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 » nicht erledigt Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?

16.08.2013, 00:35:22
Beitrag #1
Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
Hallo zusammen,

ich hoffe es gibt hier Experten zum Thema Varietätenlinguistik / Soziolinguistik / "Dialekte", die einen Kommentar zu meiner Beobachtung abgeben möchten - ich hab mich zwar schon viel mit dem Thema beschäftigt, aber eigentlich immer nur im multilingualen Setting und nicht alleine im Deutschen, also bin ich grad etwas planlos.

Also, es geht um folgendes:

(Es ist nur eine einzelne Beobachtung von mir die mich grad nicht loslässt, keine Forschungsfrage und keine organisierte Studie - aber ich freu mich über Hinweise, wenn dazu etwas publiziert wurde... hab auf die Schnelle leider nichts dazu gefunden!)

Mein Freund ist ein gescheiter und gebildeter Mensch, und er arbeitet in einem "nicht-akademischen" Umfeld. Er ist kein Dialektsprecher und normalerweise - also wenn er mit mir, unseren Familien, unseren Freunden redet - spricht und schreibt er Standarddeutsch mit ein paar "umgangssprachlichen" Einflüssen (so wie wir alle von klein auf - das ist nichts Erlerntes oder Gekünsteltes, es ist unsere Muttersprache, auch wenn unsere Eltern immer wieder mal gesagt haben: "sprich schön!" Zwinker ). Nicht so mit seinen Arbeitskollegen, und hin und wieder auch wenn er über seine Arbeit erzählt - da erkenne ich ihn kaum wieder, weil seine Sprache so verändert ist. Weniger vom Vokabular her, mehr von der Intonation und teilweise auch von der Grammatik; allerdings ist es auch nicht der Dialekt, der in unserer Stadt gesprochen wird, vielleicht ansatzweise aber eben nicht so wie ein "echter" Dialektsprecher oder meinetwegen ein "Slang-/Kiezdeutschsprecher" sprechen würde (unter seinen Kollegen gibt es zwar ein paar, aber sie sind nicht die Mehrheit; eigentlich sind sie ein bunt gemischter Haufen was Herkunft, Bildung, soziale Schicht etc. angeht, genauso ihre Kundschaft, sprachlich ist von Burgtheaterdeutsch bis hin zu Türkendeutsch alles dabei).

Mich stört es nicht, es verwundert mich nur und hat die Linguistin in mir neugierig gemacht... Ich kenne es ja aus der Fachliteratur und von mir selbst, dass man sprachliche Register ganz bewusst auf die Gesprächspartner anpasst, dass man sich am Biertisch anders ausdrückt als auf der Uni, etc. Ich habe ihn also vor Kurzem darauf angesprochen, und es ist ihm gar nicht bewusst, dass seine Art zu sprechen sich so verändert je nachdem mit welchen Leuten er zu tun hat. Vor allem, da sich dieses Phänomen ausschließlich auf die Arbeit beschränkt - wir haben in unseren Familien und im Freundeskreis einige (sorry wenn ich jetzt arrogant klinge) weniger gebildete Leute, die sich eben nicht so gewählt und standardsprachennah ausdrücken, und im Gespräch mit denen ändert sich seine Sprache nie obwohl sie sich teilweise sogar über ihn lustig machen, dass er "so hochgestochen redet wie einer von den Nachrichten" oder so. Wenn es also nur mit dem Gesprächspartner zu tun hätte, dann würde mich das umso mehr wundern... Auch die Tatsache, dass diese Veränderung offenbar absolut unbewusst und unbemerkt abläuft wundert mich, denn normalerweise ist er ein sehr reflektierter und (selbst-)kritischer Mensch der viel darüber nachdenkt was er sagt und wie - das ist auch ein elementarer Bestandteil seines Berufes.

Kann man das als Soziolekt einstufen, auch wenn sich das Vokabular kaum verändert und es mit "Fachbegriffen" nichts zu tun hat? Oder einfach nur ein anderes sprachliches Register? Und wie ist das mit dem Bewusstsein für sprachliche Varianten bzw. dem Fehlen davon? Als Linguistin ist man sicher übersensibilisiert dafür, aber ich weiß auch aus dem Gespräch mit "Laien", dass sie Register bewusst wählen, deshalb fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass man einfach nicht mitbekommt dass man plötzlich völlig anders klingt...

Sorry, das ist jetzt ein Roman geworden und wahrscheinlich auch fürchterlich wirr und unwissenschaftlich. Aber es interessiert mich brennend, und ich würde mich über Eure Kommentare und Beobachtungen dazu freuen!

Lächel

Liebe Grüße!


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16.08.2013, 12:12:33
Beitrag #2
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
Hallo! Interessantes Thema > Sprache und Situation. Gut wären Tonaufnahmen. Dann könnte man vielleicht mehr dazu sagen. Deutlicher wird das "Switchen" - etwa bei Themawechsel - in Sprachkontaktbereichen (z.B. Elsaß). Bewusst aber (in der Regel) auch nicht von den Sprechenden, sondern eher von Zuhörenden wahrgenommen.


Hallo, ich bin eisloeffel und seit 18.03.2013 10:16 hier angemeldet.
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16.08.2013, 14:47:08
Beitrag #3
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
Ja eben, in Sprachkontaktbereichen bzw. multilingualen Gesellschaften ist das Phänomen Codeswitching recht gut erforscht. Aber das ist auch irgendwie eine ganz andere Ausgangslage als diese Art zu "Switchen".

Tonaufnahmen könnten schwierig werden Zwinker Ich glaube, er wäre nicht so begeistert davon, so offensichtlich als "Versuchskaninchen" herzuhalten ... aber mal sehen! Hihi.

Die signifikantesten Unterschiede, die mir aufgefallen sind, kurz rekapituliert. Die Stimme wird tiefer, ich würde schätzen bis zu eine Terz, die Vokale werden "dunkler", "geschlossener", (öööh, ich bin keine Leuchte in Phonetik, hab ich das schon mal gesagt?), die Intonation wird generell langgezogener und langsamer, manches passt sich dem Dialekt unserer Stadt an (z.B. "joo" statt "ja", "ma" statt "wir", hauptsächlich phonetisch aber auch auf morphosyntaktischer Ebene) aber eben nicht konsequent.


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16.08.2013, 17:00:30
Beitrag #4
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
(16.08.2013 00:35:22)lletraferit schrieb:  Mein Freund ist ein gescheiter und gebildeter Mensch, und er arbeitet in einem "nicht-akademischen" Umfeld. Er ist kein Dialektsprecher und normalerweise - also wenn er mit mir, unseren Familien, unseren Freunden redet - spricht und schreibt er Standarddeutsch mit ein paar "umgangssprachlichen" Einflüssen (...).

Nicht so mit seinen Arbeitskollegen, und hin und wieder auch wenn er über seine Arbeit erzählt - da erkenne ich ihn kaum wieder, weil seine Sprache so verändert ist. Weniger vom Vokabular her, mehr von der Intonation und teilweise auch von der Grammatik; allerdings ist es auch nicht der Dialekt, der in unserer Stadt gesprochen wird, vielleicht ansatzweise aber eben nicht so wie ein "echter" Dialektsprecher oder meinetwegen ein "Slang-/Kiezdeutschsprecher" sprechen würde
So etwas Ähnliches fällt mir immer wieder auf, wenn ich hier in Köln morgens früh mit der Straßenbahn zur Arbeit fahre. Da sind auch viele Schüler unterwegs. Einige der Schulen an der Wegstrecke werden wohl mehrheitlich von Türken besucht. Viele von deren deutschen KlassenkameradInnen sprechen aber mittlerweile selbst so eine Art Kanak-Sprak: Von denen hört man z.B. auch "Ich geh Aldi", "Ich kauf EDEKA" oder am Mobiltelefon "Ich bin jetzt Norma (ebenfalls ein Supermarkt)".
http://www.youtube.com/watch?v=JIqgBvfmo5U


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16.08.2013, 17:03:36
Beitrag #5
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
Gernot: Das nennt sich Kiezdeutsch .


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16.08.2013, 17:09:00
Beitrag #6
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
(16.08.2013 14:47:08)lletraferit schrieb:  Tonaufnahmen könnten schwierig werden Zwinker Ich glaube, er wäre nicht so begeistert davon, so offensichtlich als "Versuchskaninchen" herzuhalten ... aber mal sehen! Hihi.

Wir haben im südlichen Westfalen an zwei Schulen genau solche (nicht verdeckten) Aufnahmen gemacht. Schüler im Unterricht, z.T. bei Gruppenarbeiten. Die haben regelmäßig geswitcht, sobald sie sich von der Aufgabenstellung entfernten im Gespräch.


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16.08.2013, 19:28:36
Beitrag #7
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
(16.08.2013 17:09:00)janwo schrieb:  
(16.08.2013 14:47:08)lletraferit schrieb:  Tonaufnahmen könnten schwierig werden Zwinker Ich glaube, er wäre nicht so begeistert davon, so offensichtlich als "Versuchskaninchen" herzuhalten ... aber mal sehen! Hihi.

Wir haben im südlichen Westfalen an zwei Schulen genau solche (nicht verdeckten) Aufnahmen gemacht. Schüler im Unterricht, z.T. bei Gruppenarbeiten. Die haben regelmäßig geswitcht, sobald sie sich von der Aufgabenstellung entfernten im Gespräch.

Klingt spannend - hast Du dazu was publiziert? Würde mich interessieren, das zu lesen! Lächel

Und Gernot - genau dieses "Kiezdeutsch" ist es eben nicht. Das gibt's in unserer Stadt zwar auch, vornehmlich in der Ex-Yu-Varietät, aber damit hat es nichts zu tun (ich wüsste auch nicht, woher das kommen sollte, er hat mit dieser Community kaum Berührungspunkte). Genausowenig ist es das, was unsere bildungsbürgerlichen Eltern regelmäßig mit "Red' nicht wie ein Prolet / Bauer!" abgetan haben. (Nachtrag: der Fairness halber muss man dazu sagen, der Dialekt hat in unserer Region kein besonders hohes Prestige, zumindest in der Stadt nicht!)

Leider weiß ich nicht, inwieweit diesen Phänomen auch seine Kollegen betrifft, dafür kenne ich sie zu wenig. Mich würde eine spontane kleine Feldstudie ja reizen Zwinker - glaub nur nicht, dass das durchführbar wäre... er ist sowieso schon verschrien als "der mit der komischen Frau", zuletzt glaubten sie ich wäre Spanischlehrerin und das kam ihnen schon reichlich exotisch vor Zwinker


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16.08.2013, 19:42:06
Beitrag #8
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
Nein, da ist noch nix zu publiziert, weil das noch von Studis zu Übungszwecken transkribiert und seziert werden soll.


Und teilnehmende Beobachtung im Freundes- und Bekanntenkreis ist riskant. Da wird man schnell nirgends mehr eingeladen weil alle Angst vor dem versteckten Mikro haben...Eek!


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16.08.2013, 20:05:22
Beitrag #9
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
(16.08.2013 19:42:06)janwo schrieb:  Nein, da ist noch nix zu publiziert, weil das noch von Studis zu Übungszwecken transkribiert und seziert werden soll.

Gib doch bitte Laut, wenns denn mal so weit ist ... oder kann ich mich unter Deine Studis schmuggeln? Zwinker

(16.08.2013 19:42:06)janwo schrieb:  Und teilnehmende Beobachtung im Freundes- und Bekanntenkreis ist riskant. Da wird man schnell nirgends mehr eingeladen weil alle Angst vor dem versteckten Mikro haben...Eek!

Sagichdoch. Zwinker Erinnere mich gerade lebhaft an die Erzählungen einer Kollegin, die für ihre BA-Arbeit das Sprechverhalten / Codeswitching ihrer eigenen Familie (autochtone Minderheit) analysiert hat. "Bist Du heute wieder die Sprachpolizei oder kann ich so reden wie ich will?!" ist noch eine der netteren Reaktionen die sie erlebt hat... Rolleyes


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16.08.2013, 22:11:27
Beitrag #10
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
(16.08.2013 20:05:22)lletraferit schrieb:  
(16.08.2013 19:42:06)janwo schrieb:  Nein, da ist noch nix zu publiziert, weil das noch von Studis zu Übungszwecken transkribiert und seziert werden soll.

Gib doch bitte Laut, wenns denn mal so weit ist ... oder kann ich mich unter Deine Studis schmuggeln? Zwinker
Leider nein. Die Germanistik Münster legt keinen Wert auf eine weitere Zusammenarbeit.
Ich werde zu dem Codeswitching beizeiten mal was schreiben; dann sag ich gern bescheid.


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16.08.2013, 22:14:51
Beitrag #11
RE: Varietät und Soziolekt - bewusst oder unbewusst?
Schade. Und, danke.


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