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 » nicht erledigt Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
▶ Sapir-Whorf, Chomsky, Universalismus, Relativismus

02.06.2013, 23:32:24
Beitrag #1
Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
Hallo,
ich bin neu hier und hoffe jetzt mal einfach, dass dies die richtige Rubrik für meine Frage ist.
Und zwar wird der Universalismus ja oft als Gegenteil zum sprachlichen Relativismus angeführt.
Das mag jetzt alles etwas vereinfacht dargestellt sein - und ich hoffe, dass ich es richtig verstanden habe - aber sprachlicher Universalismus bedeutet doch einfach, dass es bestimmte gedankliche Konzepte gibt, die in allen Sprachen der Erde realisiert werden, oder? Der sprachliche Relativismus besagt nun, dass unsere Sprache die Art beeinflusst, wie wir die Welt wahrnehmen. In welchen Punkten widerspricht sich dies nun? Der Universalismus schließt es ja nicht aus, dass es sprachspezifische Unterschiede gibt!? Diese könnten sich dann ja auf unsere Wahrnehmung auswirken!?

Vielen Dank schonmal und schönen Abend!


Hallo, ich bin Dorido und seit 02.06.2013 21:25 hier angemeldet.
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03.06.2013, 09:30:00
Beitrag #2
RE: Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
(02.06.2013 23:32:24)Dorido schrieb:  aber sprachlicher Universalismus bedeutet doch einfach, dass es bestimmte gedankliche Konzepte gibt, die in allen Sprachen der Erde realisiert werden, oder?

Das Schlüsselwort ist bestimmte. Du hast ja nicht alle geschrieben. Und wenn es nur bestimmte Konzepte sind (unterstellen wir der Einfachheit halber mal, dass dem so sei und diese universal primitives existieren), schließt das doch keineswegs aus, dass
  1. diese Konzepte kulturspezifisch ausgedrückt, konnotiert und assoziiert werden und
  2. andere Begriffe kulturspezifisch und eben nicht-universell sind.


Ich glaube, sowohl Universalismus als auch Relativität darf man nicht als binäre, wechselseitig ausschließliche Phänomene auffassen, eher als Extrempunkte auf einer Skala.


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03.06.2013, 09:49:25
Beitrag #3
RE: Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
Ich glaube ein weiterer Punkt, der zur Verwirrung beiträgt ist, vielleicht, dass es unterschiedliche Arten von Universalismus resp. Begründungen gibt, während sprachliche Relativität diese schon mitbringt.

Noam Chomsky, Derek Bickerton oder Anna Wierzbicka nehmen z.B. aus (philosophischen Gründen heraus) soweit mir bekannt ist an, dass bestimmte Aspekte der menschlichen Sprache angeboren sind; die letzt genannte ist übrigens trotzdem nach meinem Eindruck eine recht starke Vertreterin der sprachlichen Relativität. Andererseits gibt es aber auch eine Begründung die eher mit ähnlicher/gemeinsamer Kognition und/oder eine vergleichbaren "Erfahrungswelt" operiert.

Da müsste man mal abwägen, welche Arten von Universalität mit welchen von sprachlicher Relativität vereinbar sind.

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08.08.2015, 05:15:26
Beitrag #4
RE: Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
Da ich am Dienstag (11.8.) meine Masterarbeit abgeben muss Rolleyes, würde es mich sehr interessieren, ob noch andere eine Meinung zu dem Thema hätten - speziell was das Verhältnis Relativität - UG angeht...


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08.08.2015, 11:22:48
Beitrag #5
RE: Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
Ich finde es etwas schwierig, auf diese Frage zu antworten. Befasst du dich in deiner Masterarbeit explizit mit dem Zusammenhang von Universalgrammatik und sprachlicher Relativität, oder ist das nur ein (kleinerer) Teilaspekt im Kontext einer allgemeineren Fragestellung? Wahrscheinlich hast du ja dann schon die bekannteren Publikationen dazu gelesen und kennst die Kernthesen. Nützlich wäre vielleicht, wenn du kurz skizzierst, welche Positionen du schon eingearbeitet hast -- oder was du gerne noch hättest/was dir noch fehlt.

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08.08.2015, 19:25:06
Beitrag #6
RE: Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
Vielleicht mal zwei Aspekte:
- Die Language Faculty wird als separates Modul im Gehirn gesehen, dass unabhängig von anderen kognitiven Funktionen agiert. Somit wären ja dann trotz der bestehenden Unterschiede zwischen den Sprachen relativistische Effekte ausgeschlossen, oder?
- Vertreter des Relativismus sind immer auf der Suche nach Sprachunterschieden, denn nur diese können zur Erklärung von relativistischen Effekten herangezogen werden. Hat vielleicht diese etwas einseitige Perspektive dazu geführt, dass jegliche Universalien abgelehnt werden? Durch Empirie wird das kaum zustande gekommen sein, denn Chomsky-Universalien sind im Gegensatz zu Greenberg-Universalien nur schwer nachweisbar (Prinzipien der UG sind ja auch universell, wenn eine Sprache keinen Gebrauch von ihnen macht).


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08.08.2015, 19:45:39
Beitrag #7
RE: Schließen sich Universalismus und sprachliche Relativität wirklich aus?
(08.08.2015 19:25:06)0711master schrieb:  - Die Language Faculty wird als separates Modul im Gehirn gesehen, dass unabhängig von anderen kognitiven Funktionen agiert. Somit wären ja dann trotz der bestehenden Unterschiede zwischen den Sprachen relativistische Effekte ausgeschlossen, oder?
Das kommt ganz auf den Umfang an, den die "Language Faculty" in der Sprachproduktion hat. Kommen noch andere kognitive Bereiche von "außerhalb" hinzu, könnten relativistische Aspekte auch von dort her begründet sein. Man denke nur an Konnotationen, die kulturbedingt sein können und eher im Bereich Emotion und Affekt als im Bereich Semantikverarbeitung behimatet sein dürften.

(08.08.2015 19:25:06)0711master schrieb:  - Vertreter des Relativismus sind immer auf der Suche nach Sprachunterschieden, denn nur diese können zur Erklärung von relativistischen Effekten herangezogen werden. Hat vielleicht diese etwas einseitige Perspektive dazu geführt, dass jegliche Universalien abgelehnt werden? Durch Empirie wird das kaum zustande gekommen sein, denn Chomsky-Universalien sind im Gegensatz zu Greenberg-Universalien nur schwer nachweisbar (Prinzipien der UG sind ja auch universell, wenn eine Sprache keinen Gebrauch von ihnen macht).
Chomsky-Universalien sind Axiome und (meiner Meinung nach) absolut un-empirisch. Selbst ein Parameter, das nur in einer einzigen Sprache gebraucht wird, wäre "universell", wenn man es nicht wegdiskutiert, wie es regelmäßig z.B. mit Pirahã passiert. Darüber hinaus sind viele der UG-Universalien welche, die in der strukturalistischen Schule nach Greenberg schon deswegen abgelehnt würden, weil sie keine Eigenschaften sind, die allen oder der Mehrheit aller Sprachen akzidentell gemeinsam sind, sondern essentielle Eigenschaften sind oder sogar "design features" (nach Keenan 1963/1966), die wir in der Definition und Beschreibung von 'Sprache' brauchen, deren Fehlen also ein System aus der Riege der (möglichen) Sprachen ausscheiden lässt.


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