Metahilfe: Was wir hier (nicht) tun - Informationen zum Thema Fragen und Hilfen im Forum.

Du kennst dich aus? — Prima. Unser Fragenbeantwortungs-Team freut sich immer über engagierte Verstärkung!



1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste
Antwort schreiben 
 » nicht erledigt "tagtäglich", "wortwörtlich" und ähnliche Wortbautypen

05.10.2015, 21:04:12
Beitrag #1
"tagtäglich", "wortwörtlich" und ähnliche Wortbautypen
Hi!

meine Freundin (die Deutsch als Fremdsprache gelernt hat/lernt) fragte mich grad nach dem Wort "tagtäglich". Ich benutze es fast nie und dachte darüber nach, was es exakt bedeutet. Meist wird sowas wie "täglich" und "alltäglich" als Synonym genannt. Würdet ihr sagen, es wird genauso benutzt wie "täglich"? Mir scheint nämlich, dass irgendein Unterschied besteht zwischen:
"Ich gehe täglich zur Arbeit."
"Ich gehe tagtäglich zur Arbeit:"

Ich kann aber nicht wirklich erklären, welcher das wäre.


Hier könnte reger's Signatur stehen...
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
05.10.2015, 21:47:24
Beitrag #2
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Ich würde mich da Duden Online und dem Wiktionary anschließen, die schreiben, dass es bei tagtäglich und wortwörtlich darum geht, Ausnahmslosigkeit hervorzuheben.
Ich habe jetzt auf die Schnelle nur einen Artikel gefunden, der das am Rande erwähnt:
Zitat:(c) Der Typ tagtäglich/wortwörtlich: Dieser Typ ist wohl auf die beiden genannten lexikalisierten Bildungen beschränkt. Obzwar man eine Basis (täglich) nennen und einen semanti­schen Effekt wahrnehmen kann (' Ausschließlichkeit\ vgl. Arnold übt täglich/??tagtäglich seine Muskeln, nur sonntags nie), scheint es ausgeschlossen, analoge Neubildungen vorzu­ nehmen (*stundstündlich, *monatmonatlich; *satzsätzlich), so daß eine morphologische Relation täglich>tagtäglich
und somit das Vorliegen einer reduplizierenden Bildung unwahrscheinlich anmutet. Die Einordnung dieses Typs muß jedoch offenbleiben
Quelle: Schindler (1991:603)

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
05.10.2015, 22:55:37
Beitrag #3
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Der Artikel bei Wikipedia über Rekurrenz (Linguistik) verweist auf diese Wörter und wirft noch "knüppelknüppelhart" in den Diskurs.
Da wird auch von Reduplikation gesprochen. Bußmanns Wörterbuch sagt nur, dass es stilistisch der emphatischen Hervorhebung dient. Ich glaube auch, dass es hier nicht mehr ist. "Wörtlich" und "täglich" bezeichnen bereits "jeden Tag" und "Wort für Wort". Die Reduplikation (ob oder nicht) setzt dem nur ein "wirklich" davor: "wirklich jeden Tag", "wirklich Wort für Wort", die Ausschließlichkeit ist schon im einfachen Morphem gegeben würde ich sagen und wird hier nur emphatisiert.
EDIT: Ich habe in einem Forumseintrag im Internet noch Beispiele wie "klamheimlich" und "rotzfrech" gefunden, die wohl ähnlichem Muster folgen. "klamheimlich" ist von lat. clam (heimlich) + heimlich abgeleitet und "rotzfrech" von ital. rozzo (frech) + frech. Zählen die auch zu diesem Wortbildungsmuster?


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
06.10.2015, 09:17:19
Beitrag #4
RE: Fragen kunterbunt, die einzeln keinen Thread wert sind
Nach meinem Eindruck gehören tagtäglich und wortwörtlich zu einem spezifischen Wortbildungstyp, der voraussetzt, dass die zugrundeliegenden Nomina iterierbar sind bzw. eine Art Zyklushaftigkeit implizieren. Das sehe ich bei "knüppelknüppelhart" (für das ich keine Evidenz, die sich nicht auf den Wikipediaartikel bezieht finde) nicht gegeben.

Denkbar wären systematisch betrachtet denke ich vor allem die Formen *sekundsekündlich, *minutminütlich, ?stundstündlich, tagtäglich, *wochwöchentlich, *monatmonatlich, ?jahrjährlich.
Für tagtäglich gibt es (in den Cosmas-Kopora und bei Google) hinreichend Evidenz. Für stundstündlich und jahrjährlich finde ich bei Cosmas marginale Evidenz im niedrigen einstelligen Bereich, für alle anderen Formen Google-Treffer, von denen ich viele als konzeptionell-mündlich einstufen würde. Ich würde daher sagen, dass diese Formen tendenziell eher kreative Gelegenheitsbildungen sind, denen primär "tagtäglich" (und als "Systematizitätsbegründung" auch wortwörtlich) als Muster dient.

Zitat:EDIT: Ich habe in einem Forumseintrag im Internet noch Beispiele wie "klamheimlich" und "rotzfrech" gefunden, die wohl ähnlichem Muster folgen. "klamheimlich" ist von lat. clam (heimlich) + heimlich abgeleitet und "rotzfrech" von ital. rozzo (frech) + frech. Zählen die auch zu diesem Wortbildungsmuster?
Das ist interessant Lächel Sind die Etymologien einigermaßen gesichert[1]? Es gibt schon Ähnlichkeiten, aber ich würde sagen, dass dieses <Nom1+Nom1+lich> Muster mit den genannten semantischen Kriterien zumindest einen spezifischen Subtyp begründet.

[1] Bzgl. klammheimlich gibt Kluge das als wahrscheinliche Vermutung an; zu rotzfrech finde ich allerdings eher Erläuterungen, die in Richtung des deutschen Worts 'rotz' gehen

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
06.10.2015, 14:30:38
Beitrag #5
RE: "tagtäglich", "wortwörtlich" und ähnliche Wortbautypen
Ich habe mal einen eigenen Thread daraus gemacht. Ich glaube, das ist interessant genug, um einen eigenen Thread zu konstituieren, außerdem rosten meine Forumseditierskills sonst ein. Zwinker

Gibt es denn genaueres darüber, wann die beiden Wörter in etwa das erste Mal belegt sind?
"Jahrjährlich" habe ich in der Tat schon mal gehört und benutzt, aber gar nicht mal als ad hoc-Bildung, sondern als Lemma selbst. Dass dies aber an "tagtäglich" angelehnt ist, ist überaus wahrscheinlich.
Ich frage mich, wieso diese Rekurrenz nur bei diesen beiden Wörtern belegt ist. Beide sind semantisch relativ unverwandt aber weisen den gleichen morphologischen Bau auf, der aber anscheinend nicht (mehr?) produktiv ist. Ich bin zwar nur Laie, aber finde das trotzdem komisch.

Die Etymologievorschläge hatte ich halt nur von dem Forumseintrag und naiverweise als logisch angenommen. Hätte ich gewusst, was das für ein Forum war, auf das mich die Googlesuche geschickt hat, hätte ich das am liebsten gar nicht erst übernommen. Das war ein reines ultrarechtes Hetzforum...
Ich habe im Grimm-Wörterbuch aber noch einen Eintrag über "rotzfaul" gefunden, der im Wortbau und Semantik ja "rotzfrech" ziemlich ähnlich ist:
Zitat:ROTZFAUL, adj. durch und durch faul; nd. rottefûl Vilmar idiot. von Kurhessen 331.
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm
Das kommt aus dem Niederdeutschen über "rotte-". Im mittelniederdeutschen Wörterbuch von Köbler finde ich dazu immer nur "rotte" als Verweis auf "Ratte", oft auch als Vorsilbe mit dieser Bedeutung. Aber Ratte als abfällige Bezeichnung, auch ist "rottisch" als "sich als Ratte verhaltend" belegt, würde ja gut zur Semantik passen. Ich finde es aber einen komischen Zufall, dass "rozzo" ital. eine ähnliche Bedeutung wie "frech" hat. In Wörterbüchern finde ich allerdings nicht die Übersetzung "frech" per se, sondern "derb, ungehobelt, roh, grob".


