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[Syn]: Syntax, Phraseologie  » Erledigt: Heute Heute Valenz eines Verbs

07.05.2014, 10:18:10
Beitrag #1
Valenz eines Verbs
Hallo

Ich habe letzens etwas über die Valenz des Verbs wohnen gelesen.
Laut dem Text benötigt das Verb wohnen zwingend eine adverbiale Bestimmung als Ergänzung.
Zum Beispiel: Ich wohne in Berlin.
Gemäß des Textes ist eine Aussage wie:
*Ich wohne.
falsch.

Das sehe ich aber insofern anders, als dass das Verb wohnen durchaus ohne adverbiale Bestimmung auskommt.
Angenommen folgendes Beispiel:
Ein Obdachloser zieht nach Jahren der Wohnungslosigkeit wieder in eine Wohnung ein.
Dann könnte ich mir Sätze wie z.B.: Endlich, ich wohne wieder ohne Weiteres vorstellen.
Gängiger wäre natürlich etwas wie: Endlich habe ich wieder eine Wohnung. Aber Ich wohne wieder ist für mich verständlich, vollständig und bedarf nicht zwingend einer adverbialen Bestimmung. Wohnen kann ja ähnlich wie andere Verben als aktiver, für sich allein genommener Vorgang gesehen werden.

Wenn ich mich recht entsinne, gabs ja auch mal diesen Ikea-Werbespruch, der den Satz: Wohnst du schon? enthält.
Meiner Meinung nach völlig verständlich und nicht so unterschiedlich von z.B. Ich spiele.


Gibt es Argumente, die meine Ansicht bestätigen oder aber entkräftigen ?


Danke und Grüße.


Hier könnte Sf6s Signatur stehen.
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07.05.2014, 10:53:17
Beitrag #2
RE: Valenz eines Verbs
Über unseren Tumblr-Blog kam gerade dieser Beitrag rein:
linguistikforum schrieb:
kaesespaetzle schrieb:
linguistikforum schrieb:Valenz eines Verbs
[...]
Gelten aber wieder und schon auch nicht als adverbiale Bestimmungen? Oder versteh’ ich das total falsch?
Doch, aber natürlich nicht lokal sondern temporal. Das hätte vielleicht spezifiziert werden müssen.


ǝlıɥʍ ɐ uı ǝɔuo ǝʌıʇɔǝdsɹǝd ɟo ǝƃuɐɥɔ ɐ spǝǝu ǝuoʎɹǝʌǝ
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07.05.2014, 15:20:05
Beitrag #3
RE: Valenz eines Verbs
Also vorweg, ich hab von Deutsch keine Ahnung, und kann auch nur meine Überlegungen dazu einwerfen. Im ersten Moment hätte ich dir zugestimmt, je mehr ich darüber nachdenke, je mehr finde ich allerdings, dass 'ich wohne' wesentlich markierter ist und vermutlich nur in sehr speziellen Kontexten verstanden wird; selbst in deinem Beispiel steht es ja nicht ganz alleine. Gängig sind vielleicht räumliche Verortungen und Bestimmungen der Art und Weise. Das ist jedenfalls spannend, dass das bei 'wohnen' so ist.

(07.05.2014 10:18:10)Sf6 schrieb:  Gemäß des Textes ist eine Aussage wie:
*Ich wohne.
falsch.
Falsch finde ich im Zusammenhang mit Sprache immer ein hartes Wort Zwinker Ich würde nur eben sagen, dass es markierter und stärker kontextgebunden ist, als andere Verwendungsweisen.

(07.05.2014 10:18:10)Sf6 schrieb:  Aber Ich wohne wieder ist für mich verständlich, vollständig und bedarf nicht zwingend einer adverbialen Bestimmung. Wohnen kann ja ähnlich wie andere Verben als aktiver, für sich allein genommener Vorgang gesehen werden.
Ich glaube 'wohnen' wird oft als statisches Verb klassifiziert. Die Alternative wäre ein Activity-Verb, das passt meiner Meinung nach (wenn man z.B. einige gängige Tests durchgeht) weniger.


(07.05.2014 10:18:10)Sf6 schrieb:  [...]

Wenn ich mich recht entsinne, gabs ja auch mal diesen Ikea-Werbespruch, der den Satz: Wohnst du schon? enthält.
Meiner Meinung nach völlig verständlich und nicht so unterschiedlich von z.B. Ich spiele.


Gibt es Argumente, die meine Ansicht bestätigen oder aber entkräftigen ?


An den IKEA Slogan "Wohnst du noch, oder lebst du schon" musste ich auch gleich denken. Meiner Ansicht nach ist das aber kein gutes Beispiel. Ich würde sagen, dass es sich bei Werbesprache um eine Art Register handelt, in dem unkonventioneller, "kreativer" Sprachgebrauch und Wortspielereien einen höheren Stellenwert haben, als in gewöhnlicher Umgangssprache. Entsprechend finde ich es schwierig Dinge, die dort funktionieren als generellen Beleg zu nehmen. Weiterhin denke ich, dass es sich um eine spezifische Konstruktion handelt, die nur als Ganzes analysierbar ist. 'wohnen' und 'leben' werden hier ja gewissermaßen als zwei "evolutionäre" Pole derselben Skala definiert und die spezifische Lesart von 'wohnen', die hier eher negativ ist, hängt eben von dem Kontrast ab. Hinzu kommt, dass es sich inzwischen ja sogar um eine allgemeine Konstruktion "x-t du noch oder y-st du schon" handelt; schon eine oberflächliche Google-Suche fördert viele Beispiele zutage.

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07.05.2014, 16:34:54
Beitrag #4
RE: Valenz eines Verbs
Das elektronische Valenzwörterbuch listet zu wohnen (2) im Sinne von "irgendwo seine Wohnung haben" neben der obligatorischen Nominativergänzung (dem Subjekt) zwei Ergänzungen; eine situative (lokale/statische) und eine modale. Beide letzteren Ergänzungen sind, wie man anhand der Beispiele sehen kann, für sich genommen fakultativ. Es scheint mir aber so zu sein, dass mindestens eine der beiden Ergänzungen gegeben sein muss, damit der Satz als grammatisch durchgeht. Es handelt sich also in jedem Fall um ein mindestens zweiwertiges Verb.

E-Valbu schrieb:
  1. Familie Meyer wohnt mit ihren vier Kindern gut und billig in einem Hochhaus.
  2. Wir wohnen in einem alten Haus.
  3. Sie erzieht alleine drei Kinder und versorgt ihre demenzkranke Oma, die bei ihr wohnt. (Braunschweiger Zeitung, 23.02.2008)
  4. Wenn man ruhig wohnt, und das tun wir, dann empfindet man jedes Geräusch als laut. (Rhein-Zeitung, 20.04.2005)

[size=xx-small] http://hypermedia.ids-mannheim.de/evalbu...html[/size]

Mit gar keiner anderen Ergänzung als der Nominativergänzung wirkt ein Satz mit wohnen ansonsten, wenn schon nicht falsch oder ungrammatisch, so doch sehr eigenwillig, was im Falle des Ikea-Werbespruchs ja wohl auch durchaus beabsichtigt war. Er wirkt dann so ähnlich wie ein Satz in Wolfgang Hildesheimers Mitteilungen an Max, der diesen (Max Frisch) an einer Stelle auffordert, etwas zu beherzigen, "wenn du weißt wie man beherzigt".


Ich bin ein Star Cool; holt mich hier raus!
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07.05.2014, 17:03:19
Beitrag #5
RE: Valenz eines Verbs
Das Problem bei Valenzeinträgen ist, dass es untypische oder produktive Verwendungen nur dann erklären kann, wenn man den Lexikoneintrag für wohnen um genau diese -- meist ungewöhnlichen -- Argumentstrukturen erweitert. Es klingt aus valenztheoretischer Sicht plausibel, dass wohnen Argumentstrukturen bevorzugt, die derartige lokative Komplemente beinhalten. Aber es macht bei idiosynkratischen, aber kontextuell möglichen Verwendungen wie in deinen Beispielen eine falsche Voraussage.

Deshalb ist es interessant, was mit Belegen ist, die eine untypische oder kreative Argumentstruktur aufweisen. In deinem Beispiel klingt wohnen eher wie bzw. hat eine deutliche Bedeutungskomponente wie in leben -- und das kann ganz banal und üblicherweise intransitiv verwendet werden. Im IKEA-Spruch würde ich sagen, dass wohnen auch eine Note von leben hat, aber zusätzlich den lexikalischen Frame/Bedeutung von wohnen beisteuert (sonst wäre der Spruch ja sinnfrei). Das wäre, total grob, die Perspektive der Konstruktionsgrammatik (Goldberg 1995), die eben nicht unbedingt postuliert, dass bei jedem neuen syntaktischen Frame, in der ein Wort auftaucht, der Valenz-/Lexikoneintrag erweitert wird.

Interessant zur Frage nach der Perspektive der Analyse Valenz vs. Konstruktionen (im Konstruktionsgrammatischen Sinn) ist diese Ausgabe der Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik zu einem Workshop, der genau diese Thematik behandelt hat:

Goldberg, Adele E. 1995. Constructions. A construction grammar approach to argument structure. Chicago: University of Chicago Press.
Herbst, Thomas & Anatol Stefanowitsch (eds.). 2011. Argument Structure — Valency or Constructions? ZAA 59(4).

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08.05.2014, 00:22:27
Beitrag #6
RE: Valenz eines Verbs
Ich schliesse mich der Meinung an, dass es kein richtig oder falsch gibt. Valenz kann immer durch bestimmte Konstruktionen (Passiv ist am bekanntesten) reduziert oder erhöht werden. Kommt immer auf den Kontext an.
Was "wohnen" angeht, da gibt es einiges an Literatur zu solchen Verben (fürs Deutsche bspw. Pitter). Der Grundgedanke ist aber der, dass die Valenz von Verben durch Argumente erfüllt werden muss, die nominaler Natur sind. Eine NP ist da der klassische Fall. Wir wissen aber auch, dass auch komplexe Phrasen (Nebensätze, etc.) diese Funktion auch übernehmen können.
Was Adverbien angeht, so sind sie in der Regel nicht vom Verb regiert, sind also rein zusätzliche Information, die auch weggelassen werden kann, ohne dass ein Satz ungrammatisch wird.
Es gibt jedoch eine Gruppe von Verben, die Adverbiale als Argumente verlangen: wohnen, aussehen, sich anhören, ... Da kann es von Verb zu Verb Unterschiede geben, welche Adverbart geht und welche nicht.
Bei "wohnen" wird die Valenz offensichtlich durch Lokal- und Temporaladverbiale erfüllt (s. oben) Man kann aber auch Kombinationen zulassen "Ich wohne gern hier" > "hier" ist dann ein Argument, "gern" fungiert hingegen eher adverbial als Angabe der Art und Weise/ Agenseinstellung/ was auch immer.

Bei dem Slogan von IKEA habe ich eher den Eindruck, dass dieser erst fremd (falsch) wirkte, durch die häufige Verwendung und Omnipraesenz allerdings normaler und akzeptabler wurde.

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12.05.2014, 15:10:50
Beitrag #7
RE: Valenz eines Verbs
[Bild: t6zqfx]

Noch ein bisschen mehr Material zur Koplementbestimmungs-Problematik?

Diese Mathilde wohnt nicht,
sie haust.


Tippt


Hallo, ich bin Willi Wamser und seit 09.04.2012 15:42 hier angemeldet.
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