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[Graph]: Graphematik, Orthographie, Schriftforschung  » Erledigt: Heute Heute Kann man auf die Aussprache unbekannter Alphabete schließen?

20.10.2011, 14:53:44
Beitrag #1
Kann man auf die Aussprache unbekannter Alphabete schließen?
Hallo,
Neulich hatte ich mit einigen Kommilitonen eine Diskussion und aus der entsponn sich fast eine fiktive Welt. Ich würde die Frage nun gerne mal hier stellen, weil wir immer noch nicht so ganz auf den grünen Zweig gekommen sind...
Die Frage war, ob man ohne metasprachliche Texte auf die Aussprache eines fremden Alphabets kommen kann.

Folgende Situation, die nur rein hypothetisch zu sehen ist, damit sie die Grundannahmen generiert, von denen wir ausgehen:

Die Menscheit stirbt durch eine Krankheit aus, nur die Isländer überleben (durch einen genetischen Defekt z.B.), die Krankheit lässt sie aber vergessen und "dumm" werden. Erst mehrere Generationen später entwickeln sie wieder Intelligenz, eine Zivilisation, Wissenschaft (u.a. Sprachwissenschaft, ähnlich "klug" wie wir heute) und fahren dann nach Europa um dort auf mysteriöse Schriftdenkmäler zu stoßen (also Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Finnisch usw.), die sie nicht verstehen (das "Neue Volk" hat bereits eine vollkommen andere Schrift und Sprache entwickelt)... die Linguisten beginnen nun, die Sprachen Europas zu erforschen...
Warum diese dystopische Geschichte? Um folgendes zu gewährleisten:
- das "Neue VolK" spricht eine menschenmögliche Sprache; es sind keine Aliens mit ganz anderer Hirn- und Mundraumstruktur (Rüssel?)
- die Kultur ist recht ähnlich, jedenfalls nicht grundlegend anders
- Island nur, weil's ein Stück von Europa weg ist...
Das wichtige ist nur, dass das "Neue Volk" eine Sprache spricht, die völlig unverwandt mit den europäischen Sprachen ist, aber menschenmöglich.
Eine weitere Annahme ist: es gibt keine metasprachlichen Dokumente, also keine IPA-Tabellen, Phonetikbücher, keine Bilder mit Buchstaben und Mundstellung und schon gar keine Tonaufzeichnungen wie CDs oder Schallplatten. Denn sonst wär's zu einfach...

Nun ist die Frage eben: Kann das Neue Volk nicht nur die Bedeutung unserer Worte und die ungefähre Grammatik entschlüsseln (das trau ich ihm zu), sondern auch die (ungefähre) Aussprache? Das ist für Englisch sicher sehr schwierig, aber wir können ja ruhig von Sprachen mit phonetischeren Schriften ausgehen... ist es also überhaupt möglich, die Aussprache herauszufinden?

Ich poste gleich als Antwort unsere bisherigen Gedanken, dann würde ich gerne wissen, ob euch noch was einfällt. Versetzen wir uns mal in die Lage der Neuvolk-Linguisten...


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20.10.2011, 15:09:21
Beitrag #2
RE: Kann man auf die Aussprache unbekannter Alphabete schließen?
Du kannst es wahrscheinlich auch einfacher haben: Kann man die Aussprache von ausgestorbenen isolierten Sprachen rekonstruieren? Zwinker

Ich glaube, dass es nur zu einem gewissen Maße funktioniert. Ohne Tonquellen, Aufzeichnungen oder Informationen darüber, wie davon abstammende, phonetisch-rekonstruierte oder lebende Sprachen ausgesprochen werden, ist es meiner Meinung nicht möglich, sie einwandfrei und komplett zu rekonstruieren. Zunächst kann man nicht mit Sicherheit sagen, dass die Aussprache phonetisch ist. Schau doch mal Isländisch selbst an oder Englisch. Die wurden früher der heutigen Schreibweise viel ähnlicher gesprochen, geschrieben wird aber immer noch gleich. Anhand des Schriftkorpus ist das nicht zu erkennen.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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20.10.2011, 15:20:38
Beitrag #3
RE: Kann man auf die Aussprache unbekannter Alphabete schließen?
Mir fällt dazu diese Dokumentation ein; vielleicht interessiert dich das ja:
http://www.youtube.com/watch?v=5jEQjIS48TM

Insgesamt glaube ich, dass es - unter Rückgriff auf Erkenntnisse der Sprachwissenschaft, wie zum Beispiel vorgebliche Sprachuniversalien, Silbenstruktur etc. - möglich ist, Hypothesen über die Phonologie zu bilden - vielleicht im Sinne von Wahrscheinlichkeiten - und daraus wiederum Überlegungen zur Aussprache anzustellen. Vermutlich kann man dann mit Hilfe von Annahmen der Sache immer näher kommen, ähnlich, wie das etwa in der Kryptoanalyse gemacht wird. Ich denke aber nicht, dass diese selbst vollständig rekonstruierbar ist. Vorallem nicht, wenn der Abstand zwischen Schrift und Aussprache groß ist.

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20.10.2011, 16:38:07
Beitrag #4
RE: Kann man auf die Aussprache unbekannter Alphabete schließen?
Hier unsere Vorüberlegungen zu dem Gedankenexperiment...

Erste Hürde ist die Schrift. Aber egal welches Schriftsystem das Neue Volk benutzt, ob nun Logogramme, Silbenschrift, Abugida oder ein Alphabet... es ist vielleicht nicht allzu schwer, herauszufinden, dass es sich bei unseren lateinischen Buchstaben (das kyrillische oder griechische können wir vielleicht erstmal außen vor lassen) um ein Alphabet handelt. Allein schon wegen der Zeichenanzahl. Schließlich stellen die Linguisten durch Vergleiche von Texten und Wörtern fest, das wir offenbar 2 verschiedene Zeichenarten verwenden: Groß- und Kleinbuchstaben. So kommt man schnell darauf, dass Sinnabschnitte (vielleicht Sätze?) mit einem großen Buchstaben anfangen, manche Wörter immer groß geschrieben werden (sind das Götternamen? Oder vielleicht einfach nur Eigennamen?)... eine 1:1-Übertragung der Groß- und Kleinbuchstaben ist schnell gefunden.

Eventuell ist das bereits ein großer Sprung nach vorn, aber es ist sicher möglich, die Bedeutung schon von vielen Wörtern aus dem Kontext zu erschließen, angefangen bei EXIT, EINGANG, Rauchen verboten! usw.; hier kann man erkennen, dass unsere Wörter aus Morphemen aufgebaut sein könnten, weil Endungen oft verschieden sind. So sieht man die Pluralendungen (in vielen Sprachen Europas auf -s oder -en), die Bedeutung kleiner grammatischer Wörter wie "de", "von" usw. — ich denke, findige Linguisten können so eine ganze Menge über die Sprache herausfinden, wie wir heute über Sumerisch, Mitteägyptisch und Co. Und da braucht's noch kein phonetisches Wissen, denn die Linguisten sehen, das Wort "Ausgang" schreibt sich in der Sprache aus England mit "einer Kralle", "einem Kreuz", "einem Strich" und "einem Nagel". Plurale enden auf "eine Schlange" oder "eine Kralle und eine Schlange" und so weiter...

Durch Zeilentrennungen, Analyse von Liedtexten/Notenblättern und ähnlichem kommt man vielleicht darauf, was zu einer Silbe gehört. Sofern das Neue Volk doch irgendwie Wissen über Typologie hat, oder irgendwie auf die Idee kommt, dass es vermutlich mehr Konsonantenphoneme als Vokalphoneme gibt, kann über eine Analyse des Italienischen, in dem ja (fast) jedes geschriebene Wort auf einen von 5 verschiedenen Zeichen endet, die auch immer in der Mitte einer Silbe vorkommen, und für die es in nicht wenigen Sprachen Wörter gibt, die eben NUR aus diesen Zeichen bestehen... äh... jedenfalls kommt man so darauf, was Vokale in der Sprache sein dürften: AEIOU, wie auch immer diese ausgesprochen werden.

Durch Sprachvergleich findet man heraus, dass Y z.T. so ähnlich wie I geklungen haben könnte, PH wie F, CH und C manchmal wie K, TH wohl oft wie T und weiteres. Durch Gedicht- und Liederanalyse kann man herausfinden, wie die Metrik der Sprachen so ungefähr funktioniert (lange Vokale z.B.), sieht so z.B. vielleicht durch statistische Methoden die betonten Silben. Im Deutschen, Türkischen und ähnlichen Sprachen kann man bei reimenden Gedichten sehen, dass D-T, G-K, B-P am Wortende so ähnlich ausgesprochen worden sein könnte; die Idee Stimmhaft-Stimmlos ist vllt. naheliegend.

Vielleicht findet man irgendetwas heraus, wenn man sieht, was in welcher Sprache wie umlauten kann, z.B. wird der Plural von APFEL (eine Frucht) mit zwei Punkten auf dem ersten Vokal gebildet wird. Aber kann man herausfinden, was die Punkte bedeuten? Die könnten ja auch für Nasalität, einem Diphthong mit -i oder -u oder sogar Creaky Voiced stehen. ÄÖÜ gibt's in vielen Sprachen, z.B. Türkisch, Estnisch, Deutsch, Ungarisch (dort sieht man lange Vokale auch supereinfach!), Schwedisch... evtl. ließe sich daraus was erschließen, z.B. dass die Punkte für eine Verschiebung des Vokals nach vorne stehen. Kann man so schließen, welche Vokale das dann sein könnte?

Naja... so in etwa ist nun der Stand der Neuvolk-Linguisten. Kann man irgendwie über kleine Schritte noch mehr über die Aussprache der Grapheme herausfinden, und seien es auch nur einzelne Features wie [+voiced], das Puzzle wird sich nach und nach ergeben.

Fällt euch noch was ein? Oder geht ihr vllt. davon aus, dass es überhaupt nicht möglich sein wird, auch nur grob die Aussprache (d.h. zu wissen, dass ein R ein /r/-Laut ist, aber vllt. nicht ob nun Flap, Tap, uvular oder alveolar etc.) herauszubekommen? Jede kleine Idee ist hilfreich... Lächel


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20.10.2011, 20:57:37
Beitrag #5
RE: Kann man auf die Aussprache unbekannter Alphabete schließen?
Ich würde die Frage ganz anders angehen: In dem Momemnt, wo wir die "Aussprache" einer Schrift kennen, sie also vorlesen können, ist sie nicht mehr unbekannt. Zwinker Ansonsten halte ich's mit thf's Meinung, dass man bestenfalls recht gute Hypothesen/Wahrscheinlichkeiten herausbekommen kann.


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