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[Kogn]: Psycholinguistik, Sprache & Kognition, Neurolinguistik  » nicht erledigtLinguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?

17.02.2013, 07:40:59,   Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 17.02.2013, 22:41:15 von janwo
Beitrag #1
Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Moin
Ich komm grad von der BLS39 Konferenz und durfte dort einigen äußerst interessanten Vorträgen zum Thema "Space and directionality" lauschen (von z.B. Eve Danziger und Jörgen Bohnemeyer), die sich auch auf die berüchtigte linguistische Relativität bezogen. Das ist ein Thema, das mich selbst schwer interessiert, allerdings nicht unbedingt nur in Bezug auf Raum und Zeit (oder eben Farbe, was wohl das ausgelutschteste Thema in dem Bereich sein dürfte Shy ).

Nun stellt sich mir die Frage, ob auch in anderen Bereichen zum Thema linguistische Relativität geforscht wurde/wird? Die Literaturrecherche dazu gestaltet sich für mich leider etwas schwierig, da ich auch nicht so genau weiß, wonach ich suchen soll. Ich habe schon einmal in einem anderem Thread kurz erläutert, woran ich im Speziellen interessiert bin:

(04.12.2012, 00:31:10)Karin schrieb: Ja, ich hab 'nen Phänomenbereich, der mich interessiert. ...
Alles was mit Gender zu tun hat. Ich dachte da so an Personenbezeichnungen,wie z.B. Lehrer/Lehrerin, Nachbar/Nachbarin etc. im Deutschen im Gegensatz zum Englischen, wo es dann einfach nur teacher oder neighbour heißt für beide Geschlechter. Mich interessiert, ob deutsche Muttersprachler mit L2 Englisch dann häufiger eine männliche Person assoziieren, wenn sie die englischen Begriffe hören/sehen.
So was zum Beispiel... ist aber leider alles noch etwas sehr schemenhaft.

Aber ich bin auch generell an allem interessiert, was eventuell abseits des "Sapir-Whorf-Mainstreams" passiert. Also, wenn ihr irgendetwas darüber wisst, würde ich mich über Literaturtipps oder Namen freuen!

Danke und liebe Grüße von der Westküste [Bild: smilie_winke_007.gif]

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17.02.2013, 11:56:33,   Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 19.03.2013, 10:36:10 von janwo
Beitrag #2
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Es ist jetzt nicht wirklich "abseits des SWH-mainstream", aber die Arbeiten von Dan Everett, Caleb Everett und anderen zu Pirahã beschäftigen sich an vielen Stellen z.B. auch mit dem "Fehlen" jeglicher Ausdrücke für Kardinalität. Benutze einfach mal die Forensuche zu dem Sprachennamen #Piraha .

Zwei ganz frische Publikationen zum Thema:


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
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17.02.2013, 12:29:06,
Beitrag #3
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
1990 hat der Psychologe Toshi Konishi ein Experiment gemacht, bei dem man manchen Nomen im Deutschen und Spanischen Eigenschaften zuordnen sollte. Das Ergebnis war, dass die Eigenschaften stets nach dem grammatischen Genus konnotierten. Weitere Studien zeigten den gleichen Effekt. So konnten sich männliche unbelebte Gegenstände besser mit einer männlichen Person in Verbindung gemerkt werden als mit einer Frau und anders herum. Maria Sera und Kollegen haben eine Studie gemacht, bei der die Teilnehmer männlichen unbelebten Gegenständen eher männliche Stimmen zuordneten und weiblichen Gegenständen Frauenstimmen. (Weiteres findest du dazu in "Im Spiegel der Sprache - Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht" von Guy Deutscher ab Seite 237.)


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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17.02.2013, 13:22:22,
Beitrag #4
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Wenn du was abseits von Raum/Zeit/Farbe suchst, dann interessiert dich vielleicht das hier: Sidnell, J., & Enfield, N. J. (2012). Language diversity and social action: A third locus of linguistic relativity. Current Anthropology, 53, 302-333.

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17.02.2013, 13:49:58,   Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 19.02.2013, 12:40:02 von thf
Beitrag #5
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Na ja, erstmal würde ich mal sagen, dass es sich bei linguistischer Relativität an sich um eine Art Diskurs handelt, der sich in vielen Bereichen der Linguistik auf die eine oder andere Weise niederschlägt, und mit anderen Fragestellungen zu Universalismus/Relativismus etc. verknüpft ist; wenn man genau hinschaut, kann man das meiner Meinung nach auch in sehr vielen Bereichen, die sich vergleichend mit Sprache/Kultur/Kognition (insbesondere in Verknüpfung) befassen, wiederfinden.

Ich finde, man kann noch auf die Arbeit von Anna Wierzbicka vor allem im Rahmen der NSM-Theorie verweisen, die sich sehr stark um Fragen der sprachlichen und kulturellen Relativität dreht (mit dem besonderen "Kniff", dass einerseits die grundlegende Bereitschaft besteht, enorme Varianz zu akzeptieren, andererseits eine Art "geteiltes Vokabular" (Semantic Primes) angenommen wird, mit dessen Hilfe man "terminologischen Ethnozentrismus" (wie es in dieser Literatur genannt wird) zu überwinden und Sprache und Kultur aus einer kulturinternen (emischen, wie das insb. in der Ethnologie/Ethnolinguistik manchmal heißt) Perspektive zu beschreiben versucht); ich weiß noch nicht genau, was ich davon halten soll, find's aber sehr spannend Zwinker

Bzgl. der Genderthematik ist vielleicht interessant, dass es in diesem Rahmen auch Untersuchungen zu Begriffen wie engl. "Women", "Man", "Child", "Mother", "Husband" etc. gibt, womit ihnen (prinzipiell) eine kulturspezifische und konstruierte Natur eingeräumt wird, und die z.T. als aufeinander basierend analysiert werden (sog. "semantische Moleküle")

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17.02.2013, 22:01:16,
Beitrag #6
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Oh Leute,
vielen, vielen Dank schonmal für den Input! Ich werd mir das alles ganz genau ansehen! Guy Deutschers Buch wollte ich mir eh schon länger bestellen.
Everetts Sachen kenn ich auch! Zumindest "Don't sleep, there are snakes" und "Language - the culturual tool" hab ich gelesen. Da das beides populärwissenschaftliche Bücher sind, sind dort leider keine richtigen Quellenangaben. Bei Deutscher wirds, vermute ich mal, ähnlich sein.
Also wer mehr weiß, immer her damit!!
LG,
Karin

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17.02.2013, 22:14:46,
Beitrag #7
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Hey,
nein, Guy Deutscher hat 14 Seiten Quellenangaben. Wenn du ganz lieb fragst und im Moment das Buch noch nicht kaufen willst zu deinem Zweck, kann ich sie dir auch kopieren. Zwinker


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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19.02.2013, 05:17:19,
Beitrag #8
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Wow, das ist ja so lieb von dir!! Ich hab allerdings momentan so oder so nicht wirklich die Möglichkeit zu recherchieren, da ich zum Praktikum in US of A bin. Deswegen kann ich mir auch das Buch noch nich besorgen, weil ich das auf dem Rückweg nicht mehr in den Koffer bekommen würde. XD
Ich leg mir das dann zu, wenn ich wieder in good ol' Schland bin. Lächel

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07.03.2013, 11:47:16,
Beitrag #9
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Liebe Karin,

zum Thema Gender, Genus und Relativität habe ich mal eine Hausarbeit geschrieben, hier mal ein Auszug aus meiner Liteartaurliste:

"Baumgartinger, Persson Perry (2008): Lieb[schtean] Les[schtean], [schtean] du das gerade liest... . Von Emanzipation und Pathologisierung, Ermächtigung und Sprachveränderungen. Liminalis, 2008_2. S. 24-39.

Braun, Friederike et al. (1998): Können Geophysiker Frauen sein? Generische Personenbezeichnungen im Deutschen. Zeitschrift für Germanistische Linguistik, 26. S. 265-283.

Braun, Friederike et al. (2007): „Aus Gründen der Verständlichkeit...“: Der Einfluss generisch maskuliner und alternativer Personenbezeichnungen auf die kognitive Verarbeitung von Texten. Psychologische Rundschau, 58 (3). S. 183-189.

Heise, Elke (2000): Sind Frauen mitgemeint? Eine empirische Untersuchung zum Verständnis des generischen Maskulinums und seiner Alternativen. Sprache und Kognition – Zeitschrift für Sprach- & Kognitionspsychologie und ihre Grenzgebiete, 19 (1,2). S. 3-13.

Hellinger, Marlis (1990): Kontrastive Feministische Linguistik. Mechanismen sprachlicher Diskriminierung im Englischen und Deutschen. Ismaning: Hueber.

Irmen, Lisa & Kurovskaja, Julia (2010): On the Semantic Content of Grammatical Gender and Its Impact on the Representation of Human Referents. Experimental Psychology, 57 (5). S. 367-375.

Irmen, Lisa & Linner, Ute (2005): Die Repräsentation generisch maskuliner Personenbezeichnungen. Eine theoretische Integration bisheriger Befunde. Zeitschrift für Psychologie, 213 (3). S. 167-175.

Irmen, Lisa & Roßberg, Nadja (2004): Gender Markedness of Language: The Impact of Grammatical and Nonlinguistic Information on the Mental Representation of Person Information. Journal of Language and Social Psychology, 23 (3). S. 272-307.

Irmen, Lisa & Roßberg, Nadja (2006): How Formal Versus Semantic Gender Influences the Interpretation of Person Denotations. Swiss Journal of Psychology, 65 (3). S. 157-165.

Rothmund, Jutta & Scheele, Brigitte (2004): Personenbezeichnungsmodelle auf dem Prüfstand. Lösungsmöglichkeiten für das Genus-Sexus-Problem auf Textebene. Zeitschrift für Psychologie, 212 (1). S. 40-54.

Stahlberg, Dagmar & Sczesny, Sabine (2001): Effekte des generischen Maskulinums und alternativer Sprachformen auf den gedanklichen Einbezug von Frauen. Psychologische Rundschau, 52 (3). S. 131-140."

Außerdem kann ich dir noch Literatur von Elisabeth Leiss und Doris Weber empfehlen, die sich eingehend mit dem Thema Genus beschäftigt haben.

Viel Spaß beim Lesen!

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07.03.2013, 15:05:33,
Beitrag #10
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Message Die "No Future"-Diskussion um den Wirtschaftswissenschaftler Keith Chen haben wir in einen eigenen Thread ausgelagert: ☞ http://www.linguisten.de/Thread-Linguist...-no-future


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23.05.2013, 16:03:57,
Beitrag #11
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Doch noch mal Farben, dafür aber mit etwas Neurophysiologie dabei: http://brainblogger.com/2013/05/23/what-...you-speak/


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24.06.2013, 10:57:16,   Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 24.06.2013, 18:29:21 von janwo
Beitrag #12
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Über Twitter kam mir da was unter, wo jemand diverse Dinge ausgräbt, unter anderem Agentivität, aber natürlich auch wieder Chen und sein "no future" Ansatz:
http://blog.ted.com/2013/02/19/5-example...-we-think/



Und noch ein Nachtrag: Dan Everett in der F.A.Z.:
.pdf  FAZ-24.06.2013-28-Ist_die_Grammatik_eine_Sac-1543458738-Seite-1.pdf (Größe: 245,2 KB / Downloads: 4)


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28.06.2013, 10:30:05,   Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 28.06.2013, 10:31:30 von janwo
Beitrag #13
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
Auf der LinguistList hat jemand (Sarah Fox?) einmal ein paar lesenswerte DInge zusammengetragen und auf einen Stapel weiterführender Diskussionen zur SWH verlinkt: https://linguistlist.org/ask-ling/sapir.cfm


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28.08.2013, 21:51:46,
Beitrag #14
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
.... auch lesenswert:
Linguistic Relativity: Sapir-Whorf or Boas-Jakobson?
http://leakygrammar.net/2013/05/28/langu...-jakobson/


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04.09.2013, 10:49:27,
Beitrag #15
RE: Linguistische Relativität - abseits von Farbe, Raum und Zeit?
... und mal wieder was (via Lera Boroditsky):
Zitat:what children can say shapes what they can remember. cool new study on how language shapes thinking http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23772817

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23772817


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