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 » nicht erledigt Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
▶ Generisches Femininum/Maskulinum/Neutrum, Binnen-I, Schrägstrich-/Doppelformen und mehr

08.07.2015, 14:20:50
Beitrag #46
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Das Thema ist ja zurzeit mit einem schlimmen Makel behaftet: Wer Ansprüche an politischer Korrektheit in kritischer Weise bemängelt, setzt sich dem Verdacht aus, 'rechts' oder 'populistisch' zu sein - beides Ausdrücke, die in den letzten Jahren wohl auch eine Veränderung ihrer Verwendungsweisen durchgemacht haben. (Dass "Populismus" inzwischen ein politologischer Terminus geworden zu sein scheint, ist für mich befremdend.)

Ich habe Ende der Achtzigerjahre jene Politszene von innen kennen gelernt, in der sicher die historischen Wurzeln dieses Korrektheitstheaters auszumachen sind: Z.B. erlebte ich einen Ortsverbandsbeschluss einer Partei, nach dem die Verwendung von "man" in Sitzungen mit 50 Pfennig Strafe belegt wurde.
Ein entsprechender 'Geist' wurde meines Erachtens insbesondere in der 'Erziehungswissenschaft' gepflegt (wo sonst? Es geht ja um Erziehung), und in der Tat ist die Pädagogenzunft heute am meisten davon geprägt. Das betrifft aber wahrscheinlich nicht nur Geschlecht (O Gott! Gibt's das?) und 'ras...', äh 'biolog', äh nicht angemalte Farbe des Körpers o.ä., sondern Sprache überhaupt! Offenbar ist außerhalb der Gruppe der linguistisch-pragmatisch einigermaßen Bewanderten kaum ein Wissen darüber vorhanden, dass zwischen der Äußerung einer Phonemfolge und der Verwirklichung eines Sprechakttyps ein großer Unterschied besteht. Und nun Vorsicht: "Den bringe ich um!" - sowas äußere ich oft - kann zu einem Tatvorwurf führen!
§ 126
Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten
Mir wurden kürzlich meine PC's beschlagnahmt, weil ich - in Kontexten, in denen der Sinn sicher klar war, und nicht gegenüber Schülern, sondern Sozialarbeitern u.dgl. - darüber sinnierte (jedenfalls den von mir geäußerten Phonemfolgen nach), wie ein Amoklauf durchzuführen wäre. Vorsicht Erzieher!


Übrigens: Die Eingruppierung als 'natürliche Art' steht mehr oder weniger in Frage. Es war ja eine Idee von Putnam und Kripke, das Fallen unter einen Natürliche-Art-Begriff jeweils daran zu binden, dass in 'sprachlicher Arbeitsteilung' zwischen Experten und Nichtexperten eine Mikrostruktur o.ä. angenommen wird, z.B. H2O für Wasser. Sicher ist das für Geschlechter ein bisschen komplizierter. Aber dann geht's öffentlich gleich in die Extreme -> dazu siehe zum Beispiel Paul A. Boghossian "What is social construction?" (online verfügbar) Man soll korrekt sein, und dann ist wieder nichts korrekt. Ich bin eine Giraffe.

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09.07.2015, 22:48:10
Beitrag #47
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Sorry für meine Hasstiraden, die hier nicht ganz hingehören - aber es ging ja um Sprachnormierungsversuche, und das gehört doch wieder hierhin. Und wenn ich dahinter Ideologien sehe, ...
Es gibt zu der Sache Leute, die ich nie rezipiert habe, und das genau in dem Kontext diskutieren, als zu dem gehörig mir die Diskussion seit einiger Zeit vorschwebt: dem semantischen Kontext "natürliche Arten", wo Putnam mit "The Meaning of Meaning" und Kripke mit "Meaning and Necessity" in den Siebzigern etwa zeitgleich in etwa die gleiche Theorie entwickelten: Was (Beispiel) unter "Wasser" fällt, wird von kompetenten Sprechern von einer Mikrostruktur abhängig gemacht, die der Sprecher jeweils nicht zu kennen braucht; daher die Rede von "Externalismus" und: "Die Bedeutungen sind nicht im Kopf". Nun stellt sich genau in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob Wörter wie "weiblich" auf ähnliche Weise bestimmte Extensionen haben. Noch deutlicher wohl bei "Rasse". Neuere einschlägige Literatur dazu stammt von Sally Haslanger. Dazu E. Diaz-Leon ("Social Kinds, Conceptual Analysis, and the Operative Concept: A Reply to Haslanger"):
"Sally Haslanger (2006) is concerned with the debate between social constructionists and error theorists about a given category, such as race or gender. For example, social constructionists about race claim that the term 'race' refers to a social kind, whereas error theorists claim that the term 'race' is an empty term, that is, nothing belongs to this category. It seems that this debate depends in part on the meaning of the corresponding expression, and this, according to some theorists, depends in turn on our intuitions as competent speakers. But then, what should we say if competent users of the expressions 'race' and 'gender' understand the terms so that being a natural or biological property is a necessary condition in order to fall under the term?"
Ich sehe: Semantiker gehen viel systematischer mit Gender und Sex um als Judith Butler und deren Anhänger. Von solchen Diskussionen hängt schließlich ab, worin semantische Korrektheit jeweils bestehen könnte - unabhängig davon, dass in gewissen Milieus nicht angekommen ist, dass semantische Korrektheit eher in der Wissenschaft von Interesse ist als im Alltag.

