Metahilfe: Was wir hier (nicht) tun - Informationen zum Thema Fragen und Hilfen im Forum.

Du kennst dich aus? — Prima. Unser Fragenbeantwortungs-Team freut sich immer über engagierte Verstärkung!



1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste
Antwort schreiben 
 » nicht erledigt Gegenüberstellung eines "Produktionstests" und eines "Akzeptabilitätstests"?

25.06.2016, 13:43:23
Beitrag #1
Gegenüberstellung eines "Produktionstests" und eines "Akzeptabilitätstests"?
Guten Tag,

ich überlege bereits seit einiger Zeit, welches Thema ich in meiner nächsten Linguistik-Hausarbeit bearbeiten kann. Ich bin nun bei einem Sprachwandelphänomen angelangt, welches bei der Flexion von Maskulina auftritt (Sie erschießen den Bären (schwach flektiert) -> Sie erschießen den Bär (stark flektiert).

Ich hatte nun vor, eine Untersuchung an einer Schule durchzuführen. Das bietet sich an, da ich aktuell einen Lehrauftrag am Laufen habe und mir sonach ungefähr 100 Testpersonen (8. bis 10. Klasse) fast uneingeschränkt zur Verfügung stehen. Ich würde mit den Schülern gerne einen Produktionstest und einen Akzeptabilitätstest durchführen. Als Lehramtsstudent habe ich jedoch relativ wenig Vorkenntnisse in Bezug auf Methodik und Durchführung solcher Tätigkeiten und daher diverse Fragen. Ich möchte jedoch erst einmal kurz mein geplantes Vorgehen erläutern:

1) Produktionstest
Während des Produktionstests erhalten die Schüler von mir diverse Bilderreihen und müssen aus diesen Sätze bilden. Dabei wird sich also zeigen, ob sie bei diversen Maskulina eher zur starken oder zur schwachen Flexion greifen.

2) Akzeptabilitätstest
Die Schüler erhalten anschließend diverse Sätze mit Akk./Gen./Dat.-Flexionen bestimmter Begriffe (Bär, Prinz usw.) und sollen auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten, ob sie die Sätze als akzeptabel einschätzen oder eher nicht. Einige Sätze werden dabei schwache und andere starke Flexionen aufweisen.

Ziel: Im Theorieteil der Arbeit soll erst einmal aufgezeigt werden, wie das Sprachwandelphänomen aussieht, wie es abläuft und welche Veränderungen erkennbar sind. Bezugspunkt ist dabei die Prototypikalitätsskala nach Köpke (Belebtheit, Betonung, Silbenzahl, Schwa). Anschließend soll untersucht werden, ob sich die theoretischen Annahmen in meiner Untersuchungsgruppe widerspiegeln. Ich möchte VOR ALLEM untersuchen, ob es einen Unterschied zwischen der eigenen Produktivität solcher Sätze und der Akzeptabilität fremder Sätze gibt, denn nicht selten bewertet man gewisse Satzkonstruktionen anderer Sprecher und Schreiber als durchaus richtig, würde jedoch selbst gänzlich andere produzieren. Meine Hypothese ist also (vereinfacht): Die Schüler akzeptieren die starke Maskulinaflexion (z.B. von Bär) weitaus häufiger bei fremden Sprechern/Schreibern, als sie diese in eigener Produktion selbst verwenden würden.

Daher meine Fragen:
- Ich finde leider kaum Literatur dazu, wie Produktionstests und Akzeptabilitätstests durchgeführt werden sollten. Habt ihr da einen Tipp?
- Ist ein Vergleich dieser beiden Testformen überhaupt möglich bzw. sinnvoll?
- Ist das Angedachte mit den Klassenstufen von 8 bis 10 denkbar?

Ich würde mich über Antworten sehr freuen.
Viele Grüße.

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
25.06.2016, 15:22:30
Beitrag #2
RE: Gegenüberstellung eines "Produktionstests" und eines "Akzeptabilitä...
Lieber Oculus,

das trifft sich ja gut: Ich gebe seit mehreren Semestern Einführungskurse ins empirische Arbeiten und just in diesem Semester haben wir im Kollegenkreis sprachliche Zweifelsfälle und dabei auch den Übergang von der starken in die gemischte Flexion bei starken Nomina besprochen.

Bevor ich auf Details eingehe, will ich Dir direkt anraten, vor der Erhebung von Schülerdaten das Einverständnis der Eltern einzuholen. Wenn Eltern hinterher sagen, dass Du nicht die Daten ihrer Kinder verwerten darfst, dann kann das ganz schön problematisch werden, wenn:
a) Du nicht weißt/nicht mehr eruieren kannst, um welches Datenset es sich handelt (z.B. wegen Anonymisierung)
b) andere Eltern das mitbekommen und nachträglich auch die Daten ihrer Kindern nicht zur Verfügung stellen wollen.
Ich gebe das deshalb zu bedenken, da es sich bei Deinen Probanden nicht um Erwachsene handelt, die frei entscheiden können, ob sie an Deiner Erhebung teilnehmen wollen oder nicht.

Nun zu einzelnen Punkten Deiner Idee bzw. Deinen Fragen:
- Vor Deiner Untersuchung solltest Du Dich mit der Methodologie von Fragebögen vertraut machen. Auch wenn Du sie noch nicht ausfindig machen konntest, es gibt mittlerweile eine ganze Menge Literatur dazu:
Bühner, Markus (2011): Einführung in die Test- und Fragebogenkonstruktion. 3. aktualisierte Auflage. München: Pearson Studium.
Moosbrugger, Helfried & Augustin Kelava (2012): Testtheorie und Fragebogenkonstruktion. 2. aktualisierte Auflage. Berlin/Heidelberg: Springer.
Mummendey, Hans Dieter & Ina Grau (2008): Die Fragebogenmethode. 5. überarbeitete und erweiterte Auflage. Göttingen/Bern: Hogrefe.
Raab-Steiner, Elisabeth (2012): Der Fragebogen. 3. aktualisierte und überarbeitete Auflage. Wien: Facultas wuv.

und natürlich einer der Klassiker:

Schütze, Carson (1996): The empirical base of linguistics: Grammaticality judgments and linguistic methodology. University of Chicago Press (seit kurzem auch online als PDF erhältlich: http://langsci-press.org/catalog/book/89)

- Gibt es einen trifftigen Grund, die Testsätze auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten zu lassen? In der genannten Literatur wirst Du andere, gebräuchlichere Skalen finden, z. B. Likert-Skalen (mit fünf oder sieben Stufen). Ich bevorzuge in meinen Fragebögen persönlich nur 'ja' und 'nein'. Residualkategorien nehme ich nicht an, d. h. so etwas wie: weiß nicht/unentschlossen etc. Fanselow & Weskott haben sich mit der Frage auseinander gesetzt, welche Skalierung besser ist: http://weskott.textstrukturen.uni-goetti..._final.pdf

- Nun zur Frage nach der prinzipiellen Möglichkeit bzw. Sinnhaftigkeit des Vergleichs von Produktion und Akzeptabilität. Im gewissen Sinne ist Deine Situation vergleichbar mit dem Bezug von Korpusdaten auf Fragebogendaten. Eine direkte Beziehung gibt es nicht. Die Annahme einer Beziehung zwischen beiden Datensätzen ist selbst hypothesengebunden. Eine Hypothese darüber, wie sich die Daten zueinander verhalten, hast Du schon erstellt. Hier stellt sich mir die Frage, wie Du auf diese Hypothese kommst. In einer Hausarbeit müsstest Du nämlich angeben können, wieso Du diese Hypothese vertrittst. Gibt es dazu Meinungen in der Literatur oder hast Du selbst schon Daten erhoben, auf die Du Dich stützen kannst, etc?

Wenn Du weitere Fragen hast, versuche ich Dir gerne weiter zu helfen.

Mit bestem Gruß
PeterSilie


Hier könnte PeterSilie's Signatur stehen...
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
25.06.2016, 16:41:35
Beitrag #3
RE: Gegenüberstellung eines "Produktionstests" und eines "Akzeptabilitätstests"?
Hallo PeterSilie,

erst einmal vielen Dank für die wirklich umfangreiche Antwort. Ich werde mir deine Literaturtipps zeitnah zu Gemüte führen.

Zu deiner Frage in Bezug auf die Hypothese: Das von mir ausgesuchte Phänomen fällt (nach Bittner) unter den nicht-intendierten, system-initiierten, grammatischen Wandel morphologischer Natur. Die Veränderung findet also im System selbst statt, hat keine außersprachlichen Ursachen und stellt sich durch die Benutzung des sprachlichen Systems in kommunikativen Akten mehr oder minder automatisch ein. Es wird also ein nicht-intentionaler Prozess der Reorganistation in Gang gesetzt. Ich würde also die (vielleicht etwas gewagte?) These aufstellen, dass beim Ablauf dieser Prozesse zuerst die Akzeptanz beim Rezipienten zunimmt und schlussendlich in der eigenen Produktion der Veränderungen mündet. Vielleicht liege ich aber auch ganz falsch damit, deshalb frage ich ja Lächel

Ähnliches habe ich auch im Seminar erlebt. Die Zahl der Studierenden, die "Sie küsste den Prinz" als akzeptabel bewerteten, war höher als jene, die es selbst stark deklinieren würden. Andernfalls könnte man ja auch einfach eine Forschungsfrage und keine Hypothese formulieren. Die Frage wäre also, ob es einen Unterschied in Akzeptanz und eigener Produktion gibt.

Viele Grüße wünscht
das Auge.

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
Antwort schreiben 


Möglicherweise verwandte Themen...
Thema:VerfasserAntworten:Ansichten:Letzter Beitrag
  [Syn] Frage zum Aufbau eines Strukturbaums Seelenkuchenente 1 1.943 23.07.2015 13:12:03
Letzter Beitrag: Kevin
  [Syn] Syntaktische Struktur eines mehrdeutigen Satzes Dadas 14 3.597 16.01.2015 17:47:52
Letzter Beitrag: Kevin
98_exclamation [Sem] Berechnung der Bedeutung eines Satzes Proseminar 1 974 14.01.2015 17:44:16
Letzter Beitrag: kunnukun
  [Syn] Valenz eines Verbs Sf6 6 5.789 12.05.2014 15:10:50
Letzter Beitrag: Willi Wamser
  [Syn] Eilige Bitte: hilfe bei erstellung eines x-bar schemas ichsehrot 8 2.740 10.02.2014 18:05:56
Letzter Beitrag: Anna K.
  Zitieren Eines Buchtitels mit mehreren Titelzusätzen im Text Ruth 3 3.288 20.01.2014 14:00:36
Letzter Beitrag: Doriana
  Frage zur Analyse eines Beispielsatzes (+ Zeigegeste) kunnukun 3 1.774 19.11.2013 12:58:25
Letzter Beitrag: kunnukun
  [Syn] Problem mit dem Verständniss eines Satzes. la sylvie 7 3.399 06.08.2013 18:37:32
Letzter Beitrag: la sylvie
97_question [Term] Name für semantisch zusammenhängende Glieder eines Satzes und zugehörige Grammatik AntonX 1 2.209 05.08.2013 17:05:05
Letzter Beitrag: thf

Gehe zu:


1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste