Metahilfe: Was wir hier (nicht) tun - Informationen zum Thema Fragen und Hilfen im Forum.

Du kennst dich aus? — Prima. Unser Fragenbeantwortungs-Team freut sich immer über engagierte Verstärkung!



1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste
Antwort schreiben 
 » nicht erledigt Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
▶ Generisches Femininum/Maskulinum/Neutrum, Binnen-I, Schrägstrich-/Doppelformen und mehr

06.06.2013, 11:01:04
Beitrag #16
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
ein kleiner Nachtrag zum Thema Überreaktionen: Bei Facebook gibt es jetzt eine Gruppe, die den Rücktritt der Leipziger Uni-Rektoin fordert. Wegen Sprachvergewaltigung.
Link als Beleg, keine Befürwortung impliziert: https://www.facebook.com/FuerdenRuecktri...Schuecking


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
06.06.2013, 19:50:11
Beitrag #17
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(05.06.2013 11:21:33)JPL schrieb:  Genus ist grundsätzlich eine rein grammatische Kategorie, da sich zahlreiche Dinge außer zweigeschlechtliche Lebewesen gar keinem Geschlecht zuordnen lassen.

Genus ist eben nicht grundsätzlich eine grammatische Kategorie (im Deutschen, wohlgemerkt, das meinte ich auch in meinem Post, als ich das das erste Mal erwähnt habe). Dass sich „ich zahlreiche Dinge außer zweigeschlechtliche Lebewesen gar keinem Geschlecht zuordnen lassen“ ist übrigens in meinen Augen ein („so-la-la“) Sexus-Argument und kein Genus-Argument. Aber zurück zu Genus als grammatischer Kategorie.
Man kann diese Fragestellung von verschiedenen Seiten angehen.
Erstmal kann man sich die Einordnung von Genus in verschiedenen Grammatik-Theorie-Richtungen ansehen. Zwei nehme ich hier mal als Beispiel: aus strukturalistischer Sicht ist Genus keine grammatische Kategorie, da es arbiträr vergeben wird. Es herrscht keine paradigmatische Wahlmöglichkeit, das Genus ist dem Lemma im Lexikon inhärent. Das ist in etwa das, was man früher den Kindern in der Schule oder auch L2-Lernern vermittelt hat, wenn man gesagt hat „Das kannst du nur auswendig lernen.“ Aus Sicht der usage-based grammar ist Genus sehr wohl eine grammatische Kategorie, es wird motiviert vergeben – das kann etwa beispielsweise ein Feldgenus sein, bei dem Mitgliedern eines bestimmten Felds, etwa der Obstbezeichnungen, immer das selbe Genus zugewiesen wird mit der Zeit. Wer das jetzt gerade nicht parat hat: Obst ist im Deutschen prinzipiell Feminin, außer dem Apfel und dem Pfirsich. Der Überbegriff „Obst“ an sich ist Neutrum, die Basisbegriffe Feminin (und auch neue Obstsorten werden nach anfänglichen Mehrfachgenus-Phasen, weil sie evtl. in der Ausgangssprache ein anderes Genus haben, eingegliedert: siehe Lychee, Kumquat, Bergamotte, Ugli, Pitahaya, … vgl. etwa Mango, die von der Lautstruktur und von ihrem Ursprungsgenus im Spanischen maskulin sein müsste). Diese Felder lassen sich auch gut bei Appelativa nachweisen, etwa bei Auto- und Städtenamen, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Die Aufgabe des Genus besteht natürlich erstmal in der Kategorisierung. @janwo hatte schon ganz Recht, als er angemerkt hat, dass sich maskuline und neutrale Deklination im Deutschen sehr ähnlich sind. Das liegt daran, dass im Deutschen de facto eigentlich nur nach [+feminin] und [-feminin] klassifiziert wird. Die Tendenz zur Angleichung von den Deklinationsklassen neben der femininen ist etwa seit dem Althochdeutschen beobachtbar, daher kann man auch diese Aussage treffen.
Die Kategorisierung, die man mit Genus vornimmt, ist weitgreifender, als es zunächst anmuten mag und die Motivation, Substantive mit einem Genus zu versehen, ist tiefgreifend:
(a) syntaktische/syntagmatische Notwendigkeit, da man erst durch Genus Eigenschaften auf Positionen im Syntagma abbilden kann um so Referenzen herzustellen (Stichwort Target – Controller)
(b) grammatisch: Flexionsmöglichkeiten werden sortiert und zugeordnet
(c) semantisch: entscheidet zwischen z.B. Individua, Kollektiva, Kontinua, Abstrakta, etc.
(d) pragmatisch: stellt Bezug zum Feld her
Die verschiedenen Aspekte (die noch nicht alle sind) breite ich jetzt mal nicht alle mit aus, das wird dann wirklich tl;dr.
Zugewiesen wird Genus nur bei ca. 20% der Nomina im Deutschen arbiträr/willkürlich vergeben, d.h. dass ihre Genuszuweisung bereits lexikalisiert und damit Teil des Lexikoneintrags geworden ist. Zuweisungsprinzipien kann man dann noch zusätzlich zu dem schon genannten Feldgenus, das je nach Literatur referentiell oder pragmatisch sein kann, in phonologisch (z.B. die Tendenz bei bestimmten Anlautmustern: [kn]- führt fast immer zu Maskulina: Knopf, Knall, Knick oder auch Ablautmustern), morphologisch (etwa bei Letzgliedprinzip, -heit, -keit, -schaft, -ung bilden nur Feminina, etc.) und semantisch (die dem Lexem inhärente Wortbedeutung bestimmt) aufspalten. Schließlich gibt es noch das, was man auch als referentielles Genus bezeichnen kann: dadurch, dass ein Referenzobjekt bekannt ist, kann Genus zugewiesen werden. So etwa bei Gast, Mitglied, etc..
Das Fass kann man noch weiter aufmachen, wenn man noch Belebtheit etc. mit einbezieht, aber das reicht vielleicht erstmal als Denkanstoß. Generell subsummiert sich alles daraufhin, dass Genus eben nur zum Teil eine grammatische Kategorie ist. Anders gesagt: es ist keine absolute grammatische Kategorie. Man kann da jetzt anfangen, den Begriff als zu eng gefasst anzusehen und sich darauf zu einigen, dass es zumindest eine Kategorie ist, ob nun eine grammatische, lexikalische, semantische oder ,Mix-Kategorie', das sei mal dahin gestellt. Zumindest erscheint der Versuch, das absolut abgrenzen zu wollen, nicht sinnvoll.


