzt weiß ich nicht genau, wie nahe man diesem Ziel bereits gekommen ist. Was mich aber interessieren würde: Wurde denn schonmal versucht, eine Grammatik/Sprache zu formulieren, die bewusst - dies auf Grundlage der State-Of-The-Art-Erkenntnis - von Universalien abweicht, und untersucht, wo das hinführt (also ob man da trotzdem noch Sinn hineinbekommt, ob es konsistent ist, die Realität umfangreich genug abgedeckt etc.)? Und falls ja, hättet ihr da Referenzen?
Hallo Osmium,

ich versuche mal auf Deine Frage zu antworten und muss dazu etwas weiter ausholen.
Zunächst ist die Annahme von einer Universalgrammatik stark mit dem generativen Paradigma verbunden. Darin wird tatsächlich angenommen, dass es so etwas wie eine angeborene Fähigkeit zur Sprache gibt, die bei allen Menschen zunächst gleich ist. Die Beherrschung einer Einzelsprache funktioniert dann etwa wie trial and error. Aufgrund des sprachlichen Inputs werden dann die grammatischen Strukturen der Zielsprache vom Sprachlerner inferiert. Dieser Annahme folgt aber nicht Grammatiktheorie. Soweit ich weiß (bei Irrtum bitte ich um Verbesserung), ist die generative Grammatik sogar die einzige Grammatiktheorie, die von einer universellen Grammatik ausgeht. Grammatiktheorien wie bspw. die Konstruktionsgrammatik, die sehr viel stärker kognitiv ausgerechnet ist (so die Theorie), geht zwar von allgemeinen kognitiven Fähigkeiten aus, doch sind diese keineswegs sprachgebunden und die daraus resultierenden Konsequenzen sind häufig auch einzelsprachgebunden.
Es macht bspw. durchaus Sinn, sprecherseitige Einstellungen über die zeitliche Struktur einer Prädikation zum Ausdruck zu bringen. In einigen Sprachen stehen hierfür Merkmale zur Verfügung, die die Kategorie Aspekt spezifizieren. Viele slawische Sprachen tun dies zum Beispiel. Dem Deutschen fehlt hingegen diese Möglichkeit. Soweit ich weiß, hat es sie auch nie gegeben.

Der nächste Punkt ist, dass zwar viel über sog. Universalien geforscht wurde, aber bis heute noch nicht wirklich klar ist, was das genau sein soll. Bezogen auf Wortarten wird bspw. immer wieder angezweifelt, dass sogar die grundlegensten Kategorien Verb und Substantiv in allen Sprachen vorkommen. Der Nachweis hierfür ist jedoch sehr schwierig.
Damit verbunden ist auch Deine Frage, ob jemand schon einmal eine Sprache ohne Rücksicht auf Universalien formuliert hat. Es versteht sich aus wissenschaftsethischen Gründen von selbst, dass man eine Sprache ohne Rücksicht auf universale Verankerung, sofern man sie entwickelt hat, keinem Kind im Erstspracherwerb beibringt. Das arme Kind. Man ist also immer auf freiwillige angewiesen, die mindestens den Erstspracherwerb duchlaufen haben. Hier entsteht nun ein Problem. Meines Erachtens ist der Mensch so veranlagt, dass er stets auf bekannte Strukturen zurückgreift, wenn er nicht zu einer Entscheidung fähig ist, also bspw. ob eine Äußerung SInn macht oder nicht. Je nach sprachlicher Vorerfahrung kann dieser Rückgriff jedoch immer unterschiedlich verlaufen.
Ich beschäftige mich bspw. mit der Nicht-Realisierung verbaler Komplemente im Deutschen. Aus meinen Daten wieß ich, dass selbst Sätze, deren Bedeutung gut zu verstehen ist, immer wieder von einigen meiner Probanden abgelehnt werden. Sie finden sie nicht in Ordnung oder verstehen sie vielleicht auch nicht. Dabei handelt es sich zwar um keine Universalie, doch zeigt das Beispiel, dass selbst Sprecher derselben Sprache stets zu unterschiedlichen Ansichten kommen.

Ich hoffe, ich habe ungefähr das getroffen, was Du wissen wolltest.

Beste Grüße
PeterSilie


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