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 » nicht erledigt Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
▶ Grammatik, Rechtschreibung, Intelligenz

14.01.2014, 16:19:29
Beitrag #1
Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Liebe Linguisten,
schon seit längerem beschäftigt mich die Frage, inwiefern Rechtschreibung und Grammatik mit Intelligenz zusammenhängen. In Foren stürzt man sich ja bekanntlich immer gleich mit großer Freude auf sprachliche Fehler der Verfasser und formuliert damit oft implizit den Vorwurf mangelnder Intelligenz, etc...

Ein bekannter behauptete einmal: "nicht alle Menschen mit schlechter Rechtschreibung sind dumm, aber alle dummen Leute haben eine schlechte Rechtschreibung". Was haltet ihr von diesem Statement? Angenommen es wäre tatsächlich so, stellen intelligentere Menschen dann tendenziell einfach nur höhere Ansprüche an sich selbst, oder tun sie sich von natur aus leichter damit, zB zwischen grammatkalischen Feinheiten zu differenzieren?

Bin gespannt auf eure Meinungen,
LG


Hallo, ich bin Dorido und seit 02.06.2013 21:25 hier angemeldet.
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19.01.2014, 18:27:36
Beitrag #2
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Die Rechtschreibleistung korreliert nur auf niedrigem bis mittlerem Niveau mit Intelligenz.
Vgl. EVES-Studie, in der die individuelle Intelligenz mit .30** mit der Rechtschreibleistung korreliert (Roos & Schöler 2009: 56), bzw. .22* bei Corvacho del Toro (2013: 184)

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10.04.2015, 23:51:13
Beitrag #3
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Rechtschreibung ist erst einmal Konvention. Man könnte sie vermutlich als teilmotiviert, im Grunde aber arbiträr bezeichnen. Da gibt es nicht viel zu verstehen, aber viel zu wissen; wenn jemand die Gepflogenheiten nicht kennt, sagt mir das zunächst nur, dass er oder sie vermutlich nicht besonders viel liest. Daraus Rückschlüsse auf die Intelligenz ziehen zu wollen erscheint mir problematisch. Nach vielen Jahren Uni (und in Anbetracht dessen, was heutzutage so alles auf den Buchmarkt kommt) könnte ich mir vorstellen, dass der Schlauere womöglich der ist, der das Buch auch mal weglegt, sich draußen die Sonne auf den Pelz scheinen und die Rechtschreibung Rechtschreibung sein lässt... ;-) Schieb die Mediävistin in mir, die Texte ohne Orthographie gewohnt ist und völlig unproblematisch findet. Man kann ja auch einfach mal flexibel sein! :-) Rechtschreibekenntnisse allein machen jedenfalls noch keinen intelligenten Menschen.

Was die Grammatik betrifft, so könnte ich mir vorstellen, dass es da Menschen gibt, die einfach penibler sind als andere. Ich zum Beispiel mag Verneinungen mit Konjunktiv ("es gibt nichts, was noch dazu zu sagen wäre") und finde ihn in gewisser Weise logisch (weil: Irrealis), aber bin ich deswegen intelligenter als jemand, der hier den Indikativ verwendet? Vielleicht mache ich mir mehr Gedanken darüber als andere, aber ob das nun für oder gegen mich spricht...

Was ist glaube ist allerdings, dass die Kenntnis möglichst vieler verschiedener Grammatiken den kognitiven Horizont sehr erweitert und uns vor allzu festgefahrenen Denkmustern bewahrt. Ist das Intelligenz?


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12.04.2015, 11:34:39
Beitrag #4
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Eine Korrelation ist da sicherlich vorhanden. Nur wäre ich immer vorsichtig mit Begriffen wie 'Intelligenz'. Dieser ist ziemlich willkürlich und beschreibt bei weeeeeitem nicht die gesamte Kognitivität eines Menschen. Daher ist die Reduzierung eines Menschen auf seinen gemessen IQ schlicht diskriminierend und gefährlich.
Auf der subjektiven Ebene scheint eine Korrelation aber definitiv zu existieren. Menschen, von denen man denkt, sie hätten einen niedrigeren IQ als der Durchschnitt haben auch häufiger eine schlechte Rechtschreibung. Es wäre vermessen, zu behaupten, man hätte sowas noch nicht gedacht.
Dass dies so ist, hat aber viele Faktoren. Zum einen spielt die Schulbildung eine wichtige Rolle. Viele Menschen mit Hauptschulabschluss assoziieren wir mit einem niedrigeren IQ (was nicht sagt, dass es so ist) und bei der Schulausbildung auf der Hauptschule ist der sichere Erwerb der Rechtschreibung meiner Meinung nach nicht abgeschlossen. (Dazu spielen noch die sozialen Gegebenheiten auf der Hauptschule eine Rolle, wer sich da als Orthographienazi outet, ist unten durch.) Um es also grob zu sagen, haben intelligentere Menschen einen längeren Schulweg hinter sich und somit einen intensiveren Rechtschreibungserwerb hinter sich. Ein anderer Faktor ist die allgemeine (und meist fälschliche) Wahrnehmung von Bildungsferne. Viele Menschen vom Lande werden als bildungsferner eingestuft und meistens haben sie auch in der Tat einen kürzeren Bildungsweg, daher auch schlechtere Rechtschreibung. Dann kommt noch hinzu, dass sie oft regionale Varietäten sprechen, die oft mit geringerer Intelligenz assoziiert werden (warum auch immer...).

Außerdem muss man auch schauen, welche Ansprüche jemand an seine eigene Rechtschreibung stellt. Der unbändige Drang zur richtigen Rechtschreibung kommt meist nur bei höher Gebildeten vor. Sie bestehen auf die richtige Einhaltung von Rechtschreibregeln, obwohl es dafür eigentlich keinen konkreten Grund gibt. Auch legasthenische Texte versteht man, ebenso Texte mit alter Rechtschreibung. Viele sehen in der richtigen Rechtschreibung eben weniger Wichtigkeit gegenüber dem Inhalt. Im Grunde haben sie damit ja auch recht. Mir ist die Stigmatisierung, die mit falscher Rechtschreibung einhergeht, auch zuwider. Auch bei Studenten finden sich oft genug seit/seid- und das/dass-Fehler.

Menschen mit niedrigerem IQ sind per se überhaupt nicht nicht [sic] in der Lage, Rechtschreibung zur Perfektion zu lernen. Sie werden nur wegen äußerer Faktoren, wie soziales Umfeld, Schulbildung etc. nicht ausreichend damit konfrontiert. Jeder Mensch, egal mit welchem IQ, hat ja auch einen normalen Spracherwerb. Daher spricht eigentlich nichts gegen einen normalen Rechtschreiberwerb.
Eine andere Sache ist, dass Legasthenie sowohl bei Menschen mit hohem und niedrigerem IQ vorkommt. Allerdings können Menschen mit hohem IQ, so sagt man, die negativen Folgen der Legasthenie besser kompensieren und lernen viele Sachen eben explizit, anstatt sie implizit zu beherrschen. Daher wird Legasthenie bei Menschen mit niedrigerem IQ häufiger erst richtig sichtlich.


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12.04.2015, 12:00:18
Beitrag #5
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Du schreibst über
(12.04.2015 11:34:39)Kevin schrieb:  Menschen mit niedrigerem IQ
als ob das eine homogene Gruppe sei. Die meisten IQ-Tests sind aber unausgewogen und testen nicht alle Arten von Intelligenz überhaupt oder gleichrangig aus:
  1. Sprachlich-linguistische Intelligenz
  2. Logisch-mathematische Intelligenz
  3. Musikalisch-rhythmische Intelligenz
  4. Bildlich-räumliche Intelligenz
  5. Körperlich-kinästhetische Intelligenz
  6. Naturalistische Intelligenz
  7. Interpersonale oder soziale Intelligenz
  8. Intrapersonelle Intelligenz

Meist wird ja nur auf die ersten zwei bis drei geschaut, insbesondere bei rein schriftlichen Testverfahren. Dass also jemand, der bei einem sprach- oder logiklastigen Test schlecht abschneidet, Schwierigkeiten mit Rechtschreibung hat, liegt quasi in der Natur der Sache und ist banal.

So manche Regel der deutschen Rechtschreibung ist alles andere als "natürlich" oder einleuchtend für alle. Da haben manche Leute eben bessere Intuitionen und andere eben weniger treffsichere, manche lernen Regeln und Ausnahmen besser, andere finden das Regelwerk undurchdringlich und verwirrend. Das ist nicht anders, als die uznterschiedlichen Begabungen in anderen Bereichen, sei es Sport, Musik, oder Soziale Intelligenz.


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12.04.2015, 13:32:56
Beitrag #6
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Das habe ich ja versucht auszudrücken, dass der IQ eben nicht die Kognition eines Menschen zu beschreiben vermag. Wenn ich über 'Menschen mit niedrigem IQ' gesprochen habe, meinte ich damit eigentlich nicht, dass es eine homogene Gruppe ist, sondern dass man sie von außen, subjektiv (und wohl fälschlich) als solche wahrnimmt. Ich wollte damit keine objektiv evaluierbare Gruppe von 'Menschen mit niedrigem IQ' eröffnen, sondern dass man als subjektiv wahrnehmendes Individium Menschen eben in Gruppen steckt: Hauptschüler=niedriger IQ, niedriger IQ=schlechte Rechtschreibung. Ich wollte eigentlich sagen, dass das nicht so ist. Sorry, dass das nicht so rüberkam.


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12.04.2015, 18:14:14
Beitrag #7
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Interessant(er) wäre vielleicht, zu fragen, ob es eine Korrelation gibt zwischen sozialen Variablen wie z.B. Bildungsstand oder -art und Beruf, oder aber auch Alter, Geschlecht, Nationalität etc., und der Bedeutung, die sprachlicher Normkonformität beigemessen wird. Stichwort anxiety of the middle classes.


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12.04.2015, 18:48:00
Beitrag #8
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Pfffff. Ich bin mir sicher, dass Bildungsforscher dazu schon mal was gemacht haben, eher noch, als dass Linguisten dazu in der Richtung geforscht hätten.


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12.04.2015, 20:22:14
Beitrag #9
RE: Grammatik, Rechtschreibung und Intelligenz
Das ist aber schon wieder zu schwammig. Was soll denn sprachliche Normkonformität sein? Konformismus gegenüber Normen ist ja auch kein homogenes Verhalten. Gilt die Normkonformität immer oder nur in bestimmten Situationen, gegenüber bestimmten Personen, nur morgens oder auch abends? Auf welche Bereiche von Sprache beziehen sich die Normen? Wer hat sie erstellt? Sind es 'nur' soziale Normen oder grammatisch tiefer verankerte Normen? Hier muss man erstmal an der Variablenschraube kräftig drehen, bevor man über Korrelationen (in einem statistischen Sinne) nachdenken kann.

Viele Grüße
PeterSilie


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