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| [Hist]: Historisch-vergleichende Ling., Diachronie, Sprachwandel » Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? |
| 07.12.2011, 16:51:48 Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.12.2011 von 22:01:11 Kevin Beitrag #1 | |||
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| Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? Hallo, nach langer Zeit dreht sich mein Thema mal wieder um Niederdeutsch. Und zwar wird ja im allgemeinen gesagt, dass im Westgermanischen die eigene Flexionsklasse der -nan Verben untergegangen ist. Aber im Plattdeutschen werden die Verben anders und eigenständig konjugiert: rechnen - reken ik reken du rekenst he rekent wi/ji/se rekent Siehe auch: aten - atmen -> he atent, apen - öffnen -> he apent, regen - regnen -> dat regent Zwar ist die Endung nur noch -en allerdings werden die Verben nicht konjugiert wie die anderen schwachen Verben. Um was handelt es sich hier also? Doch noch um existente eigene Flexionskategorien der -nan Verben oder etwas anderes? Hawaiiereieraueraueeuter [ha.'vaɪ̯.eɐ̯.aɪ̯.eɐ̯.aʊ.eɐ̯.aʊ.ə.ˌɔʏ̯teɐ̯] ist kein Hexadeziphthong. Komm doch mal vorbei und besuche den Verein der gotischen Sprache n. e. V. Uns gibt es auch bei Facebook. Wir würden uns freuen. | |||
| 08.12.2011, 17:42:43 Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 08.12.2011 von 18:11:35 thf Beitrag #2 | |||
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| RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? Also um's vorweg zu sagen: Ich habe keine Ahnung. Nur eine Idee kam mir (die du, da du dich ja mit dem Gotischen befasst, aber vielleicht auch schon hattest) Meist ist es ja so, dass sich innerhalb der germanischen Sprachen den verschiedenen (schwachen) Verbtypen irgendwelche Charakteristika, morphologischer oder semantischer Natur (manchmal gar Aktionsarten), zuschreiben lassen. Für's Gotische, wo es diese Typ 4 Verben wohl noch gab, schreiben Braune/Heidermanns: "Die Bedeutung dieser Verben ist noch Gegenstand der Diskussion [..] Früher [...] galten sie als in der Mehrzahl rein inchoativ[...]; seltener sei mediopassive, in wenigen Fällen auch rein passive Bedeutung anzunehmen. Der neueren Forschung zufolge sind die Verben primär durch ein nicht-agentives Subjekt charakterisiert[..]"(Braune/Heidermanns 2004:165) Müssten die entsprechenden Verben im Plattdeutschen dann nicht auch solche Charakteristika besitzen, resp. besessen haben? Lassen sie sich etymologisch auf Wörter dieses Typus zurückführen? Wie sieht es im Altsächsischen aus? Braune, Willhelm + Frank Heidermanns (Ed.). 2004. Gotische Grammatik. Mit Lesestücken und Wörterverzeichnis. Tübigen: Niemeyer. | |||
| 08.12.2011, 22:40:25 Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.12.2011 von 22:00:02 Kevin Beitrag #3 | |||
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| RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? Hallo, das ist natürlich interessant jetzt. =) Ich bin leider nicht so belesen, was das Altsächsische angeht (wird wohl mal Zeit). Ich weiß nur, dass dort die Verben noch auf -non endeten. (z.B. opanon - öffnen, lernon/linon - lernen, tohlinon - anlehnen). Mir fallen leider nicht sehr viele Beispiele ein, ich habe bis jetzt aten, reken, teken (zeichnen), regen gefunden. Die Konjugationsformen sind: he atent, he rekent, he tekent, dat regent. Die Verben werden auch in der Sass-Grammatik der Fehrs-Gilde angeführt mit dem Hinweis, die früheren Formen seien: ademen, regenen, rekenen und tekenen. Bei weiterer Überlegung fallen mir noch: drögen - trocknen, egen - eignen, segen - segnen. Und auch hier ist die Bildung genauso. Das heißt, dass anscheinend die Bildung regelhaft ist. Aber was deine Bedeutungen angeht, trifft das ja nicht wirklich immer auf das Plattdeutsche zu. Der inchoative Charakter ist nicht vorhanden und ein Mediopassiv drücken sie eigentlich auch nicht aus, oder doch? (Ich bin bis heute noch nicht so ganz dahintergestiegen, was das Mediopassiv genau ist.) Hawaiiereieraueraueeuter [ha.'vaɪ̯.eɐ̯.aɪ̯.eɐ̯.aʊ.eɐ̯.aʊ.ə.ˌɔʏ̯teɐ̯] ist kein Hexadeziphthong. Komm doch mal vorbei und besuche den Verein der gotischen Sprache n. e. V. Uns gibt es auch bei Facebook. Wir würden uns freuen. | |||
| 09.12.2011, 12:55:57 Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.12.2011 von 17:04:11 thf Beitrag #4 | |||
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| RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? Hab noch mal alte Materialien durchgesehen (scheint da ja einiges zu geben) und dabei u.a. folgenden halbwegs aktuellen Artikel gefunden:: Schwerdt, Judith 2001. "Zur Bedeutung des -nan-Suffixes der gotischen schwachen Verben." Beiträge zur Geschichte der Deutschen Sprache und Literatur 123:2.175-210. (Gotisch ist der Fokus, aber es geht auch um andere Sprachen) Und darüber: Schwerdt, Judith 2008. Morphosemantik der schwachen Verben im Ostgermanischen und Kontinentalwestgermanischen. Frankfurt a.M. et al.:Peter Lang. (Zumindest laut Inhaltsverzeichnis berücksichtigt sie auch Altsächsisch )Ich nehme an, da ist noch einiges an Transferleistung notwendig, um daraus was für's Niederdeutsche abzuleiten. Aber vielleicht hilft's ja. | |||
| 10.12.2011, 17:51:20 Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 10.12.2011 von 22:04:44 Kevin Beitrag #5 | |||
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| RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? Dankeschön für die interessante Lektüre. Kann man die erste Quelle auch online lesen? Ich kann das nicht finden. Aber die zweite Quelle war schon sehr interessant: Demnach sind die -nan Verben im Gotischen intransitiv, passivisch und inchoativ. (Hast du ja bereits gesagt.) Darüberhinaus ist das Subjekt nicht-agentiv, daher eher passivische Bedeutung. Letzlich werden dann 4 Kriterien genannt: 1. kein Passiv 2. keine Verbalabstrakta 3. kein Partizip Präteritum 4. irreguläre Flexion (im Präsens wie schwache Verben, im Präteritum wie starke) Besonders interessant ist, dass angenommen wird, dass diese Gruppe entstand, weil das Passiv defektiv ist. So, das ist das, was der Text sagt. Diese Kriterien gelten allerdings nicht unbedingt für die niederdeutschen Wörter. Es gibt intransitive Verben: aten, reken, regen, drögen (kann intransitiv sein). Allerdings gibt es auch transitive: teken, egen, segen, apen. Eine passivische Komponente hätte höchstens drögen und inchoativ ist auch nur höchstens apen, aber wohl eher nur durch den nicht-durativen Charakter. Zu den vier Kriterien: 1. Passiv ist möglich: Dat Bild worr tekent. 2. Bei den meisten Verben sind Verbalabstrakta möglich: Aten - Atmung, Reken - Rechnung, Drögen - Trocknung, Teken - Zeichnung, Egen - Eignung, Segen - Segnung, Apen - Öffnung aber *Regen - Regnung. 3. Partizip Präteritum ist bei allen Formen möglich: atent, rekent, regent, drögent, tekent, egent, segent, apent. 4. Ich weiß nicht genau, was mit unregelmäßig gemeint ist. Ist damit die Eigenständigkeit der Flexionsklasse gemeint? Im Niederdeutschen ist das Passiv allerdings im Vergleich zum Gotischen vorhanden, auch in anderen Kategorien als das Präsens. Aber das Passiv kommt viel seltener vor und wird meist vom Aktiv in anderer Formulierung ersetzt. Das hieße, dass die niederdeutschen Verben nicht die Kriterien erfüllen, die von den -nan Verben im Gotischen postuliert werden. (Allerdings finde ich weder eine Liste von deutschen -nen Verben, um auf mehr niederdeutsche -(n)en Verben schließen zu können, noch kann man ein rückläufiges niederdeutsches Wörterbuch benutzen, da die Verben im Infinitiv die gleiche Endung haben.) Interessant ist auch, dass die meisten niederdeutschen und deutschen -(n)en Verben im Gotischen keine sind, sondern zu den -jan Verben gehören. Zu klären ist aber weiterhin, weshalb die -(n)en Verben im Niederdeutschen eben doch eine andere Flexion aufweisen. Ist dies nun trotzdem eine eigenständige Flexionsklasse oder hat das andere Gründe? Hawaiiereieraueraueeuter [ha.'vaɪ̯.eɐ̯.aɪ̯.eɐ̯.aʊ.eɐ̯.aʊ.ə.ˌɔʏ̯teɐ̯] ist kein Hexadeziphthong. Komm doch mal vorbei und besuche den Verein der gotischen Sprache n. e. V. Uns gibt es auch bei Facebook. Wir würden uns freuen. | |||
| 20.12.2011, 16:37:12 Beitrag #6 | |||
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RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? (10.12.2011 17:51:20)Kevin schrieb: Zu klären ist aber weiterhin, weshalb die -(n)en Verben im Niederdeutschen eben doch eine andere Flexion aufweisen. Ist dies nun trotzdem eine eigenständige Flexionsklasse oder hat das andere Gründe?Mir wurde immer eingetrichtert, dass die verschiedenen linguistischen Ebenen in Analysen sauber zu trennen sind; ich würde da auch vor der Diachronie/Synchronie Dichotomie nicht halt machen wollen. Mein Eindruck ist allerdings, dass genau diese beiden Betrachtungsweisen wenn's um die germanischen Sprachen geht, gerne vermischt werden. Wenn du sagst, dass diese Verben heute eine eigenständige Flexion aufweisen, spricht doch eigentlich nichts dagegen, sie in diesem Kontext als eigene Klasse zu analysieren, oder? Wenn man da noch Korrelationen in der Semantik etc. feststellen kann, um so besser. Oder gibt es Einwände bzgl. dieses Vorgehens, übersehe ich etwas? Aus diachroner Sicht kann ich dazu nichts sagen, weil ich vom Niederdeutschen keine Ahnung habe (und froh bin, wenn ich das mit etwas Mühe halbwegs entschlüsseln kann ). Hattest du mal nachgeschaut, ob es nicht einfach phonologische Gründe hat? | |||
| 20.12.2011, 19:37:08 Beitrag #7 | |||
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| RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? Moin, also ich habe das Thema eben bei der plattdeutschen Wikipedia losgetreten. Mal abwarten, was dabei herauskommt. Denn mit dem Altsächsischen kenne ich mich auch nicht gut aus. Aber dort bei der Wikipedia sind wirklich kundige Menschen unterwegs. Wenn die unterschiedliche Konjugation nun also phonetisch bedingt ist, würde es nicht als eigene Klasse gelten? Vielleicht liegt es auch einfach an dem Abfall des ersten -n-s. Aber sicher bin ich mir da nicht. Hawaiiereieraueraueeuter [ha.'vaɪ̯.eɐ̯.aɪ̯.eɐ̯.aʊ.eɐ̯.aʊ.ə.ˌɔʏ̯teɐ̯] ist kein Hexadeziphthong. Komm doch mal vorbei und besuche den Verein der gotischen Sprache n. e. V. Uns gibt es auch bei Facebook. Wir würden uns freuen. | |||
| 27.12.2011, 14:43:25 Beitrag #8 | |||
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RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? (20.12.2011 19:37:08)Kevin schrieb: Wenn die unterschiedliche Konjugation nun also phonetisch bedingt ist, würde es nicht als eigene Klasse gelten?So war das nicht gemeint. Ich wollte eigentlich darauf hinaus, dass eher eine methodische Frage ist , da die Einteilung in Flektionsklassen ja ein Ergebnis der Analyse und nicht irgendwie inhärent ist. Zu welchen Kategorisierungen man dann gelangt, hängt wohl davon ab, welche Perspektive man einimmt, und welche Kriterien man ansetzt. Wenn du alleine von den Endungen ausgehst und meinst, dass die von dir genannten Verben eine Gruppe bilden sehe ich zumindest aus theoretischer Sicht keinen Grund, in einer synchronen Darstellung diese Verben nicht als eigene Klasse anzunehmen. Wenn ich die Diskussion in der Wikipedia richtig verstanden habe, scheint die Frage aber jetzt geklärt zu sein | |||
| 27.12.2011, 23:57:08 Beitrag #9 | |||
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| RE: Flexionsklasse der nan-Verben im Westgermanischen wirklich ausgestorben? Hey, ja also in der Diskussion kam heraus, dass die Flexion einfach nur daraus resultiert, dass eine Silbe verschluckt wird, zumindest im Infinitiv. Aus regenen wurde regen wobei die Flexion allerdings ohne Silbenwegfall vonstatten geht. Ist zwar schade drum, aber so ist es nun einmal. Die Wörter sind auch nicht verwandt mit den -nan Verben. Hawaiiereieraueraueeuter [ha.'vaɪ̯.eɐ̯.aɪ̯.eɐ̯.aʊ.eɐ̯.aʊ.ə.ˌɔʏ̯teɐ̯] ist kein Hexadeziphthong. Komm doch mal vorbei und besuche den Verein der gotischen Sprache n. e. V. Uns gibt es auch bei Facebook. Wir würden uns freuen. | |||
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