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 » nicht erledigt Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit

11.03.2015, 14:17:34
Beitrag #1
Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
Glaubt Ihr, dass auf einem Territorium mehr als eine Sprache Bestand hat, wenn seine zwei oder mehr Sprachen nicht klar nach Funktionen aufgeteilt sind? Fällt Euch ein Beispiel für ein Land oder eine Region ein, auf die das zutrifft? Ist es so, dass letztlich immer eine dominante Sprache die anderen Varietäten verdrängt, diese dann schließlich sogar auf besagtem Gebiet aussterben?

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13.03.2015, 19:07:32
Beitrag #2
RE: Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
Das ist weniger eine Glaubensfrage, als vielmehr eine Definitionsfrage danach, wie (und wie absolut) "klar nach Funktionen aufgeteilt" zu verstehen ist und wo genau Dominanz beginnt. Der Fachterminus ist übrigens Domänen, damit sind Lebens- und Themenbereiche gemeint, in denen bestimmte Sprachen oder Sprachformen (nicht) verwendet werden.

Du machst das Ganze an Territorien fest und nicht an Populationen. Es ist durchaus denkbar, dass ein Territorium so gestaltet ist, dass dort mehrere Bevölkerungsgruppen mehr oder weniger gleichrangig nebeneinander bestehen und ihre jeweiligen Sprachen behalten. Innerhalb von einer Population ist das oftmals schwieriger, da kommt schnell eine Diglossie auf, wo Sprachen je nach nach Domänen verwendet werden.

In der offiziell viersprachigen Schweiz dominiert aufgrund der Bevölkerungsanteile das Deutsche, ohne jedoch die anderen offiziellen Sprachen in ihrem Bestand ernsthaft zu gefährden. (Man möge mich bitte korrigieren, wenn ich mich da täusche!) Dort wo der Platz ffür vier Sprachen nicht reicht (Münzen, Briefmarken u.ä.), wird Latein verwendet, um keine der vier Sprachen zu bevorzugen.
Nichtsdestotrotz sind Schweizerdeutsch und Rätoromanisch in bestimmten Domänen sehr selten anzutreffen. Ich meine mich erinnern zu können, dass bei Parlamentsdebatten eine Verdolmetschung des Rätoromanischen nicht vorgesehen ist.

Mit der Situation in Belgien kenne ich mich noch weniger aus, aber meines Wissens nach existieren die drei offiziellen Sprachen eher nebeneinander her und ignorieren einander mehr, als dass sie einander verdrängen.


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14.03.2015, 09:16:56
Beitrag #3
RE: Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
Ich kann da nur von Finnland berichten, wo die Mehrsprachigkeit auch auf instititutioneller Ebene eigentlich gut funktioniert. In Finnland gibt es ein eigenes Sprachgesetz (Kielilaki/Språklag), wo geregelt ist, dass eine Sprache, sollte sie von mehr als 8% oder 3000 Einwohnern einer Region die Muttersprache sein, zweite Amtssprache zu werden hat. Auf Landesebene sind Finnisch und Schwedisch offizielle Amtssprachen, und es gibt Gemeinden, in denen auch noch eine Samische Sprache dritte Amtssprache ist. Seit 1995 sind im finnischen Grundgesetz dazu Samisch, Romani und Gebärdensprache als offizielle Minderheitensprachen anerkannt. Die meisten Gemeinden sind ein- oder zweisprachig. Es gibt aber auch eine viersprachige Gemeinde, nämlich Inari.

Wie wird das realisiert? Formulare, etc, gibt es immer in allen Auführungen in allen jeweiligen Amtssprachen. Du hast das Recht, sowohl auf Finnisch als auch auf Schwedisch deinen Amtsgeschäften nachzugehen. Straßenschilder sind ebenfalls in allen Amtssprachen (das gibt es auch in vielen anderen Ländern) - die Sprache, die von mehr Leuten gesprochen wird, steht dabei oben. So kann es vorkommen, dass in einer Gemeinde die Straßennamen zuerst auf Schwedisch und dann auf Finnisch stehen, in einer anderen dann umgekehrt.

Die Mehrsprachigkeit hat dort Bestand und wird auch immer weiter kultiviert. Und wie man sieht, muss auch die Aufteilung nach Domänen nicht immer zwingend durchgehend vorhanden sein. Natürlich ist es trotzdem wahrscheinllich, dass Personen, die zweisprachig dort aufgewachsen sind, bestimmte Lebensbereiche primär in der einen Sprache und bestimmte Lebensbereiche primär in der anderen absolvieren. Generell hat wohl das Schwedische in den letzten Jahren an 'Schwung' verloren, es scheint sich aber wieder zu etablieren.

Zu den verschiedenen Prinzipien, wie in Finnland sprachliche Rechte vergeben werden, etc., gibt es auch auch einen interessanten Artikel von Saari (2000), die bezüglich des Domänenverlustes schlussfolgert:

Zitat:Der Gebrauch und die Zukunft einer Minderheitssprache hängen mit mehreren soziolinguistischen Variablen zusammen. Zu diesen gehören u.a. die Anzahl der Minderheit und die sprachlichen Rechte der Minderheit, die Massnahmen innerhalb der Sprachpflege und die Möglichkeiten, die Minderheitssprache in verschiedenen Domänen zu gebrauchen. Was aber ebenso ausschlaggebend ist, ist die Einstellung der Minderheit und der Mehrheit zu einander. Eine negative Einstellung innerhalb der Mehrheit kann verschiedene Konsequenzen haben. Unter diesen kann zuerst Domänenverlust genannt werden, was allmählich weitere Folgen aufweisen kann: eine Einschränkung des Wortschatzes, Codewechsel und Interferenz aus der Mehrheitssprache und ein Gebrauch der Sprache nur in mündlicher Kommunikation. Bei schriftlicher Kommunikation kann der Domänenverlust bedeuten, dass die Minderheitssprache nur in informalen Zusammenhängen (Briefe, Tagebücher, E-mail) benutzt wird.

Für dich interessant könnte dann auch noch die Reihe Langauge in Society sein, die viele Veröffentlichungen zu Multilingualism beinhaltet. Ebenso bzgl. der Schweiz, Belgien, Finnland, etc., lohnt es sich, nach Conflict and Compromise in Multilingual Societies zu suchen.


Math puns are the first sine of madness.
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25.03.2015, 17:36:08
Beitrag #4
RE: Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
So, erstmal zu janwos Ausführungen.

Das ist ein guter Punkt: Menschen (individuell und kollektiv) verwenden sprachen, nicht Territorien. Ich bin hier von der eher westlichen Vorstellung ausgegangen, dass ethnische (und damit sprachliche) Durchlässigkeit wünschenswert ist. Kantonesisch in den USA oder Kurdisch in Deutschland wird ist als [\i]community language[/i] schwer haben, wenn eben diese Gemeinschaft wegbricht und sich in der Mehrheitsbevölkerung auflöst.

Die Schweiz und Belgien sind gute Beispiele für mehrsprachige Länder, bloß sind hier die Sprachräume ja sehr klar geographisch aufgeteilt. Ich dachte also zum Beispiel an die Konkurrenz zwischen Walisisch und Engl. in Wales, Katalanisch und Kastilisch/Spanisch im Osten Spaniens oder Franz. und Engl. in Québec. In diesen Fällen herrscht ja (in unterschiedlichem Grad) eine Konkurrenzsituation innerhalb desselben Gebiets.

Und darauf bezog sich meine Frage: Aus Gründen der Ökonomie und Einfachheit sehe ich die Gefahr, dass in einer Gesellschaft ohne Volksgruppen, die lediglich koexistieren (und eine solche offene Gesellschaft halte ich schon für erstrebenswert), Mehrsprachigkeit mit der Zeit in Einsprachigkeit übergeht.

Sollte dem nicht so sein müssen und es gute Beispiele für komplette Mehrsprachigkeit geben (ohne hierarchische, wertende Verteilung nach Domänen), fände ich das natürlich klasse. Multilingualismus ist ja eigtl. eine geistig-kulturelle Bereicherung (jaja, das Wörtchen eigentlich).

Danke für sie Vokabel Domänen. ;-)


So, nun zu lingucat.

