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 » nicht erledigt Pseudoregionalismen
▶ weit verbreitete Formen, welche die Sprecher als regional wahrnehmen

16.12.2014, 15:13:39
Beitrag #1
Pseudoregionalismen
Hallo!

Ich stoße in meiner Forschung zu regionaler Umgangssprache immer mal wieder auf ein Phänomen, welches ich vorläufig mal "Pseudoregionalismus" (in Analogie zum Pseudoanglizismus) getauft habe. Damit meine ich Wörter und andere Formen, welche zwar weit verbreitet sind, von den Sprechern selbst aber oft als regionale Eigenheiten wahrgenommen werden und auch nicht in "höheren Registern" verwendet werden.

Archetyp für dieses Phänomen (und auch das Wort, bei dem es mir zum ersten mal aufgefallen ist) ist
"Fisimatenten machen" - das wird von Baden bis zur Ostsee verwendet, trotzdem wird es in allen möglichen Regionen als "Dialektwort" verkauft, oft gekoppelt mit der (längst widerlegten) Legende von Franzosen, die deutsche Mädchen in ihr Zelt einladen.

Einige Belege aus dem Internet:
http://www.berlin.de/tourismus/berliner_.../index.php -> angeblich ein Berliner Regionalismus
http://www.mittelbayerische.de/nachricht...-foam.html -> angeblich ein bayrisches Dialektwort
http://koelsch_de_ksh.deacademic.com/2577/Fisimatenten -> angeblich ein kölsches Dialektwort
http://www.derwesten.de/staedte/heiligen...83549.html -> angeblich ein rheinländisches Dialektwort, das verloren geht und sich "nicht ins Hochdeutsche übersetzten lässt"
http://www.usinger-anzeiger.de/lokales/w...712583.htm -> angeblich ein hessischer Regionalismus
usw...

Andere Beispiele habe ich leider noch nicht so viele. Ein paar Sachen die mir gerade einfallen:
- "Trottoir" (oder "Trottwa") war für mich immer eine Eigenheit des Südwestens, mittlerweile ist mir das Wort aber auch schon in Bayern und Norddeutschland begegnet.
- "Schniposa" als Abkürzung für "Schnitzel, Pommes, Salat"
- scherzhafte blumige Ausdrücke wie "Drahtesel"
- Dativkonstruktionen als Genitiv-Ersatz haben mittlerweile überall die Alltagssprache durchdrungen; trotzdem habe ich als Verteidigung der Benutzer gegen Sprachpuristen schon öfter die Aussage gehört "das sagt man bei uns so". Das gleiche gilt unter Umständen für andere grammatikalische Phänomene der aktuellen Umgangssprache z.B. die rheinische Verlaufsform oder "wegen mir" statt "meinetwegen".

Zwei ähnliche (aber nicht identische) Phänomene wären
- Regionalismen, die mittlerweile (fast) überall verbreitet sind z.B. "Knöllchen", "poppen" oder "Schmarren".
- ursprünglich allgemein verbreitete Wörter, die man heute aber nur noch in bestimmten Regionen findet z.B. "heuer"

Meine Fragen an die Community:

1. Ist dieses Phänomen schonmal irgendwo anders registriert, diskutiert oder benannt worden? (vielleicht sogar in anderen Sprachen?)
2. Fallen euch noch weitere Beispiele im Deutschen ein?

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16.12.2014, 16:23:57
Beitrag #2
RE: Pseudoregionalismen
Zitat:Anonym schrieb an linguistikforum:
Ich würde einige dieser Pseudodialektismen in den Soziolekt stecken.


ǝlıɥʍ ɐ uı ǝɔuo ǝʌıʇɔǝdsɹǝd ɟo ǝƃuɐɥɔ ɐ spǝǝu ǝuoʎɹǝʌǝ
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16.12.2014, 16:30:48
Beitrag #3
RE: Pseudoregionalismen
Solche Wörter kann man in den Soziolekt packen, wie in der anonymen Zuschrift vorgeschlagen, man kann sie aber auch den (über)regionalen Umgangssprachen zuordnen. Einen Begriff dafür habe ich noch nie gehört, Pseudo- oder Scheinregionalismus passt aber ganz gut.

Die Ersetzung der Genitivrektion der jüngeren Adpositionen durch Dativrektion ist wohl nicht regional, allenfalls stratisch, aber im Grunde ein Sprachwandelphänomen der gesamten deutschen Sprache.

Die "rheinische" Verlaufsform findet sich in der Tat entlang des gesamten Rheins, vom Hochalemannischen bis an den Niederrhein, aber eben auch in anderen Regionen. Da sind, wenn überhaupt, nur Restgebiete nicht betroffen.


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16.12.2014, 20:09:55
Beitrag #4
RE: Pseudoregionalismen
(16.12.2014 15:13:39)Opilog schrieb:  2. Fallen euch noch weitere Beispiele im Deutschen ein?
Leider erst mal nicht. Ich hab' nur zwei Anmerkungen, was hoffentlich auch in Ordnung ist...

(16.12.2014 15:13:39)Opilog schrieb:  "Fisimatenten machen"
[...]
http://koelsch_de_ksh.deacademic.com/2577/Fisimatenten -> angeblich ein kölsches Dialektwort
Die eigentliche kölsche Form lautet Wrede zufolge "Fisematentche". Und da könnte man zumindest diskutieren, ob es sich ob der phonetischen Realisierung und des Diminutivs um eine "Dialektform", oder doch nur eine Art Nativierung handelt. Das Verhältnis mancher Kölner zum lokalen Dialekt ist ohnehin etwas seltsam, da es nicht selten vorkommt, dass sie regional eingefärbtes Hochdeutsch für Kölsch halten statt des eigentlichen Dialekts (nicht zuletzt auch enorm beflügelt durch diverse Mundartbands). Ich vermute, dass sich so auch der Ursprung des verlinkten Onlinewörterbuchlemmas erklären lässt.


Zitat: Das gleiche gilt unter Umständen für andere grammatikalische Phänomene der aktuellen Umgangssprache z.B. die rheinische Verlaufsform oder "wegen mir" statt "meinetwegen".
(16.12.2014 16:30:48)janwo schrieb:  Die "rheinische" Verlaufsform findet sich in der Tat entlang des gesamten Rheins, vom Hochalemannischen bis an den Niederrhein, aber eben auch in anderen Regionen. Da sind, wenn überhaupt, nur Restgebiete nicht betroffen.
Während man bei Lexemen ja (relativ) binär verfahren kann -- gibt es, oder gibt es nicht -- sind grammatische Konstruktionen variabler. Wird diese rheinische Verlaufsform von allen, die sie kennen auch gleich, d.h. z.B. für die gleichen Verbklassen verwendet, oder gibt es da dann doch wieder regionale Unterscheidungen? Ich kenne bzw. verwende z.B. auch manchmal sowas wie "Ich bin (gerade) am sitzen/liegen", was einigen Leuten, die ich kenne und die prinzipiell auch die rheinische Verlaufsform verwenden, sehr komisch vorkommt.

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16.12.2014, 21:47:32
Beitrag #5
RE: Pseudoregionalismen
Hallo,
ein sehr interessantes Thema. Ich habe eine Frage: Wenn du diese 'Peusdoregionalismen' untersuchst, schaust du dann nur auf synchrone Zustände, oder ziehst auch diachrone Zusammenhänge in Betracht? Ich könnte mir nämlich vorstellen, dass viele ein Wort für 'ihren' Regionalismus halten, (unwissentlich) weil er aus dieser Varietät in die anderen deutschen Varietäten entlehnt wurde und nun überall bekannt ist. Das findet man oft im Niederdeutsch-Deutsch-Kontakt, wo viele Deutsche dazu neigen über einige niederdeutsche Wörter zu sagen, das ist ja so wie im Deutschen, obwohl das Deutsche Wort dann ja aus dem Niederdeutschen kommt, was eine nicht zu unterschätzende große Menge ist.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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17.12.2014, 13:21:04
Beitrag #6
RE: Pseudoregionalismen
Danke für die Antworten! Lächel Bin mir noch nicht sicher, ob es sich bei meinem derzeitigen Stand lohnt, mich mit weiter dem Thema zu beschäftigen oder ob das Thema überhaupt viel hergibt... der gegenteilige Fall ist wohl viel häufiger (dass man davon ausgeht, dass regionale Formen überall verstanden/verwendet werden).

Ich wolllte die diachrone Perspektive nicht komplett ausblenden, deswegen ja die Gegenbeispiele Knöllchen etc. Bei den Fisimatenten dagegen lässt sich kein klarer geographischer (oder etymologischer) Ursprung ausmachen.

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