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 » Erledigt: Heute Heute Genitiv regierende Präpositionen
▶ und ihre geschichtliche Entstehung

18.03.2014, 17:17:38
Beitrag #1
Genitiv regierende Präpositionen
Moin,
ich habe mich gerade bei den Genitiv regierenden Präpositionen gefragt, was der geschichtliche Hintergrund ihrer Entstehung ist. Mir ist aufgefallen, dass viele von ihnen aus grammatikalisierten Univerbierungen bestehen: "aufgrund", "anstelle", "mithilfe" etc. Die Kategorie der Genitiv regierenden Präpositionen ist ja nun sehr schwach vertreten. Meine Frage ist: Kann es sein, dass diese Kategorie ursprünglich überhaupt erst aus solchen grammatikalisierten Univerbierungen entstanden ist ("mithilfe" <- "mit Hilfe" <- "mit (der) Hilfe von was?Genitiv") und später erst Präpositionen ohne Univerbierungs- oder Grammatikalisierungshintergrund hinzukamen wie "laut" oder "bezüglich"?
Vielen Dank schon mal für etwas Aufklärung in diesem fixen Gedanken. Zwinker


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23.03.2014, 16:43:29
Beitrag #2
RE: Genitiv regierende Präpositionen
Über ihre Geschichte habe ich keine Kenntnisse. Aber ein Eindruck dazu: Dient die Verwendung solcher Präpositionen nicht auch mehr oder weniger oft dem Anzeigen von 'Gehobenheit', 'Niveau', ...? Mir scheint: Das ist so sehr der Fall, dass man sie schon fast satirisch einetzen kann.

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24.03.2014, 17:16:44
Beitrag #3
RE: Genitiv regierende Präpositionen
Moinsen,
Du hast im Grunde schon selbst die Antwort gefunden, @Kevin.

Die meisten regulär den Genitiv regierenden Adpositionen sind sogenannte sekundäre Adpositionen, die sprachgeschichtlich jünger, morphologisch komplexer und semantisch transparenter sind als die ursprünglichen primären Adpositionen (welche auch im Grunde stets Präpositionen sind). Beispiele für die sekundären Adpositionen sind entlang, wegen, u.a., die oftmals Ambipositionen sind (die Straße entlang : entlang der Straße; wegen des Geldes : des Geldes wegen).
Darüber hinaus gibt es auch noch tertiäre Adpositionen, die vom Charakter her noch eher feste Gefüge sind und noch nicht unbedingt in ein einziges Wort grammatikalisiert wurden (z.B. an Stelle/anstelle; im Laufe ...). Insgesamt kann man sagen, dass es einen Grammatikialisierungspfad gibt, entlang dessen Adpositionen sich vom ihren Eigenschaften her von den tertiären über die sekundären zu den primären Adpositionen entwickeln.

Die ursprünglichen primären Adpositionen sind bereits im Althochdeutschen ausgebildet und funktional, die anderen sind deutlich jünger bis rezent. Die primären Adpositionen regier(t)en standardmäßig den Dativ für Orts- und den Akkusativ für Richtungsangaben. Der Genitiv diente im Gegensatz dazu vor allem den sekundären und tertiären Adpositionen. Und jetzt wird es kompliziert.
Durch den Übergang (Grammatikalisierung) der Adpositionen vom sekundären/tertiären zum primären Typus haben sich Adpositionen mit Genitivrektion in diese Klasse "eingeschlichen". Dies führte einerseits zur oft als fälschlich bewerteten analogischen Ausweitung des Genitivs auf solche primären Adpositionen, die zuvor nicht den Genitiv regierten, andererseits auch zur ebenfalls oft als falsch Kritisierten Übertragung des Dativ-/Akkusativgebrauchs auf die "nachgerückten" primären Adpositionen, die zuvor noch Genitive verlangten, wie auch auf die noch nicht weitergrammatikalisierten sekundären Adpositionen, die "eigentlich" auch nur den Genitiv haben dürften.

Interessanterweise haben verschiedne Studien der letzten Jahre nachgewiesen, dass objektiv ein normwidriger Genitiv häufiger auftritt, als ein normwidriger Dativ. So viel zu den Todesprognosen des Herrn Sick. Zwinker


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25.03.2014, 23:33:36
Beitrag #4
RE: Genitiv regierende Präpositionen
Hallo,
vielen Dank für deine Antwort! Dann lag ich ja gar nicht so falsch. Also kann man sagen, dass zuerst alle Adpositionen in früheren germanischen Sprachstufen nur Dativ und Akkusativ regiert haben und der Genitiv dafür eigentlich gar nicht vorgesehen war und sekundäre Genitiv regierende Adpositionen quasi nur eine Grammatikalisierung sind, die nun analog auf weitere, primäre Adpositionen ausgeweitet wurde, und dieser Vorgang mittlerweile so konventionalisiert ist, dass Adpositionen, die da eigentlich gar nicht reingehören sollten, weil nicht ursprünglich sekundär/tertiär, in ihrer eigentlichen, ursprünglichen Dativ/Akkusativ regierenden Form schon als falsch empfunden werden?


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26.03.2014, 10:44:37
Beitrag #5
RE: Genitiv regierende Präpositionen
Jo. Kann man so sagen. Dazu kommt noch, dass die korrekte Verwendung der (komplizierteren) nichtprimären Adpositionen mit einem sprachlichen Prestige verbunden war und ist. Das gehört in die Akrolekte.


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26.03.2014, 17:35:52
Beitrag #6
RE: Genitiv regierende Präpositionen
Ab und zu hört man ja zum Beispiel "gemäß" oder "entgegen" mit Genitiv.

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26.03.2014, 21:44:11
Beitrag #7
RE: Genitiv regierende Präpositionen
Und das ist auch *eigentlich* korrekt. ;-)


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27.03.2014, 11:56:09
Beitrag #8
RE: Genitiv regierende Präpositionen
Hallo!
Morphologie ist zwar alles andere als mein Fachgebiet, habe aber vor eine Weile einen Vortrag zum Thema Präpositionen gehört. Im Fazit kam mehr oder weniger, dass der Genitiv eigentlich den Dativ verdrängt hatte, was man noch an Sachen wie "trotz + GEN" aber der Konjunktion "trotzdem" (also eigentlich Dativ) sehen kann.
Für Interessierte hier ein Aufsatz von dem Vortragenden zu dem Thema:
Sahel, S. (2010). Kasusrektion durch das Lexem voll. Kasusvariation, aber kein Genitivschwund. Zeitschrift für germanistische Linguistik 38 (2), 291-313.

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