Vergleiche dafür u.a.:
Corbett, Greville (1991): Gender. Cambridge.
Köpcke, Klaus-Michael & David A. Zubin (2009): Genus. In: Elke Hentschel / Petra M. Vogel: Deutsche Morphologie. Berlin: de Gruyter, 132-154.
Leiss, Elisabeth (2005). Derivation als Grammatikalisierungsbrücke für den Aufbau von Genusdifferenzierung im Deutschen. In: T. Leuschner, T. Mortelmanns and S.D. Groodt, Grammatikalisierung im Deutschen. Berlin, New York: 11-30.Nübling, Damaris und Fabian Fahlbsch (im Erscheinen): Genus unter Kontrolle: Referentielles Genus bei Eigennamen – am Beispiel der Autonamen. Mainz.
Werner, Martina (2010): Substantivierter Infinitv statt Derivation. Ein 'echter' Genuswechsel der Kodierungstechnik innerhalb der deutschen Verbalabstraktbildung. In: Dagmar Bittner & Livio Gaeta (Hrsg.): Kodierungstechniken im Wandel. Das Zusammenspiel von Analytik und Synthese im Gegenwartsdeutschen. Berlin/New York: de Gruyter, 159-178.


(05.06.2013 11:21:33)JPL schrieb:  andere Sprachen kennen durchaus Unterscheidungen wie "belebt/unbelebt", "große DInge/kleine Dinge" oder so abstruse Klassen wie "rote Dinge" oder "Speere".

Unsere Sprache kennt die [+belebt] vs. [-belebt] Unterscheidung auch. Wenn man sich einige Genuszuweisungsprinzipien ansieht, macht es einen großen Unterschied, ob das zu Bennende belebt oder unbelebt ist. Klassen wie „rote Dinge“ etc. sind dabei keineswegs abstrus: andere Länder Sprachen, andere Sitten. Des Linguisten Lieblingsbeispiel ist doch sicher Dyirbal, dessen Kategorienbildung man in Lakoff's Women, Fire, and Dangerous Things nachvollziehen kann und das auch in den Einführungen eigentlich immer genannt wird bei dieser Thematik.

(05.06.2013 11:21:33)JPL schrieb:  in irgendeiner Sprache gehören Elefanten tatsächlich zur Nominalklasse "kleine Dinge" und - meines und wohl auch Guy Deutschers Lieblingsbeispiel - Flugzeuge gelten bei einigen Menschen genusmäßig als eine Art von Gemüse (bzw. als fliegende Kanus, aber Kanus gehören auch zum Gemüsegenus).

In welcher sind die Elefanten denn kleine Dinge? So als Anekdoten-Untermauerung, kann man nächstes Mal neben Lakoff bestimmt gut anbringen.
Das mit den Flugzeugen ist zumindest fürs Deutsche so nicht belegt. Dort ist die Motivierung, Flugzeuge mit femininem Genus zu bezeichnen noch nicht hinreichend überprüft, genau wie etwa bei Motorrädern oder Schiffen.


Math puns are the first sine of madness.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
07.06.2013, 12:27:48
Beitrag #18
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Beat me there, auf diesem Niveau kann ich als grammatischer Laie nicht mithalten Rolleyes

Was ich mit meiner wissenschaftlich missverständlichen Aussage meinte, ist, dass das Genus - also geschlechtliche Unterscheidung als Nominalkategorie - m.E. rein sprachlich-kulturell bedingt ist und jedenfalls kaum was mit der Realität (Sexus) zu tun hat; Kühlschränke und Straßen haben biologisch kein Geschlecht und selbst in der Biologie ist die Geschlechtszuweisung keineswegs so eindeutig, wie wir uns das gerne vorstellen (haben Putzerfische, die ihr Geschlecht wechseln können, in diesem Sinne ein zuweisbares Geschlecht? Zählen männliche Anglerfische, die bei der Paarung mit dem Weibchen verschmelzen, überhaupt als eigenständiges geschlechtliches Lebewesen? usw. usf.) Und dass die Gensuzuweisung bestimmten Prinzipien folgt, ändert nichts daran, dass sie bei unbelebten Objekten in jedem Fall semantisch "unsinnig" ist. Dass das Genus an die zweifelhafte Kategorie Sexus gekoppelt ist, bringt m.E. die Probleme mit sich und daher ja auch der Begriff gender - um auf die ursprüngliche Debatte zurückzukommen - der die Geschlechtervorstellungen dann ja explizit als soziales Konstrukt begreift (ich verweise nochmals auf meinen zweiten Stefanowitsch-link zu diesem Thema).
"Abstrus" hätte ich natürlich in Anführungszeichen setzen sollen, war augenzwinkernd gemeint - meine Meinung ist ja eher, dass es ziemlich abstrus ist, Dinge geschlechztlich zu benennen. Und überhaupt, dass das alles ziemlich willkürlich bzw. kulturell bedingt ist - anderswo ist die Geschlechtervorstellung bekanntermaßen noch weniger am biologischen Geschlecht ausgerichtet, da es dort mehr als zwei Geschlechter gibt.

"Frauen, Feuer und gefährliche Dinge" ist natürlich eine schöne Kategorie, aber das Gemüseflugzeug ist doch auch ein nettes (und mal ein neues) Beispiel. Den kleinen Elefanten schau ich gerne nochmal nach. Ansonsten schonmal danke für die interessanten Ausführungen.

@janwo: Ich würde gar nicht mal Überreaktion sagen sondern künstliche Aufregung, weil total politisch motiviert: Das Spektrum der Unterstützer dieser Seite reicht genau von Schüler-Union bis RCDS (und anhand der Kommentare dort scheue ich mich nicht, die Teilnehmer als dumme Chauvinstenschweine zu deklarieren).
Das zeigt übrigens ein weiteres Problem an der Debatte, dass das Ganze nämlich auch ideologisch-politisch zugeordnet werden kann und man mit solchen Aussagen dann auch gleich in die linke Ökofeminist*innen-Gutmenschen-Ecke gestellt wird - genauso wie umgekehrt in die reaktionär-chauvinistische. Sinnvolle Diskussionen sind auf diesem Niveau natürlich kaum möglich, wie diese Facebook-Gruppe beispielsweise mit dem Vorschlag, der guten Frau ein Buch auf den Schädel zu knallen, um sie zur Vernunft zu bringen zeigt. *facepalm


Hallo, ich bin JPL und seit 04.06.2013 10:20 hier angemeldet.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
08.06.2013, 10:55:44
Beitrag #19
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Eine "nette" Reaktion von Herrn Professorin Simon: http://www.tagesspiegel.de/wissen/generi...10626.html

Seine Meinung darf er ja ruhig haben. Was ich ihm aber übel nehme, ist dies:
Horst Simon schrieb:So haben die Aborigines in Australien ein gemeinsames Genus für Feuer, Frauen und gefährliche Tiere, ein anderes für Männer, Schnecken und Speisefische.
Die Aborigines?! Motzrot Das ist fachlich und politisch ungefähr so korrekt und präzise wie die behauptung, "die Europäer" hätten alle ein frauenfeindliches Genussystem. Wenn ich richtig fies sein wollte, würde ich Herrn Simon für diesen Spruch unterstellen, er zeige damit kolonialistisch-rassistische Ignoranz.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
08.06.2013, 18:45:17
Beitrag #20
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(08.06.2013 10:55:44)janwo schrieb:  
Horst Simon schrieb:So haben die Aborigines in Australien ein gemeinsames Genus für Feuer, Frauen und gefährliche Tiere, ein anderes für Männer, Schnecken und Speisefische.
Die Aborigines?! Motzrot Das ist fachlich und politisch ungefähr so korrekt und präzise wie die behauptung, "die Europäer" hätten alle ein frauenfeindliches Genussystem.

Manchmal ... Die armen Aborigines, wenn es von ihnen nur noch ~ sechs gibt. Präzise ist da wirklich nichts dran.

Aber das ganze Interview kratzt doch an vielen Stellen nur sehr leicht an der Oberfläche der Dinge. Die Antworten sind in meinen Augen doch recht schwach an einigen Stellen, abgesehen von dort.


Math puns are the first sine of madness.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
09.06.2013, 15:18:32
Beitrag #21
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Das hier ist zu gut, um es nicht auch noch einzuwerfen. Einer der wenigen Wissenschaftler mit eigenen Erfahrungen in beiden Geschlechtern: http://med.stanford.edu/news_releases/20...arres.html

Interessant übrigens, dass das Berufsbezeichnungs-Geschlechter-Klischee auch im Englischen zu funktionieren scheint — einer Sprache, die bestenfalls noch minimale Rudimente eines Genussystems in den pronomina der 3.Sg. besitzt. Könnte es gar sein, dass das Rollenklischee gar nicht so zwingend vom grammatischen Geschlecht eines Wortes beeinflusst wird?!


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
10.06.2013, 10:09:50
Beitrag #22
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Bei der ganzen Debatte fällt mir ein: Wir sollten wieder zur Anrede Frollein zurückkehren, wenn wir im Restaurant die Aufmerksamkeit der Servierkräfte auf uns lenken wollen. Dieses Frollein sollten wir dann auch generisch verwenden, sowohl als Anrede für Kellnerinnen als auch für Kellner! Dass man männliche Servierkräfte häufig als Ober anspricht, weibliche aber nie, ist ohnehin weder sachlich angemessen noch politisch korrekt, weil es unterstellt, nur Männer könnten in diesem Beruf eine Führungsposition einnehmen.

Der Begriff Oberin als generische Bezeichnung für männliche wie weibliche Servierkräfte ist ja nun leider schon anderweitig besetzt; ausgerechnet mit der Bedeutung Führungsperson aus dem monastischen Bereich, dem Inbegriff der Züchtigkeit, um nicht zu sagen: der Zuchtmeisterin in Sachen Keuschheit , Ar- und Demut, dem krassen Gegenteil eines männlichen oder weiblichen Frolleins also, das sich in der Gastronomie verdingt, indem es sich Fresssäckinnen und Trunkenboldinnen andient.

Der Begriff Bedienung taugt als Anrede ja auch nicht, weil es den oder die Angesprochene durch Abstellen auf einen rein funktionalen Aspekt gewissermaßen zu einer Serviermaschine degradiert.
vgl.: http://forum.wordreference.com/showthrea...st12847075

Ich spreche mich daher klar für die Wiedereinführung der Anrede Frollein im Bezug auf Gastronomie-Angestellte mit Gastkontakt aus. Bei Stellenausschreibungen kann übrigens der Begriff Kaltmamsell in Zukunft auch wieder ohne den Zusatz m/w verwendet werden: Dass es sich hier um einen generischen Begriff handelt, versteht sich ja von selbst und emanzipierte Männer haben sich durch diese Bezeichnung sowieso noch nie von ihrem Berufswunsch Kaltmamsell abbringen lassen.


Ich bin ein Star Cool; holt mich hier raus!
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
10.06.2013, 11:31:28
Beitrag #23
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Frau Oberin, zahlen, bitte! Rolleyes

Hier mal eine Vortragsempfehlung zum Thema für alle, die sich eventuell in der Nähe von Münster befinden:

Gastvortrag von Prof. Dr. Damaris Nübling "Referentielles versus pragmatisches Genus. Zur Genus(un)festigkeit bei Eigennamen"

Abstract
Die Genuszuweisung bei Eigenamen war in der Genusforschung lange kein Thema. Sie gilt als einfach und uninteressant. Man vermutet allgemein, dass der appellativische Oberbegriff das Genus zuweist, wie dies bspw. für Versicherungen (f.) auch der Fall ist: die Mobiliar, die Hannoversche Leben, die Extremus. Der Vortrag soll zeigen, dass dies nicht immer gilt. So sind Städtenamen immer Neutra (das mittelalterliche Freiburg), obwohl Stadt ein Femininum ist. Die Herkunft dieses Genus ist bis heute ungeklärt, zumal Städtenamen früher tatsächlich Feminina waren, ihr Genus aber gewechselt haben. Es soll die These vertreten werden, dass das onymische Genus, das bei Eigennamen, die unbelebte Objekte bezeichnen, referentiell zugewiesen wird, umso fester ist, je homogener und konturierter (evt. auch je älter) die benannte Objektklasse ist. So sind Versicherungs-, Unternehmens-, Wüsten-, Städte- und Ländernamen absolut genusfest, nicht jedoch Fluss-, Berg-, Gasthaus- und Straßennamen. Für die Personennamen gilt i.a. eine feste Sexus/Genus-Koppelung (der Schröder, die Schröder). Viele deutsche Dialekte und das Luxemburgische weisen jedoch weiblichen (nichtdiminuierten) Rufnamen wie Sabine auch neutrales Genus zu: das Sabine – es. Hier wirken pragmatische Faktoren, d.h. die soziale und emotionale Beziehung des Sprechers zur Benannten. Das bedeutet, dass ein und dieselbe weibliche Person mal feminin, mal neutral klassifiziert werden kann, je nachdem, wer auf sie referiert. Auch dieser (bislang übersehenen) Genusunfestigkeit bzw. Genuswahlmöglichkeit soll in dem Vortrag nachgegangen werden.

Mittwoch, 12.06.2013, 10-12 Uhr c.t., im Leesesaal der Germanistischen Bibliothek, Schlossplatz 34


Math puns are the first sine of madness.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
10.06.2013, 14:12:40
Beitrag #24
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(10.06.2013 10:09:50)Gernot Back schrieb:  Bei der ganzen Debatte fällt mir ein: Wir sollten wieder zur Anrede Frollein zurückkehren, wenn wir im Restaurant die Aufmerksamkeit der Servierkräfte auf uns lenken wollen. Dieses Frollein sollten wir dann auch generisch verwenden, sowohl als Anrede für Kellnerinnen als auch für Kellner!

Das Wort ist noch dazu neutralen grammatischen Geschlechts. Das ist ideal!



@A.S. erklärt Spiegel Online den Sinnn der Leipziger Aktion: http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderb...04777.html


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
06.07.2013, 09:11:22
Beitrag #25
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Neues Futter: http://www.spiegel.de/unispiegel/studium...09530.html
Schön dazu besonders, wie unterschiedlich sich die offizielle Stellungnahme der Uni anhört: http://www.uni-potsdam.de/pm/news/up/dat...3-107.html


Math puns are the first sine of madness.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
08.07.2013, 10:43:11
Beitrag #26
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Und weil wir gerade dabei sind: Die NZZ titelt «Sprache ist Gewöhnungssache»
Die Sprachwissenschafterin Luise F. Pusch erklärt, warum es den Sprachfeminismus braucht.


http://www.nzz.ch/wissen/bildung/intervi...1.18112625


... aber das gibt's ja nicht nur im Deutschen: http://www.michiganradio.org/post/marked...r-equality


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
08.07.2013, 11:28:19
Beitrag #27
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(08.07.2013 10:43:11)janwo schrieb:  Und weil wir gerade dabei sind: Die NZZ titelt «Sprache ist Gewöhnungssache»
Die Sprachwissenschafterin Luise F. Pusch erklärt, warum es den Sprachfeminismus braucht.


http://www.nzz.ch/wissen/bildung/intervi...1.18112625

Luise Pusch schrieb:Für mich ist Luise die Grundform und Luis die Schwundform. Diese bekömmlichere Interpretation lässt sich übrigens auf die meisten Feminina anwenden.
Wenn das so ist, dann sind Bräutigam, Witwer, Ganter /Gänserich, etc. wohl auch jeweils Grundformen; Braut, Witwe und Gans die entsprechenden Schwundformen?
Abenteuerlich!

Anne Curzan schrieb:However, as Curzan explains, history has had a pejoration of the marked word due to sexism in the past.

http://www.michiganradio.org/post/marked...r-equality
Das kann ich an den genannten Beispielen außer am Ganter, der keine Eier legt und damit als Nutztier für die Menschin(nen) weniger Nutzen hat als seine Kollegin, auch nicht nachvollziehen.


Ich bin ein Star Cool; holt mich hier raus!
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
09.07.2013, 10:20:04
Beitrag #28
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Und noch einmal die NZZ: „Sprache gehört nicht dem Staat“ von Claudia Wirz

http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/spr...1.18113184


Fazit:
Claudia Wirz schrieb:Sprache ist ein Herrschaftsinstrument. Wer über sie herrscht, hat in einem gewissen Sinn auch Einfluss auf die Gedanken der Menschen. Und genau deshalb widerspricht eine von oben diktierte Regulierung der Sprache dem demokratischen Geist. Die Sprache gehört nicht dem Staat, sie gehört allen. Etwas mehr ziviler Ungehorsam gegenüber den gröbsten Auswüchsen des amtlichen Tugenddiktats könnte nicht schaden. Das kann man von den Feministinnen der ersten Stunde lernen.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
14.07.2013, 23:24:55
Beitrag #29
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
LioKat, ich schulde dir noch einen Elefanten!
Nachrecherche ergab, dass ich das Beispiel unrichtig (aber nicht komplett falsch) im Kopf hatte: Im Supyire (eine Niger-Kongo-Sprache in Mali) umfasst das Genus "große Dinge" alle großen Tiere außer den Elefanten - diese bekommen das Genus für Menschen zugewiesen. Immer noch ein spaßiger Ausreißer. Das Gemüse-Flugzeug stammt aus dem Gurrgoni / Guragone, einer australischen Sprache.
Beide Beispiele aus: Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht, C.H. Beck, München 2010, S. 232f.


Hallo, ich bin JPL und seit 04.06.2013 10:20 hier angemeldet.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
14.07.2013, 23:36:18
Beitrag #30
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Whoa, also was mir an dem Unispiegel-Text als erstes aufstößt, ist die Überschrift; Mittels Wortspiel gleich die politische Forderung des Autors in die Überschrift packen, das schafft nicht jeder. Chapeau, Kollege. ich habe allerdings beim ersten lesen die ganze zeit auf die Stelle gewartet, auf die sich die Überschrift bezieht, nämlich dass jetzt die Ablösung der/des Präsidentin diskutiert wird...


Hallo, ich bin JPL und seit 04.06.2013 10:20 hier angemeldet.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
Antwort schreiben 


Möglicherweise verwandte Themen...
Thema:VerfasserAntworten:Ansichten:Letzter Beitrag
  [Pragma] Grice - Levinson - Horn: Warum das Ganze? franese 2 537 24.09.2016 12:24:40
Letzter Beitrag: Elorie
  Niederdeutsches Genus im Sprachkontakt zu Deutsch Kevin 3 1.696 14.10.2015 13:13:32
Letzter Beitrag: Kevin
  Indexing Gender Pustekuchen246 3 1.941 13.12.2014 11:44:50
Letzter Beitrag: Ρhantom
87_smile [Theor] Fragen zum Genus fares87 4 2.368 04.11.2012 15:33:13
Letzter Beitrag: LeaRebecca
  Gender vs. Noun Class (Quelle gesucht) Vortarulo 2 1.554 17.06.2012 16:59:30
Letzter Beitrag: Sebastian
  [Var] Gender, Sex and Language Suicideschnitzel 11 6.818 28.09.2011 20:53:18
Letzter Beitrag: janwo
  Bestimmung des Genus charli 3 3.669 03.06.2011 11:43:31
Letzter Beitrag: janwo

Gehe zu:


1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste