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[Sem]: Semantik, Etymologie, Semiotik  » Erledigt: Heute Heute schaufeln, schlittern, paddeln und Co.

07.06.2011, 15:42:50
Beitrag #1
schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Hi liebe Mitlinguisten,

bestimmt gibt es eine Bezeichnung, die "metaphorische" Bewegungsverben als Gruppe zusammenfasst, oder? Ich meine Verben, wie die o.g., wenn sie als Bewegungsverben verwendet werden, z.B. "die Babyschildkröte schaufelt sich durch den Sand". Es sieht doch so aus, als ob sie als gemeinsames Bedeutungselement so etwas wie "bewegen, als ob man Instrument x als Hilfe nimmt" zu haben? Es gibt dazu bestimmt Literatur, die ich bloss nicht kenne....Kann mir da jemand weiterhelfen? Gerne auch zu "schlängeln, robben" etc...also, bewegen wie Tier x...

Tusind tak! Cool

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08.06.2011, 10:59:49
Beitrag #2
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Uff, also mir ist dafür noch nie ein spezifischer Terminus begegnet. Was ich auf die Schnelle bei google gefunden habe sind "manner-of-motion verbs". Sind das nicht auch eher Metonyme als Metaphern?


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20.06.2011, 12:12:16
Beitrag #3
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Hej Jan,

irgendwie ist mir deinen Antwort entgangen....

Na, du hast batürlich recht, das sind alles "manner of motion verbs". Ich hab aber gerade mein Experiment ausgewertet, und Statistike für semantische Kategorien aufgestellt, also erst mal ohne diese ganze Talmy Unterscheidung von manner verbs, path verbs etc. Dabei ist mir aufgefallen, dass "meine" Sprachen ganz unterschiedliche "Mechanismen" zur Kategorisierung zu benutzen scheinen. Eine Möglichkeit scheint dabei so was wie, sieht aus als ob X mit Y was machen würde und bewegt sich dabei fort...also irgendwas scheint da noch vor der Lexikalisierung zu passsieren..Lächel

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20.06.2011, 12:55:33
Beitrag #4
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Roland Posner (TU Berlin) hat mal die Idee vertreten, dass zum Beispiel "hüsteln" eine Andeutung von Husten bedeutet, als eine Bedeutungskomponente von "hüsteln" also ein Zeichencharakter von Verhalten/Handeln in Frage kommt. (Ich weiß nicht, wo geschrieben - er ist ja erreichbar.) Bei "hüsteln" ginge es um ein beabsichtigtes Zeichen eines Senders (mit dem Ziel, Unbehagen ... anzuzeigen).
Beispielsweise "schaufeln" ist ein bisschen ähnlich: Wer schaufelt, sieht so aus, als hätte er eine Schaufel. Dabei handelt es sich nicht unbedingt um ein beabsichtigtes Anzeichen, sondern um ein nicht unbedingt beabsichtigtes Zeichen. "schlängeln" ähnlich: 'sieht so aus wie/als ob ...'

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20.06.2011, 12:59:14
Beitrag #5
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Hm, so weit ich weiß ist bei husten : hüsteln (oder streichen : streicheln, stechen : sticheln) ein heutzutage nicht mehr produktives Suffix involviert. Das ist nicht ganz vergeichbar mit der "inneren Ableitung", wo im Grunde nur eine semantische Verschiebung stattfindet.


Kennst Du die Arbeiten von Bernhard Wälchli zu motion events?


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20.06.2011, 13:03:51
Beitrag #6
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
(20.06.2011 12:59:14)janwo schrieb:  Hm, so weit ich weiß ist bei husten : hüsteln (oder streichen : streicheln, stechen : sticheln) ein heutzutage nicht mehr produktives Suffix involviert.
Schließt das aus, dass dieses Suffix eine Bedeutungskomponente beisteuert?

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20.06.2011, 13:15:13
Beitrag #7
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Äh, nee. Die Bedeutungskomponente ist so etwas wie diminutiv-iterativ. Das Suffix ist aber nicht in paddeln oder schaufeln drin. (Das ist ein altes Wortbildungselement für Nomina Instrumenti.)


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20.06.2011, 13:29:14
Beitrag #8
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
(20.06.2011 13:15:13)janwo schrieb:  Äh, nee. Die Bedeutungskomponente ist so etwas wie diminutiv-iterativ.

OK, so mag man es nennen. Das schließt jedoch nicht aus, dass diese Bedeutungskomponente auch als <zeichenhaft> (bzgl. denotierten Verhaltens als Zeichen) beschrieben wird, da Iterieren ja ein typisches Mittel dafür ist, etwas anzuzeigen, ohne das Angezeigte tatsächlich zu tun. Beispiel: In einer Geste des Schüttelns einer Hand + Pusten anzeigen, dass man etwas (mataphorisch) 'heiß' findet und deshalb die Hand kühlt.
Direkter wahrnehmbare Eigenschaften (bzgl. Wasser: Flüssig, farblos, ...) und nicht direkt wahrnehmbare Eigenschaften, für die jene wiederum Anzeichen sind, (bzgl. Wasser: H2O-Mikrostruktur) bilden ein 'Geflecht', verweisen aufeinander, was sie allesamt jeweils mehr oder weniger bzgl. des betr. Lexems semantisch relevant macht (Argumentation in diese Richtung: Putnam: Meaning of Meaning). So scheint mir das äußerlich Iterative bzgl. "hüsteln", "schaufeln", ... mit einer gewissen semantischen Relevanz von Zeichenhaftigkeit einherzugehen.

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20.06.2011, 14:22:52
Beitrag #9
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Das ist nicht ganz verkehrt, aber vom Wortbildungsmuster sind die Wörter padddeln und hüsteln eben nicht vergleichbar.

Natürlich sind die gängigen Fortbewegungswerben keine Semelfaktiva. Wer läuft oder schwimmt oder paddelt, tut dies normalerweise eben nicht nur einen Schritt oder Zug. Deswegen muss man aber nicht gleich diese Verben an die Iterativa vom Typ streicheln anlehnen.

Was einen hier – sofern wir von der morphologischen From mal absehen wollen – weiter bringen würde, wäre eine Untersuchung der Bezeichnungsmotivation (Etymologie im saussureschen Sinne) bzw. des Benennungsprinzips (nach Herbermann); aber ob es da für die Bewegungsverben etwas Publiziertes gibt, wage ich mal zu bezweifeln.


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20.06.2011, 18:17:09
Beitrag #10
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
(20.06.2011 14:22:52)janwo schrieb:  die gängigen Fortbewegungswerben keine Semelfaktiva.
Gott, was ist denn das?

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20.06.2011, 18:37:00
Beitrag #11
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
(20.06.2011 18:17:09)kunnukun schrieb:  Gott, was ist denn das?

Blush Danke, aber "Jan" reicht als Anrede völlig.

Semelfaktiv bezeichnet etwas, das einmal(ig) stattfindet. (aus lat. semel 'einmal' + facere 'tun').


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20.06.2011, 18:54:05
Beitrag #12
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Ah, so ist "fliegen" in "nach Afrika fliegen" kein Semelfaktivum (und daher kein Fortbewegungsverb) - oder eben doch eins, weil man nacheinander kleine Abschnitte fliegt?Rolleyes Oder ist nicht "fliegen" deshalb ein Fortbewegungsverb, weil hier Absichten (der ggf. Fliegenden) eine Rolle spielen? Nach dem Absichtskriterium (Absicht, da-und-da hinzukommen) wären z. B. auch "nach vorn fallen", "sich zum Mond schießen lassen", ... keine Fortbewegungs-'wendungen' , und "hüpfen" in "nach Afrika hüpfen" (die Unmöglichkeit hindert uns ja nicht am Verständnis) wäre ein Fortbewegungsverb. Klar, hier zeigt sich der schwammige Bereich zwischen Weltwissen und Bedeutungswissen, denn meistens muss man eben Schritt für Schritt vorangehen/-schwimmen/-... Wollt nur wieder sagen: Komisch, dass man gerne nur oder vor allem Wahrnehmbares als semantische Komponenten ins Auge fasst, sogar bei Handlungsverben, wo doch die Rolle des Intentionalen (nicht Sichtbaren, im Kopf) so nahe liegt.
Ach: "lächeln" vs. "lachen" - auch wieder dieses Suffix?

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20.06.2011, 19:17:38
Beitrag #13
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
(20.06.2011 18:54:05)kunnukun schrieb:  Ah, so ist "fliegen" in "nach Afrika fliegen" kein Semelfaktivum (und daher kein Fortbewegungsverb) - oder eben doch eins, weil man nacheinander kleine Abschnitte fliegt?Rolleyes
Nein, bitte nicht einfach dem Umkehrschluss "(k)ein S. also (k)ein F." machen, das klappt nicht.
Ich würde sagen, fas fliegen ist kein Semelfaktivum. (Siehe auch: Aktionsart) Denn:
(20.06.2011 14:22:52)janwo schrieb:  Natürlich sind die gängigen Fortbewegungswerben keine Semelfaktiva. Wer läuft oder schwimmt oder paddelt, tut dies normalerweise eben nicht nur einen Schritt oder Zug.

Selbstverständlich kann man sich streiten, ob bei so etwas zielgerichtetem wie nach Afrika fliegen (als Ganzes betrachtet) im Gegensatz zu umherfliegen nicht doch eine einmalig stattfindende Handlung ist. bringt aber nicht viel, der Streit.

(20.06.2011 18:54:05)kunnukun schrieb:  Ach: "lächeln" vs. "lachen" - auch wieder dieses Suffix?
Exakt.


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27.06.2011, 11:54:27
Beitrag #14
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
Hi!

Hab mal wieder diese ganze Diskussion verpennt...Muss wohl mal meine Settings checken...Zwinker

Ich hab wieder viel gelernt (und lächle nun so vor mich hin Lächel )

Kunnukun hat mich auf eine gute Idee gebracht: denn vielleicht ist es die Ähnlichkeit in "paddeln" zu hüsteln die die Sprecher dieses "Wort" als motion verb im engeren Talmy'schen Sinne gebrauchen lässt...denn das Muster ist ja nicht so super produktiv...(denke ich, muss ich nochmal genau nachforschen)

Irgendwas muss da auch wirken, dass "tigern" zulässt, aber nicht "katzen" oder so...Zwinker

Innere Ableitung, heisst das, das sich nur die Wortklasse ändert? Bin so schlecht in der deutschen Terminologie...shame...siehe dazu auch weiter unten

Jan hat Recht, was ich suche ist etwas über Bedeutungszuweisungsprinzipien...sowas wie "schaufeln" hab ich zum Beispiel nicht im Türkischen gefunden. Warum das nicht zu gehen scheint, würde ich gerne wissen. Also, ganz knapp und noch nicht ausgegoren, welche Mechanismen geben Bedeutung zu "motion events".

Wälchli hab ich gelesen, muss ich aber nochmal ran...

Fallen euch vielleicht noch weitere Verben along these lines ein?

und dann sind da noch solche Verben:
balancieren
belauern
kreisen
marschieren
pirschen
winden
streifen
surfen
stromern
sprinten
rutschen

Sind das alles innere Ableitungen? und gibt es eine Richtung zur ableitung? also immer vom Nomen ab?

Lächel

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27.06.2011, 12:04:28
Beitrag #15
RE: schaufeln, schlittern, paddeln und Co.
(27.06.2011 11:54:27)megamo schrieb:  Irgendwas muss da auch wirken, dass "tigern" zulässt, aber nicht "katzen" oder so...Zwinker
Die Phonologie, glaube ich. Der Liquid begünstigt das (womit wir wieder beim l-Suffix wären).

(27.06.2011 11:54:27)megamo schrieb:  Innere Ableitung, heisst das, das sich nur die Wortklasse ändert? Bin so schlecht in der deutschen Terminologie...shame...siehe dazu auch weiter unten
(...)
Sind das alles innere Ableitungen? und gibt es eine Richtung zur ableitung? also immer vom Nomen ab?

Innere Ableitung heißt eine Ableitung, wenn sie ohne äußere (aha!) Markierung vor sich geht. Klassische Beispiele: essen : Essen, gehen : Gehen.
Ableiten (auch wortartintern, also Verb : Verb) bzw. Konversion (d.h. Wortartwechsel) geht theoretisch von jeder Wortart aus zu (fast) jeder, nur nicht immer ohne Hilfsmittel (Affixe).


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