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 » nicht erledigt Muttergottes - Kompositum

11.02.2015, 19:04:53
Beitrag #1
Muttergottes - Kompositum
Hallo. Eine kleine Zwischenfrage: das Wort 'Muttergottes' (vom Duden empfohlen zusammengeschrieben) könnte synchron doch als eine der wenigen Ausnahmen gesehen werden, bei denen das erste Element das Genus bestimmt, oder? (Es ist zwar kein Kompositum, aber dennoch untypisch in diesem Kontext.) Natürlich ist es diachron aus einer Genitivphrase entstanden (auch heute noch ist die Getrenntschreibung zugelassen) aber es ist doch ziemlich auffällig, dass es bei so einer Genuszuweisung zu einer Zusammenschreibung gekommen ist, oder? Wie kam es denn dazu und gibt es noch andere Beispiele, bei denen das Genus vom Erstelement abzuleiten ist?

janwo bearbeitete 12.02.2015 14:21:08 diesen Beitrag. Grund:

[geteilt aus:] Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind



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11.02.2015, 22:32:08
Beitrag #2
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Ufff.... Das ist echt ein Exot, Kevin. Was mir spontan einfällt sind (morphologisch und semantisch ganz anders gestrickte) Satzkomposita wie Gottseibeiuns, Hansguckindieluft und Vergissmeinnicht oder aber der Name der Stadt Weil der Stadt (Neutrum, oder?). Analoge Formen zu Muttergottes dürften sehr selten sein, weil wir normalerweise den bestimmten Artikel vor dem Genitivnomen erwarten würden, nur dass aus semantisch-mythologischen Gründen Gott zumeist auch da ohne Artikel auftritt, wo andere Substantive einen Artikel führen.


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11.02.2015, 23:25:53
Beitrag #3
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
(11.02.2015 22:32:08)janwo schrieb:  Analoge Formen zu Muttergottes dürften sehr selten sein, weil wir normalerweise den bestimmten Artikel vor dem Genitivnomen erwarten würden, nur dass aus semantisch-mythologischen Gründen Gott zumeist auch da ohne Artikel auftritt, wo andere Substantive einen Artikel führen.
Ich hatte überlegt, ob das Weglassen des Artikels nicht eher damit zu tun haben könnte, dass es sich um Eigennamen bzw. konkrete, einzelne Entitäten handelt, denn es ist ja nicht auf dieses konkrete Wort beschränkt. Wenn ich nichts übersehe, wären Konstruktionen wie z.B. "Belagerung Wiens" oder okkasionelle Bildungen wie "Kanzlerin Deutschlands" strukturell ähnlich; der Unterschied zu Muttergottes könnte in einer Reanalyse, vielleicht durch Frequenz begründet, liegen. *"Mutter des Gottes" *"Belagerung des Wiens" oder *"Kanzlerin des Deutschlands" gehen alle nicht und müssten mit einer von-Periphrase erfolgen.

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12.02.2015, 09:38:21
Beitrag #4
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Ja, das meinte ich mit den semantisch-mythologischen Gründen. Bei Gott ist das eben der Sonderfall, dass das einerseits ein Appellativum ist (Die Griechen hatten viele Götter, z.B. den Gott der Heilkunst), andererseits in der christlichen Tradition wie ein Nomen Proprium gehandhabt wird. Interessanterweise ist das bei den "Kollegen" Heiliger Geist und Teufel anders.


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12.02.2015, 14:11:08
Beitrag #5
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Ich würde davon ausgehen, dass "Muttergottes" sprachlich wie eine ganz normale Genitivphrase verwendet wird. Außer der Zusammenschreibung sehe ich keinen Grund, von etwas Anderem auszugehen.

Es sei denn es gäbe Belege, dass das Wort wie ein Eigenname verwendet wird; davon sind mir keine bekannt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber, dass der Ausdruck "Muttergottes" auch in den oberdeutschen Sprachen so noch vorkommt, obwohl hier der Genitiv längst ausgestorben ist. Hier ist es also wahrscheinlich eine Reliktform (wenn es keine Übernahme aus dem kirchlichen Standarddeutschen ist).

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12.02.2015, 15:02:27
Beitrag #6
RE: Muttergottes - Kompositum
Okay, anscheinend gibt es doch mehr dazu zu sagen. Zwinker
Ich würde auch zuerst von einer Analyse als reine Genitivphrase ausgehen. Vor allem auch der Wortakzent deutet auf so eine Analyse hin. Es gibt aber auch das Wort Muttergottesbild im Duden, das Wort scheint daher auch für Komposition fähig zu sein. Ich könnte mir aber weniger Komposita à la ?Belagerung-Wiens-Problematik vorstellen.

Seit wann gibt es denn die Zusammenschreibung von Muttergottes? Wie würde man denn so eine Komposition nennen? Phrasenkompositum? Selbst im Beispiel von Muttergottesbild?


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12.02.2015, 15:36:29
Beitrag #7
RE: Muttergottes - Kompositum
Hm, Muttergottes würde ich auf jeden Fall als Phrasenkopmpositum ansehen, anders kann man seine grammatischen Eigenschaften nicht erklären. Beim Muttergttesbild sieht das dann etwas anders aus, weil ja nur eine der zwei unmittelbaren Konstituenten eine Phrase ist. Außerdem ist dort ja auch wieder ganz regulär Bild der Kopf.

Seit wann? Oha. Ich kann nur schnell auflisten, was meine Dudens so hergeben:
1934: Mutter Gottes auch: Muttergottes
1977 (DDR): Muttergottes (nur Simplex; plus Querverweis auf Mutter)
1991, 2006, 2013: wie 1934 mit "auch".


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13.02.2015, 10:48:12
Beitrag #8
RE: Muttergottes - Kompositum
Für Bildungen wie 'Muttergottes' werden in der Literatur verschiedene Begriffe verwendet. Heinle (1993) geht von Konversionen von Wortgruppen aus. Jacobs (2005) nennt sie Univerbierungen, also Zusammenrückungen. In diesem diachronen Prozess hat sich die Konstituentengrenze so verschoben, sodass die Teile nur noch als Einheit weiteren syntaktischen und damit auch morphologischen Prozessen unterzogen werden können.

Bei 'Muttergottes' handelt es sich aber keineswegs um Phrasenkomposita. Denn die sind wie alle Komposita im Deutschen rechtsköpfig, was bei 'Muttergottes' aber eben nicht der Fall ist. Noch deutlicher sieht man das an 'Vaterunser'. Hier besetzt ein Pronomen die eigentliche rechte Kopfposition, doch bestimmt dieses weder Genus, Numerus noch Kasus der Zusammenrückung. Weitere Beispiele sind Nimmersatt, Hohelied, Hohepriester, zeitlebens, Dummejungenstreich und Gernegroß. All das zusammengenommen steht auch nicht der Möglichkeit im Wege, selbst wieder Teil eines Kompositums zu sein.

Zur Frage der Zusammenschreibung kann ich einiges beisteuern, weil meine Frau ihrerzeit ihre Magisterarbeit über genau dieses Thema geschrieben hat. In Fällen mit einem Adjektiv am linken Rand gilt seit 1996 teilweise Variantenschriebung. Das schlägt sich auch in den Korpusergebnissen (DeReKo) wieder, da diese, obwohl sie Zusammenrückungen sind, auch häufig getrennt geschrieben werden. Zur Getrennt- und Zusammenschreibung nicht nur von Zusammenrückungen sei jedem Jacobs Ansatz wärmstens empfohlen, der auf einer optimalitätstheoretischen Analyse beruht.

Heinle, Eva-Maria (1993): Die Zusammenrückung. In Wellmann, Hans [Hg.]: Synchrone und diachrone Aspekte der Wortbildung im Deutschen. Heidelberg: Winter. 65 – 78.
Jacobs, Joachim (2005): Spatien. Zum System der Getrennt- und Zusammenschreibung im heutigen Deutsch. Berlin, New York: Walter de Gruyter.


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13.02.2015, 13:52:04
Beitrag #9
RE: Muttergottes - Kompositum
Hohelied und Hohepriester sind doch rechtsköpfig?!


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13.02.2015, 14:18:40
Beitrag #10
RE: Muttergottes - Kompositum
Stimmt, ich habe mich da etwas unglücklich ausgedrückt. Dodgy Mit der fehlenden Rechtsköpfigkeit wollte ich mich eigentlich nur auf 'Muttergottes' beziehen. 'Hohepriester' und 'Hohelied' sollten die Liste der nominalen Zusammenrückungen nur ergänzen.


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