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
Webseite des Benutzers besuchenAlle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
07.10.2015, 09:28:49
Beitrag #6
RE: "tagtäglich", "wortwörtlich" und ähnliche Wortbautypen
Oh, tolle Beispielwörter! Ich habe mich gleich damit befasst Lächel
http://www.sprach-blog.de/?p=602

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
07.10.2015, 17:15:46
Beitrag #7
RE: "tagtäglich", "wortwörtlich" und ähnliche Wortbautypen
Mal noch ein paar Spekulationen von mir:
(06.10.2015 14:30:38)Kevin schrieb:  Gibt es denn genaueres darüber, wann die beiden Wörter in etwa das erste Mal belegt sind?
Spannend wäre, ob die Lexeme schon für das Mittelhochdeutsche belegt sind. Falls nicht, könnte man von da aus vorwärts suchen. Die historischen Korpora, die Cosmas II anbietet, decken (rückwärts) den Bereich bis 1700 ab. Der erste Beleg für 'tagtäglich' stammt von 1758, der erste für 'wortwörtlich' von 1906. (Und der erste für ein weiteres Lexem, das mir einfiel, 'nachtnächtlich', stammt von 1772). Offen bleibt die Frage -- wie bei Korpusuntersuchungen häufig -- inwiefern diese Wörter als umgangssprachlich einzustufen sind und deshalb nur so mittelmäßig im Korpus erscheinen.

(06.10.2015 14:30:38)Kevin schrieb:  "Jahrjährlich" habe ich in der Tat schon mal gehört und benutzt, aber gar nicht mal als ad hoc-Bildung, sondern als Lemma selbst. Dass dies aber an "tagtäglich" angelehnt ist, ist überaus wahrscheinlich.
Da stellt sich dann nebenbei die Frage, ab wann ein Wort existiert. Formen wie "stundstündlich" liegen morphosemantisch nahe und können intuitiv gebildet und verstanden werden. Allerdings sind mit Ausnahme von "wortwörtlich" und "tagtäglich" alle Formen dieses Typs nach meiner Einschätzung nicht sehr frequent. Meine Aussage im letzten Beitrag beruhte daher auf der Behauptung, dass sie nicht zum aktiven Wortschatz gehören, aber bei Bedarf in geeigneten Situationen gebildet werden können. Ist aber zugegebenermaßen etwas wackelig Zwinker Nebenbeobachtung: Viele Belege für die etwas ungewöhnlicheren Formen stammen aus Zusammenhängen, die ich als eher umgangssprachlich einstufen würde. Da sollte man nicht zu viel reininterpretieren, aber das könnte ein weiteres Indiz sein.

Zitat:Ich frage mich, wieso diese Rekurrenz nur bei diesen beiden Wörtern belegt ist. Beide sind semantisch relativ unverwandt aber weisen den gleichen morphologischen Bau auf, der aber anscheinend nicht (mehr?) produktiv ist. Ich bin zwar nur Laie, aber finde das trotzdem komisch.
Abgesehen von 'nachtnächtlich' sind mir noch 'punktpünktlich' und 'buchbuchstäblich" eingefallen, für die ich bei Google schwache Evidenz finde (für letzteres übrigens überwiegend in Texten des 18. und 19. Jahrhunderts).

Ähnlichkeiten gibt es schon ein paar:
Phonologisch gesehen sind die jeweils zugrundeliegenden Nomina überwiegend einsilbig. Dass das ein begünstigendes, wenn auch nicht notwendiges Kriterium ist, sieht man man 'buchbuchstäblich', wo nur das erste Morphem herausgelöst und wiederholt wird. Weiterhin vielleicht bei den (für mich) etwas zweifelhaften potentiellen Formen 'sekundsekündlich', 'minutminütlich', 'stundstündlich' und 'monatmonatlich', bei denen das finale Schwa getilgt wird und die möglicherweise aufgrund ihrer Zweisilbigkeit zugunsten alternativer Konstruktionen ('sekundengenau' etc.) weniger verwendet werden. Andererseits: Satzsätzlich verwendet glaube ich nicht, obwohl 'Satz' einsilbig ist.

Morphosyntaktisch haben sie gemein, dass sie mittels des Suffixes '-lich' gebildet werden.

Semantisch bezeichnen sie alle eher abstrakte Dinge und sind zählbar. Weiterhin befinden sie sich (fast alle) in er hierarchischen Relation; es gibt jeweils weitere Einheiten, mit denen sie semantisch in einer größer-kleiner Beziehung stehen. Punktpünktlich passt da leider nicht rein.

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
08.10.2015, 20:50:59
Beitrag #8
RE: "tagtäglich", "wortwörtlich" und ähnliche Wortbautypen
Vielleicht sollte ich mein Prager Seminar in Korpuslinguistik nutzen, um dem weiter nachzugehen. Zwinker Vielen Dank für die erhellenden Antworten! Lächel


Hier könnte reger's Signatur stehen...
Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitierenReturn to top
Antwort schreiben 


Gehe zu:


1 Benutzer in diesem Thread: (0 Mitglieder, und 1 Besucher). 1 Gast/Gäste