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 » nicht erledigt Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
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13.01.2012, 16:06:52
Beitrag #1
Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
Hallo Leute,

kann mir jemand Prozess der Entwicklung einer Schriftsprache heute (kurz) skizzieren?

Klar, dass am Ende ein Alphabet, ein Wortschatz und das Rechtschreibsystem feststehen, dass die meisten Schriftsprachen (erst) im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind... Soweit es mir bekannt ist, wurde z.B. für das Bretonische und einige spanische Kleinsprachen ( die zuvor keine Schfrift besassen) ein Schriftsystem innerhalb kürzester Zeit geschaffen.

Es geht mir also darum, wie die Schrift/Rechtschreibsystem für eine Sprache (ohne Schrift) heutzutage - durch die moderne Linguistik - entwickelt wird?
Aus welchen wesentlichen Bestandteilen/Meilensteinen besteht ein solcher Prozess?
Womit fängt man (bzw. eine linguistische Institution ) an und welche Schritte bilden eine sinnvolle Abfolge, um ein Schriftsystem für eine Sprache zu (er-)schaffen?

Für alle Beispiele, Referenzen und (Kritik?) wäre ich dankbar!

Viele Grüße,
Diman

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13.01.2012, 17:25:53
Beitrag #2
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
Ich weiß zu dem Thema ein bisschen was über die Schreibung von Kreolsprachen auf französischer Basis, die im Zuge der Kolonisierung in Sprachkontaktsituationen (Französisch und Sprache der Einheimischen) entstanden sind. Solche Sprachen werden beispielsweise auf den Maskarenen und den Antillen gesprochen. Ein bekanntes und bisher auch das erfolgreichste Beispiel für die Verschriftung einer solchen Sprache ist das des Haiti-Kreols, das seit 1980 Amtssprache Haitis ist und auch eine offizielle Rechtschreibung besitzt.

Anfangs (ab ~ 17. Jahrhundert), als man sich der Existenz neuer Sprachen in den Kolonien bewusst wurde und diese Erkenntnisse mit anderen teilen wollte, transkribierte man sie ganz einfach mit Hilfe des französischen Alphabets. Es war offensichtlich, dass ein Großteil des Vokabulars aus dem Französischen stammte und außerdem richtete man sich ja auch an Franzosen. War ein Wort also identisch mit dem Französischen, benutzte man dieselbe Schreibweise oder waren beispielsweise nur einzelne Laute anders, transkribierte man sie mit den entsprechenden französischen Graphemen. Dann gab es aber auch Wörter, deren Etymologie man nicht genau bestimmen konnte und die anscheinend nicht aus dem Französischen stammten. Solche Wörter transkribierte man dann so, dass ein Französischsprachiger wusste, wie man sie aussprechen musste, also angelehnt an die französische Rechtschreibung. Das Ergebnis war also inkonsequent und eher willkürlich: eine Mischung aus einer phonematischen und etymologischen Schreibweise. Für Franzosen oder Menschen, die die französische Rechtschreibung bereits beherrschten, war sie sehr leicht zu erlernen und zu verstehen.

Im Laufe der Jahrhunderte aber erkannte man die Kreolsprachen als eigenständige Sprachen an und das Bedürfnis, ihnen eine eigene Rechtschreibung zuzuerkennen, wuchs, vor allem auch, um die Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien und damit auch die neue Identität der ehemaligen Sklaven zu unterstreichen. Außerdem waren und sind die Kreolsprachen meist Muttersprachen der Mehrheit der Bevölkerung, und von diesen wiederum ist ein Großteil Analphabeten. Eine Alphabetisierung mit einer so komplizierten und unsystematischen Schreibung aber ist beinahe unmöglich. Darum entwickelte man, zu allererst für das haitianische Kreol und später auch für andere Kreolsprachen auf französischer Basis, weitestgehend phonematische Rechtschreibungen, bei denen möglichst eine Eins-zu-eins-Beziehung zwischen Phonemen und Graphemen besteht.

Bisher hatte man damit aber wie gesagt außer auf Haiti wenig Erfolg, weil der schreibende Teil der Bevölkerung meist sowieso Französisch spricht, was immer noch häufig als Prestigesprache erachtet wird und oft sogar einzige Amtssprache ist. Es gibt aber weiterhin Schriftsteller und Linguisten, die sich um die Durchsetzung einer eigenen, phonematischen Rechtschreibung bemühen, vor allem auch, um die Kreolsprachen aufzuwerten und sie vor der Verdrängung durch das Französische zu bewahren.

Keine Ahnung, ob dir das Beispiel aktuell genug ist, aber immerhin wurde hier von Linguisten gezielt versucht, Sprachen zu verschriftlichen. Ich hoffe, ich konnte dir ein bisschen weiterhelfen.

Ich kann dir bei Bedarf ein paar Quellen zu dem Thema nennen, die sind aber zum Teil Französisch. Sprichst du Französisch?


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14.01.2012, 13:55:49
Beitrag #3
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
An dem Beispiel von kunterbunt kann man schon einige interessante Sachen sehen, etwa die Vorstellung, dass eine perfekte Schrift™ eine phonemische sein sollte, oder die frühen Versuche von Missonaren und anderen, indigene Sprachen in der eigenen Schrift zu transkribieren.

Fraglich ist, ob man eine neue Schrift enwickelt (etwa http://en.wikipedia.org/wiki/Canadian_Ab..._syllabics )oder eine Orthographie auf Basis einer verbreiteten Schrift erarbeitet, also der lateinischen (das wird generell gemacht), oder der kyrillischen zum Beispiel (das wird/wurde(?) etwa für Sprachen in Russland gemacht). Nicht zuletzt hat die Entscheidung für die Adaption einer verbreiteten Schrift wohl auch politische und ökonomische Gründe.

Die Entwicklung einer Orthographie ist auch ein wichtiger Bestandteil der Sprachdokumentation. In der entsprechenden Literatur findet man dazu einiges, so etwa Seifart, Frank. 2008. "Orthgraphy development." In: Gippert, Jost et al. Essentials of Language Documentation. Berlin + New York: De Gruyter.275-299. (Prinzipiell ist der Text auch online verfügbar, falls die UB oder so eine Lizenz hat). Die Grundaussage des Beitrages ist meiner Meinung nach, dass die Entwicklung einer Orthographie doch nicht so ganz trivial ist, eine anständige Analyse der betreffenden Sprache stattfinden sollte und man recht viele, auch extralinguistische Faktoren berücksichtigen muss. Das kann darauf hinauslaufen, von dem "phonemischen Ideal" abzuweichen.

Wenn man die Linguistik verlässt, gibt es etwa in der Literatur- oder Medienwissenschaft unter Stichwörtern wie "Schriftlichkeit vs. Mündlichkeit" auch Überlegungen zu Fragen der kulturellen Effekte, die die Schaffung einer vormals nicht schriftlich tradierten Sprache so mit sich bringt.

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14.01.2012, 14:41:34
Beitrag #4
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
Ein, auch laientauglicher, Lesetipp hierzu ist das folgende Buch:
Haarmann, Harald: Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt a.M. / New York: Campus, 1998.

Im Grunde wissen wir nur von einer Handvoll "Epizentren", an denen Schriftkultur ohne Beeinflussung einer anderen Kultur entstand: im alten China, Ägypten, Phönizien, Mayareich. Nimmt man noch die Quipus der Inka dazu, die auch eine Art Aufzeichnungssystem sind, haben wir fünf. Und das war's. Alle anderen Kulturen, in denen eine Schrift entstand haben quasi oder buchstäblich — abgeschrieben.


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31.01.2012, 16:55:52
Beitrag #5
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
@kunterbunt & @thf, eure Beiträge haben mir - auf jeden Fall - weiter geholfen. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken!! .. Französisch wollte ich schon immer lernen, doch in diesem Leben klappt es wahrscheinlich nicht mehr. Lächel

Ich hatte die Idee, meine wissenschaftliche Arbeit mit Erhaltung der Zwergsprachen zu verknüpfen. Sie werden von Haarmann (Weltgeschichte der Sprachen, 2006), als Sprachen mit einer Anzahl von weniger als 1000 Sprechenden definiert.

Wenn es also um die Schaffung eines neuen Schriftsystems für eine Sprache bzw. um die Frage geht, wie ein Wort/Morphem transkribiert werden soll, befindet sich die Linguistik in einem "Spagat" zwischen zwei Extrempolen:
  1. der Frage nach der Wortbildung (incl. Wortbedeutung, Wortherkunft und Wortneubildung) einer visuellen Verschlüsselung eines Wortes. Eine Strategie, um das Leseverständnis zu optimieren.
  2. der Frage nach der richtigen Aussprache - der Entschlüsselung - eines geschriebenen Wortes.

Unter der Berücksichtigung, das die Bedeutung eines Wortes (abhängig von dem industriellen Fortschritt und der gesellschaftlicher Entwicklung der gesamten Menschheit) sich im Laufe der Zeit (von Generation zu Generation) ändert. Führt eine solche Strategie nicht langfristig, zu einer Entfremdung beider Kommunikationssysteme (der Schrift und der Sprache)?

Rein logisch betrachtet erscheint es mir, dass eine phonemische Schrift wirklich "die Lösung" für eine "perfekte Schrift" wäre. Ausgenommen "extralinguistischer Faktoren", gibt es innerhalb der Linguistik selbst, Faktoren die gegen Entwicklung einer solchen Schrift sprechen würden?

Wieso wurde bei der Entwicklung von Esperanto, nicht einfach ein Schriftsystem geschaffen, dass dem IPA Standard am nächsten käme?
Ein Alphabet, welches der IPA-Tabelle gleich ist?

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01.02.2012, 23:09:48
Beitrag #6
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(31.01.2012 16:55:52)diman schrieb:  Unter der Berücksichtigung, das die Bedeutung eines Wortes (abhängig von dem industriellen Fortschritt und der gesellschaftlicher Entwicklung der gesamten Menschheit) sich im Laufe der Zeit (von Generation zu Generation) ändert. Führt eine solche Strategie nicht langfristig, zu einer Entfremdung beider Kommunikationssysteme (der Schrift und der Sprache)?
Ja. Aber das gilt auch für das hier:
(31.01.2012 16:55:52)diman schrieb:  Rein logisch betrachtet erscheint es mir, dass eine phonemische Schrift wirklich "die Lösung" für eine "perfekte Schrift" wäre. Ausgenommen "extralinguistischer Faktoren", gibt es innerhalb der Linguistik selbst, Faktoren die gegen Entwicklung einer solchen Schrift sprechen würden?
Die Aussprache ändert sich auch, wenngleich sie dies nicht ganz so schnell tut. Aber an Orthographien wie der des Dänischen, des Englischen oder des Französischen sieht man ja sehr gut, dass sie nicht mehr so wirklich zur gegenwärtigen Aussprache passen. Allgemein gesagt: Man müsste eine Orthographie so oder so regelmäßig nachbessern; die "Wartungsintervalle" wären nur unterschiedlich lang.

(31.01.2012 16:55:52)diman schrieb:  Wieso wurde bei der Entwicklung von Esperanto, nicht einfach ein Schriftsystem geschaffen, dass dem IPA Standard am nächsten käme?
Ein Alphabet, welches der IPA-Tabelle gleich ist?
Die IPA-Tabelle ist für das Phoneminventar des Esperanto doch viel zu groß. Also wozu sich unnötig Sonderzeichen aufbürden, die keine wirkliche Funktion haben? Die Esperanto-Rechtschreibung ist doch phonematisch und ein-eindeutig. das ist wie IPA, nur halt mit ein paar Sonderzeichen. Gut, jetzt kann man sich zanken, was mehr typographischen Aufwand macht, aber zumindest hat das Esperanto da vorgesorgt, indem bestimmte Digraphe als Ersatz für Buchstaben mit Sonderzeichen verwendet werden können. Das geht bei IPA nicht.


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02.02.2012, 17:06:09
Beitrag #7
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(31.01.2012 16:55:52)diman schrieb:  Rein logisch betrachtet erscheint es mir, dass eine phonemische Schrift wirklich "die Lösung" für eine "perfekte Schrift" wäre. Ausgenommen "extralinguistischer Faktoren", gibt es innerhalb der Linguistik selbst, Faktoren die gegen Entwicklung einer solchen Schrift sprechen würden?

Der phonematischen Schreibweise steht in vielen Fällen die etymologische gegenüber, vor allem dann, wenn Fremdwörter in eine Sprache übernommen werden. Man muss sich quasi entscheiden, ob man der Schreibung, die der Wortherkunft gerecht wird, treu bleibt, oder ob man sie so anpasst, dass sie für die Muttersprachler der Sprache, in der die Wörter eingegangen sind, einfacher zu verarbeiten ist und ihrer Aussprache entspricht. Da fallen mir gleich einige Beispiele für das Deutsche ein, für die laut Duden heute mehrere Schreibweisen erlaubt sind: Mayonnaise/Majonäse, Potential/Potenzial, chic/schick ...

Ich kenne mich mit dem Esperanto nicht aus und weiß nicht, inwiefern die Sprache Fremdwörter aus anderen Sprachen enthält, aber da das ja eine Plansprache ist, wahrscheinlich eher weniger. Dann träfe das Beispiel natürlich nicht darauf zu. Außerdem soll sie ja gezielt einheitlich und einfach sein, aber ich glaube, wirklich aktiv gebrauchte Sprachen können sich über einen längeren Zeitraum hinweg selten gegen den Einfluss anderer Sprachen verwehren.

Aber meiner Meinung nach kann die etymologische Schreibweise auch aus morphologischer Sicht vorteilhaft sein. Beispiel: Hund - Hunde
Natürlich spricht man das /d/ am Ende des Wortes normalerweise stimmlos aus, aber würde man Hunt schreiben, wäre ja die Substantivflexion unregelmäßig, oder? Und gleiche Wortstämme wären nicht mehr so einfach erkennbar.


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02.02.2012, 20:29:28
Beitrag #8
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Ich kenne mich mit dem Esperanto nicht aus und weiß nicht, inwiefern die Sprache Fremdwörter aus anderen Sprachen enthält, aber da das ja eine Plansprache ist, wahrscheinlich eher weniger.
Die Plansprache hat aber auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel und in denen hat sich in der Welt viel getan, was die Entlehnung oder Neubildung lexikalischen Materials notwendig gemacht hat.

(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Dann träfe das Beispiel natürlich nicht darauf zu. Außerdem soll sie ja gezielt einheitlich und einfach sein, aber ich glaube, wirklich aktiv gebrauchte Sprachen können sich über einen längeren Zeitraum hinweg selten gegen den Einfluss anderer Sprachen verwehren.
Das eine hat ja mit dem anderen nix zu tun. Die artikulatorische "Einfachheit" bleibt ja erhalten, wenn das entlehnte Wort phonologisch angepasst wird.

(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Aber meiner Meinung nach kann die etymologische Schreibweise auch aus morphologischer Sicht vorteilhaft sein. Beispiel: Hund - Hunde
Natürlich spricht man das /d/ am Ende des Wortes normalerweise stimmlos aus, aber würde man Hunt schreiben, wäre ja die Substantivflexion unregelmäßig, oder?
Äh, wieso das denn? Die Flexion ist doch von der Schreibung völlig unbetroffen.

(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Und gleiche Wortstämme wären nicht mehr so einfach erkennbar.
Mit dem "Problem" kommen andere Sprachen auch hervorragend klar. Es ist doch so: entweder lernt man die Aussprache-Sonderregel (und schreibt beides gleich) oder die Schreibungs-Sonderregel (und schreibt <t> und <d>) und muss dann eben wissen, dass die zwei Formen zusammen gehören. So oder so muss man "irgendwas" lernen. Was nun sinnvoller, leichter oder besser ist, ist Ansichtssache.


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02.02.2012, 23:31:40
Beitrag #9
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(02.02.2012 20:29:28)janwo schrieb:  
(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Ich kenne mich mit dem Esperanto nicht aus und weiß nicht, inwiefern die Sprache Fremdwörter aus anderen Sprachen enthält, aber da das ja eine Plansprache ist, wahrscheinlich eher weniger.
Die Plansprache hat aber auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel und in denen hat sich in der Welt viel getan, was die Entlehnung oder Neubildung lexikalischen Materials notwendig gemacht hat.
Darum habe ich ja auch gesagt
(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  ich glaube, wirklich aktiv gebrauchte Sprachen können sich über einen längeren Zeitraum hinweg selten gegen den Einfluss anderer Sprachen verwehren.


(02.02.2012 20:29:28)janwo schrieb:  
(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Dann träfe das Beispiel natürlich nicht darauf zu. Außerdem soll sie ja gezielt einheitlich und einfach sein, aber ich glaube, wirklich aktiv gebrauchte Sprachen können sich über einen längeren Zeitraum hinweg selten gegen den Einfluss anderer Sprachen verwehren.
Das eine hat ja mit dem anderen nix zu tun. Die artikulatorische "Einfachheit" bleibt ja erhalten, wenn das entlehnte Wort phonologisch angepasst wird.
Ich hatte eigentlich in erster Linie die Einfachheit bzw. Eindeutigkeit der Orthographie im Kopf. Natürlich kann man auch die anpassen. Aber häufig passiert das ja erst, nachdem sich das Wort bereits eingebürgert hat und durch gezielte Reformen. Das unterstützt eigentlich nur deinen Punkt, dass man Orthographien, wenn sie systematisch bleiben sollen, von Zeit zu Zeit anpassen muss.


(02.02.2012 20:29:28)janwo schrieb:  
(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Aber meiner Meinung nach kann die etymologische Schreibweise auch aus morphologischer Sicht vorteilhaft sein. Beispiel: Hund - Hunde
Natürlich spricht man das /d/ am Ende des Wortes normalerweise stimmlos aus, aber würde man Hunt schreiben, wäre ja die Substantivflexion unregelmäßig, oder?
Äh, wieso das denn? Die Flexion ist doch von der Schreibung völlig unbetroffen.
Ok, vielleicht habe ich mich fachlich nicht richtig ausgedrückt. Man könnte auch sagen: Die Schriftliche Realisierung der Flexion wäre unregelmäßig Lächel


(02.02.2012 20:29:28)janwo schrieb:  
(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Und gleiche Wortstämme wären nicht mehr so einfach erkennbar.

Mit dem "Problem" kommen andere Sprachen auch hervorragend klar. Es ist doch so: entweder lernt man die Aussprache-Sonderregel (und schreibt beides gleich) oder die Schreibungs-Sonderregel (und schreibt <t> und <d>) und muss dann eben wissen, dass die zwei Formen zusammen gehören. So oder so muss man "irgendwas" lernen. Was nun sinnvoller, leichter oder besser ist, ist Ansichtssache.
Natürlich ist das subjektiv. Und ich sage auch nicht, dass das ein Problem ist. Aber die Frage von diman war ja, was gegen eine phonematische Orthographie sprechen könnte. Daraufhin habe ich versucht, die Sache mal von einer anderen Seite zu beleuchten. Ich finde, dass das durchaus Aspekte sein könnten, die solche Leute, die ein Schriftsystem für eine Sprache entwickeln, vielleicht in Betracht ziehen.

Versteh mich nicht falsch, ich versuche hier nicht, gegen phonematische Orthographien zu argumentieren. Das soll eher eine Pro- und Kontraliste sein. Und ich finde, sooooo großer Unsinn ist das, was ich hier schreibe, jetzt auch nicht.


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03.02.2012, 01:23:48
Beitrag #10
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(02.02.2012 17:06:09)kunterbunt schrieb:  Ich kenne mich mit dem Esperanto nicht aus und weiß nicht, inwiefern die Sprache Fremdwörter aus anderen Sprachen enthält, aber da das ja eine Plansprache ist, wahrscheinlich eher weniger. Dann träfe das Beispiel natürlich nicht darauf zu. Außerdem soll sie ja gezielt einheitlich und einfach sein, aber ich glaube, wirklich aktiv gebrauchte Sprachen können sich über einen längeren Zeitraum hinweg selten gegen den Einfluss anderer Sprachen verwehren.

Es gibt da üblicherweise zwei Vorgehensweisen, die im Esperanto häufig für neue Konzepte gebraucht werden. Das eine ist, aus bereits verwendeten Wörtern neue zu kreieren, durch Affixe oder durch Komposition, so heißt Computer z.B. komputilo aus komputi (berechnen) und der Endung -ilo (Werkzeug), also quasi wie im deutschen "Rechner". Ein Browser ist auf Esperanto z.B. ein retumilo < reto (Netz) + -umi (~ "herummachen") + -ilo (Werkzeug). Also irgendein Tool zum im (Inter-)Netz herummachen. Ich denke, das Wort foliumi (blättern) stand hier Pate, weil das im Prinzip wörtlich auch "mit Blättern rummachen" heißt. Vielleicht könnte man auf Deutsch sowas wie "Netzler" sagen, als ein Ding, womit man eben "netzelt". Zwinker
Die andere Möglichkeit, ist das Entlehnen von möglichst international bekannten Wörtern. So sagt man tajpi heute, wenn man auf einer Tastatur etwas schreibt, früher hieß das mal maŝinskribi (muss ich sicher nicht erklären). Ich denke, auch lasero (Laser) gehört dazu, obwohl es dafür laut Wikipedia das schöne Backronym "Lum-Amplifo per Stimulata Eligo de Radioj" gibt.
Unveränderte Entlehnung aus natürlichen Sprachen geschehen höchst selten, vllt. liegt das an der allgemeinen Sprechereinstellung, aber das passiert eigentlich nur bei Namen und vielleicht bei einigen mehr oder weniger unterbewussten Interjektionen wie "Okay" oder bei uns Deutschen oft "Achso" oder "Genau". Weiß man ein Wort nicht, wird meist schnell versucht, ein geeignetes Esperantowort dafür zu finden, meist mit Methode eins, oben.


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03.02.2012, 08:48:54
Beitrag #11
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(03.02.2012 01:23:48)Vortarulo schrieb:  Vielleicht könnte man auf Deutsch sowas wie "Netzler" sagen, als ein Ding, womit man eben "netzelt". Zwinker
Na, wenn das kein Fall für den Thread Wörter, die es geben sollte

(03.02.2012 01:23:48)Vortarulo schrieb:  Ich denke, auch lasero (Laser) gehört dazu, obwohl es dafür laut Wikipedia das schöne Backronym "Lum-Amplifo per Stimulata Eligo de Radioj" gibt.
Der (originale) englische Terminus ist LASER, später zu Laser mutiert, und ist in der Tat ein Akronym für Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation, was ja auch im Deutschen aknronymisierbar ist. Teach Insofern wurde da kein Backronym gebildet sondern "nur" die Langform elegant(?) übersetzt.


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03.02.2012, 13:39:20
Beitrag #12
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(03.02.2012 08:48:54)janwo schrieb:  Der (originale) englische Terminus ist LASER, später zu Laser mutiert, und ist in der Tat ein Akronym für Light Amplification by Stimulated Emission of Radiation, was ja auch im Deutschen aknronymisierbar ist. Teach Insofern wurde da kein Backronym gebildet sondern "nur" die Langform elegant(?) übersetzt.

Jein. Ich denke, auf Esperanto kann man schon von einem Backronym sprechen, da ich nicht denke, dass einfach nur die ausgeschriebene Schreibweise (die ich natürlich auch kenne) übersetzt und dann mehr oder weniger zufällig zum gleichen Wort abgekürzt wurde, sondern eher umgekehrt: erst wurde das Kurzwort übertragen und dann eine passende Vollform nach dem englischen Vorbild modelliert.
Aber kann natürlich sein, dass das beides gleichzeitig ablief, und die (B)A(c)kronymisierbarkeit als bekräftigendes Kriterium die offizielle Einführung des Terminus bekräftigte.


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03.02.2012, 13:52:29
Beitrag #13
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(31.01.2012 16:55:52)diman schrieb:  Wieso wurde bei der Entwicklung von Esperanto, nicht einfach ein Schriftsystem geschaffen, dass dem IPA Standard am nächsten käme?
Ein Alphabet, welches der IPA-Tabelle gleich ist?
Ich würde hier erstmal zwischen den verwendeten Schriftzeichen, und der Orthographie, die ich als dahinterstehende Logik verstehen möchte (ich weiß nicht, ob das in der Schriftlinguistik tatsächlich so gemacht wird, aber eigentlich ist das auch wieder nur eine banale Anwendung der Theorie des sprachlichen Zeichens) trennen. Tatsächlich könnte man jeden Buchstaben des deutschen Alphabets durch ein Emoticon oder so ersetzen, die eigentliche Struktur dahinter bliebe aber unangetastet.

Die Orthographie des Esperanto ist eine phonematische. Im Idealfall wäre es so, dass ein Element auf der orthographischen Ebene einem Phonem auf der phonologischen Ebene entspricht und jedes dieser aus einem Allophon bestehenden Phoneme entspräche genau einem einzelnen Laut auf der phonetischen Ebene (in der Normaussprache). In so einem Fall (ich glaube Esperanto kommt nahe dran, ist aber nicht zu 100% so, da etwa Vokale unterschiedlich lang sein können) wäre also eine Darstellung des Esperanto auf einer der drei Ebenen jeweils nur eine Transliteration, eine Darstellung derselben Struktur nur mit anderen Zeichen. Schaut man sich die Aussprache des Esperanto an, sieht man schnell, dass zwischen allen drei Darstellungsarten nahezu eine 1:1 Beziehung besteht. In der Esperanto-Wikipedia findet man auch Transliterationstabellen für andere Schriftsysteme, sodass die Sprache auch recht einfach in beispielsweise kyrillischer Schrift darstellbar ist.

Würde man das IPA dagegen tatsächlich dazu verwenden eine phonetische Transkription anzufertigen, rückte man 1. vom phonematischen Prinzip ab und 2. von der Vorstellung eines Standards, da hier nicht mehr die Aussprachenorm, sondern die individuelle Aussprache abgebildet würde. Und das will man ja eigentlich nicht. Außerdem hätte man dann noch Informationen, die nicht zwangsweise notwendig sind, wie etwa Betonungen oder Aspirationen.

Warum Zamenhof sich nun für genau dieses Alphabet mit den - meiner Meinung nach zum Teil etwas exotischen - Diakritikaschreibungen entschieden, und nicht die Zeichen einer Lautschrift übernommen hat, weiß ich nicht. Eine Möglichkeit wäre evtl. dass die IPA zu dieser Zeit erst im entstehen war. Allerdings gab es bereits zahlreiche andere Unternehmungen in dieser Hinsicht, und wenn man sich die Geschichte einzelner Zeichen des IPA ansieht, kann man gut sehen, dass das ein Konglomerat ganz unterschiedlicher Herkunft ist. Manche davon stammen aus gängigen Alphabetschriften (Lateinisch, Griechische) andere waren z.T. schon lange Zeit vorher im Umlauf und kommen aus Alternativorthographien, Lautschriften oder Kurzschriftsystemen, andere sind "versteinerte Diakritikabildungen" (etwa manche Nasale oder Retroflexe) etc. Auch heute noch ist IPA ja nicht die einzige Lautschrift und in einzelnen Nischen findet man durchaus noch Konkurrenten, etwa Teuthonista für deutsche Dialekte. Möglicherweise war ihm das alles zu diffus und durcheinander; da hat er lieber gleich was eigenes gemacht.

Die Wahl von Zeichen, die nicht zum Kreis der 26 Basiszeichen der lateinischen Schrift gehören hat immer den Nachteil, dass sich im Computerbereich einer Sonderbehandlung bedürfen. Zwar gibt es mit Unicode etc. die prinzipielle Möglichkeit alles abzubilden, aber so ganz reibungslos, völlig normal funktioniert es immer noch nicht. Die Alternativschreibungen des Esperanto sind zwar vorausschauend, wirken auf mich aber etwas krude.

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03.02.2012, 20:30:28
Beitrag #14
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
Ja, Esperanto ist älter als die IPA-Lautschrift, aber nicht älter als *alle* Versuche phonetischer, sprachunabhängiger Schriften.
Aber wir driften ab.


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04.02.2012, 16:11:18
Beitrag #15
RE: Wie entsteht eine Schriftsprache heutzutage?
(14.01.2012 14:41:34)janwo schrieb:  Im Grunde wissen wir nur von einer Handvoll "Epizentren", an denen Schriftkultur ohne Beeinflussung einer anderen Kultur entstand: im alten China, Ägypten, Phönizien, Mayareich. Nimmt man noch die Quipus der Inka dazu, die auch eine Art Aufzeichnungssystem sind, haben wir fünf. Und das war's. Alle anderen Kulturen, in denen eine Schrift entstand haben quasi oder buchstäblich — abgeschrieben.

Die Koreaner haben dazu noch im 15. Jahrhundert Hangul entwickelt um es der einfachen Bevölkerung möglich zu machen Lesen und Schreiben zu Lernen: http://de.wikipedia.org/wiki/Koreanisches_Alphabet

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