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[Var]: Soziolinguistik, Sprachliche Varianz  » nicht erledigt Gendern beim Instant Messaging/Simsen?

29.04.2012, 00:18:15
Beitrag #16
RE: Gendern beim Instant Messaging/Simsen?
Hallo ihr und ihr,
das ein nicht uninteressanter Ansatz. Spiegelt sich in dem Erkennen einer eventuell Frauen diskriminierenden Sprache vielleicht nicht eher der Unmut bezüglich der sonstigen schlechten Emanzipationsprobleme? Mal angenommen in unserer Gesellschaft wären Männer und Frauen völlig gleich emanzipiert, würde man dann die Sprache bemäkeln? Oder andersherum: Ist die Frauen diskriminierende Sprache ein Symptom der schlechten Emanzipanz und würde in einer perfekt emanzipierten Welt von allein angeglichen sein?
Ich persönlich glaube, dass der Ausruf, die deutsche Sprache sei Frauen diskriminierend meist nur ein Vorwurf, eine Unterstellung oder einfach nur Angst ist, dass derjenige, der sie gebraucht, in Wirklichkeit Frauen diskriminierend eingestellt ist. Würde eine Frau eine ungegenderte Form benutzen, würde sie weitaus weniger Kritik ernten als ein Mann. Vielleicht ist die Kritik an der diskriminierenden Sprache nicht doch eher eine Projektion der Kritik an die schauvinistische Männerschaft der Gesellschaft, den Haupttätern der verhinderten bzw. verzögernden Emanzipation und entstammt somit vielleicht eher einer durch Ungerechtigkeit ausgelösten Überregelung des Gerechtigkeitssinnes.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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29.04.2012, 11:57:54
Beitrag #17
RE: Gendern beim Instant Messaging/Simsen?
(29.04.2012 00:18:15)Kevin schrieb:  Vielleicht ist die Kritik an der diskriminierenden Sprache nicht doch eher eine Projektion der Kritik an die schauvinistische Männerschaft der Gesellschaft, den Haupttätern der verhinderten bzw. verzögernden Emanzipation und entstammt somit vielleicht eher einer durch Ungerechtigkeit ausgelösten Überregelung des Gerechtigkeitssinnes.

Eine solche Überregulierung drückt sich ja auch gerne mal darin aus, wie Stellen an öffentlichen Einrichtungen, etwa auch an Hochschulen vergeben werden. Wie heißt es da oft so schön schon bei Stellenausschreibungen?

Zitat:Die Hochschule XY strebt eine Erhöhung des Frauenanteils beim wissenschaftlichen Personal an und fordert deshalb qualifizierte Frauen ausdrücklich zur Bewerbung auf. Frauen werden bei gleicher Qualifikation vorrangig berücksichtigt.

Das hat an der Technischen Universität Darmstadt z.B. dazu geführt, dass -weil es für die wissenschaftlichen Stellen der wirklich technischen Fachbereiche nie genügend weibliche BewerbEr gibt- eine zentrale Einrichtung wie das Sprachenzentrum inzwischen nur noch mit Frauen besetzt ist: Aber auch dort spricht man mit Binnenmajuskel von "MitarbeiterInnen". Den einzigen männlichen, technischen(!) Mitarbeiter hat man als Alibi noch zum "Geschäftsführer" ernannt.

Man stellt an der Technischen Universität Darmstadt ausschließlich Frauen als wissenschaftliche MitarbeiterInnen am dortigen Sprachenzentrum ein und diskriminiert Männer in diesem Beruf, damit der erschreckend niedrige Frauenanteil in den Ingenieurswissenschaften bei Betrachtung des Gesamtfrauenanteils am wissenschaftlichen Personal nicht so auffällt. Man fördert also Frauen in einem Beruf (Sprachlehrer), in dem sie nie unterrepräsentiert waren, und Männer weiterhin in Männerberufen. Auch an anderen deutschen Hochschulen haben Männer unter angehenden Linguisten meist das Nachsehen. Mit Emanzipation hat das alles nichts zu tun; ganz im Gegenteil.

Ich selbst habe aus diesem Grund in einen technischen Beruf umgeschult und darf mich seit zehn Jahren staatl. geprüfter Informatiker nennen. Immerhin: Hätte ich dieselbe Umschulung ein Jahr früher gemacht, wäre ich nur Informatikassistent. De facto bin ich mit meinen 49 Jahren jetzt nach sechs Jahren Betriebszugehörigkeit immer noch nur "Webentwickler", also Pixelschubser für in unserer Webagentur mehrheitlich weibliche Screen-DesignerInnen, denen zwei bis drei Jahre nach ihrem Berufseinstieg mit Bachelor-Abschluss meist der "Senior"-Titel nachgeschmissen wird.

Ich kann diese Gebetsmühle von der angeblichen Diskriminierung von Frauen im Berufsleben nicht mehr ertragen!


Ich bin ein Star Cool; holt mich hier raus!
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29.04.2012, 13:30:01
Beitrag #18
RE: Gendern beim Instant Messaging/Simsen?
Simsen - entwickelt unsere Sprache weiter. Hier werden Sätze stark verkürzt. Zeichen erhalten eine Symbolik und SMS entwickeln eine eigene Sprache (ähnlich dem Telegrammstil in früheren Zeiten).

Einiges wird automatisch durch die Verkürzung neutral, in anderen Fällen ist es schwierig.
In Deutsch spricht man dort aber auf Grund der Textsorte den anderen meist geschlechtsneutral an, Beispiel: "du" oder "Sie". Nur in wenigen Fällen wird "Gendering" bei dieser Textsorte eine wesentliche Rolle spielen.

Im Falle von "Messaging" kommt es ebenfalls auf den Text an.
An wen ist er gerichtet?

"Gendern" kann zu Unsinn führen, wenn zum Beispiel eines der Geschlechter im Zusammenhang nicht vorkommt.

Die "gegenderte" Sprache hat oft eine Alibi-Funktion.
Nehmen wir an, es gibt Diskriminierung. Dann ist die "gegenderte" Sprache lediglich ein Euphemismus, um das zu verdecken. (Wie bei 1984: Neusprech. Man darf nur noch "gute" Wörter sagen. Da das Buch praktisch jeder kennt, zumindest kennen müsste, der sich für Linguistik interessiert - verzichte ich auf Einzelheiten.)

Wenn es keine Diskriminierung gibt, spielt sie auch sprachlich keine große Rolle. Dass wir hier disputieren, das ist ein Zeichen, dass es sie gibt.

Gernots Beispiel zeigt, wie das Ganze sich in der Praxis verhält.

Ich selbst habe jetzt 17 Jahre als "Technischer Redakteur" gearbeitet. Die Abteilung hatte praktisch immer einen Frauenüberschuss - oder Parität. Das "Gendern" entfiel, weil die Stelle englisch benannt wurde - als "technical writer". In den Entwicklungsabteilungen gab es einen leichten Männerüberschuss.
Die Leitungspositionen waren relativ gleichmäßig auf Männer und Frauen verteilt, wenn man die zeitliche Entwicklung mit berücksichtigt.

Da Dokumentation für Anwender bestimmt ist, muss ich deren Wünsche mit erfüllen. Dazu gehört aber auch eine entsprechende Sprache.

Und gegebenenfalls bestimmen die Anwender auch sprachliche Formen in Stilrichtlinien, die können durchaus unterschiedlich sein.


Hallo, ich bin Hutschi und seit 28.04.2012 10:13 hier angemeldet.
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29.04.2012, 17:39:49
Beitrag #19
RE: Gendern beim Instant Messaging/Simsen?
(28.04.2012 13:42:57)Hutschi schrieb:  Ein Beispiel: Wenn in Vorständen fast nur Männer sind, hilft das Binnen-I ganz gewiss nicht.
Es schafft auch keine Kindergartenplätze - von sich aus.

Welche gedankliche Diskriminierung dann gleich auch hinter der Vorstellung steckt, nur Frauen würden von geschaffenen Kindergartenplätzen weniger diskriminiert, lege ich als alleinerziehender Vater jetzt mal nicht weiter dar.


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29.04.2012, 21:57:33
Beitrag #20
RE: Gendern beim Instant Messaging/Simsen?
(29.04.2012 17:39:49)janwo schrieb:  ...

Welche gedankliche Diskriminierung dann gleich auch hinter der Vorstellung steckt, nur Frauen würden von geschaffenen Kindergartenplätzen weniger diskriminiert, lege ich als alleinerziehender Vater jetzt mal nicht weiter dar.

Genau.

Und ich denke, in manchen Fällen ist gerade die scheinbar neutrale Darstellung nicht neutral (in deutscher Sprache).

Oder man muss das gesamte Kasussystem mit der gesamten Klassifizierung umstellen.


Hallo, ich bin Hutschi und seit 28.04.2012 10:13 hier angemeldet.
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30.04.2012, 08:23:48
Beitrag #21
RE: Gendern beim Instant Messaging/Simsen?
@Hutschi: Das von mir Kritisierte war aber nun gerade kein Fall für die Grammatik-Gleichstellungsbeauftragten. Es geht dabei nicht um Sprachverwendung oder Genus/Kasus, sondern "nur" um Denkweisen und Assoziationen. Diskriminierung ist stets und vor allem ein außersprachliches Phnomen. Nicht Sprache diskriminiert, sondern diejenigen, die sie dazu verwenden.


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