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[Phon]: Phonetik & Phonologie  » Erledigt: Heute Heute Damaszener --> Zwetschge?

07.06.2013, 22:51:02
Beitrag #1
Damaszener --> Zwetschge?
Hallo ihr Lieben,

habe gerade ein bisschen Zeit auf wikipedia vergeudet und bin im Artikel über Pflaumen auf folgenden Satz gestoßen, natürlich ohne Angabe, um welche ominösen Sprachforscher es sich da handelt:

Als Zentrum des Pflaumenhandels etablierte sich Damaskus, und beim Begriff „Zwetschge“ könnte es sich um die Entlehnung und nachfolgende Angleichung von „Damaszener“ handeln, wie Sprachforscher vermuten.

Das hat mich neugierig gemacht und ich hab ein bisschen gegoogelt, konnte aber keine genaueren Angaben finden. Nun frage ich mich, welche Prozesse da phonologisch abgelaufen sind, durch die aus "Damaszener" "Zwetschge" entstanden ist. Hat da jemand eine Idee?

Vielen Dank im Voraus Lächel

P.S.: Bitte verschieben, falls es besser ins Phonologie-Forum passen sollte Lächel


hɒŋk ɪf ju lʌv ˌaɪpiːˈeɪ

57. StuTS [13. bis 17. Mai 2015 in Marburg]
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08.06.2013, 06:44:55
Beitrag #2
RE: Damaszener --> Zwetschge?
Hallo,

immer diese 'Sprachforscher'. Pft. Zwinker

Eine genaue Antwort kann ich dir leider auch nicht geben. Aber im etymologischen Wörterbuch von Grimm findet sich u.a. (Hervorhebung von mir):

Zitat:aus roman. *davascena, neben der normalform damascena, 'pflaume aus Damascus' (gr. τὰ Δαμασκηνά, ngr. δαμάσκηνο(ν)), vgl. dazu Frings Germ. rom. 69; dabei sind als zwischenformen vorauszusetzen *dawaskin, *dwaskin; *twaskin (Brøndal substraater og laan 1917, 172 ff.); doch bleibt beim vergleich der ältesten deutschen formen mit den romanischen einiges unklar, so der gutturale verschluszlaut im deutschen (s. u.) gegenüber der palatalisierung des lat. c. — die ältesten zeugnisse des deutschen wortes (im 15. und 16. jh., s. u.) stammen aus dem südwesten des sprachgebietes;


Der vollständige Eintrag findet sich hier.


Math puns are the first sine of madness.
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08.06.2013, 11:15:06
Beitrag #3
RE: Damaszener --> Zwetschge?
Was da genau lautlich passiert ist, kann auch Kluge/Seebold nicht erklären. Im etymologischen Wb. von Pfeifer jedoch findet sich ein interessanter Hinweis auf einen Aufsatz von M. Frings, Germania Romana 2 (1968), S. 420f. sowie auf die Entwicklung des Anlautes, die man unter dem Lemma quer nachlesen möge. Dort wird dargelegt, dass die Dentale /t, d/ vor /w/ ab ca. dem 14. Jhdt. zum Gutturalen /kw/ mutierten (ahd. daher noch twer; vgl. niederdt. dwars), vergleiche auch Quirl (< twirl), Quark (< slav. tvorog).

Für eine Beobachtung des Wechsels in die Gegenrichtung /KL/ > /TL/ siehe auch Blevins & Grawunder 2009: http://www.degruyter.com/view/j/lity.200...09.013.xml

Bei Kluge wird allerdings auf weiterführende Literatur verwiesen. Bei Bedarf tippe ich das gerne hier noch hinein.


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08.06.2013, 19:10:58
Beitrag #4
RE: Damaszener --> Zwetschge?
Vielen Dank Lächel


hɒŋk ɪf ju lʌv ˌaɪpiːˈeɪ

57. StuTS [13. bis 17. Mai 2015 in Marburg]
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08.06.2013, 21:42:58
Beitrag #5
RE: Damaszener --> Zwetschge?
Kleine (spekulative!) Ergänzung:

Um vom /damaske ~ damastse/ auf /kwetʃə ~ tswetʃgə/ zu kommen, muss wohl folgendes passieren:
  1. Reduktion bis Wegfall des /a/ in der ersten Silbe (über /ə/ zu Null) aufgrund des untypischen, nicht-initialen Wortakzents (Vokalreduktion in unbetonten Nebensilben, regulärer Vorgang im Deutschen, gelegentlich auch bei Lehngut vgl. z.B. Grotte < it. grotta); Resultat: /dṃaskə ~ dṃastsə/
  2. Cluster aus Dental und silbischem Nasal wird durch /u/ erweitert (regelhaft in den Germania, vgl. idg. pḷno > got. fulls, engl. full, dt. voll); dieses /u/ kann mithin zu /w/ verschleifen: Resultat: /dwmaskə ~ dwmastsə/
  3. Mutation von /dw/ zu /kw/ (siehe oben); Resultat: /kwaskə ~ kwastse/
  4. Palatalisierung von /s/ zu /ʃ/ vor erhaltenen /p,t,m,n/ und entfallendem /k/ (regelhaft seit Althodchdt., vgl fisk vs. Fisch, stone vs. Stein usw.); Resultat: /kwaʃkə ~ kwaʃtsə/
  5. der ungewöhnliche Cluster /ʃts/ kann über /stʃ/ (Metathese) oder /ʃtʃ/ (Assimilation) zum gewöhnlicheren /tʃ/ abgebaut werden; von da zur – regional belegten – Quetsche ist es nicht mehr weit; bliebe noch die geläufigere Form
  6. /kwaʃ(k)ə ~ kwaʃtsə/ könnten sich wechselseitig beeinflusst haben, so dass neben der zuvor genannten Auflösung des hinteren Konsonantenclusters der Cluster im Anlaut assimiliert wird; hier würde zudem auch die oben erwähnte analoge Entwicklung /KL/ > /TL/ verstärkend wirken können; Resultate: /twatʃkə ~ twa(ʃ)tʃə/
  7. In Analogie zum nddt.-hochdt. Kontrast /tw/ : /tsw/ (siehe twee vs. zwei) könnte der im Hochdt. ungewöhnliche Anlaut quasi "nachträglich" den Regeln der zweiten Lautverschiebung unterworfen worden sein; Resultate: /tswatʃkə ~ tswaʃtʃə/
  8. Hebung des Vokals der ersten Silbe von /a/ zum /e/; Resultat: /tswe(t)ʃ(k)ə/
  9. Lenisierung des /k/ zu /g̊/; Resultat: /tswetʃgə/ — fertig ist die Zwetschge


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