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 » nicht erledigt Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
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26.08.2015, 13:12:45
Beitrag #61
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Verständnisfrage: Meintest Du
a) begründen, dass es sich um Zensur handelt
oder
b) begründen, warum zensiert wurde ?

Hab grad mein postmittägliches intellektuelles Tief.


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26.08.2015, 18:02:11
Beitrag #62
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Ich meinte a).

Intuitiv teile ich die Meinung, dass das zensurartig ist. Aber 'die Leute' halten es für einen Akt der Gerechtigkeit - so, wie man es für gerecht hält, jemandem, dem das Portemonnaie geklaut wurde, das Portemonnaie zurückzugeben.


Deswegen erwäge ich, mich demnächst mehr mit der Abgrenzung zwischen Ungleichheit und Ungerechtigkeit zu befassen. (Dafür muss man ziemlich viel über Gerechtigkeit lesen - hier sollte jetzt der Rolleyes hin)

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22.09.2015, 11:43:36
Beitrag #63
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(via @kpl )

welt.de schrieb:Ein kleines Wörterbuch des Gender-Wahnsinns
Die Fachschaftsinitiative Gender Studies der Berliner Humboldt-Universität schloss im Sommer ein Mitglied aus. Die Erklärung ist ein Dokument des Wahnsinns. Wir haben es entschlüsselt.

An der Berliner Humboldt-Universität sah sich die Fachschaftsinitiative Gender Studies (FSI) kürzlich veranlasst, einen Menschen – so viel ist sicher – aus ihren Reihen zu verbannen. Er, also der Mensch, hatte sich danebenbenommen. Wie genau, ist nicht auf Anhieb klar. Zum Glück hat die FSI deshalb jetzt eine Erklärung herausgegeben, die keine Fragen offenlässt. Also, fast keine. Wir dokumentieren das Statement, das sich auch hier im Internet findet. Und damit keiner auf die Idee kommt, es mit einem vortrefflichen Fall konkreter Poesie zu tun zu haben, stellen wir ein kleines Glossar der wichtigsten Begriffe daneben.
Quelle: http://www.welt.de/kultur/article1465774...sinns.html

Um diesen Text geht es: https://genderini.files.wordpress.com/20...-von-r.pdf

Es fällt mir unglaublich schwer die Autor$ dieses Fachschaftspamphlets ernst zu nehmen. Da "Gutmensch" anderweitig belegt und konnotiert ist, wie nennt man solche Leute? Dient dieses ausufernde Geschwurbel außer der Selbstverherrlichung und dem sprachlichen Imponiergehabe einem sachlichen Zweck?

Ich muss dabei immer an Calvin & Hobbes denken:    


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22.09.2015, 16:02:43
Beitrag #64
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Da gibt ea natürlich auch Gegenmeinungen zu, prominenterweise u.a. von Anatol Stafanowitsch im Sprachlog:

Das Netz kann alles, außer Genderhttp://www.sprachlog.de/2015/09/22/das-n...er-gender/
Appetithappen:
Anatol Stefanowitsch schrieb:Eine formale Kritik ist dagegen eher uninteressant, vor allem, wenn sie sich (wie in Dutzenden von Tweets und heute dann auch im Feuilleton (Inhaltswarnung: massive selbstverliebte Ignoranz) darauf beschränkt, sich über die (angebliche) Unverständlichkeit des Textes zu beömmeln ohne zu bemerken, dass das ja eigentlich mehr über die Beschränkungen des eigenen Textverständnisses aussagt als über den Text selbst. Würden dieselben Unterstrich-Verächter auch ihr Unverständnis mathematischer Fachtexte so begeistert in die Welt hinausposaunen? Wohl eher nicht.

Klar. Wenn man sämtliche sprachliche Kategorien in Frage stellt um durch Verklausulierung aufzuheben versucht, dann ist es selbstverständlich Schuld der Rezipienten, wenn sie das für unverständlich halten. So geht das mit den sprachlichen Konventionen aber nicht. Die sind erstens seltenst explizit gesetzt und zweitens eine Mehrheitssache. Was sich (so) nicht (oder noch nicht, von mir aus) durchgesetzt hat, darf eben nicht einfach als für alle verständlich vorausgesetzt werden. Kehrseite der Medaille: damit es sich durchsetzt, muss man schon mal der breiten Sprechergemeinschaft die Deutungshoheit überlassen. Dann ist es aus mit der fachterminologischen Präzision. (Siehe z.B. die Diskrepanzen zwischen fachsprachlicher und allgemeinsprachlicher bedeutung von Theorie, Buchstabe, usw.)
Es ist anmaßend, ja diskriminierend, von Außenstehenden zu verlangen, sie sollen den spezialisierten Jargon einer Disziplin beherrschen oder gar verwenden. Egal, ob das nun Gender Studies, Linguistik, Mathematik oder Altbabylonische Astrologie ist. Und ja – ich würde auch einen komplett von Jargon durchsetztes öffentliches Pamphlet einer Fachschaft Mathematik als unnötig verschwurbelt kritisieren, wenn man von mir als Laen erwartete, ich solle gefälligst den Text verstehen und die Vokabeln fürderhin selbst gebrauchen.
Es ist darüber hinaus ein unfeiner Winkelzug, Kritik am verwendeten Fachjargon nicht auf der Sachebene sondern auf der Bewertungsebene zu begegnen und jede Ablehnung dieses sprachlichen Habitus als moralisches Defizit zu charakterisieren. Nicht nur, dass sich das auch leicht umkehren ließe, es ist auch der Erste Schritt zu einer ideologisch geprägten Denkkontrolle. Genau jenem Tatbestand also, der der allgemeinen Umgangssprache hinsichtlich solcher Kategorien wie Geschlecht, Hautfarbe usw. angelastet wird.

Das Argument, es sei Schuld des Lesers, wenn er einen Text nicht versteht, ist übrigens genau so arrogant, wie es alt ist. Schon Meister Klopstock dichterte:
Zitat:Der Unschuldige

Viel der Beziehungen sind im Gedichte, wodurch es die Teile,
Wie in dem süßen Bund inniger Liebe, vereint.
Jene dürfen auf sich mit dem Finger auch weisen; doch geben
Öfter (des Schönen Gesetz will es so) Winke sie nur.
Schlummert bei den Beziehungen dir dein Auge, so tappest
Du im Dunkeln umher, ohne des Dichtenden Schuld.
Zürne du dann nicht mit dem Liede, daß du es nicht fassest;
Laß die Unschuld in Ruh, Gähnender, zürne mit dir.
Quelle und s.f.W., auch mit Seitenblickl auf die Mathematik: http://www.alwinbinder.de/html/klopstock.html

Ich begreife nicht, warum man mit aller Macht diejenigen verbal ausgrenzen und vor den Kopf stoßen muss, die man eigentlich aufklären, erleuchten, umerziehen, wasweißichdenn will. Das ist doch kontraproduktiv.


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25.09.2015, 12:52:46
Beitrag #65
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Natürlich wehre ich mich auch gegen solche Jargons. Sie dienen ja auch nicht einem besseren wissenschaftlichen Verständnis von irgendetwas (wie es mit Fachsprachen beansprucht wird - daher gefällt mir der Vergleich nicht), sondern sie sind moralisch motiviert. Es soll darum gehen, einer Ungerechtigkeit entgegenzutreten.
Mittlerweile tendiere ich sogar dazu, einen Gerechtigkeitsanspruch zu hinterfragen. Vielleicht hatte der böse neoliberale Hayek nicht ganz Unrecht, als er (wahrscheinlich sehr vereinfacht gesagt) "soziale Gerechtigkeit" sogar für eine Art semantischen Unfug erklärte. Ich habe natürlich die Nase voll davon - aber wie gesagt: Man muss sich, um das zu kritisieren, die vielen Gerechtigkeitstheorien ansehen.

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16.12.2015, 20:27:48
Beitrag #66
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Peter Eisenberg in der FAZ: "Flüchtling lässt sich nicht gendern": http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wo...67817.html

Sein Fazit:
Eisenberg schrieb:Was einen Sprachwissenschaftler am etablierten Gendern selbst dann beunruhigt, wenn er die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen freudig begrüßt, ist dreierlei. Erstens: Die Sprache wird nicht akzeptiert, wie sie ist, sondern sie gilt als manipulierbarer Gegenstand mit unklaren Grenzen dieser Manipulierbarkeit. Zweitens: Die Kenntnis des Gegenstandes, an dem man Veränderungen vornimmt, geht nicht sehr weit. Drittens: In vielen Fällen stigmatisiert man Wörter, ohne dass es brauchbare Alternativen gäbe.

Haben wir denn nichts aus dem Desaster der Orthographiereform gelernt, die im Kern ja auch nichts anderes als ein unüberlegter Eingriff ins Sprachsystem war?

Wobei es meiner Meinung nach schon noch einen qualitativen Unterschied macht, das Sprachsystem per se manipulieren zu wollen oder "nur" seine (ortho)graphische Repräsentation. Oder?


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17.12.2015, 11:07:44
Beitrag #67
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(16.12.2015 20:27:48)janwo schrieb:  Peter Eisenberg in der FAZ: "Flüchtling lässt sich nicht gendern": http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/wo...67817.html
Zur Info: Von Anatol Stefanowitsch gibt es darauf nun auch eine Replik:
http://www.sprachlog.de/2015/12/17/fluec...echtlinge/


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17.12.2015, 19:14:09
Beitrag #68
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
Ach ja. Das war zu erwarten.

Der letzte Absatz ist genau das, womit ich hier die ganze Zeit ein Problem habe:
A.S. schrieb:Aber man sollte die grundsätzlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten sprachplanerischer Eingriffe nicht mit dem Argument abtun, das Sprachsystem sei, wie es ist. Sprache ist, was ihre Sprachgemeinschaft aus ihr macht.

Für mich besteht ein unüberbrückbarer Qualitätsunterschied darin, ob die Sprachgemeinschaft etwas aus der Sprache macht, oder ob einzelne für sich mit welchem Argument auch immer das Recht in Anspruch nehmen, sprachplanerische Eingriffe vorzunehmen, die der Sprachgemeinschaft "von oben" auferlegt werden.

Ganz ehrlich, eine Formulierung wie "Notwendigkeiten sprachplanerischer Eingriffe" klingt für mich nicht nur furchtbar herablassend, sondern auch sehr bevormundend, ja geradezu diktatorisch. Da soll die Sprachgemeinschaft zu ihrem eigenen Besten erzogen werden durch die Vorschrift eines "besseren" Sprachgebrauchs. Das weckt bei mir ganz, ganz unselige Assoziationen, angefangen bei Orwell's Neusprech bis hin zu einem Herrn Mielke, der seinerzeit ratlos-rechtfertigend verkündete, er liebe doch alle Menschen. Wer, wenn nicht die Sprachgemeinschaft ist der Souverän über die Sprache? Welches Mandat können Einzelne auf welcher Grundlage überhaupt haben, hier planerisch-vorschreibend einzugreifen?


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20.12.2015, 15:55:35
Beitrag #69
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(17.12.2015 19:14:09)janwo schrieb:  Für mich besteht ein unüberbrückbarer Qualitätsunterschied darin, ob die Sprachgemeinschaft etwas aus der Sprache macht, oder ob einzelne für sich mit welchem Argument auch immer das Recht in Anspruch nehmen, sprachplanerische Eingriffe vorzunehmen, die der Sprachgemeinschaft "von oben" auferlegt werden.
Sprachwandelprozesse beginnen meiner Vorstellung nach (bewusst oder unbewusst) bei einzelnen und verfestigen sich dann in komplexen sozialen Prozesse. Dass einzelne innerhalb eine gesellschaftliche Position inne haben, die es ihnen gestattet, sprachplanerische Eingriffe vorzunehmen, ist ebenfalls Ergebnis eines sozialen Verhandlungsprozesses. Insofern finde ich, kann man zumindest darüber diskutieren, ob der Unterschied wirklich so groß ist; so adhoc würde ich sagen, dass möglicherweise beides letztendlich auf vergleichbare soziale Phänomene zurückführbar ist.

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06.02.2016, 13:14:16
Beitrag #70
RE: Gender, Genus, Sexus und der ganze Rest
(17.12.2015 19:14:09)janwo schrieb:  Ganz ehrlich, eine Formulierung wie "Notwendigkeiten sprachplanerischer Eingriffe" klingt für mich nicht nur furchtbar herablassend, sondern auch sehr bevormundend, ja geradezu diktatorisch.
Ich habe es - glaube ich - schon mal erwähnt:
In einer Ortsverbandsversammlung der Partei "Die Grünen" in den späten 80ern wurde beschlossen, dass jeder, der bei einer Versammlung "man" sagt, 50 Pfennig in die Kasse zahlen muss. Derselbe Ortsverband schrieb in internen Schreiben regelmäßig "Liebe MitgliederInnen".
Big GrinUndecided

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