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 » nicht erledigt Sachverhalt und Bedeutung Migration?
▶ Warum werden neuerdings Auswanderer, Einwanderer und auch Flüchtlinge nur noch als Migranten bezeichnet?

05.11.2011, 02:43:51
Beitrag #1
Sachverhalt und Bedeutung Migration?
Ich bitte geneigte Leser um Aufklärung zum Gebrauch des Wortes Migration. Ich verstehe darunter eine 'Wanderung' oder einen 'Zug', also einen episodenhaften oder fortdauernden Bewegungsablauf auf einem Weg, während Emigration und Immigration konkrete Aus- bzw. Einwanderungsvorgänge aus einem bzw. zu einem bestimmten Ort /Gebiet sind.

Weil ich das mal so gelernt habe, suche ich nun
nach einer Erklärung, warum Politiker aller Couleur nur über oder von 'Menschen mit Migrationshintergrund', reden, schlichter von 'Migranten' und 'Migrationsproblemen'.
Auch Journalisten benutzen diese nach meinem bisherigen Verständnis falschen Begriffe, obwohl auch sie keine Wanderer, ziehende Menschengruppen oder Völker meinen, sondern vermutlich Auswanderer, Einwanderer oder Flüchtlinge.

Bei letzteren könnte ich das unter der Annahme verstehen, dass Flüchtlinge nicht unbedingt am derzeitigen Aufenthaltsort bleiben wollen, sondern zurückkehren oder weiterreisen möchten.
Doch in allen anderen Fällen kann ich nur vermuten, dass sich das Wort Migranten politisch besser anhört.

Muss ich mich dem nun beugen oder endlich dazu lernen? Muss ich folglich zum Beispiel die USA, Kanada oder Australien künftig als Migrationsländer bezeichnen, oder darf ich weiterhin sagen, dass es typische Einwanderungsländer waren und sind?

Ich danke im voraus für hilfreiche Erläuterungen.


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05.11.2011, 10:11:04
Beitrag #2
RE: Sachverhalt und Bedeutung Migration?
Zunächst: 'Sachverhalt' und 'Bedeutung', wie du es nennst, sind bei sprachlichen Äußerungen nie voneinander zu trennen. Streng genommen gibt es also, abgesehen von wenigen Ausnahmen, keine falsche Verwendung eines Begriffs, erst recht nicht, wenn dieser 'Fehler' von einer genügend großen Anzahl von Sprechern gemacht wird und der Großteil versteht, was damit gemeint ist - wenn also klar ist, auf welches Bezeichnete (Inhalt) mit dem Bezeichnenden (Form) verwiesen wird. All das trifft auf 'Migranten', 'Migrationshintergrund', 'Migrationsprobleme' zu.

Rein sprachlich ist hier eigentlich alles ok: Ein Begriff, der ja eine Bewegung beinhaltet, erfährt eine Bedeutungserweiterung (ein Begriff kann ja immer mehrere, auch kaum oder nicht mehr sichtbare verwandte Bedeutungen haben) und wird in Kontexten verwendet, wo die Bewegung an und für sich schon vor langer Zeit abgeschlossen wurde. Wenn es noch eine Relevanz hat, nutzen Sprecher die Möglichkeit, darauf zurückzugreifen. Außerdem spielt Kontext eine Rolle: 'Migrationsprobleme' hat eine ganz andere Bedeutung (obgleich natürlich immer noch mit Bewegung!), wenn man im Computerkontext von Datenportierungen spricht.

Davon unabhängig ist, dass die Verwendung von 'Migration' im Zusammenhang mit Einwanderern aber auf einer politischen Ebene zu kritisieren ist: von Menschen mit Migrationshintergrund zu sprechen (die ja früher 'Ausländer' genannt wurden, bis man das als unkorrekt verwarf - mittlerweile scheint 'Migrant' bereits diese Konnotation zu haben -- auch ein sehr normaler Prozess, übrigens) maskiert, dass diese Menschen eben nicht mehr auf Wanderschaft sind, sondern zu unserem Gesellschaftsleben oft ja schon in dritter Generation dazu gehören. Von den vielen Deutschen, die im 19. Jahrhundert aus Polen kamen oder Mitte des 20. Jahrhunderts aus den östlichen Gebieten, würde ja nie jemand behaupten, es handle sich um Migranten. Das wäre dann also die politische Seite des Begriffs und seiner Verwendung.

Ich hoffe, das hilft.

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05.11.2011, 19:29:00
Beitrag #3
RE: Sachverhalt und Bedeutung Migration?
(05.11.2011 10:11:04)suz schrieb:  Zunächst: 'Sachverhalt' und 'Bedeutung', wie du es nennst, sind bei sprachlichen Äußerungen nie voneinander zu trennen. Streng genommen gibt es also, abgesehen von wenigen Ausnahmen, keine falsche Verwendung eines Begriffs, erst recht nicht, wenn dieser 'Fehler' von einer genügend großen Anzahl von Sprechern gemacht wird und der Großteil versteht, was damit gemeint ist - wenn also klar ist, auf welches Bezeichnete (Inhalt) mit dem Bezeichnenden (Form) verwiesen wird. All das trifft auf 'Migranten', 'Migrationshintergrund', 'Migrationsprobleme' zu.

Rein sprachlich ist hier eigentlich alles ok: Ein Begriff, der ja eine Bewegung beinhaltet, erfährt eine Bedeutungserweiterung (ein Begriff kann ja immer mehrere, auch kaum oder nicht mehr sichtbare verwandte Bedeutungen haben) und wird in Kontexten verwendet, wo die Bewegung an und für sich schon vor langer Zeit abgeschlossen wurde. Wenn es noch eine Relevanz hat, nutzen Sprecher die Möglichkeit, darauf zurückzugreifen. Außerdem spielt Kontext eine Rolle: 'Migrationsprobleme' hat eine ganz andere Bedeutung (obgleich natürlich immer noch mit Bewegung!), wenn man im Computerkontext von Datenportierungen spricht.

Danke Suz, für Deine ausführliche Antwort. Ich hätte meine Kurzüberschrift anders formulieren sollen, um mein Verständnisproblem zu verdeutlichen. Du hast im ersten Absatz auf jeden Fall noch mal klar gemacht, dass mit einem Wort, bzw. seiner Bedeutung an sich, verschiedene Sachverhalte bezeichnen werden können, es kommt eben auf den Kontext an.

Zitat:Davon unabhängig ist, dass die Verwendung von 'Migration' im Zusammenhang mit Einwanderern aber auf einer politischen Ebene zu kritisieren ist: von Menschen mit Migrationshintergrund zu sprechen (die ja früher 'Ausländer' genannt wurden, bis man das als unkorrekt verwarf - mittlerweile scheint 'Migrant' bereits diese Konnotation zu haben -- auch ein sehr normaler Prozess, übrigens) maskiert, dass diese Menschen eben nicht mehr auf Wanderschaft sind, sondern zu unserem Gesellschaftsleben oft ja schon in dritter Generation dazu gehören. Von den vielen Deutschen, die im 19. Jahrhundert aus Polen kamen oder Mitte des 20. Jahrhunderts aus den östlichen Gebieten, würde ja nie jemand behaupten, es handle sich um Migranten. Das wäre dann also die politische Seite des Begriffs und seiner Verwendung.

Im zweiten Absatz Deiner Antwort sprichst Du genau mein Verständnisproblem an: die Verwendung des Begriffes 'Migration' in vielen Äußerungen, der den Sachverhalt jedoch nicht korrekt beschreibt, sondern nur wegen der 'political correctness' benutzt wird. Sehr gut gefällt mir dazu das von Dir gewählte Beispiel der 'deutschen Migranten'.

Danke noch mal.


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06.11.2011, 23:27:32
Beitrag #4
RE: Sachverhalt und Bedeutung Migration?
Ja, so gesehen hast du recht mit der Verständnisproblematik. Offenbar nutzt man migration(s)- als eine Art Partikel, um auf eine bestimmte Gruppe von Bürgern zu referenzieren. Nicht damit gemeint sind ja in aller Regel Menschen, die aus westlichen Nationen zu uns kommen (ob EU, USA oder z.B. Japan, Australien etc.) oder diejenigen, die sich innerhalb einer wahrgenommenen Gesellschaft bewegen: Ich bin keine Migrantin, weil ich vor zehn Jahren aus dem Schwarzwald nach Hamburg und vor ein paar Monaten nach Berlin migriert bin oder habe einen Migrationshintergrund, weil ich elsässische Vorfahren habe. Gemeint sind ja meist Zugewanderte und deren Kinder aus wirtschaftlich schwächeren Ländern (meist Afrikas, (Süd-)osteuropas oder dem mittleren Osten).

Hier haben wir also meiner Meinung nach ein Beispiel für berechtige Sprachkritik: Die Verwendung des Begriffs - ursprünglich aus der 'political correctness' (obwohl ich diesen Begriff nicht mag, btw) geboren - geschieht natürlich auch aus einer tief verankerten gesellschaftlichen Sicht heraus und wird so lange dauern, wie wir immer noch versuchen, konzeptuell zwischen "uns" und "denen" zu unterscheiden. Soll heißen: Wenn wir anerkennen, dass all diejenigen zu unserer Gesellschaft gehören, dann würde Migranten sich auf diejenigen beziehen, die kürzlich gekommen sind. Geschehen ist das ja bereits mit den Polen aus dem 19. Jahrhundert.

Nun denn, ganz will ich dem Migrationshintergrund aber nicht die Berechtigung absprechen: die betroffenen Menschen haben schlicht deutliche wirtschaftliche und soziale Nachteile in Deutschland, sind höherem gesellschaftlichen Risiken ausgesetzt und eine komplette Gleichmacherei wäre ja auch nicht das Allheilmittel. Kommt also drauf an, in welchem Kontext man den Begriff verwendet.

Spannendes Thema, das.

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07.11.2011, 02:25:16
Beitrag #5
RE: Sachverhalt und Bedeutung Migration?
(06.11.2011 23:27:32)suz schrieb:  Ja, so gesehen hast du recht mit der Verständnisproblematik. Offenbar nutzt man migration(s)- als eine Art Partikel, um auf eine bestimmte Gruppe von Bürgern zu referenzieren. Nicht damit gemeint sind ja in aller Regel Menschen, die aus westlichen Nationen zu uns kommen (ob EU, USA oder z.B. Japan, Australien etc.) oder diejenigen, die sich innerhalb einer wahrgenommenen Gesellschaft bewegen: Ich bin keine Migrantin, weil ich vor zehn Jahren aus dem Schwarzwald nach Hamburg und vor ein paar Monaten nach Berlin migriert bin oder habe einen Migrationshintergrund, weil ich elsässische Vorfahren habe. Gemeint sind ja meist Zugewanderte und deren Kinder aus wirtschaftlich schwächeren Ländern (meist Afrikas, (Süd-)osteuropas oder dem mittleren Osten).

Hier haben wir also meiner Meinung nach ein Beispiel für berechtige Sprachkritik: Die Verwendung des Begriffs - ursprünglich aus der 'political correctness' (obwohl ich diesen Begriff nicht mag, btw) geboren - geschieht natürlich auch aus einer tief verankerten gesellschaftlichen Sicht heraus und wird so lange dauern, wie wir immer noch versuchen, konzeptuell zwischen "uns" und "denen" zu unterscheiden. Soll heißen: Wenn wir anerkennen, dass all diejenigen zu unserer Gesellschaft gehören, dann würde Migranten sich auf diejenigen beziehen, die kürzlich gekommen sind. Geschehen ist das ja bereits mit den Polen aus dem 19. Jahrhundert.

Nun denn, ganz will ich dem Migrationshintergrund aber nicht die Berechtigung absprechen: die betroffenen Menschen haben schlicht deutliche wirtschaftliche und soziale Nachteile in Deutschland, sind höherem gesellschaftlichen Risiken ausgesetzt und eine komplette Gleichmacherei wäre ja auch nicht das Allheilmittel. Kommt also drauf an, in welchem Kontext man den Begriff verwendet.

Spannendes Thema, das.

Abgesehen von aktuellen Bezügen: Ist es denn nach wie erlaubt - ohne altbacken zu wirken - vom Zeitalter der Völkerwanderungen zu sprechen?


Hallo, ich bin Sprachirritierter und seit 04.11.2011 17:31 hier angemeldet.
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07.11.2011, 10:23:02
Beitrag #6
RE: Sachverhalt und Bedeutung Migration?
(06.11.2011 23:27:32)suz schrieb:  Hier haben wir also meiner Meinung nach ein Beispiel für berechtige Sprachkritik

welchselbige sich gerne z.B. bei http://www.neusprech.org vorschlagen und betrachten lässt.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
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23.07.2014, 19:54:18
Beitrag #7
RE: Sachverhalt und Bedeutung Migration?
Hi ich habe eine Frage. kennt ihr vielleicht Linguistische Studien (also Literatur) zu den Kontrast-paaren

sich nicht integrieren können vs. sich nicht integrieren wollen?
geben vs. nehmen
Krieg da vs. frieden hier

etc


danke lg


Mila
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