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[Pragma]: Pragmatik, Kommunikationstheorie  » nicht erledigt Possessiva = deiktische Ausdrücke?

14.12.2012, 17:16:43
Beitrag #1
Possessiva = deiktische Ausdrücke?
Hallo zusammen!

Eine Kommilitonen hat mich gestern zu überzeugen versucht, dass Possessiva – wie Personalpronomen – deiktische Ausdrücke seien.
Das ist doch Quatsch, oder?

Bsp.:
Thomas ist ein fleißiger Student: Er verpasst keinen Kurs und gibt alle seine Hausarbeiten rechtzeitig ab.

"Seine" kann doch hier schwerlich deiktisch sein, oder?

Wesentlich unsicherer bin ich mir bei einem solchen Bsp.:
"Das sind nicht meine Katzen. Das sind seine."

Hier könnte man sich ja durchaus eine Zeigegeste vorstellen …
In den mir zur Verfügung stehenden Einführungslektüren und im Internet wurden Possessivpronomen bzw. Possessiva jedoch niemals als deiktische Ausdrücke erwähnt.

Ich wäre dankbar, wenn mich jemand aufklären könnte!!

Im Voraus besten Dank und liebe Grüße
D.

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14.12.2012, 17:38:29
Beitrag #2
RE: Possessiva = deiktische Ausdrücke?
(14.12.2012 17:16:43)Dashwood schrieb:  Das ist doch Quatsch, oder?
Nicht ganz.

(14.12.2012 17:16:43)Dashwood schrieb:  Thomas ist ein fleißiger Student: Er verpasst keinen Kurs und gibt alle seine Hausarbeiten rechtzeitig ab.

"Seine" kann doch hier schwerlich deiktisch sein, oder?

Wenn wir davon ausgehen, dass die Deiktika erst durch eine Zeigegeste bzw. durch die Einbettung in einen Kontext und eine Gesprächssituation deutbar sind, dann gilt das hier auch. er und seine sind nur durch den phorischen Bezug auf Thomas interpretierbar.
Bühlers Zeigfeld hat als Nullkoordinate (Origo) ja auch die Trias "ich, hier, jetzt", also Person, Zeit, Ort.
Insofern haben die Pronomina nicht nur hier sondern auch ganz generell deiktische Charakteristika, die man gerne auch Personaldeixis nennt.

Wieso sollten die Possessivpronomina dort eine Ausnahme bilden?


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14.12.2012, 18:04:48
Beitrag #3
RE: Possessiva = deiktische Ausdrücke?
Vielen Dank für deine Antwort!

Ich hab jetzt den Meibauer (2001) bemüht, der anmerkt, dass es umstritten sei, ob anaphorische Beziehungen nun zur Referenz oder zur Deixis gehören (Vater vs. Ehrich).
Im Einführungskurs, den ich besuche, unterscheidet die Dozentin zwischen Deixis und Anapher, sodass ich davon ausgehe, dass wir das Anapher-"er" im Thomas-Bsp. nicht als deiktischen Ausdruck identifizieren würden.
Ich kann aber nachvollziehen, was du gesagt hast und dass in diesen Ausdrücken deiktische Eigenschaften angelegt sind.

Was die Possessiva anbelangt, bin ich immer noch verwirrt.

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20.12.2012, 21:34:03
Beitrag #4
RE: Possessiva = deiktische Ausdrücke?
(14.12.2012 18:04:48)Dashwood schrieb:  Vielen Dank für deine Antwort!

Ich hab jetzt den Meibauer (2001) bemüht, der anmerkt, dass es umstritten sei, ob anaphorische Beziehungen nun zur Referenz oder zur Deixis gehören (Vater vs. Ehrich).
Im Einführungskurs, den ich besuche, unterscheidet die Dozentin zwischen Deixis und Anapher, sodass ich davon ausgehe, dass wir das Anapher-"er" im Thomas-Bsp. nicht als deiktischen Ausdruck identifizieren würden.
Ich kann aber nachvollziehen, was du gesagt hast und dass in diesen Ausdrücken deiktische Eigenschaften angelegt sind.

Was die Possessiva anbelangt, bin ich immer noch verwirrt.

Jedenfalls ist der Referent von "seine" hier nicht nur kotextbedingt, sondern auch abhängig vom Kontext der Verwendung. (In diesem Sinne werden ja auch Tempora manchmal als deiktisch angesehen.)

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06.11.2013, 19:29:18
Beitrag #5
RE: Possessiva = deiktische Ausdrücke?
Vielleicht komme ich darauf mal zurück. Ich freue mich, folgenden Link zu Kaplans Klassiker bekannt machen zu können:
https://webspace.utexas.edu/wechsler/Kap...atives.pdf

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26.05.2015, 15:32:50
Beitrag #6
RE: Possessiva = deiktische Ausdrücke?
Hallo Leute,

um zu verstehen, ob Personal- oder Possessivpronomen deiktisch sind, müssen wir erstmal wissen, was das heißt. Eine Antwort wurde schon angedeutet: es geht hier um Personaldeixis. @janwo hat schon gesagt, dass sie im Verhältnis zu einem "origo" interpretiert werden, der aus der Perspektive der Sprecherin definiert ist. Man könnte auch sagen, dass Personaldeixis die Rolle des Referenten zum Äußerungskontext spezifiziert:

Die erste Person referiert dann auf die Sprecherin, die zweite Person auf den Hörer. In den meisten Sprachen, und so auch in Deutsch und Englisch ist die dritte Person nicht deiktisch. D.h. sie bestimmt nicht die Rolle, die ihre Referentin im Bezug auf die Äußerung hat. Ein Sprecher kann über sich oder die Hörerin in der dritten Person reden, wenn die Referenz im Kontext eindeutig ist. Die folgenden drei Sätze könnten alle von Paula benutzt werden, um Max mitzueilen, dass sie ihn mag, obwohl der Gebrauch der dritten Person in so einem Kontext ungewöhnlich ist.

Ich mag dich.
Paula mag dich.
Ich mag Max.

Also: Personaldeixis ist mit dem grammatischen Merkmal Person verbunden, dass ein Merkmal von NPs ist, aber nur in der Bedeutung der ersten und zweiten Person enthalten. Die dritte Person ist nicht deiktisch auf Deutsch und Englisch. Personal- und Possessivpronomen in der ersten oder zweiten Person sind also auch deiktisch (man kann die Referentin von "ich/du" oder den Possessor von "mein/dein" nicht interpretieren, ohne die Sprechteilnehmenden zu kennen). Personal- oder Possessivpronomen in der dritten Person sind nicht deiktisch. Ihre Referenz kann z.B. Anaphorisch oder Demonstrativ sein, definiert sich aber nicht durch die Rolle, die die Referentin in der Kommunikation einnimmt.


Hallo, ich bin loca und seit 19.01.2012 13:17 hier angemeldet.
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27.05.2015, 10:57:33
Beitrag #7
RE: Possessiva = deiktische Ausdrücke?
Wenn Pronomen doch aber demonstrativ sind, dann sind sie doch aber im eigentlichen Sinne deiktisch: demonstratio ad oculos et aures.

Es stimmt wohl, dass man zwischen der Referenz der 1./2. Person und der Referenz der 3. Person unterscheiden kann. Doch sagt das nichts darüber aus, ob die Pronomen deiktisch sind oder nicht. Pronomen der 1. und 2. Person sind klassische personaldeiktische Ausdrücke, während Pronomen der 3. Person wie oben gesagt demonstrativ oder anaphorisch verwendet werden können. Bei ersten handelt es sich dann um die Deixis des Zeigfelds und im letzten Fall handelt um Textdeixis.

Generell gilt also, dass Deicis auch bei Kommunikationssituationen eine Rolle spielt, doch erschöpft sich das Phänomen dadurch nicht.


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