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09.07.2015, 23:50:22
Beitrag #48
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Bitte nicht aufhören. Ich bim ja froh, dass ich mit meiner Fassungslosigkeit nicht alleine bin.


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10.07.2015, 08:31:53
Beitrag #49
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(09.07.2015 23:50:22)janwo schrieb:  Bitte nicht aufhören. Ich bin ja froh, dass ich mit meiner Fassungslosigkeit nicht alleine bin.
Meinetwegen gern. Dann führt das wohl dazu, dass ich über gewisse Milieus herziehe.
Vielleicht wäre es Undecided wissenschaftlicher Undecided Studien zu präsentieren (das kann ich nicht), die untersuchen, dass es Milieus gibt, für die einerseits ein Wunsch nach semantischer Korrektheit im Alltag (!) typisch ist und die andererseits typischerweise bestimmten Wörtern, für die der Status als 'natural Kind term' umstritten ist, 'sozial konstruierte' Bedeutungen zuweisen, und zwar so, dass man sich fragen muss, ob man mit diesen Wörtern überhaupt korrekt (semantisch) umgehen kann. .... Ich werde mich erst mal mit Haslanger usw. befassen. Die Popularität Butlers ist ja ein Problem für sich.

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22.07.2015, 10:31:01
Beitrag #50
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Bevor ich hoffentlich wieder wissenschaftlicher werde,
ein kleiner Hinweis auf ein Opfer des Korrektheitswahns (ich denke, den gibt’s) - ein Linguist (oder Germanist?) als Opfer:
After a mere 15-1/2 months in maximum-security cells, medium-security prisons, minimum-security prison labor camps and a halfway house, I have been rehabilitated and become a clean-spoken, law-abiding, justice-respecting model citizen.
http://aman.members.sonic.net/j-accuse.html

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30.07.2015, 17:26:03
Beitrag #51
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Nun liefere ich mal einen Einblick in Sally Haslangers jüngeren Ansatz zur Bedeutung von „race“ (nach Sally Haslanger „Language, Politics and ‚The Folk‘: Looking for ‚The Meaning‘ of ‚Race‘“ in The Monist Vol. 93, no. 2, 169-187) :
Die semantische Theorie nach Putnam-Kripke (differenziere ich mal nicht) beinhaltet als ‚Neodeskripivismus‘ (im Unterschied zu einem Fregeschen Deskriptivismus) eine von den Sprechern einer Sprachgemeinschaft geteilte ‚Folk-Theory‘, die nicht explizit ist und Kommunikation ermöglicht. Z.B. kann man über Wasser reden, ohne etwas von der Molekülstruktur von Wasser zu wissen. Zudem beinhaltet sie, dass die ‚Essenz‘ davon abhängt, wie das Bezeichnete in Wirklichkeit ist (z.B. bzgl. „Wasser“, die H2O-Struktur zu haben).
Quines bekannte Zurückweisung von Analytizität (Analytizität wie in „Alle Junggesellen sind unverheiratet“) und sein Holismus legen stattdessen nahe, dass sich Wortbedeutungen in Abhängigkeit von Weltwissen ändern. Schönes Beispiel: Durch Galilei hat sich die Bedeutung von „Erde“ geändert.
Haslanger empfiehlt statt des neodeskriptivistischen Ansatzes u.a. Bigelow und Schroeter (2009, „Jackson’s Classical Model of Meaning“). Nach diesen Autoren muss eine Bedeutungstheorie mit einer Anpassung von Bedeutung an Weltwissen vereinbar sein. Die Rede ist von ‚rationaler Improvisation‘ – ziemlich gleichnishaft wird die Sache mit einem Unterschied zwischen Jazz und klassischer Musik verglichen: „‘rational improvisation‘ in light of what she knows about the world and her past practice in using the term“ (Haslanger S. 178).
Dabei betont Haslanger folgenden Unterschied zu ‚deskriptivistischen‘ Bedeutungstheorien: Man ziele nicht auf eine Analyse des Konzepts „Rasse“ ab. „The question is […] whose rational improvisation is the best extension of our past practice“ (Haslanger S. 181).

Etwas boshaft vielleicht drücke ich nun aus, was mich daran interessiert: Kann man so rechtfertigen, dass das Wasser in einem Glas kein Wasser ist, wenn es angibt, sich nicht als Wasser zu empfinden (das betrifft nur einen Teil der politischen Gender- bzw. ´'Rasse'-Diskussion (wobei ich zwischen der Tragweite bzgl. Gender und 'Rasse' noch einen großen Unterschied sehe). Und: Hat die Selbsteinschätzung des Wassers einen Einfluss darauf, ob es Wasser ist? Inwiefern ist die Zugehörigkeit zu den Kategorien "männlich" und "weiblich" vergleichbar?

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30.07.2015, 18:27:00
Beitrag #52
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Und was ist, wenn die neodeskriptive Sprechergemeinschaft unterschiedliche Auffassungen darüber hat, was nun Wasser ist und was nicht?


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30.07.2015, 20:29:36
Beitrag #53
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(30.07.2015 18:27:00)janwo schrieb:  Und was ist, wenn die neodeskriptive Sprechergemeinschaft unterschiedliche Auffassungen darüber hat, was nun Wasser ist und was nicht?
Die Folk Theory besagt u.a., dass die Sprecher in der Community darin übereinstimmen. Wohlgemerkt: Es geht um Merkmale, über die Einigkeit besteht. Was "Wasser" betrifft, kommen dafür (Putnams alte Beispiele), bei bestimmter Temperatur und bestimmtem Druck flüssig zu sein, farblos zu sein, u.a. in Frage. Die Eigenschaften, die nicht Gegenstand allgemeinen Wissens in der Community sind, sind solch theoretische Eigenschaften wie Molekülstruktur. Dass Wasser auch solche Eigenschaften hat, nimmt man auch in der Community an; aber herauszufinden, welche es sind, betrachtet man in der Community als Expertensache.
Das, meine ich, ist plausibel. Man kann ja überhaupt nur über Wasser miteinander reden, wenn man Kriterien für Wassersein gemeinsam hat. Interessant ist, wie Communitywissen (sprachliches Wissen) und Expertenwissen (Weltwissen) zueinander in Beziehung stehen. Galilei hat vielleicht dazu beigetragen, dass sich das Communitywissen über die Erde und insofern die Bedeutung von "Erde" veränderte - indem er neues Weltwissen über die Erde erwarb und bekannt machte.
Man könnte allerdings die Ansicht vertreten, dass Flachsein oder Rundsein nie zur Bedeutung von "Erde" gehörten, sondern das sprachliche Wissen zum Wort "Erde" eher etwas mit unserer Erfahrung dessen, worauf wir stehen, und, wie es ist, darauf zu stehen, zu tun hat.

So, und Haslanger macht, was Butler aus Beauvoirs "Frau ist man nicht, sondern Frau wird man" machte, nun für die Semantik interessant, indem sie bestreitet, dass <Frau> eine natürliche Art ist.
Ich glaube, dass sie übertreibt. Aber ich überlege noch und lese mich noch weiter ein ...

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31.07.2015, 16:11:07
Beitrag #54
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Ich bin ziemlich entsetzt, denn geht es nicht um die Etablierung einer akademischen Disziplin (Gender Studies), die nicht bloß beansprucht, ein Stück Sozialwissenschaft zu sein? "My priority in this inquiry is not to capture what we do mean, but how we might usefully revise what we mean for certain theoretical and political purposes." (Haslanger, "Gender and Race: (What) Are They? (What) Do We Want Them To Be?" In: Nous 34: 1 (2000): 31-55.)

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06.08.2015, 12:23:45
Beitrag #55
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Womit ich zugegebnermaßen weiterhin große Probleme habe ist folgendes: Ich finde, jegliches Manipulieren der sprachlichen Ausdrucksformen, ob nun durch Binnen-I, generisches Femininum oder X-e, ist nur ein eifriges Herumdoktern an Symptomen. Das mag zwar mitunter auch Wirkungen entfalten, wie das bei Schmerztabletten auch ist, aber es bekämpft nicht die Ursachen des Problems (welches ich als Solches nicht in Frage stelle, genauso wenig wie die Notwendigkeit, es zu bekämpfen).
Ist das nur mein Eindruck, oder gibt es da wirklich Verfechtsuffixeurerwahl, die glauben, dass diese Sprachregelungen zur Lösung des zugrundeliegenden Problems beitragen? Wie soll das denn gehen? Die Idee, dass durch Sprachregelung Ideologien geändert werden (können), erinnert mich sehr an Orwell und Neusprech und vielleicht ein Bisschen an missverstandene Sapir-Whorf.
Abgesehen davon, ob Symptom-statt-Ursache-Behandlungen sinnvoll sind stellt sich noch das Problem, dass die meisten Sprachteilhaber sich gegen Sprachvorschriften sträuzben. Das merken wir ja auch daran, wie viele auf z.B. die Rechtschreibreform(en), Anglizismen im Duden o.ä. reagieren. Ist das nicht kontraproduktiv, hier mit Sprachvorschriften eine Gesinnungsändeung herbeiführen zu wollen, welche für einen erfolgreichen Sprachwandel eher die Voraussetzung wäre?


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06.08.2015, 14:53:00
Beitrag #56
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Sicherlich gibt es ein tieferliegendes Problem bei der ganzen Sache. Aber es ist ja nicht gesagt, dass nicht auch an der anderen Front gekämpft wird. Aber selbst wenn das Problem gelöst werden würde, müssten Möglichkeiten geschaffen werden, wie man Sprache unsexistischer machen kann. Ich denke, dass dies in diesen Fällen nicht von alleine kommt, sondern dass man sich über Lösungen verständigen muss, wie das Binnen-I etc. Natürlich ist der verblendet, der denkt, damit sei das Problem gelöst. Aber es wäre ebenso unsinnig, das ganze Dilemma von nur einer Seite aus anzupacken.
Vorschriften und Gesetzesänderungen sind immer auch Anstöße und Inspiration zur Initiative. Sie nehmen den Leuten nicht das Denken ab, aber nehmen dennoch positiven Einfluss. Viele Bürgerrechtsbewegungen und die damit einhergehenden Gesetzesänderungen wurden auch nicht erst dann durchgeführt, nachdem 100% der Bevölkerung einen Sinneswandel durchgemacht hat. Oftmals ist eine Gesetzesänderung der erste Schritt zur Behandlung eines solchen Problems. Deswegen finde ich es auch hier gar nicht verwerflich, dass der Schritt über Sprachvorschriften dem eigentlichen Erkenntnisschritt in der breiten Bevölkerung vorausgeht. Die meisten werden erst zum kritischen Denken gebracht, wenn sie merken, dass selbst die Gesetzgebung schon weiter ist. Als das Frauenwahlrecht noch nicht eingeführt war, konnten sich genug Menschen darauf berufen, dass ja selbst die Gesetzgebung ihnen noch recht gibt.
Wenn sich frau durch bestimmte Merkmale der Sprache diskriminiert fühlt, ist daran gelegen, dies zu ändern, selbst wenn das Grundproblem dadurch noch nicht gelöst ist, aber das sind für mich zwei Dinge, die ebenso gut unabhängig voneinander betrachtet werden können.
Parallel findet sich sowas doch auch bei Dingen wie der Frauenquote in Aufsichtsräten, die ich völlig angebracht und wichtig finde. Ohne klappt es ja anscheinend nicht, also muss irgendwie durch andere Mittel das Bewusstsein für so etwas angeregt werden.
Wenn sich Sinti und Roma durch "Zigeunerschitzel" diskriminiert fühlen, dann kann man nicht erst abwarten, bis alle Menschen von alleine soweit sind, dass dies kein passender Begriff mehr ist. Stattdessen kann man initiatorisch durch Sprachvorschriften positiv auf diesen Prozess Einfluss nehmen. Sicherlich echauffieren sich massig Leute über solche "unsinnigen" Vorschriften, aber ist das ganze Thema nicht erst dadurch öffentlich diskutiert worden und viel bewusster geworden? Durch Vorschriften wie "'Zigeuner-' ist nicht gut" merkt bürger doch erst weitaus deutlicher, dass dies vielleicht wirklich so sein könnte.
Um es ganz plakativ zu sagen, erlauben wir ja auch nicht jedem Mobber zu mobben, solange nicht das allgemeine Mobbertum aus den Köpfen verschwunden ist.
"Symptom" und "Krankheit" sind zwei Aspekte einer Sache, die zwar einher gehen, aber ebenso unabhängig behandelt werden können und sollten.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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06.08.2015, 16:40:41
Beitrag #57
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Meines Erachtens ist nicht klar, was mit Sprachnormierungen überhaupt geändert werden sollte - man müsste hier die Sprachwissenschaft verlassen und feministische Argumentationen diskutieren.
Daher habe ich zuletzt versucht (und bin ich noch dabei), mir einen Überblick zu verschaffen, indem ich in der Stanford Encyclopedia die Einträge über 'Analytischen Feminismus' und 'feministische Ethik' erst einmal überflog. Ich bezweifle jedenfalls, dass geklärt ist, was genau verändert werden sollte. Beispielsweise muss man unterscheiden zwischen Ungleichheit zum einen (die besteht schon körperlich) und Ungerechtigkeit zum anderen. Wenn man das nicht unterscheidet, läuft man z.B. Gefahr, Ungleichheiten beseitigen zu wollen und nicht nur, wie sie sich unter best. Bedingungen ungerecht auswirken.
In der Sprache wird wohl eine Auffassung, nach der z.B. "Freunde" i.U.z. "Freundinnen" unmarkiert ist oder gemäß einer Konvention unmarkiert verwendet werden kann, kritisiert. Daher ist es jetzt in wiss. Publikationen nahezu üblich, weibliche Formen für Beispiele zu wählen. Man kann das vielleicht so beschreiben: Dann wird die weibliche Form unmarkiert verwendet. Und es wird wohl als ungerecht empfunden, die männliche Form häufiger als die weibliche Form unmarkiert zu verwenden. Meinetwegen diskutiere man das. Aber die Frage, inwiefern schon Ungleichheit als ungerecht empfunden wird, stellt sich im Detail immer wieder; und da befürchte ich schlimme Folgen in der Praxis - salopp gesagt: weil wir zu wenig wissen über 'die Natur' und Eingriffe in sie.

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13.08.2015, 20:24:05
Beitrag #58
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Ich habe heute etwas gelesen, das mich erst verblüfft hat, dann zum Nachdenken angeregt hat. Endlich ist mir klar, wo der Haken an der ganzen Angelegenheit mit den Stereotypen ist:

Zitat:In one class in high school we were given a list of jobs and told to check off whether they thought of a man or woman as more likely to do them. It was apparently to make some sort of point about gender roles but asking children to stereotype and go as far as overruling the choice of “either” and questioning the choices of people who chose non-stereotypical options is just awful and backwards. What a pointless exercise in an equally pointless class
Quelle: http://valerie-an.tumblr.com/post/126564...ven-a-list


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24.08.2015, 16:27:54
Beitrag #59
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
[komplett neu gemachter Beitrag]

„hart aber fair“-Löschung Der WDR setzt auf Zensur
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/me...64991.html

Zitat:Der 2. März 2015 ist ein Datum für die deutsche Rundfunkgeschichte. Denn am Abend dieses Tages lief im ersten Fernsehprogramm der ARD eine Sendung, die der Westdeutsche Rundfunk ein halbes Jahr später für immer aus seinem Online-Archiv verbannt hat. Niemand soll sie mehr sehen. Warum? Sie war „von Frauenverbänden und Gleichstellungsbeauftragten als unseriös empfunden worden und hatte zu Programmbeschwerden und zahlreichen Protestbriefen geführt“. Diese Beschwerden wies der Rundfunkrat des Senders zwar ab, empfahl aber, die Sendung nicht mehr vorzuhalten.

Etwas knackiger und unseriöser sieht es "sciencefiles": http://sciencefiles.org/2015/08/21/zensu...t-und-wdr/

am besten googelt Ihr selbst. Letztlich ist der ganze Vorgang nur ein Musterbeispiel für den Streisand-Effekt und der Sache keiner der Beteiligten Parteien in irgend einer Weise dienlich.


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26.08.2015, 02:43:49
Beitrag #60
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Tja, solche Sachen sind nun sehr häufig. Ich glaube auch, dass das eine völlig irrationale Sache ist. Aber gemäß einem akademischen Selbstanspruch ist wohl angesagt, hier das Bestehen einer Art von Zensur zu begründen und zu zeigen, dass es nicht mehr nur um Ungerechtigkeiten geht.

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