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 » nicht erledigtGebrauchsbasierte Sprachwandeltheorie
30.12.2015, 08:35:54,   Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 30.12.2015, 08:36:54 von herbstwind
Beitrag #1
Gebrauchsbasierte Sprachwandeltheorie
Hallo zusammen,

ich komme mit der Bezeichnung "gebrauchsbasiert" nicht so ganz klar. Ich schreibe gerade eine Hausarbeit und vergleiche die Sprachwandeltheorien von Helmut Lüdtke und Elisabeth Leiss. Meine Frage ist nun, ob ich Lüdtkes Theorie als 'gebrauchsbasiert' bezeichnen darf, weil sie an der konkreten Kommunikationstätigkeit von SprecherInnen ansetzt und systemextern operiert?

Vielen Dank!

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30.12.2015, 15:07:24,
Beitrag #2
RE: Gebrauchsbasierte Sprachwandeltheorie
Moin,

kurze Antwort: ja.

Ländere Antwort: der Begriff gebrauchsbasiert ist zwar einerseits relativ eindeutig auf einer allgemeinen Ebene (alles, was Sprache als Phänomen untersucht, das in Struktur, Funktion, Bedeutung, Kommunikation und schlussendlich Wandel Prozesse und soziale und kontextuelle Einflussfaktoren des Sprachgebrauchs mit einbezieht, also über das System hinausgeht). Andererseits gibt es genau wegen dieser Allgemeinheit sehr unterschiedliche engere Interpretationen des Begriffs.

Kompatibel ist gebrauchsbasiert so definiert weitgehend mit allen funktionalen und kognitiven, inkompatibel dagegen nahezu mit allen generativ und/oder formalen Ansätzen. Für die kognitive Linguistik ist gebrauchsbasiert sogar definitorisch. Was es manchmal etwas verwirrend macht, ist, dass gebrauchsbasiert einerseits eine theoretische Seite hat (wie für die Sprachmodelle in funktional-kognitiven Ansätzen). Gleichzeitig kann sich gebrauchsbasiert aber auch methodische Aspekte angewandt werden (z.B. Korpuslinguistik, Psycholinguistik), wenn also systematisch erhobene empirische (Gebrauchs-)Daten zur Untersuchung und schlussendlich zur Modellbildung herangezogen werden. Die methodische Interpretation von gebrauchsbasiert ist im Prinzip unabhängig davon, ob mein Modell auch theoretisch gebrauchsbasiert ist; allgemein wird der Begriff aber auch methodisch nur in kognitiv-funktionalen Modellen tatsächlich verwendet, auch wenn empirische Methoden nicht auf diese Bereiche beschränkt sind.

Deshalb würde ich sagen, dass Lüdtke im weitesten Verständnis des Begriff als gebrauchsbasiert einzustufen ist, zumindest mit gebrauchsbasierten Modellen kompatibel ist. Lies dazu die Diskussion von Rudi Keller in seinem Buch Sprachwandel (in der englischen Version ist es Kapitel 5; die deutschsprachige Ausgabe liegt leider im Büro...). Im übrigen würde ich behaupten, dass keine Diskussion über Sprachwandelmodelle an Keller vorbeikommt -- also zumindest sollte man es gelesen haben.

Gruß von suz

Keller, Rudi. 1994. On language change: The invisible hand in language. London: Routledge.
Keller, Rudi. 2003. Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. 3. Auflage. Tübingen: Francke.

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30.12.2015, 15:11:53,
Beitrag #3
RE: Gebrauchsbasierte Sprachwandeltheorie
Vielen, vielen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort!!

Keller habe ich auf jeden Fall gelesen, werde ihn mir aber dann nochmals genauer ansehen. Merci!

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