Danke für die Literaturempfehlungen! Ich wusste, dass in bestimmten Gebieten Finnlands Schwedisch und diverse samische Sprachen beheimatet sind; aber dass der Schutz bzw. der jeweilige Amtsstatus doch sei weit ausgebaut ist, war mir nicht bekannt. Auch in den meisten Ländern der östlichen Hälfte Europas (den ehemaligen Ostblockstaaten) gibt es – soweit ich weiß – ein Grundverständnis für Minderheitenaprachen und deren Schutz. Auch hier wir oft auf kommunaler Ebene (oder auf teilstaatlicher, siehe Russland) über Sprachpolitik entschieden. Ob diese Rechte auch praktisch umgesetzt werden und sich in gegenseitigem Respekt äußern, weiß ich nicht. Sollte es aber beispielsweise in Finnland so sein, dass auch in, sagen wir, zwei, drei hundert Jahren die schwedisch- und samischsprachige Bevölkerung (im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung) jeweils recht konstant bleiben, dann wäre das ja ein prima Beweis dafür, dass Mehrsprachigkeit (nicht Diglossie) auch gesamtgesellschaftlich funktioniert.

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28.03.2015, 13:09:15
Beitrag #5
RE: Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
Ich glaube, das muss nicht unbedingt mit dem Fakt zusammenhängen, dass zwei Sprachen ohne ethnische Grundlage koexistieren. Allein die Sprache ist oftmals identitätsstiftend genug, um eine wir-ihr- oder normal-anders-Dichotomie wahrzunehmen. Das Problem ist ein viel allgemeineres, nämlich dass jegliche Kleinsprachen, die in irgendeinem Wirkungsfeld einer größeren Sprache stehen, durch diese in irgendeiner Weise bedroht werden. Dabei ist es in erster Linie einerlei ob es sich um Minderheiten- oder Regionalsprachen handelt. Das ist eine allgemeine Tendenz, die einzelnen Fälle sind wiederum ziemlich individuell. Manche Sprachen halten sich länger, weil die Sprechergruppe mehr unterscheidende Merkmale wie andere Religion oder so trägt. In anderen Fällen ist alles immer vom Prestige abhängig, Schwiitzerdütsch (wie schreibt man das jetzt eigentlich?) zum Beispiel gehört zu den sehr wenigen Ausnahmen, in denen eine Varietät zwar von einer größeren Sprache dominiert wird, aber dennoch besseres Prestige als diese genießt. In einer solchen Diglossie, in dem die dominierte Spracheeigentlich beliebter ist, könnte ich mir längerwidrige Koexistenz vorstellen.
Du wirst aber fast nie Wirkungsfelder finden, wo Sprachen einander zu 50:50 dominieren. Sprechergruppen sind immer dynamische Gebilde und es wird sich meistens eine Sprache durchsetzen und an Sprecherzahl zunehmen, während die andere abnimmt. Die Effekte sind geringer, wenn beide Sprachen zu gleichen Teilen institutionalisiert sind, bzw. die Sprechergruppen auch über die Sprache hinaus gesellschaftlich ziemlich eigenständige und isolierende Sparten bilden. Zum Beispiel hätte ich mir damals, wo das Säulensystem in den Niederlanden noch sehr viel ausgeprägter war, gut vorstellen können, dass dort mehrere Sprachen nebeneinander koexistieren konnten.
Eine strikte und gut transparente Funktionsteilung ist auch unabdingbar, wenn eine Diglossie funktionieren soll.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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28.03.2015, 13:22:36
Beitrag #6
RE: Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
(28.03.2015 13:09:15)Kevin schrieb:  Schwiitzerdütsch (wie schreibt man das jetzt eigentlich?)
Vorne: Schwiizer oder Schweizer
Hinten: dütsch, düütsch, tütsch, tüütsch
So oder so ist im Erstglied kein <t> enthalten. Hat ja nix mit Transpiration oder einem Friedensnobelpreisträger zu tun. OffTopic


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28.03.2015, 15:45:06
Beitrag #7
RE: Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
Okay, das 't' hätte ich mir wirklich schenken können. Zwinker Und der hintere Teil, ist das völlig willkürlich oder sind das verschiedene dialekte Formen?


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28.03.2015, 18:26:34
Beitrag #8
RE: Gesellschaftliche/kollektive Mehrsprachigkeit
Das sind verschiedene Formen, ja. Je nach dem, ob der Vokal lang oder kurz ist und ob man /d/ oder /t/ spricht. So ist es – so weit ich weiß – üblich, als jeweilige Eigenbezeichnung Züritüütsch aber Bärndütsch zu schreiben.


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