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 » nicht erledigt Ist Noam Chomsky ein Linguist?

18.02.2012, 14:40:30
Beitrag #1
Ist Noam Chomsky ein Linguist?
Auf unserer facebook-Seite entspann sich vorgestern eine Diskussion (siehe hier), inwiefern man Noam Chomsky noch als Linguisten bezeichnen könnte. @janwo meinte, NC sei keiner (mehr), sondern bestenfalls Politikphilosoph, während @Kevin meinte, N.C. sei einer der bedeutendsten vertreter des Faches. Was meint ihr dazu?


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18.02.2012, 15:39:51
Beitrag #2
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
Was ist denn Linguistik? Und was ist ein Linguist? Und was macht Chomsky?

Wenn man Linguistik erstmal als die wissenschaftliche Beschäftigung mit Sprache auffasst, dann ist ein Linguist jemand, der sich wissenschaftlich mit Sprache befasst. Was aber wissenschaftlich ist - in Anlehnung an Kuhn, oder Feyerabend vielleicht - ist nicht notwendiger Weise zu jeder Zeit immer dasselbe. Insbesondere würde ich sagen, dass die Linguistik eben auch nur eine institutionalisierte Form der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Sprache ist, aber nicht die einzige (und auch hier scheint es mehrere Linguistiken zu geben). War Wittgenstein Linguist? Sind seit dem linguistic turn nicht verdammt viele Linguisten?

Unter der Prämisse, dass die von Chomsky vertretene Position nicht mehr dem zeitgenössischen Diskurs der Linguistik entspricht, würde ich sagen, dass Chomsky nicht mehr Linguist ist. Aber Chomsky war Linguist, als er die Linguistik war Zwinker

Ich habe mich wenig mit ihm befasst, aber den Eindruck, dass er gar nicht "durch und durch Sprachwissenschaftler" ist, sondern sich damit mal befasst hat, da eine bestimmte Perspektive eingenommen hat, und dann war gut. Viele Dinge, die ich Linguisten zuschreibe, scheinen auf ihn garnicht zu zutreffen, und ich würde auch Jans Meinung teilen, dass er eher Gesellschafttheoretiker oder so ist.

(vielleicht wäre meine Meinung eine andere, hätte ich letztes Jahr, als er für zwei Vorträge bei uns an der Uni war, nicht vor verstopften Hörsälen gestanden Zwinker )

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15.04.2012, 20:34:33
Beitrag #3
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
Ich weiß, es ist schon ein wenig Wasser den Bach hinabgeflossen, aber trotzdem:

Ich denke, dass Chomsky ein Linguist ist. Nicht zuletzt wie oben bereits erwähnt wurde, ist es schwer das Aufgabenfeld eines Linguisten genau zu bestimmen. (Was ja auch irgendwie der Gag des Bildes auf Facebook war)

Ich denke er ist ein wichtiger Mann in der theoretischen Linguistik. Auch heutzutage (obwohl vieles veraltet ist) benutzen viele Menschen seine Art der Sicht auf die Sprache. Zumindest grob was Phrasen usw. angeht.

Sein Bild heutzutage ist sehr politisch geprägt, was aber eigentlich (wie ich finde) wichtig für einen Wissenschaftler ist.
Als Wissenschaftler kann man sich nicht einfach herausreden und so tun, als ob das Weltgeschehen nichts mit der eigenen Person zu tun hat.

Hauptsächlich kann ich mir halt keinen theoretischen Linguistiker vorstellen, der keine grobe Vorstellung von Chomskys Arbeiten hat. Und auch wenn viele an dem Sinn dieser zweifeln, so ist sie doch bisher noch einer, wenn nicht DER Hauptbestandteil des Linguistikstudiums.

Gruß, Sion


Hallo, ich bin Sion und seit 20.10.2011 17:22 hier angemeldet.
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16.04.2012, 16:31:23
Beitrag #4
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
(15.04.2012 20:34:33)Sion schrieb:  Ich weiß, es ist schon ein wenig Wasser den Bach hinabgeflossen, aber trotzdem:
Och, zumindest ich freue mich, dass hier noch was kommt, denn ich dachte nämlich schon, ich hätte mit meinem Gelaber alle verschreckt Zwinker

Zitat:Sein Bild heutzutage ist sehr politisch geprägt, was aber eigentlich (wie ich finde) wichtig für einen Wissenschaftler ist.
Als Wissenschaftler kann man sich nicht einfach herausreden und so tun, als ob das Weltgeschehen nichts mit der eigenen Person zu tun hat.

Ich denke, dass es schwierig ist, das so zu sagen, da unterschiedliche Disziplinen meiner Meinung nach eine unterschiedliche Affinität zu diesen Dingen besitzen. Die ganzen "Modephilosophen", die man in einem durchschnittlichen Literatur/Kulturwissenschaftlichen Studium so kennen lernt, wären - wohl auch weil sie Kinder ihrer Zeit sind - ohne ihre politische Dimension nicht denkbar, während es bei einem Zahlentheoretiker schwierig sein dürfte, aus seiner wissenschaftlichen Arbeit eine gesellschaftliche Verantwortung abzuleiten.

Unabhängig davon fände ich es natürlich wünschenswert, wenn sich möglichst jeder für gesellschaftliche und politische Fragen interessierten. Das sollte aber keine Notwendigkeit wissenschaftlicher Arbeit sein.

Zitat:Hauptsächlich kann ich mir halt keinen theoretischen Linguistiker vorstellen, der keine grobe Vorstellung von Chomskys Arbeiten hat. Und auch wenn viele an dem Sinn dieser zweifeln, so ist sie doch bisher noch einer, wenn nicht DER Hauptbestandteil des Linguistikstudiums.

Ich hatte zumindest zwischenzeitlich das Gefühl, dass der Trick darin besteht, Chomskys Positionen zwar abzulehnen, sich mit ihnen aber besser auszukennen, als so manche, die sie vertreten. Entsprechend irritiert war ich, als ich als einer meiner Dozenten in einem Seminar meinte, es gäbe nur einen lesenswerten Aufsatz von Chomsky (Remarks on Nominalization), etwas später in demselben Kurs aber ein Detailwissen verlangte, dass ich aufgrund des mir bis dahin im Studium vermittelten Eindruckes für abkömmlich hielt.

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16.04.2012, 22:47:04
Beitrag #5
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
(15.04.2012 20:34:33)Sion schrieb:  Sein Bild heutzutage ist sehr politisch geprägt, was aber eigentlich (wie ich finde) wichtig für einen Wissenschaftler ist.
Als Wissenschaftler kann man sich nicht einfach herausreden und so tun, als ob das Weltgeschehen nichts mit der eigenen Person zu tun hat.

Ich denke, dass man das so nicht sagen kann. Ein wichtiges Merkmal der modernen Wissenschaften ist, dass sie wertfrei sind (oder sein sollten). Das schließt auch ein, dass Wissenschaft nicht politisch ist (und oftmals auch nicht sein kann, wie thf schon gesagt hat). Natürlich kann jeder Wissenschaftler auch ein politischer Mensch sein, dann muss aber klar sein, dass seine Äußerungen jetzt als Privatmensch gemacht werden und nichts mit der Wissenschaft zu tun haben. Ich finde, da muss man eine Trennlinie ziehen, denn Wissenschaft ist oftmals öffentlich finanziert und öffentliche Güter sollten nicht von einer politischen Fraktion eingenommen werden.

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01.05.2012, 10:44:57
Beitrag #6
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
Ich denke, es ist komplexer.
Zum einen ist die Wissenschaft selbst zwar wertfrei, das gilt aber nicht für wissenschaftliche Methoden.
Zum anderen ist Politik eines der Themen wissenschaftlicher Betrachtung.
Das kann sowohl wissenschaftlich geschehen (auch zu populärwissenschaftlichen Ergebnissen führen).
So untersuchte der Linguist Victor Klemperer die Sprache des "dritten Reiches" und publizierte das Buch mit den Ergebnissen "LTI", das ich wohlLinguisten nicht erst vorstellen muss.
Zum anderen kann man als Wissenschaftler auch andere Gebiete als das eigene betrachten, und hier werden oft Grenzgebiete besonders interessant.

So oder so, man kann eigentlich nicht die Wissenschaftlichkeit absprechen, solange wissenschaftliche Metoden verwendet werden.

"Wertfrei" selbst ist ein sehr diffuses Wort. So betrachte ich es als wertfrei, wenn man "guttenbergt", aber durchaus nicht, wenn man wissenschaftlich forscht. Dann bewertet und wertet man, und man erzeugt Werte. Ich denke, dass wissenschaftliche Ergebnisse nicht wertfrei sind oder sein sollten.
Wahrscheinlich ist aber mit "wertfrei" "vorurteilsfrei" gemeint, dann stimme ich zu.

Für mich ist Chomsky ein bedeutender Wissenschaftler sowohl auf dem Gebiet der Linguistik, als auch auf anderen Gebieten, wie Politikwissenschaften, und auch in ihrer Verknüpfung. Ich habe mehrere seiner Werke studiert, sowohl linguistische als auch politikwissenschaftliche.

Auf linguistischem Gebiet hatte ich aber immer etwas das Gefühl, dass er (zum Beispiel bei seiner UG) eigentlich "Englisch" und nicht "Sprache" meint.


Hallo, ich bin Hutschi und seit 28.04.2012 10:13 hier angemeldet.
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01.05.2012, 20:41:12
Beitrag #7
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
(01.05.2012 10:44:57)Hutschi schrieb:  Auf linguistischem Gebiet hatte ich aber immer etwas das Gefühl, dass er (zum Beispiel bei seiner UG) eigentlich "Englisch" und nicht "Sprache" meint.
Applaus Ja. Aber in bestimmten Kreisen gälte diese Feststellung bereits als Häresie.

Ansonsten:
Nicht jeder, der sich politisch betätigt, Politik betrachtet oder kommentiert oder eine – egal wie fundierte und "berechtigte" – politische Meinung hat, ist damit gleich Politikwissenschaftler.
Klemperer ist und bleibt trotz seiner Untersuchung politischer Sprache ein Sprachwissenschaftler. Bestenfalls wird er ein interdisziplinär arbeitender Sprachwissenschaftler.


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01.04.2013, 14:00:29
Beitrag #8
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
Jetzt ist es raus: "Noam Chomsky" war ein Pseudonym von ..... ach lest selbst


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10.08.2013, 10:31:13
Beitrag #9
RE: Ist Noam Chomsky ein Linguist?
Und noch ein gut geschriebener Artikel über das "Chomsy Problem":

How Noam Chomsky’s world works von David Hawkes
http://www.the-tls.co.uk/tls/public/article1114177.ece

Ein Appetithappen:
David Hawkes schrieb:Anyone following the career of Noam Chomsky is soon confronted with a problem. In fact, it has become known as the “Chomsky problem”. Chomsky has achieved eminence in two very different fields, theoretical linguistics and political commentary. The “Chomsky problem” is that his approaches to these fields appear to contradict each other. In politics Chomsky is a radical, but in linguistics he takes positions that can easily be characterized as reactionary.


Ich persönlich würde allerdings sagen, dass seine Prominenz in beiden Bereichen, Politik wie Linguistik, ungebührend groß ist. Letztendlich ist er hier wie dort ideologisch verblendet und nicht diskussionsfähig.


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