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[Didakt]: Sprachdidaktik, DaF, Sprachlehrforschung  » nicht erledigt Sind schlechte VORleser auch schlechte Leser?
▶ Leseforschung; Lautlesen; Lesedidaktik; Sprachdidaktik

08.11.2013, 10:25:43
Beitrag #1
Sind schlechte VORleser auch schlechte Leser?
Hallo,

ich bin mir nicht sicher, ob und wo ich hier ein Problem habe, und die einschlägigen Fachdidaktiken, die ich bislang konsultieren konnte, hüllen sich da auch in wohlwollendes Schweigen (wahrscheinlich, weil sie selbst mit ihren immer neuen genialen Konzepten irgendwie an der Misere mit Schuld sind?).

Ich habe seit ein paar Wochen einen Schüler in meiner Klasse, der gute Leistungen im Fach Deutsch bringt und mit einer vernünftigen Mitarbeit in allen Zusammenhängen auch eher unauffällig ist. Beim Vorlesen seiner Hausaufgaben stockt er manchmal, das habe ich aber bislang auf die Handschrift zurückgeführt, die nicht sehr leserfreundlich ausgerichtet ist. Nun begab es sich aber, dass just dieser Schüler in einem anderen Zusammenhang einen längeren Text vom Blatt vorlesen musste, und dabei so kläglich auf ganzer Linie gescheitert ist, dass er allen anwesenden Mitschülern schon leid tat. Er kämpfte und kämpfte gegen die Worte, aber die Buchstaben haben gewonnen (ich habe leider keine Dokumentation der Aktion, aber ich schätze mal, dass maximal 10% der vorgelesenen Wörter fehlerfrei waren, und dass etwa 40% sinnentstellend verändert waren, z.B. "wer hats gesagt" wurde zu "wers hat gemacht").

Meine Frage an die Leseforscher: Muss ich aus der Unfähigkeit vorzulesen auf ernsthafte Probleme des Lesens "als solches" schließen, oder ist es durchaus möglich, dass der Schüler leise und für sich in angemessener Zeit einen Text fehlerfrei liest i.S.v. "erfasst"?

Für die Didaktik ergibt sich für mich hier einfach auch das große Problem, dass ich ja wissen muss, auf welcher Ebene ich dem armen Kerl helfen muss. Ich erinnere mich z.B. an einen sehr schönen Vortrag von Ursula Bredel bei der IDS Jahrestagung 2012, wo sie vorgeführt hat, welch schlimme Auswirkungen der Einsatz von Anlauttabellen im Schreiberstunterricht auf das Begreifen von syntaktischen / morphologischen Strukturen haben kann. Eventuell kämpft mein Schüler ja nicht mit den Buchstaben, sondern mit der inneren Struktur dessen, was sie darstellen? Da könnte man durch Grammatikunterricht das Lesen optimieren.

... oder gibt es einfach Menschen, bei denen die reine Leseleistung abgekoppelt von der Ausspracheleistung ist, also quasi geborene Nicht-Laut-Vorleser?

Ich bin sehr dankbar für alle Hinweise und Literaturangaben.


(PS Ich hoffe, diesmal das richtige Unterforum gewählt zu haben, wenn nicht, bitte ich um Entschuldigung Zwinker )


Hallo, ich bin Mister G und seit 08.09.2013 19:14 hier angemeldet.
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08.11.2013, 18:12:31
Beitrag #2
93_pencil RE: Sind schlechte VORleser auch schlechte Leser?
Hallo Mister, G.,

Ich höre da zwei Fragen: 1. Wie kann ich dem Schüler helfen?, und 2. Was geht hier vor? (theoretische Erklärung).

Zur ersten Frage: du erwähnst, dass der Schüler ansonsten gut mitkommt. Das lässt die Schlussfolgerung zu, dass sein Problem tatsächlich aufs Lautlesen/Vorlesen beschränkt ist, wie du ja auch vermutest. Kannst du das irgendwie überprüfen, z.B. mit einem Silent reading test (sorry, weiß gerade nicht, wie das auf deutsch heißt)? D.h. irgendein Testinstrument, das Leseverstehen beim "für-sich-selbst-lesen" erfasst? Wenn der Schüler dabei gut abschneidet, wäre das ein klarer Hinweis, dass er tatsächlich nur Vorleseschwierigkeiten hat.


Zur zweiten Frage: die Literatur hier in den Staaten teilt Lesefähigkeiten gerne wie folgt auf:

1) schlechter Vorleser | 2) schlechter Vorleser
schlechtes Leseverständnis | gutes Leseverständnis
_________________________________________________

3) guter Vorleser | 4) guter Vorleser
schlechtes Leseverständnis | gutes Leseverständnis



1) sind Kinder mit generellen Leseproblemen, möglicherweise aufgrund einer generellen Sprachentwicklungsstörung. 2) sind Kinder, die nur mit Vorlesen Probleme haben, möglicherweise aufgrund einer Sprachentwicklungsstörung auf der Lautebene (und nur dort). 3) ist ein "spezifisches Leseverständnisproblem", möglicherweise basierend auf Sprachentwicklungsproblemen außerhalb der Lautebene. 4) sind die guten Leser. Nach diesem Modell müsste man also herausfinden, ob dein Schüler eher unter 1) oder unter 2) fällt.

Das Problem mit diesem Modell: Kategorie 2) ist umstritten. In den Staaten wird das gerne als "dyslexia" diagnostiziert (nicht zu verwechseln mit der deutschen "Dyslexie"!), aber manche Leseforscher halten das für eine überflüssige Kategorie, da "Vorlesen" außerhalb des Schulunterrichts keine wirklich wichtige Kompetenz darstellt.

Noch schlimmer, es wird vermutet, das manche Schüler in Kategorie 3) landen, weil in der Schule ZU VIEL Gewicht auf Vorlesen gelegt wird und zu wenig auf Leseverständnis. (Wahrscheinlich nicht der einzige Faktor, aber dennoch erwähnenswert.) Wenn sich also wirklich herausstellt, dass dein Schüler unter 2) fällt, bist du als Pädagoge gefragt: Du müsstest dann irgendwie sicherstellen, dass er die Vorlesekompetenz erwirbt, die von der Schule verlangt wird, ohne seine anderen Kompetenzen zu vernachlässigen.

Gutes Gelingen! Und halt mich auf dem Laufenden, wenn du magst. Ich schreib gerade meine Diss über Kategorie 3), bin also echt interessiert am Thema.

Tobias


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08.11.2013, 18:18:45
Beitrag #3
RE: Sind schlechte VORleser auch schlechte Leser?
P.S. Der Editor hat meine Tabelle zerhackt, hab sie daher nochmal als Bild angehängt...

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