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[Phon]: Phonetik & Phonologie  » nicht erledigt Komplementäre Distribution

06.07.2013, 23:59:03
Beitrag #1
Komplementäre Distribution
Hallo,

sind [h] und [ŋ] jeweils unterschiedliche Phoneme oder Allophone eines Phonems ?

Offizielle Lösung: Da das [h] und das [ŋ] in komplementärer Distribution stehen, könnte man sie theoretisch als stellungsbedingte Varianten betrachten. Da sie sich aber phonetisch sehr unterscheiden, werden sie als zwei Phoneme angesetzt.


Verstehe ich aber nicht.


Seit wann können zwei Laute einmal in komplementärer Distribution stehen und zeitgleich auch als Phonem fungieren?



Gruß


Hallo, ich bin FlorianAir und seit 11.01.2013 19:25 hier angemeldet.
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07.07.2013, 09:29:06
Beitrag #2
RE: Komplementäre Distribution
(06.07.2013 23:59:03)FlorianAir schrieb:  Hallo,
Moin

(06.07.2013 23:59:03)FlorianAir schrieb:  sind [h] und [ŋ] jeweils unterschiedliche Phoneme oder Allophone eines Phonems ?

In welcher Sprache? Man kann den #Phonemstatus nur für jeweils ein System bestimmen.
Gehen wir der Einfachheit halber mal davon aus, dass Du Deutsch meintest. Standarddeutsch. OK?

(06.07.2013 23:59:03)FlorianAir schrieb:  Offizielle Lösung: Da das [h] und das [ŋ] in komplementärer Distribution stehen, könnte man sie theoretisch als stellungsbedingte Varianten betrachten. Da sie sich aber phonetisch sehr unterscheiden, werden sie als zwei Phoneme angesetzt.

Wer oder was macht das denn "offiziell"? Wie (fast) immer in den Geisteswissenschaften gibt es hier mehr als eine "richtige" Antwort. Es ist eben Interpretationssache.

(06.07.2013 23:59:03)FlorianAir schrieb:  Verstehe ich aber nicht.
Verständlich, dass Du's nicht verstehst. Das ist auch (m.M.n.) an den Haaren herbei gezogen. Mit dem selben Argument wären nämlich auch [ʔ] und [χ] komplementär distribuierte Allophone, siehe unten.

(06.07.2013 23:59:03)FlorianAir schrieb:  Seit wann können zwei Laute einmal in komplementärer Distribution stehen und zeitgleich auch als Phonem fungieren?
Seitdem man unterschiedliche Kriterien hat, was als Phonem gilt und was als Allophon.

Gemeinhin reiht die per Minimalpaaranalyse gefundene Opposition in einer der drei möglichen Positionen (Silben-)Anlaut, (Silben-)Inlaut, (Silben-)Auslaut aus, um zwei Segmenten den Phonemstatus zu sichern. Für manche Leute müssen aber Minimalpaare für alle drei Positionen gefunden sein, damit sie das Segmentpaar als volle Phoneme und nicht (Teil-)Allophone behandeln oder Dinge postulieren wie oben.

Die Phonotaktik des Deutschen sieht nun grundsätzlich nicht vor, dass [h] (oder [ʔ]) im Silbenauslaut stehen (geschriebene h sind Längenzeichen oder Teil der Di-/Trigraphen (s)ch). Daher kann man für sie keine Minimalpaare finden, die diese Position involvieren. Ebenso gibt es im Deutschen keine an- oder inlautenden [ŋ] (oder [χ]), wenngleich das [ŋ] zumindest theoretisch einen Silbengipfel bilden könnte, was [h] oder [ʔ] nicht können. Aus diesen distributiven Restriktionen ließe sich nun – wenn man es denn unbedingt will – eine komplementäre Distribution konstruieren. Das ist so weit ja auch noch legitim, auch wenn es nur ganz wenige Schritte von der Trivialität entfernt ist, mit der wir Konsonanten und Vokalen eine komplementräre Distribution zuschreiben.

Wenn man jedoch "elegante" Phonologie betreiben will, postuliert man Allophon(i)e nur für Segmente, die in dieselbe Klasse fallen, also zumindest irgendwelche Merkmale miteinander teilen, die über [±KONSONANT] hinaus gehen. Bei unseren komplementrär distribuierten ch-Lauten [ç,x,χ] shet die Gemeinsamkeit so weit, dass es alles stimmlose Frikative sind, die sich nur durch den Artikulationsort unterscheiden.
Für [h] und [ŋ] gibt es keine sinnvolle natürliche Klasse unterhalb "Konsonant".Für mein Alternativbeispiel [ʔ]/[χ] gilt auch nur, dass sie beide stimmlose Konsonanten sind; wenn man mag, könnte man hier aber eine Klasse "[+POSTVELAR]" aufmachen, der sie mit [h] zusammen angehören würden.


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07.07.2013, 09:48:24
Beitrag #3
RE: Komplementäre Distribution
(06.07.2013 23:59:03)FlorianAir schrieb:  sind [h] und [ŋ] jeweils unterschiedliche Phoneme oder Allophone eines Phonems ?

Ich nehme an, du meinst im Deutschen. Grundsätzlich fänd ich es aber ganz gut, wenn das bei Fragen immer mit erwähnt würde; für manche (z.B. mich Zwinker ) ist Deutsch z.B. nicht die Defaultsprache, mit der man sich befasst.

Hast du mal in das Phonologiebuch von Hall geschaut? Auf Seite 39f. gibt es einen kurzen Abschnitt genau dazu.

Im Prinzip läuft es auf Folgendes hinaus: Laute, die in komplementärer Verteilung stehen und Allophone eines Phonemes sein sollen, müssen eine phonetische Ähnlichkeit aufweisen. Wenn [ʃ] in irgendeiner Sprache immer nur im Kontext vor [ i] auftritt, und [s] in allen anderen, so liegt eine komplementäre Verteilung vor, für die eine Regel angegeben werden kann, und die aus phonetischen Gründen plausibel erscheint; [s] und [ʃ] sind beide Frikative, sie sind beide Sibilanten, sie sind beide Stimmlos, sie werden an benachbaren Artikulationsorten produziert. Hinzukommt, dass [ i] ein hoher Vorderzungenvokal ist, sodass es möglich erscheint, dass mittels partieller regressiver Kontaktassimilation des Artikulationsorts, die Artikulationsstelle etwas hin zum Palatum verlegt wird. In den Analysekursen, die ich machen musste, wurde immer gesagt, dass man eine bestimmte Regularität, die man meint gefunden zu haben plausibilisiert; man findet eine Argumentation, die aus (in diesem Fall) phonetischer Sicht sinnvoll erscheint. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass andere Analysen nicht möglich wären, oder dass damit irgendwas bewiesen wäre.
Bei Phonemen handelt es sich ja um abstrakte Einheiten (wie setzt eine Sprache ein Inventar von Lauten ein, um Bedeutungsunterscheidungen zu treffen?), die irgendeine Art von inneren Zusammenhalt aufweisen sollten, würde ich sagen.

Jetzt kann man überlegen, wie das bei [h] und [ŋ] im Deutschen ist:
[h] kommt am Wortanfang vor, [ŋ] am Wortende.
[h] ist ein stimmloser glottaler Frikativ, [ŋ] ein (stimmhafter) velarer Nasal.
Die beiden scheinen mir auf den ersten Blick keine natürliche Klasse zu bilden; warum sollte eine phonologische Regel genau diese beiden Laute betreffen und warum genau so, und nicht beispielsweise anders rum ([ŋ] nur im Anlaut [h] nur im Auslaut).

Hall (2000:40) bezeichnet die beiden als Phoneme mit defektiver Verteilung.

Oh, Jan war schneller Traurig

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07.07.2013, 10:13:55
Beitrag #4
RE: Komplementäre Distribution
(07.07.2013 09:48:24)thf schrieb:  Oh, Jan war schneller Traurig

Macht nix. Wir haben ja teilweise komplementär geantwortet. Zwinker


P.S. hierzu:
(07.07.2013 09:29:06)janwo schrieb:  Ebenso gibt es im Deutschen keine an- oder inlautenden [ŋ] (oder [χ]), wenngleich das [ŋ] zumindest theoretisch einen Silbengipfel bilden könnte,

In der umganssprachlichen Lautung (nicht Hoch- oder Bühnenlautung) würde man auch im Deutschen silbische [ŋ] ansetzen können, zum Beispiel bei Jungen: /ˈjʊŋ.ŋ̩/


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12.07.2013, 08:55:10
Beitrag #5
RE: Komplementäre Distribution
Vielen Dank für die beiden tollen Antworten.

Zitat:Wer oder was macht das denn "offiziell"?

Offiziell deshalb, weil das der Dozent gesagt hatte Zwinker



Gruß


Hallo, ich bin FlorianAir und seit 11.01.2013 19:25 hier angemeldet.
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