Metahilfe: Was wir hier (nicht) tun - Informationen zum Thema Fragen und Hilfen im Forum.

Du kennst dich aus? — Prima. Unser Fragenbeantwortungs-Team freut sich immer über engagierte Verstärkung!



1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste
Antwort schreiben 
 » nicht erledigt Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?

06.06.2011, 20:51:18
Beitrag #16
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Jannyna hat mich in dem Kunstsprachen-Thread auf eine Idee gebracht.

Ein sehr gutes Beispiel für Sprachwandel hin zum Komplexeren sind Höflichkeitssysteme und Vermeidungssysteme in ihrer gesamten bandbreite, kurzum alle speziellen Register und Lexika bzw. Wortschatz- oder Sprachlevel, die sich eine Sprechergemeinschaft zulegt. Die japanische Höflichkeitssprache ist vermutlich das bekannteste Beispiel, wobei aber die Höflichkeitslevel in manchen Sprachen Südostasiens weitaus komplexer sind, z.B. Javanisch (Ethnologue: jav) mit vielen Stufen:
.pdf  JAVANISCH_HS_paper.pdf (Größe: 134,19 KB / Downloads: 3)

Vergleichbares gilt auch für die Vermeidungssprachen und Initiiertensprachen Australiens oder die Tabusysteme Ozeaniens und Afrikas.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
12.06.2011, 09:38:13
Beitrag #17
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Hier machst du jemanden Glücklich mit deinen Links Lächel
Und sie sind sogar auf Deutsch!
Falls du noch mehr hast, bitte immer her damit Aufgeregt

Es heißt ja, dass im Deutschen viele unregelmäßige Verben nach und nach regelmäßigere Formen annehmen - Hin zur Vereinfachung. Es gibt aber auch Dialekte, in denen dies genau andersherum ist. Regelmäßige Formen werden auf einmal unregelmäßig.

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
12.06.2011, 11:39:22
Beitrag #18
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Joah, die Tendenz, starke Verben zu schwächen, die gibt es schon seit ein paar Jahrhunderten. Wobei sich aber die GSV dafür einsetzt, dem Trend entgegenzuwirken. Zwinker

Scherz beiseite – wenn Du mal selbst googeln willst, was es zu den speziellen "Registern" so gibt, versuche mal "Schwiegermuttersprache(n)", "Höflichkeitssprache(n)", "Tabusprache(n)", "Tabusystem(e)". Gute Kandidaten für so etwas sind die Sprachen Ozeaniens, Australiens, Südostasiens sowie des südlichen Afrika (z.B. Hlonipha).

Interessanterweise (um mal wieder zum Topic zurück zu kommen) machen mindestens zwei dieser Sprachen Gebrauch von Klicklauten, um sich "zu verkomplizieren": Hlonipha und das Initiiertenregister Damin der austral. Sprache Lardil. Bei letzterer ist das besonders bemerkenswert, weil es in der "Normalsprache" keine Klicks gibt, und die nächste Sprache, die das hat, knappe 11.000km Luftlinie entfernt ist.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
13.11.2011, 22:30:40
Beitrag #19
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Übrigens gibt es *doch* ein paar Literaturangaben und Theorien zum Thema "Sprachwandel zum Komplizierteren". Allen voran Östen Dahl's Buch "The growth and maintenance of linguistic complexity" Amsterdam: Benjamins, 2004. http://books.google.de/books?id=8f6OUB7d...s&lr&hl=de
oder der Sammelband "Language complexity as an evolving variable" von Geoffrey Sampson, David Gil und Peter Trudgill, Oxford Univ. Press, 2009. http://edoc.mpg.de/460286

Außerdem dieses nette Manuskript hier: http://www.hf.uio.no/ilos/forskning/pros...02_mat.rtf
Wenn man ein Bisschen nach "langauge complexity evolution" googelt, findet man da noch einiges.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
14.11.2011, 19:36:04
Beitrag #20
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Hallo,

wenn ich das Thema nochmal aufgreifen darf. Mich würde interessiert, warum die Komplexität von Sprachen früher größer war? Auch wenn es die Theorie gibt, dass aus isolierten Sprachen irgendwann wieder hoch flexierte Sprachen werden, finde ich es eigenartig, dass bei aller Einfachheit des früheren Lebens, z.B. Gottes Regeln gegen komplexe Gesetzestexte oder einfacher Karren mit Ochse gegen modernen LKW, Computer etc., doch die Sprache eher komplex war, wobei sie vom Sinn her einfach sein könnte. Wenn ich vom Urzeitmenschen ausgehe, der sich mit Grunzen und Gestiken behalf und dann die nächste Evolution mit Worten. Wie kann es geschehen, dass es derart komplex wird, dass auf dem Zenit es wieder einfacher zu sein scheint?
Kennt jemand ein Buch zu dem Thema?

Schönen Abend,
Christian

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
14.11.2011, 21:02:29
Beitrag #21
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Literatur zum Thema hatte ich im Beitrag eins drüber doch genannt.

Warum die Komplexität größer war, wissen wir nicht mit letzter Sicherheit. Dass sie größer gewesen sein muss, wissen wir aus den Rückschlüssen, die beim Vergleich verwandter Sprachen (historisch-vergleichende Methode) gezogen werden.

Es gibt übrigens einen kleinen aber wichtigen Unterschied zwischen isolierten und isolierenden Sprachen. Die Isolierten sind diejenigen ohne (uns bekannte) Verwandtschaft, wie das Baskische (Ethnologue: eus) oder Burushaski (Ethnologue: bsk) oder, wenn man es etwas weiter fasst, auch die "verwaisten Sprachen" wie Ketisch (Ethnologue: ket), dessen (uns bekannte) Verwandtschaft bereits ausgestorben ist. Die Isolierenden sind diejenigen, die im typologischen Kontrast zu den Flektierenden usw. stehen.

Über grunzende Urmenschen lasse ich mich nicht aus. Erstens bin ich Sprachwissenschaftler, nicht Grunzwissenschaftler [Bild: 8.png] und zweitens grunzten die Urmenschen wahrscheinlich nur in der Phantasie irgend eines Journalisten oder Hollywoodregisseurs.

Mit Sicherheit hat Sprache (je nach dem, wie wir sie definieren) nicht hochkomplex angefangen, sondern Sprache ist/Sprachen sind nach und nach "gereift", wie Östen Dahl es nennt. Er zählt auch verschiedene soziokulturelle Faktoren auf, die bestimmte Arten von Komplexität begünstigen oder eben hemmen. Das hier en détail wiederzugeben würde jedoch voraussetzen, dass ich selbst mit dem Buch schon fertig wäre. Zwinker


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
16.11.2011, 20:26:12
Beitrag #22
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Moin,

danke dir für die Antwort und den Tipps mit den Büchern. Das mit den Fachwörtern und Ausdrücken kriege ich wohl auch noch hin Zwinker

Schönen Abend.
Christian

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
20.11.2011, 17:43:36
Beitrag #23
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Noch mal gaaaaaaaaanz zurück zur Ausgangsfrage, aber nur, weil ich dazu grad so ein schönes Beispiel parat hab Zwinker

Im Altindoarischen, wozu auch das Sanskrit gehört, gab es es acht Kasus, im Mittelindoarischen nur noch zwei. In neuindoarischen Sprachen ist dieses Kasussystem wieder deutlich weiter ausgebaut. Ein Beispiel dafür ist Hindi, was sieben Kasus unterscheidet.

Wenn sich eine Sprache verändert, heißt das also nicht unbedingt, dass sie an Komplexität verliert.


Hallo, ich bin kunterbunt und seit 20.11.2011 14:12 hier angemeldet.
Hier könnte meine Signatur stehen.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
20.11.2011, 19:36:50
Beitrag #24
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Welche sieben Kasus nimmst du denn für das Hindi an?
Meines Wissens gibt es nur drei: Rectus (laṛkā), Obliquus (laṛke) und Vokativ (im Sg. mit Rectus identisch). so findet man es auch bei Gatzlaff-Hälsig.

Aber im Tocharischen gibt es das: Erst ist das indogermanische System von acht Kasus auf drei reduziert worden (Nominativ, Genitiv und Akkusativ), dann sechs neue Kasus hinzugetreten, die aber noch synchron als Akkusativ und Postposition erkennbar sind.

Ebenso im Litauischen, das anstelle des indogermanischen Lokativs vier neue Lokalkasus entwickelt hat, nämlich Allativ (laukop, laukump "zum Feld/zu den Feldern"), Adessiv (laukiep, laukuosemp "beim Feld/bei den Feldern"), Illativ (laukan, laukuosna "auf das Feld/die Felder[/i]) und Inessiv (lauke, laukuose "auf dem Feld/den Feldern"). Auch diese basieren jeweils auf einem obliquen Kasus und einer Postposition (nämlich -pi bzw. -na), sind aber nicht mehr unbedingt als solche erkennbar.
Und dann sind sie wieder - bis auf den Inessiv - außer Gebrauch geraten.


Hallo, ich bin Mindaugas und seit 14.11.2011 19:21 hier angemeldet.
Hier könnte meine Signatur stehen.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
20.11.2011, 20:01:10
Beitrag #25
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Hm ... ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung vom Hindi. Ich habe das jetzt einfach mal ganz gutgläubig von einer Dozentin übernommen, die uns das als Beispiel in einer Syntax-Vorlesung gebracht hat. Vielleicht hatte sie ja Unrecht, denn es steht da definitiv auf den Folien der Vorlesung.


Hallo, ich bin kunterbunt und seit 20.11.2011 14:12 hier angemeldet.
Hier könnte meine Signatur stehen.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
20.11.2011, 20:10:02
Beitrag #26
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Und noch ein Nachtrag: Höflichkeitslevel im Balinesischen und der Zusammenhang mit Sprachbedrohung.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
20.11.2011, 21:23:53
Beitrag #27
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
(20.11.2011 20:01:10)kunterbunt schrieb:  Hm ... ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung vom Hindi. Ich habe das jetzt einfach mal ganz gutgläubig von einer Dozentin übernommen, die uns das als Beispiel in einer Syntax-Vorlesung gebracht hat. Vielleicht hatte sie ja Unrecht, denn es steht da definitiv auf den Folien der Vorlesung.

Sieht mir ganz danach aus. Mit dem Mittelindischen kommt mir das vor, als hätte sie es verdreht, also sieben (sechs, wenn man Vokativ nicht als eigenen Kasus anerkennt) etwa im Pali, drei (zwei) im Hindi.


Hallo, ich bin Mindaugas und seit 14.11.2011 19:21 hier angemeldet.
Hier könnte meine Signatur stehen.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
23.11.2011, 18:17:53
Beitrag #28
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
(20.11.2011 17:43:36)kunterbunt schrieb:  Wenn sich eine Sprache verändert, heißt das also nicht unbedingt, dass sie an Komplexität verliert.

Ein anderes Beispiel ist der Vorschlag, dass Französisch zunehmend polysynthetische Züge annimmt, wenn man Dislokationen und klitische Pronomen als Subjekt/Objekte und Konjugationspräfixe neu analysiert. Plötzlich flektiert dann ein französisches Verb in Person, Numerus und Genus nach Subjekt, direktem Objekt und indirektem Objekt.

moi, je le lui donne, le livre, à ton frère
moi jeleluidonne le livre à ton frère

Siehe auch hier:
http://matnat.ronet.ru/articles/Arkadiev...s_Hand.pdf

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
05.12.2011, 22:15:23
Beitrag #29
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Übrigens gibt's nächstes Jahr in Leipzig einen Workshop dazu:

http://www2.surrey.ac.uk/english/smg/res...shop_2012/
Zitat:Workshop: Growth and decline of morphological complexity
The Surrey Morphology Group will be holding a one-day workshop on the diachrony of morphological complexity, hosted by the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology, in Leipzig (Germany) on Saturday, April 28, 2012.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
09.05.2012, 23:51:39
Beitrag #30
RE: Sprachwandel auch hin zum Komplizierten?
Die These vom "Sprachverfall" ist nicht neu. Dabei wird das oft mit der ""Vereinfachung" gleichgesetzt.
Ich denke aber, dass Sprachen komplexer werden können.
Wie wird es ausgedrückt?
Früher hatten wir in Deutsch sehr komplexe Schachtelsätze, die es erlaubten, Sachverhalte sehr genau und subtil auszudrücken. Diese verwendet kaum noch jemand. Aber im schriftlichen Bereich werden sie (im Prinzip außerhalb der Belletristik) teilweise durch Tabellen und hierarchische Listenstrukturen ersetzt. Diese sind zum Teil komplizierter. Die Sprache ist nicht mehr linear, sondern flächenartig oder mehrdimensional strukturiert.
Ich weiß nicht, ob diese Art der Komplexität schon untersucht wurde.


Hallo, ich bin Hutschi und seit 28.04.2012 10:13 hier angemeldet.
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
Antwort schreiben 


Möglicherweise verwandte Themen...
Thema:VerfasserAntworten:Ansichten:Letzter Beitrag
  [Typo] Entwicklung des Wortes ''müssen'' im Deutschen als auch Englischen linguiststudi 2 522 05.08.2016 22:23:03
Letzter Beitrag: Frederike
  [Sem] Wer auch immer dort/ Wer immer da. - Zeigeformen in Merkels Rede vom 17.2. 2016. Willi Wamser 0 964 25.02.2016 17:09:01
Letzter Beitrag: Willi Wamser
93_pencil (spanische) Sprachwissenschaft Hausarbeit (Sprachgeschichte, Sprachwandel) vigués 1 2.348 27.01.2015 17:39:36
Letzter Beitrag: LeaRebecca
  [Didakt] Sind schlechte VORleser auch schlechte Leser? Mister G 2 2.651 08.11.2013 18:18:45
Letzter Beitrag: Tobias A. Kroll
  Job als Uebersetzer auch ohne Ausbildung? Workoft 14 30.369 10.05.2012 22:10:28
Letzter Beitrag: janwo
  Sprachwandel Kardamom 5 2.527 18.01.2012 13:29:50
Letzter Beitrag: Kardamom
  [Kogn] Erlernen von Sprachen mit frühkindlicher Intuition auch im Erwachsenenalter möglich? fragfragfrag 4 2.642 11.12.2011 21:48:05
Letzter Beitrag: janwo
  auch Computerlinguistik? tiburon 1 7.732 30.03.2007 16:06:40
Letzter Beitrag: janwo
  Schnee schippen oder auch schieben??? rulitos 3 5.375 23.04.2005 12:46:27
Letzter Beitrag: rulitos

Gehe zu:


1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste