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[Morph]: Morphologie  » nicht erledigt Markiertheitstheorie
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10.08.2012, 15:46:49
Beitrag #1
Markiertheitstheorie
Tag zusammen,

ich weiß, dass dieses Thema nicht rein morphologisch ist, sondern sich auf mehreren Schnittstellen bewegt, aber irgendwie musste ich es ja klassifizieren.

Ich schreibe nächsten Freitag mein Staatsexamen an der Uni Köln, entweder über "Markiertheitstheorie, insbesondere in Bezug auf Kasus im Deutschen" oder "Definitheit und Diskurs".
Nun, nach der Lektüre der Examensliteratur, ergaben sich bei mir ein paar Fragen.

1. Zunächst einmal fragte ich mich, wo denn die Markiertheitstheorie kritisiert werden könnte. Alle Aufsätze stellten nur Vorteile heraus, bzw. zeigten auf, wie toll sie sich auf verschiedene Bereiche anwenden lässt. Kritische Bemerkungen gab es keine.

2. Zweitens hängt die Markiertheitstheorie ja auch eng mit der Natürlichkeitstheorie zusammen. Mayerthaler beschreibt in einem Aufsatz, dass diejenigen Konzepte von uns als Natürlicher empfunden werden, die von der Perzeption her leichter zugänglich seien, bzw. weniger Arbeitsaufwand erforderten. Die "hohe" "Natürlichkeit" der Kategorie "Nominativ" lässt sich damit leicht erklären. Im Nominativ steht meistens das Subjekt eines Satzes und da man sich selber am Ehesten als handelnd wahrnimmt, erscheint einem das Subjekt auch als eine natürlichere Klasse als das Objekt.
Wie aber lässt sich mithilfe der Natürlichkeitstheorie die Hierarchisierung der weiteren Kasus Akkusativ > Dativ > Genitiv (mit ">" = "weniger markiert als") erklären?
Meine Vermutung ist nur, dass das Akkusativobjekt Entitäten/Referenten repräsentiert, auf die sich eine Handlung direkt bezieht. Auf die Entitäten/Referenten, die durch ein Dativobjekt repräsentiert werden, bezieht sich eine Handlung hingegen nur indirekt. "Direktheit" würde ich hier mit "perzeptiv leichter greifbar" gleichstellen.

Ich hoffe, das klang nicht wie Geschwafel und ich hoffe, jemand kann mir helfen.

LG David


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11.08.2012, 15:05:13
Beitrag #2
RE: Markiertheitstheorie
Vielleicht nicht ganz auf den Punkt, da nicht im Rahmen der Natürlichkeitstheorie: Martin Haspelmath hat in seinem Artikel "Against markedness" dargelegt, dass man das etwas schwammige Konzept "Markiertheit" ganz oft einfach mit Frequenz erklären könnte. Ich schätze mal, dass sich für die Frequenz der Kasus auch eine Hierarchie nom > akk > dat > gen ergibt.

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11.08.2012, 20:27:33
Beitrag #3
RE: Markiertheitstheorie
Der Natürlichkeitsbegriff ist einer, der wenig Erkenntnisgewinn und Erklärungspotential mit sich bringt. Letztendlich sind doch fast alle Phänomene menschlicher Sprachen irgendwie "natürlich" (im laienhaften Sinne sowieso). Ist Nominativ-Akkusativ-Alignment "natürlicher" als Absolutiv-Ergativ-Alignment? Ist es natürlicher, flektierend oder isolierend zu sein?
Vor allem durch die kaum auzublendenden Assoziationen mit dem nichtfachlichen Gebrauch von natürlich wird der Terminus leicht zur Scheuklappe.

Wie Sebastian schon sagte: wenn man sich die Ursprünge des Markiertheitsbegriffes ansieht, landet man, wie Haspelmath an verschiedenen Orten dargestellt hat (z.B. auch im Vorwort der Neuausgabe von Greenberg's "Language Universals"), nahezu zwangsläufig bei Frequenz als objetivem/objektivierbarem Kriterium. Die leicht(er)e Verarbeitbarkeit wird gerne ins Feld geführt, ist aber meines Wissens nach gar nicht so eindeutig und ohne die Gefahr der Zirkularität für unmarkiert(er)e Kategorien oder Phänomene nachweisen.


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12.08.2012, 11:27:40
Beitrag #4
RE: Markiertheitstheorie
(11.08.2012 20:27:33)janwo schrieb:  Die leicht(er)e Verarbeitbarkeit wird gerne ins Feld geführt, ist aber meines Wissens nach gar nicht so eindeutig und ohne die Gefahr der Zirkularität für unmarkiert(er)e Kategorien oder Phänomene nachweisen.

Was meinst du mit "die Gefahr der Zirkularität für unmarkiert(er)e Kategorien"?

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12.08.2012, 15:30:34
Beitrag #5
RE: Markiertheitstheorie
Danke soweit für die Antworten. Ich hätte ein komisches Gefühl dabei gehabt, wenn ich nur die Vorteile des Ansatzes gelernt hätte.
Ich denke, es macht sich ganz gut, wenn ich noch Kritisches anbringen kann.
Nichtsdestotrotz werde ich auf die Natürlichkeitstheorie wohl zu sprechen kommen müssen. Und da beschäftigt mich weiterhin die Frage, wie man diese zur Unterscheidung der Markiertheitsgrade von Akkusativ, Dativ und Genitiv gebrauchen kann. Mir scheint sie nur sinnvoll auf die Differenz Subjekt-Objekt anwendbar. Oder kann man auch an irgendetwas festmachen, dass der Akkusativ semantisch weniger komplexe Referenten/Entitätenrepräsentiert, als der Dativ und Genitiv, und der Dativ semantisch weniger komplexe, als der Genitiv?
Das scheint mir aus irgendeinem Grund gewagt zu sein ..

LG David


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13.08.2012, 10:05:13
Beitrag #6
RE: Markiertheitstheorie
(12.08.2012 11:27:40)thf schrieb:  Was meinst du mit "die Gefahr der Zirkularität für unmarkiert(er)e Kategorien"?

Wenn man sagt, das Unmarkierte sei leicher zu verarbeiten und das leichter zu Verarbeitende sei unmarkierter kommt man schnell in eine Zirkeldefinition (Sogenannte "Henne-Ei-Problematik").


(12.08.2012 15:30:34)Suff X schrieb:  Ich denke, es macht sich ganz gut, wenn ich noch Kritisches anbringen kann.
Gerne auch mit einem (Fußnoten-)Verweis auf's Forum. Habe ich in meiner Diss auch gemacht. Zwinker


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13.08.2012, 21:31:01
Beitrag #7
RE: Markiertheitstheorie
Diese Zirkeldefinitionen sind sowieso mein großes Hauptproblem bei dem gesamten Thema. Zunächst wird z.B. die frühe Erwerbung eines Kasus als Evidenz für die vergleichsweise höhere Natürlichkeit gesehen, dann aber wird die höhere Natürlichkeit auch wieder als Grund für die frühe Erwerbung gesehen. Darüber verzweifel ich so ein wenig.
Und kann man funktionale Kategorien überhaupt mit einem semantischen Merkmal wie "Natürlichkeit" beschreiben? Dabei hab ich nämlich auch Bauchschmerzen.

Hilfe! Huh

Wenn ihr mir helft, werde ich euch dankend erwähnen.


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14.08.2012, 12:12:52
Beitrag #8
RE: Markiertheitstheorie
Ja, genau. Man kommt aus dieser Schleife nicht heraus.

(13.08.2012 21:31:01)Suff X schrieb:  Und kann man funktionale Kategorien überhaupt mit einem semantischen Merkmal wie "Natürlichkeit" beschreiben? Dabei hab ich nämlich auch Bauchschmerzen.

Ich neige zu der Ansicht, dass "Natürlichkeit" nicht einmal ein semantisches Merkmal ist, sondern eher ein Metasprachliches.

(13.08.2012 21:31:01)Suff X schrieb:  Wenn ihr mir helft, werde ich euch dankend erwähnen.
Mir ging's weniger um das Danken als vielmehr um die Offenlegung aller Quellen. Solche Diskussionen hier werden gerne übersehen oder vergessen (ohne irgendwem böse Absicht zu unterstellen!!) , sind aber letztlich eben doch als fremdes Gedankengut ("Quellen") bzw. "verwendete Hilfmittel" zu betrachten.


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