Metahilfe: Was wir hier (nicht) tun - Informationen zum Thema Fragen und Hilfen im Forum.

Du kennst dich aus? — Prima. Unser Fragenbeantwortungs-Team freut sich immer über engagierte Verstärkung!



1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste
Antwort schreiben 
 » nicht erledigt Töten Sprachen andere Sprachen oder die Sprecher?

18.11.2014, 18:11:57
Beitrag #1
Töten Sprachen andere Sprachen oder die Sprecher?
Hallo,
man liest ja oft von Killersprachen und dass das Englische alle anderen Sprachen tötet. Dann kommen manchmal 'Neunmalkluge', dass ja nicht das Englische der Killer ist, sondern dessen Sprecher. Das sollte ja eigentlich klar sein, die 'Redewendung' von einer Sprache als der Killer sollte ja nur abstrakt alle Sprecher eben genau dieser Sprache darunter subsumieren und somit abkürzend sein, weil es einfacher zu sagen ist als jedes Mal auf die 'Sprecher des Englischen' zu verweisen.
Angesichts der Mühe mancher Linguisten dies in populärwissenschaftlichen Artikeln klarzumachen, frage ich mich aber gerade, ob es auch Theorien gibt, die wirklich 'Sprache' als den Killer identifizieren und nicht die Sprecher?

Auch wenn es gerade so klingt, habe ich mich noch nicht für die blaue oder rote Pille entschieden. Zwar ist mir irgendwie klar, dass es eigentlich die Sprecher sind, obwohl ich die Umschreibungen mit 'Englisch als Killersprache' benutze. Aber ich komme trotzdem nicht umhin, bei Sprache an eine teils völlig eigene Dynamik zu denken, die manchmal Prozesse inne hat, u. a. die unsichtbare Hand, die sich völlig dem Bewusstsein oder bewussten Zutuns des Menschen entziehen. Gibt es dazu seriöse linguwissenschaftliche Theorien, die genau auf diesen Sprachenwandel und -wechsel eingehen?

Vielen Dank und viele Grüße,
Kevin


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
19.11.2014, 16:34:15
Beitrag #2
RE: Töten Sprachen andere Sprachen oder die Sprecher?
*Eigentlich* sollte halbwegs brauchbaren Journalisten klar sein, dass es sich bei diesen Begrifflichkeiten um Metonymien bzw. Metaphern handelt. Dass dieses Metaphernfeld rund um den Tod einer Sprache problematisch ist, hatte ich in einem anderen Beitrag schon einmal angedeutet:

(10.03.2012 10:37:04)janwo schrieb:  Das moderne Iwrit ist aber nicht gleichzusetzen mit dem antiken Hebräisch. Der schon in der aussterben-Metapher angelegte Vergleich, der sich hier aufdrängt, ist der mit rückgezüchteten Auerochsen oder Pferderassen. Bis zu einem gewissen Grade ist das genetische Material gleich, aber es fehlt der breite, diverse Genpool, der sich auch nicht wieder herstellen lässt. Mehr dazu siehe Anhang, ein Text, den ich 2005 verfasst habe:
Aus: Wohlgemuth / Dirksmeyer (Hrsgg.): Bedrohte Vielfalt. Aspekte des Sprach(en)tods / Aspects of language death. Berlin: Weissensee, 2005. S. 1-38.

Sprachen sterben meiner Ansicht nach weniger als dass sie aussterben, da ich Sprachen emetaphorisch eher als Spezies auffasse denn als Organismus. Insofern müsste man beim Linguizid auch eher von Ausrottung als von Mord sprechen. Und wer meuchelt nun? Das sind in der Tat eher die Sprecher als die Sprachen, wobei auch für die Sprecher gilt, dass hier eine verallgemeinernde Übertragung (pars pro toto) stattgefunden hat. Nicht alle Teilhaber der Sprechergemeinschaft sind aktiv an der Tat beteiligt.

Rückt man vm Bild einer Sprache als Individuum, als Organismus, ab, dann wird vielleicht deutlicher, dass sie nicht Handelnder im engeren Sinne ist, so wie eine Spezies nicht als Gesamtheit handelt. Dennoch unterliegen sie komplexen bewussten und unbewussten Handlungs- und Wirkungszusammenhängen der Individuen miteinander, mit der Umwelt und dadurch indirekt mit der Spezies insgesamt. Srachen haben erst einmal keine inhärenten Eigenschaften, die es ihnen ermöglichsten, andere Sprachen in ihrem Bestand zu gefährden. So eine Existenzbedrohung hat ausnahmslos außersprachliche Gründe, die auf oder durch die Sprechergemeinschaft wirken.

Töten ist nun ein Begriff, bei dem umgangssprachlich nicht notwendigerweise zwischen bewusster und böswilliger (Mord), unterbewusster aber aus absichtsvoller Handlung resultierender (Totschlag) und unbeabsichtigter ((fahrlässige) Tötung) Handlungsfolge unterschieden wird. Beim Töten einer Sprache würde man gemeinhin wohl das absichtsvolle, böswillige Ermorden verstehen, was ja durch Begriffe wie Killersprache deutlich wird.

In der Fachliteratur taucht selten zudem noch der Begriff Sprachselbstmord auf für den Fall, wenn eine Elterngeneration sich bewusst entscheidet, ihre Sprache nicht an die Folgegeneration weiterzugeben. In besonders schweren Fällen verweigert sich die Sprechergemeinschaft sogar der Sprachdokumentation, um eine Wiederbelebung effektiv zu verhindern. [link]

Wenn wir bei den morbiden Metaphern beliben wollen, dann würde ich vorschlagen, dass letztlich bestimte Ideen zu Nützlichkeit, Prestige oder Lernbarkeit einer Sprache sich mitunter wie eine Pandemie ausbreiten können, wenn die Individuen nicht resistent gegen diese Pathogene sind. Schlimmstenfalls und unbekämpft führt so etwas dann zum Aussterben einer Sprache.


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
19.11.2014, 17:15:33
Beitrag #3
RE: Töten Sprachen andere Sprachen oder die Sprecher?
Ich finde diesen Aufsatz dazu ziemlich interessant.
Der Autor hat recht damit, dass sich sowohl die Formulierung 'Die Sprache veränder sich.' (als organistische Formulierung) als auch 'Die Sprecher verändern die Sprache.' (als mechanistische; sie impliziert aber vielzuviel bewusstes Handeln) als sehr ungeeignet erweisen, um Sprachwandel/wechsel zu beschreiben. Daher spricht er von Sprache als ein 'Phänomen dritter Art'.
Bei Wikipedia findet man den folgenden Vergleich:
Zitat:Auch ein Autostau sei demnach ein Phänomen dritter Art, bremsten die Fahrer doch nicht deswegen ab, um eine Verstopfung der Straße herbeizuführen. Jeder bremste aus Sicherheitsgründen etwas stärker als der Vorausfahrende ab, bis schließlich ein Auto komplett stoppen muss. Niemand hat den Stau geplant (erst recht nicht der zuerst bremsende) und doch herrscht Stillstand.

Es wäre daher etwas zwischen 'Killersprache' und 'Killersprecher'. Eine Sprache handelt zwar nicht als eigenständige Entität, allerdings entzieht sich Sprache auch dem größeren Bewusstsein des Menschen. Man kann sich nicht entscheiden, keine Sprache zu lernen, genauso wie es unmöglich ist, Sprachwandel aufzuhalten. Wandel scheint eine sprachinterne Konstante zu sein, oder spiegelt sich da nur die menschliche Kognition wider? Zwar sind die Dynamiken außersprachlich, dennoch basieren sie ja auf sprachlichen Zuschreibungen. Ohne 'Scots' könnte 'Scots' auch nicht benachteiligt werden. Daher kann es nicht rein außersprachlich sein. Zwar sind wir selbst außersprachlich und wir schreiben einer Sprache von außen etwas zu, aber dennoch hat das ja innersprachliche Widerspiegelungen, bzw. projezieren wir es ja oft komplett in die Sprache hinein, woher auch eben solche organistischen Formulierungen kommen. Dadurch beleben wir Sprache gewissermaßen, auf eine sehr verquere und abstrakte Art.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
20.11.2014, 00:59:55
Beitrag #4
RE: Töten Sprachen andere Sprachen oder die Sprecher?
Dass wir Sprache als eine eigenständig handelnde Entität auffassen ist ja sehr tief in unserem Sprachgebrauch verankert. (Auch in der Fachsprache, oder,. @kpl?) Das Deutsche ist ..., Das Deutsche hat ..., Das Deutsche unterscheidet ...


Mitmachen, mitgestalten, mitwissen: Glottopedia: the free encyclopedia of linguistics
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
Antwort schreiben 


Möglicherweise verwandte Themen...
Thema:VerfasserAntworten:Ansichten:Letzter Beitrag
  Pitch Akzent in den skandinavischen Sprachen aus dem IE? Kevin 3 1.529 26.10.2015 13:49:39
Letzter Beitrag: wortigkeit
  "hassen" in den verschiedenen Sprachen der Welt Milly 5 2.351 13.10.2015 23:50:03
Letzter Beitrag: Evanesca
  [Theor] Chomsky über endlich viele Grammatiken und unendlich viele Sprachen 0711master 12 2.414 13.08.2015 03:36:42
Letzter Beitrag: robert
  Fun Sprachen-Rate-Spiel Kevin 66 21.388 26.06.2015 13:07:51
Letzter Beitrag: janwo
  [geteilt] Deonyme im Deutschen und weiteren Sprachen quakki 11 3.495 26.04.2015 20:43:17
Letzter Beitrag: janwo
  [Bib] Komplexe Präpositionen westgermanischer Sprachen lagom 1 2.349 25.02.2015 20:00:24
Letzter Beitrag: Kevin
  [Phon] Suche Sprachen mit wenig unterschiedlichen Silben Kakuta 4 1.941 05.01.2015 11:45:40
Letzter Beitrag: Kakuta
  Das beliebte "Ein Satz in X Sprachen";-Spiel Jens 32 44.638 17.12.2014 13:42:20
Letzter Beitrag: Opilog
  Simultane Handlungen in verschiedenen Sprachen Kevin 4 5.276 28.09.2014 23:46:59
Letzter Beitrag: Kevin

Gehe zu:


1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste