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 » nicht erledigt Pluralpolysemie

16.12.2013, 19:39:34
Beitrag #1
Pluralpolysemie
In einem Chat mit @tyuditha kamen wir auf Wörter mit zwei verschiedenen Pluralformen, die beide leicht unterschiedliche Bedeutungen haben: Wort wäre eines davon, man kann Worte und Wörter bedeutungsmäßig unterscheiden: das eine (Worte) ist eher ein Kollektivum, das man auf ganze (kohärente) Äußerungen anwenden kann, das andere (Wörter) bezeichnet schlicht eine Menge (einzelner) Wörter.

Mir ist bislang nur ein weiteres analoges Beispiel eingefallen: Mann : Mannen / Männer.
Kennt Ihr noch andere Beispiele dafür?
Wie seht es aus mit (Ritter-)Gut : -?gute /-güter ?


Wenn mich nicht alles täuscht, müssten die Umlautplurale sprachgeschichtlich jünger sein. Sie hätten dann die generelle Pluralbedeutung angenommen und die älteren Pluralformen entweder komplett verdrängt oder in diese semantische Nische abgedrängt.


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16.12.2013, 20:32:40
Beitrag #2
RE: Pluralpolysemie
Übermorgen werde ich mal jemanden fragen, der davon sehr viel Ahnung haben sollte und, wenn es die Zeit erlaubt, nochmal in ein paar Artikeln nachschlagen, die hier rumliegen.

Bis dahin aber dieser erste Ansatz von Grimm (Kursiv- und Fettdrucksetzung von mir):

Zitat:das für den jüngeren sprachgebrauch wichtige, weil bedeutungsmäszig unterscheidende nebeneinander der plurale worte und wörter wurzelt in alten sprachvorgängenl der übertritt der starken neutra der a-klasse in den er-plural

Zitat:"der ahd. neutralen ir-stämme ist für wort zufrühest im späten 12. jh. belegbar:
vil süeze wâren ir worter (: korter) Servatius 1071, oberd. um 1170"
"im nachklassischen mhd. folgen zögernd weitere fälle, meist obd. herkunft: wörter Hugo von Trimberg renner 2734 Ehrismann; "

Zitat:"von einer theoretischen begriffsscheidung der beiden pluralbildungen worte und wörter, wie sie in jüngerer sprache aufgestellt wird (s. u.), kann vor der zweiten hälfte des 17. jh. nicht gesprochen werden, doch drängt die lebendige sprachpraxis früh, das 16. jh. verstärkt in diese richtung. schon die mhd. bezeugung scheint dahin zu deuten"
Zitat:"während das 15. jh. diese entwicklung nicht weiter zu fördern scheint, vgl. die zusammenstellung in PBB 38, 222 f. im 16. und frühen 17. jh. tritt die tendenz zu inhaltlicher unterscheidung so deutlich hervor, dasz sie den sprachtheoretikern seit Schottel (s. u.) anlasz bot, sie als ein postulat aufzustellen, das sich bei den lexikographen bereits vielfach verwirklicht fand, vgl. etwa: die eigenschafft der wörteren suchen Frisius (1556) 136b; 68a, dagegen pl. wort 10a; 92a; 651b u. ö.; verenderung der syllaben an den wörtern Calepinus (1579) 642a; 729a, dagegen: böse wort 1316a; mit worten 682b; aller hand wörter nomenclator (1634) 290. auch literarisch ist die begriffliche scheidung oft vollzogen, vgl. die zusammenstellung in PBB 31, 343f., dazu etwa: die zunge, damit die wörter werden gemacht Albr. v. Eyb dt. schr. 43, 33 H.; dagegen: als die worte ... gelautet haben ebda 57, 3; "


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16.12.2013, 22:20:07
Beitrag #3
RE: Pluralpolysemie
Joah. So weit so gut. Aber das kann doch kein Einzelfall sein, oder?

Ich meine jetzt nicht solche Fälle, wo sich ein noch modernerer -s-Plural einschleicht, überproduziert oder Lehnwortpluralen zu Leibe rückt (*Lexikas, *Lexikons(.PL)).


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17.12.2013, 00:14:18
Beitrag #4
RE: Pluralpolysemie
danke für den wertvoller Einblick! Jetzt lerne Ich mehr Cool


Hallo, ich bin tyuditha und seit 06.06.2013 16:11 hier angemeldet.
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18.12.2013, 17:34:48
Beitrag #5
RE: Pluralpolysemie
Was ich fragen wollte: Wie ist (Plural)polysemie hier gemeint? Dass die Singularformen polysem sind?

Ansonsten hatte ich da noch in einem Text ein paar weitere Beispiele gefunden, die man zumindest diskutieren könnte (z.B. Bänder vs. Bande; das meiste dürfte aber -- analog zur Pluralpolysemie -- eher Pluralhomonymie sein, wie bei Bänke vs. Banken)

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18.12.2013, 18:24:28
Beitrag #6
RE: Pluralpolysemie
Eigentlich ist Pluralpolysemie hier auch nicht der richtige Begriff, finde ich. Meist nennt man das schlicht Parallelformen. Es ist ja nicht ein Plural, der mehrere Bedeutungen abdecken kann. Vielmehr sind es zwei Pluralformen, die zwar aus demselben Singularstamm entstanden sind, die man aber teilweise nichtmal mehr reanalysieren kann, zumindest bei sowohl Mannen als auch bei Worte in ihrer kollektiven Bedeutung.

Man könnte diese Plurale dann eventuell schon zu den Pluraliatantum zählen, da sie nur im Plural vorkommen bzw. in ihrer Singularform eine andere Bedeutung haben?

(16.12.2013 19:39:34)janwo schrieb:  Mir ist bislang nur ein weiteres analoges Beispiel eingefallen: Mann : Mannen / Männer.
Kennt Ihr noch andere Beispiele dafür?
Wie seht es aus mit (Ritter-)Gut : -?gute /-güter ?

Einen Plural hast du noch vergessen, nämlich Mann, wie in die tausend Mann starke Armee o.ä. Wobei das vermutlich eher als Maßangabe zählt analog zu zwei Glas Limonade, oder? Als Kompositionsglied gibt es dann auch noch den Plural -leute, wie in Kaufmann - Kaufleute. gute /güter wäre mir neu?

In dem Beispiel Mann : Mannen / Männer jedenfalls ist Mannen die ältere Form während bei Wort: Worte / Wörter Wörter die ältere Form ist. Man kann nicht sagen, dass sich diese Parallelformen wegen der Schwankungen in den Flexionsparadigmen ergeben haben, die gab es bei viel mehr Formen und eben auch zum großen Teil bei solchen, die für ihren Plural keine semantisch differenzierten Formen ausgebildet haben.

Ich hatte dir mehr Beispiele versprochen, größtenteils sind es nämlich welche, in denen der Singular homonym/homograph/homophon ist, etwa wie in der Leiter - die Leiter vs. die Leiter - die Leitern oder in denen einfach keine Einigkeit über eine einheitliche Pluralform herrscht.
  • Armbrüste / Armbruste
  • Bösewichter / Bösewichte
  • Blocks / Blöcke
  • Decks / Decke
  • Dornen / Dorne
  • Dispense / Dispensen
  • Dschungel / Dschungeln
  • Erlasse / Erlässe
  • Greife / Greifen
  • Hähne / Hahnen
  • Kästen / Kasten
  • Kleinode / Kleinodien
  • Korporale / Korporäle

uvm. In den allermeisten Fällen handelt es sich jedoch nicht um semantisch differenzierte Plurale. Die sind tatsächlich sehr selten. (eine Liste mit allen Zweifelsfällen bei der Pluralbildung findet sich im Grammatikduden (4. Aufl.), ab S. 228. Falls du den nicht bei dir hast, kannst du ihn dir beizeiten mal mitnehmen und über die Liste gucken.)


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18.12.2013, 21:44:48
Beitrag #7
RE: Pluralpolysemie
(18.12.2013 18:24:28)lingucat schrieb:  Eigentlich ist Pluralpolysemie hier auch nicht der richtige Begriff, finde ich. Meist nennt man das schlicht Parallelformen. Es ist ja nicht ein Plural, der mehrere Bedeutungen abdecken kann. Vielmehr sind es zwei Pluralformen, die zwar aus demselben Singularstamm entstanden sind, die man aber teilweise nichtmal mehr reanalysieren kann, zumindest bei sowohl Mannen als auch bei Worte in ihrer kollektiven Bedeutung.
Ja, den Begriff habe ich adhoc gebildet und der asst nicht so ganz. Pluralalternation wäre vielleicht besser.

(18.12.2013 18:24:28)lingucat schrieb:  Man könnte diese Plurale dann eventuell schon zu den Pluraliatantum zählen, da sie nur im Plural vorkommen bzw. in ihrer Singularform eine andere Bedeutung haben?
Das ginge aber schon wieder Richtung Polysemie, insofern als dass wortbiographisch verwandte Lexeme sich bedeutungsmäßig auseinanderentwickeln.

(18.12.2013 18:24:28)lingucat schrieb:  Einen Plural hast du noch vergessen, nämlich Mann, wie in die tausend Mann starke Armee o.ä. Wobei das vermutlich eher als Maßangabe zählt analog zu zwei Glas Limonade, oder? Als Kompositionsglied gibt es dann auch noch den Plural -leute, wie in Kaufmann - Kaufleute. gute /güter wäre mir neu?
das ist kein Plural, genau wie bei Glas, Stück und anderen Zählmaßen.

(18.12.2013 18:24:28)lingucat schrieb:  In dem Beispiel Mann : Mannen / Männer jedenfalls ist Mannen die ältere Form während bei Wort: Worte / Wörter Wörter die ältere Form ist. Man kann nicht sagen, dass sich diese Parallelformen wegen der Schwankungen in den Flexionsparadigmen ergeben haben, die gab es bei viel mehr Formen und eben auch zum großen Teil bei solchen, die für ihren Plural keine semantisch differenzierten Formen ausgebildet haben.
Hm. das wäre auch zu schön, wenn das einheitlich so wäre wie von mir angedacht. Aber bei ahd. wort muss der umlautlose Plural älter sein.

(18.12.2013 18:24:28)lingucat schrieb:  Ich hatte dir mehr Beispiele versprochen, größtenteils sind es nämlich welche, in denen der Singular homonym/homograph/homophon ist, etwa wie in der Leiter - die Leiter vs. die Leiter - die Leitern oder in denen einfach keine Einigkeit über eine einheitliche Pluralform herrscht.
  • Armbrüste / Armbruste
  • Bösewichter / Bösewichte
  • Blocks / Blöcke
  • Decks / Decke
  • Dornen / Dorne
  • Dispense / Dispensen
  • Dschungel / Dschungeln
  • Erlasse / Erlässe
  • Greife / Greifen
  • Hähne / Hahnen
  • Kästen / Kasten
  • Kleinode / Kleinodien
  • Korporale / Korporäle


[quote='lingucat' pid='10720' dateline='1387383868']
uvm. In den allermeisten Fällen handelt es sich jedoch nicht um semantisch differenzierte Plurale. Die sind tatsächlich sehr selten. (eine Liste mit allen Zweifelsfällen bei der Pluralbildung findet sich im Grammatikduden (4. Aufl.), ab S. 228. Falls du den nicht bei dir hast, kannst du ihn dir beizeiten mal mitnehmen und über die Liste gucken.)

Doch doch, den hab ich in irgendeiner Auflage.
Die meisten Wörter auf Deiner Liste sind aber Lehnwörter. Bei denen kann man immer unterstellen, dass quellsprachlicher Originalplural und native Alternativen in Konkurrenz stehen.
Und bei Dorn : Dornen/Dorne passt es wieder, dass eines der Kollektivplural ist.


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18.12.2013, 22:12:10
Beitrag #8
RE: Pluralpolysemie
(18.12.2013 21:44:48)janwo schrieb:  [quote='lingucat' pid='10720' dateline='1387383868']
In dem Beispiel Mann : Mannen / Männer jedenfalls ist Mannen die ältere Form während bei Wort: Worte / Wörter Wörter die ältere Form ist. Man kann nicht sagen, dass sich diese Parallelformen wegen der Schwankungen in den Flexionsparadigmen ergeben haben, die gab es bei viel mehr Formen und eben auch zum großen Teil bei solchen, die für ihren Plural keine semantisch differenzierten Formen ausgebildet haben.
Hm. das wäre auch zu schön, wenn das einheitlich so wäre wie von mir angedacht. Aber bei ahd. wort muss der umlautlose Plural älter sein.


Ist er auch, ich habe mich verschrieben. Aber in meinem ersten Beitrag zitierte ich ja:
Zitat:"der ahd. neutralen ir-stämme ist für wort zufrühest im späten 12. jh. belegbar:
vil süeze wâren ir worter (: korter) Servatius 1071, oberd. um 1170"
"im nachklassischen mhd. folgen zögernd weitere fälle, meist obd. herkunft: wörter Hugo von Trimberg renner 2734 Ehrismann; "

Also ja, zuerst -er-Plural, die Umlautung kam später.

(18.12.2013 21:44:48)janwo schrieb:  Die meisten Wörter auf Deiner Liste sind aber Lehnwörter. Bei denen kann man immer unterstellen, dass quellsprachlicher Originalplural und native Alternativen in Konkurrenz stehen.
Und bei Dorn : Dornen/Dorne passt es wieder, dass eines der Kollektivplural ist.

Ja, Dorn : Dornen/Dorne ist ein schönes Paradebeispiel für diese Art von Pluralen. Das mit den Lehnwörtern stimmt, aber man müsste überprüfen, ob die Konkurrenz tatsächlich bestand/besteht oder ob sich die beiden Formen anders herleiten lassen. Absichtlich nicht mit aufgeführt habe ich solche aus der Liste, die nur mit dem -s-Plural "prügeln", da du die nicht wolltest. Ebenso rausgelassen haben ich sowas wie Themas, Themen, Themata. Schau einfach mal rein.


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21.12.2013, 22:33:56
Beitrag #9
RE: Pluralpolysemie
Eins hab ich noch. Naja, jedenfalls fast: Nacht - Nächte, der nicht umgelautete Plural hat sich nur als Basis des Kompositums Weihnachten erhalten; auch hier als Kollektivum der heiligen Feiertage bzw. -nächte, nach alter Tradition der Tageszählung von (Vor)Abend zu Abend.


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01.01.2014, 18:52:48
Beitrag #10
RE: Pluralpolysemie
(16.12.2013 19:39:34)janwo schrieb:  Mir ist bislang nur ein weiteres analoges Beispiel eingefallen: Mann : Mannen / Männer.
Kennt Ihr noch andere Beispiele dafür?
Wie seht es aus mit (Ritter-)Gut : -?gute /-güter ?
Mein Standardbeispiel ist:

Mutter - Mütter - (Schrauben-)Muttern
Lager(sg) - Lager (Pl)/Läger (Pl) (in der kaufmännischen Fachsprache)

(16.12.2013 19:39:34)janwo schrieb:  Wenn mich nicht alles täuscht, müssten die Umlautplurale sprachgeschichtlich jünger sein. Sie hätten dann die generelle Pluralbedeutung angenommen und die älteren Pluralformen entweder komplett verdrängt oder in diese semantische Nische abgedrängt.
Gerade diese These wage ich aufgrund der oben genannten Beispiele zu bezweifeln: Da scheint es mir gerade umgekehrt zu sein.


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14.02.2014, 22:07:30
Beitrag #11
RE: Pluralpolysemie
Heute offiziell erschienen und direkt relevant:

Mörth, Karlheinz / Dressler, Wolfgang U.: German plural doublets with and without meaning differentiation. In: Franz Rainer, Francesco Gardani, Hans Christian Luschützky, Wolfgang U. Dressler [eds.]: Morphology and Meaning: Selected papers from the 15th International Morphology Meeting, Vienna, February 2012. Amsterdam / Philadelphia: John Benjamins, 2014; pp 249-258.
(Auszüge bei Google Books)


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