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[Hist]: Historisch-vergleichende Ling., Diachronie, Sprachwandel  » nicht erledigt Zwei Arten von Isolation und das Baskische

27.08.2014, 16:53:25
Beitrag #1
Zwei Arten von Isolation und das Baskische
Das Baskische ist hier im Forum ja schon des öfteren Thema gewesen, zuletzt z.B. hier.

In unserem Blog haben wir unlängst eine Pressemeldung der Uni Bamberg weiterveröffentlicht, in der es um die Arbeit von Martin Haase (@Maha) zum Baskischen ging und darum, dass die Sprache nicht so isoliert sei, wie man bislang wohl angenommen hat.

Wie @Kevin andernorts angemerkt hat, gibt es da eine Unklarheit hinsichtlich des Begriffs "isoliert". Vor allem darauf möchte ich hier nun eingehen.

Man muss bei der Feststellung, eine Sprache sei isoliert, im Grunde zwei Isolationsbegriffe voneinander unterscheiden:
  1. genealogische Isolation
  2. soziale/geographische Isolation


Die genealogische Isolation behaupten wir immer dann von einer Sprache, wenn sie entweder überhaupt keine uns bekannten genealogisch verwandten Sprachen hat (z.B. eben Baskisch, wenn man es als eine Sprache zählt) oder aber alle uns bekannten mit ihr verwandten Sprachen ausgestorben sind (z.B. Ketisch als letzte Überlebende der Jenissej-Srachen). Der erste Fall wird in der Biologie "monophyletisch" genannt, das hat sich m.W. aber in der Linguistik (noch) nicht etabliert; den zweiten Fall könnte man zur Differenzierung vielleicht eher "verwaist" nennen.

Die soziale/geographische Isolation hingegen ist eine Situation, in der eine Sprache nicht in Kontakt mit anderen Sprachen ist. Das ist heutzutage m.W. nur noch im Amazonasgebiet, den Andamanen-Inseln und eventuell auf Neuguinea gegeben, war aber zu früheren Zeiten vermutlich nicht so selten und räumlich begrenzt wie jetzt. Eine Abgeschwächte Form hiervon wäre es, wenn eine Sprache keine (oder, noch schwächer, nur wenige) sichtbaren Spuren eines Sprachkontaktes aufweist. Möchte man der Klarheit halber nicht von Isolation sprechen, könnte man stattdessen die Metapher der Abschottung verwenden.

Nach allem, was wir derzeit als gesichert annehmen können, ist Baskisch eine genealogisch isolierte Sprache. Sämtliche Versuche, das Baskische genealogisch an etablierte Familien anzuschließen, werden vom Großteil der Fachwelt kritisch gesehen bis verrissen oder lächerlich gemacht.

Dass Baskisch zudem in einer geographischen sogenannten Rückzugslage liegt, hatte @Maha schon in dem anderen Thread erwähnt. Dennoch hat es Nachbarsprachen, mit denen es nolens volens auch in Kontakt ist und schon lange war. Eine soziale/geographische Isolation können wir also im strengsten Sinne nicht annehmen, und genau das argumentiert Martin Haase ja auch.

Als ich die Überschrift der Zeitungsmeldungen im RSS dazu eintrudelten, dachte ich zunächst, es handle sich um einen weteren Versuch, die genealogische Isolation des Baskischen zu widerlegen. Und ganz ehrlich, genau deswegen habe ich den Artikel auch aufgerufen ... und war dann im ersten Moment etwas enttäuscht. Dass das Baskische lexikalisches Lehngut enthält und sozial/geographisch nicht isoliert ist, fand ich jetzt nicht so überraschend.

Beim zweiten Hinsehen und nach Kevins Anmerkung stellte ich mir dann die Frage, wie viel Sprachkontakt-Einfluss (Entlehnung und Metatypie) eine Sprache wohl erfahren muss, um sich in ihrem typologischen (grammatischen) und lexikalischen Habitus den Mitgliedern der anderen, sie beeinflussenden Familie bis zur Verwechselbarkeit anzunähern. Im Rahmen der Familienmetapher könnte man meinetwegen von Adoption sprechen.* Unter solchen Umständen wäre es dann vielleicht legitim, beide (Nicht-)Isolationsbegriffe zusammenzufassen. Ansonsten sollte man das aber meiner Meinung nach nicht tun.


*Wenn einer fragt: das habe ich hier und jetzt erfunden!


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27.08.2014, 18:09:34
Beitrag #2
RE: Zwei Arten von Isolation und das Baskische
Danke erstmal für das Aufnehmen des Themas. Ich fand das halt sehr schwammig formuliert im Artikel. Es wird einerseits gesagt: Baskisch ist gar nicht so isoliert, wie man annehmen würde. Aber belegt wird dies durch Sprachkontaktphänomene, die ja mit dem eigentlichen Isolationsbegriff aus der Linguistik nichts zu tun haben. Denn geographisch ist Baskisch nicht isoliert, aber sehr wohl genetisch. Daher stimme ich dir zu. Wirklich Neues hat der Artikel nicht zutage gebracht: Das Baskische besitzt reziproke Sprachkontakte. Das war ja doch aber vorher schon klar, nicht? Trotzdem bleibt die Sprache isoliert und trotzdem war der Kontakt nicht groß genug, nahezu alle Eigenschaften des Baskischen, die es als isolierte Sprache klassifizieren, auszumerzen.

Aber die gleiche Frage wie du habe ich mir auch gestellt. Ab wann wird der Sprachkontakt so groß, dass eine Sprache nicht mehr als die isolierte Ausgangssprache zu klassifizieren ist. Ich möchte behaupten, aber ich bin ja auch Laie, dass es so etwas noch nicht gegeben hat. Sicher gab es immense Sprachkontakte wie im Englischen, dessen Vokabular zu 60-70% aus romanischen/italischen Lehnwörtern besteht, oder das Chamorro das einen ähnlich großen Anteil an spanischbasierten Wörtern besitzt. Dennoch behielten sie immer ihre Eigensprachlichkeit, vor allem wegen der Grammatik die nicht so sehr dem Kontakt unterlegen war. Aber ich glaube, völlig evidenz-unbasiert (wie gesagt, ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen), dass eine isolierte Sprache nie so viel einer Kontaktsprache übernehmen würde, dass dessen Eigensprachlichkeit zugunsten eines Daseins als Dialekt der Kontaktsprache (auch wenn die Begriffe definitorisch schwammig sind) zerfällt.

Ich glaube andererseits, dass wenn der Kontakt immer größer wird, dass einfach die Bezeichnung umgekehrt wird. Die Isoliertheit einer Sprache wird ja quasi dadurch definiert, dass der Großteil ihrer Eigenschaften mit keiner anderen Sprache verwandt ist. Ganz fix ausgedacht würde ich eine Varietät mit 50% Entlehnungen (in allen linguistischen Bereichen) und 50% eigensprachlichem Materials als Mischsprache bezeichnen. Wenn aber der Großteil an isolierten Eigenheiten verloren geht, ist die Sprache auch immer weniger als isoliert einzustufen. Wenn also 25% ursprüngliches Sprachmaterial und 75% kontaktsprachliches Material in einer Varietät existieren, dann ist es in meinen Augen nicht mehr die isolierte Sprache, sondern die Kontaktsprache mit reichlich Substrat. Zum Glück sind Sprachen ja aber nicht statisch und man muss sich ja nicht für die gute oder böse Seite entscheiden. Eine Varietät ist eine Varietät. Ob sie nun viel oder wenig Kontakteinfluss hat oder viel Substrat oder sonst was. Zudem sind Sprachen vor allem diachron nichts statisches, weil es keine eigenständigen Entitäten sind, die sich verändern, sondern jede Generation von Sprechern eine leicht unterschiedliche Varietät zu der Generation davor spricht. Mehr nicht. Und irgendwo gibt es dann halt einen Punkt, an dem Sprache A nicht mehr Sprache A ist, sondern Sprache B mit immensem Substrat aus Sprache A. Ad hoc würde ich gefühlsmäßig die Grenze bei 25% setzen. (Auch wenn das keinerlei Aussagen dazu hat, wie frequentiert manche Bestandteile sind. Aber ich spreche von 25% in allen Domänen, wie auch Häufigkeit.)
Bei enger verwandten Sprachen kann es sich dadurch auch begeben, dass aus zwei eigensprachlichen Ursprungsvarietäten eine Situation ergibt, indem die schwächere mit sehr viel Kontakteinfluss zu einem 'Dialekt' der anderen, stärkeren Sprache wird.
Ich weiß, das klang wohl alles gerade wirr. Aber irgendwie kann ich es nicht besser aus meinem Gehirn ziehen und in Worte fassen.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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27.08.2014, 18:57:12
Beitrag #3
RE: Zwei Arten von Isolation und das Baskische
(27.08.2014 18:09:34)Kevin schrieb:  Aber die gleiche Frage wie du habe ich mir auch gestellt. Ab wann wird der Sprachkontakt so groß, dass eine Sprache nicht mehr als die isolierte Ausgangssprache zu klassifizieren ist. Ich möchte behaupten, aber ich bin ja auch Laie, dass es so etwas noch nicht gegeben hat.
Das ist vielleicht etwas am Thema vorbei, aber da du um Widerlegung gebeten hast (Zwinker), will ich kurz die (allerdings sehr seltenen) (plain) Mixed Languages, also Sprachen, bei denen sowohl Grammatik als auch Lexikon je Elemente der Quellsprachen aufweisen, einwerfen. Michif ist m.W.n. allerdings der einzige in der Literatur genanante bekannte Fall, wo nicht wenigstens eine der Quellsprachen begleitend weiter gesprochen wird/wurde. Müsste man nochmal überlegen, ob das in dem Fall gültig, oder eher was anderes ist.

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27.08.2014, 19:55:14
Beitrag #4
RE: Zwei Arten von Isolation und das Baskische
Michif ist nicht der einzige Fall. Es gibt noch andere Mischsprachen, letztlich kann man wohl auch Pdgins und Kreolsprachen darunter zählen.

Kevins Beispiel mit dem Englischen ist insofern interessant, als dass das Englische ja wirklich einen Lehnwortanteil von ca. 75% hat, wobei das nicht alles aus ein und derselben gebersprache stammt. Aber die hauptsächlich ins Feld geführte Gebersprache, Französisch, ist ja auch aus der Verwandtschaft, wenn auch aus einer anderen Unterfamilie. Aber selbst bei massivster französischer Überformung hätte Englisch nicht indoeuropäischer werden können, denn das ist es ohnehin schon gewesen. Das ist der Unterschied zu Sprachen aus unterschiedlichen Familien (der Einfachheit halber werte ich die Isolate mal dazu).


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27.08.2014, 20:35:25
Beitrag #5
RE: Zwei Arten von Isolation und das Baskische
(27.08.2014 19:55:14)janwo schrieb:  Michif ist wohl nicht der einzige Fall. Es gibt noch andere Mischsprachen, letztlich kann man auch Pdgins und Kreolsprachen darunter zählen.
Evtl. habe ich das etwas kompliziert ausgedrückt, aber "einzig" bezog sich eben auf 'plain mixed Language', also die Verwendung als Muttersprache und die Nicht-Verwendung der primären Quellsprachen, in dem Fall Cree und einer Varietät des Französischen (Die Unterscheidung hab ich aus Vorlesungshandouts/-mitschriften bzw. von Matras + Bakker (2003), die vier verschiedene Typen von Mixed Languages unterscheiden; danach kämen etwa "Conventionalized Mixed Languages" z.B. 'Medny Aleut', wo mindestens die Quellsprache Russisch zusätzlich verwendet wird.)

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27.08.2014, 22:01:00
Beitrag #6
RE: Zwei Arten von Isolation und das Baskische
OK. Mir fällt noch ein, dass Malcolm Ross in seinen Beiträgen über Metatypie stets von Takia und Waskia redet/schreibt: Takia (Ozeanisch; Austronesisch) ist durch den Kontakt mit Waskia (Madang; Trans-New-Guinea) so stark "papuanisiert", dass es von der Grammatik her eben aussieht wie eine Trans-NG-Sprache und nicht mehr wie eine typische Ozeanische Sprache. Das ist da, worauf ich hinaus wollte. Wo zieht man da die Grenze?

Gerade in Neuguinea gibt es viele Sprachen, deren exakte genealogische Zuordnung genau deshalb im Dunkeln liegt, weil man so schwer unterscheiden kann, was wer mit wem gemeinsam ererbt hat oder wer was von wem entlehnt hat.


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