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[Area]: Areallinguistik, Sprachgeographie, Dialektologie  » nicht erledigt Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
▶ Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, Niederdeutsch

21.02.2012, 11:59:45
Beitrag #1
97_question Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Hallo zusammen,

ich beschäftige mich zur Zeit mit der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, im Speziellen mit dem dort geschützten Niederdeutschen. Dieses wird dort - im Unterschied zu den in der Charta geschützten Minderheitensprachen - als Regionalsprache angesehen.
Kann mir jemand sagen, was genau der Unterschied zwischen einer Regionalsprache und einer Minderheitensprache ist? Sowohl im Charta-Text als auch aus anderen Quellen wird das nicht eindeutig ersichtlich. Wahrscheinlich ist es auch nicht eindeutig zu sagen, aber was für Kriterien würdet ihr anlegen?

Vielen Dank und freundliche Grüße,

iki

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21.02.2012, 14:34:31
Beitrag #2
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Wikipedia sagt, dass Regionalsprachen geographisch definiert und Minderheitensprachen ethnisch definiert sind: http://de.wikipedia.org/wiki/Minderheitensprache.

MMn ist das auch eher eine Unterscheidung, die juristisch, aber vielleicht nicht unbedingt linguistisch, relevant ist.

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21.02.2012, 16:15:44
Beitrag #3
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Ein fundamentaler Unterschied ist, dass eine Regionalsprache in ihrer Region keineswegs eine Minderheitensprache sein muss (z.B. Katalanisch in Katalonien) und dass eine Minderheitensprache keinesweges an eine bestimmte Region gebunden sein muss (z.B. die Migrantensprachen in Deutschland).


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21.02.2012, 22:51:17
Beitrag #4
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
(21.02.2012 16:15:44)janwo schrieb:  ... dass eine Minderheitensprache keinesweges an eine bestimmte Region gebunden sein muss (z.B. die Migrantensprachen in Deutschland).

Wobei laut Wikipedia in der europäischen Charta Migrantensprachen ausdrücklich nicht als Minderheitensprachen zählen. Müsste man halt nochmal genau nachlesen...

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21.02.2012, 23:31:29
Beitrag #5
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
(21.02.2012 22:51:17)Sebastian schrieb:  Wobei laut Wikipedia in der europäischen Charta Migrantensprachen ausdrücklich nicht als Minderheitensprachen zählen. Müsste man halt nochmal genau nachlesen...

Genau so stehts da:

Zitat:Part I – General provisions

Article 1 – Definitions

For the purposes of this Charter:
  1. "regional or minority languages" means languages that are:
    1. traditionally used within a given territory of a State by nationals of that State who form a group numerically smaller than the rest of the State's population; and
    2. different from the official language(s) of that State;

    it does not include either dialects of the official language(s) of the State or the languages of migrants;
  2. "territory in which the regional or minority language is used" means the geographical area in which the said language is the mode of expression of a number of people justifying the adoption of the various protective and promotional measures provided for in this Charter;
  3. "non-territorial languages" means languages used by nationals of the State which differ from the language or languages used by the rest of the State's population but which, although traditionally used within the territory of the State, cannot be identified with a particular area thereof.
(http://conventions.coe.int/treaty/en/Tre...ml/148.htm)

Etwas schwierig finde ich, dass eine Statik bzw. "Abgeschlossenheit" angenommen wird, die der (historischen) Realität nicht gerecht wird; irgendwann ist jeder mal (nach Europa) eingewandert. Aber das ist ja als praktische Definition gedacht, nicht für 100% wissenschaftliche Adäquatheit.

Nur an wenigen Stellen taucht "regional" nicht als Teil der Kollokation "regional or minority" auf; das ist nur nicht unzureichend, sondern garnicht definiert Zwinker

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21.02.2012, 23:36:41
Beitrag #6
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Guten Abend!

Danke für die schnellen Antworten!
Ich finde die Unterscheidung Regional- vs. Minderheitensprache auch linguistisch wichtig, weil damit auch die Beschreibung der Begriffe "Sprache", "Dialekt", "Abstandssprache", etc. einher geht.

Sprachen von Migranten werden tatsächlich durch die Charta nicht geschützt. Aber bei diesen nicht territorial gebundenen Sprachen muss es sich ja nicht nur um Migrantensprachen handeln, sondern damit kann ja zum Beispiel auch das Romanes gemeint sein, das durch die Charta geschützt werden soll. Oder auch das Deutsche in Südtirol, das bei uns Amtssprache, dort aber Minderheitensprache ist.

Weil jetzt schon zwei Posts das erwähnen: Ist es im Zuge der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Charta wirklich sinnvoll, diese Begrifflichkeiten als "Charta-intern" und damit eher als juristisch denn als wissenschaftlich anzusehen? Irgendwie muss man mit den Begriffen ja auch arbeiten...

Viele Grüße.

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21.02.2012, 23:58:28
Beitrag #7
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Zunächst einmal: ja. Auch wenn sie in der Charta vielleicht nicht ausreichend definert werden, sind sie wohl als beschreibende Termini anzusehen, die hier einen juristischen Befund bezeichnen sollen, nicht zwangsläufig auch einen linguistischen.


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22.02.2012, 13:14:40
Beitrag #8
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Hallo,
seeeeeeeehr gut, dass du Interesse für Niederdeutsch hast. Zwinker
Was der ungefähre Unterschied ist, wurde ja schon geklärt. Das Ding ist, dass besonders Frankreich sich dafür eingesetzt hat, dass der Begriff Regionalsprache eingeführt wird, weil Frankreich gerne immer noch behauptet, es gäbe in deren Land keine Minderheiten. Dass sie die Charta noch nicht einmal ratifiziert haben, spielt da erst einmal gar keine Rolle.
Im Grunde sind auch Regionalsprachen Minderheiten, wären sie es nicht, müsste man sie nicht unbedingt schützen. Regionalsprache dient aber da einfach der Unterscheidung von dichtbesiedelten Sprachgebieten und nicht so dicht besiedelten Sprachgebieten. Das Niederdeutsche ist nun im hochdeutschen Sprachraum ziemlich verdünnt und auf einer großen Fläche verteilt, wohingegen zum Beispiel Bretonisch auch ziemlich verdünnt in der Bretagne gesprochen wird, allerdings auf keinem so großem Gebiet. Der Begriff kann gar nicht genau definiert werden, die Grenze ist komplett subjektiv. Man könnte irgendwelche Kriterien aufstellen, wie dünn verteilt auf welch großem Gebiet eine Sprache gesprochen wird, aber das wäre ja völlig unnötig, wenn man da so einen Heel draus macht, dass man unbedingt diese beiden Begriffe unterscheiden muss. Beides sind Minderheiten in einem Land.
Selbst Niederdeutsch könnte man noch ethnisch betrachten. Im Grunde waren es die Sachsen, die diese Sprache sprachen. Nur haben die sich mit den Friesen und anderen germanischen Stämmen aus dem Süden halt irgendwann ziemlich vermischt. Die Ethnie wäre überhaupt nicht mehr nachzuvollziehen, aber wahrscheinlich gibt es noch ländliche Häufungen und eine Korrelation zwischen Niederdeutschsprechern, bzw. Familien mit niederdeutschen Hintergrund, und der ethnischen Abstammung. Nur trotzdem kann man nicht mehr wie es manche Friesen tun, von der Ethnie der Niedersachsen sprechen.

Durch die Charta werden nur solche Sprachen erfasst, die seit einer bestimmten Zeit, also mehrere Jahrhunderte, auf einem Gebiet gesprochen werden. Dazu gehören die Sprachen der Sinti und Roma, weil sie seit über 300 Jahren hier sind, aber nicht das Türkische. Außerdem wird Wert darauf gelegt, wo das Hauptsprachgebiet ist. Die Sinti und Roma haben kein Hauptsprachgebiet irgendwo, also muss ihre Sprache zu unser Territorium gezählt werden.

Ich verstehe noch nicht, wie die Begriffe Abstandssprache, Dialekt und Sprache mit der Unterscheidung von Minderheiten- und Regionalsprachen korrelieren. Kannst du das nochmal näher erläutern?


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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16.03.2012, 17:14:30
Beitrag #9
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Ich persönlich finde den Begriff "Regionalsprachen" in den meisten Fällen passender als "Minderheitensprachen". Letzterer klingt für mich ein wenig irreführend. Denn ein Volk, das innerhalb eines Staates in eine Minderheit darstellt, ist gebietsweise in der Mehrheit.

Der Begriff "Regionalsprache" beinhalt, daß eine Sprache in einem bestimmten Gebiet eines Staates verbreitet und verwurzelt ist. Das Gegenstück dazu sind Verkehrssprachen, die auf dem ganzen Staatsgebiet oder gar darüber hinaus Verwendung finden. Das gibt der Begriff "Minderheitensprachen" eher nicht her.

Alex


Hallo, ich bin AlexderFranke und seit 17.01.2012 19:15 hier angemeldet.
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16.03.2012, 18:34:24
Beitrag #10
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Zitat:Ich persönlich finde den Begriff "Regionalsprachen" in den meisten Fällen passender als "Minderheitensprachen". Letzterer klingt für mich ein wenig irreführend. Denn ein Volk, das innerhalb eines Staates in eine Minderheit darstellt, ist gebietsweise in der Mehrheit.
Das kann man so nicht übertragen auf alle Fälle. In den meisten Fällen bilden die Minderheiten selbst in ihrer Region eine Minderheit und die häufigere Sprache ist dominanter.

Wir haben gerade im Kurs das nochmal genauer definiert. Eine Minderheitensprache wird von einer Gruppe gesprochen, die in einem Land aufgrund, religiöser, ethnischer, kultureller und anderer Dinge eine Minderheit bildet. Die Saterfriesen sind katholisch und bilden somit eine eigene Minderheit mit Unterscheidungen zur Umgebungsbevölkerung außer der Sprache. Eine Regionalsprachengruppe hat eher nur die Sprache als unterscheidendes Kriterium, die Plattdeutschen sind im Grunde durch kein anderes Merkmal als die Sprache zu unterscheiden.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
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Martin Solveig ~ Heart of Africa
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18.03.2012, 17:32:53
Beitrag #11
RE: Unterschied Regional- und Minderheitensprache?
Ich gebrauche vor allem auch in Europa gerne den Begriff der Regionalsprache, weil er die geschichtlich gewachsene Verbindung zu einem Gebiet im betont. Der Bestandteil "Minderheit" beinhaltet etwas die geringe Bedeutung einer Sprache im Vergleich zu solchen, die als Verkehrssprache und/oder über angestammte Gebiete hinaus gebraucht werden.

Damit betone ich auch den Anspruch, daß die Sprache allen Einwohnern eines Sprachgebietes vermittelt und beherrscht werden soll.

In Irland paßt der Begriff der Regionalsprache nicht. Da spreche ich von der Landessprache, um jenen Anspruch und jene Meinung zu betonen. Die irische Sprache ist ja auch das Erbe der gesamten Insel und nicht nur eines Teilgebietes. Nur beim Ulster-Scots sieht die Sache anders aus.

Alex


Hallo, ich bin AlexderFranke und seit 17.01.2012 19:15 hier angemeldet.
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