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 » nicht erledigt Deutschland, deine ...

11.03.2015, 20:27:15
Beitrag #1
Deutschland, deine ...
Hallo,
ich frage mich, woher dieser Ausdruck 'Deutschland, deine ...' kommt. Ich konnte auf die Schnelle im Internet nichts finden, außer zahlreiche Fallbeispiele wie 'Deutschland, deine Frauen', 'Deutschland, deine Künstler', 'Deutschland, deine Einkaufszentren'...
Gibt es für diese Redewendung einen gewissen Ursprung? Ein Gedicht, ein Film, ein Buch? Ich wollte wissen, ob die Redewendung nicht irgendwie mit dem NS-Regime konnotiert ist oder anderweitig etwas mitschwingt, weshalb man den Begriff nicht benutzen sollte. Außerdem schien mir so, als hätte diese Redewendung eine gewisse Vergangenheit, wenn er schon so systematisch und produktiv benutzt wird.
Vielen Dank und viele Grüße,
Kevin


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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11.03.2015, 22:08:57
Beitrag #2
RE: Deutschland, deine ...
Spannende Frage Lächel

Das älteste in der deutschen Nationalbibliothek verzeichnete Medium mit einem passenden Titel ("Deutschland, deine Jugend!") ist eine publizierte Konfirmandenpredigt aus dem Jahr 1914. Damit kannst du zumindest belegen, dass diese "Deutschland deine N.PL"-Konstruktion schon zu Beginn des ersten Weltkriegs bekannt war. Ich habe aber Zweifel daran, dass ein solcher Nischentext der Ursprung ist. Erfasst werden Titel ab 1913 und die Konstruktion würde ja mindestens mal auch in's 19. Jahrhundert passen.

Die Suche nach Gedichten förderte bisher einzig einen eher nicht passenden Vers ("O Deutschland, deine Großen//Zu ehren stets bereit!") aus einem Gedicht von 1842 zutage. Ist vmtl. eher eine zufällige syntaktische Ähnlichkeit.

Ich wette, die Quelle ist irgendwas anderes. Mal sehen =)

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13.03.2015, 18:55:17
Beitrag #3
RE: Deutschland, deine ...
Duden - Das große Buch der Zitate und Redewendungen schrieb:Deutschland, deine ...
Mit »De3utschland, deine ...« beginnen einige Titel von Büchern, in denen amüsant-Informativ typische Merkmale und Eigenheiten verschiedener deutscher Volksstämme dargestellt werden, z.B. Thaddäus Troll (1914-1980) »Deutschland, deine Schwaben«. Nach diesem Muster sind zahlreiche, meist auf einen Personenkreis bezogene Abwandlungen üblich geworden wie »Deutschland, deine Denker« oder »Deutschland, deine Jugend«.

Quelle: Alsleben, Brigitte; Mülverstedt, Carolin; Scholze-Stubenrecht, Werner. "Das Große Buch der Zitate und Redewendungen". Mannheim; Leipzig; Wien; Zürich: Dudenverlag, 2002, S. 154.


Do you know where your towel is?
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13.03.2015, 22:22:15
Beitrag #4
RE: Deutschland, deine ...
Danke, euch beiden für die Informationen. Das lässt NS-politische Konnotation schon einmal ausschließen. Nun bin ich aber trotzdem angefixt, woher dieser Ausdruck genau kommt. Die Systematik würde für mich eher dafür sprechen, dass es einen konkreten Anfang hat.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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14.03.2015, 15:07:36
Beitrag #5
RE: Deutschland, deine ...
Ein vereinzeltes Vorkommen in einem Gedicht des 19. Jhdts. ist eher ein Zufallstreffer, würde ich sagen. Das Gedicht war wohl kaum so populär, dass die Formulierung daher in die Allgemeinsprache übergegangen wäre. Sonst hätte @thf da mehr Treffer gefunden und im Zitateduden wäre darauf verwiesen. Die Buchtitel aus der ersten Hälfte des 20. Jhdts. sind da schon eher geeignet, in einem breiten Publikum aufgegriffen und verfremdet bzw. parodiert zu werden. So oder so ist zwischen Märzrevolution und Ende des 2. Weltkriegs eine Zeit der national(istisch)en Ideen — so ganz unbelastet ist die Formel also sicher nicht.


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14.03.2015, 20:17:51
Beitrag #6
RE: Deutschland, deine ...
(14.03.2015 15:07:36)janwo schrieb:  Ein vereinzeltes Vorkommen in einem Gedicht des 19. Jhdts. ist eher ein Zufallstreffer, würde ich sagen. Das Gedicht war wohl kaum so populär, dass die Formulierung daher in die Allgemeinsprache übergegangen wäre [...] So oder so ist zwischen Märzrevolution und Ende des 2. Weltkriegs eine Zeit der national(istisch)en Ideen — so ganz unbelastet ist die Formel also sicher nicht.
Das Gedicht hatte ich angeführt, um zu zeigen, wie/dass sich dieser "Snowclone", aus mehr oder weniger gewöhnlicher Sprache (sofern man das vom poetischen Register sagen kann), entwickelt haben könnte.

Mit der Schreibung "Teutschland" findet man beispielsweise schon in einem Gedicht von Martin Opitz von 1628 einen Treffer ("Muß weiß und Weitze seyn. Mein Teutschland, deine Vätter//Die waren recht für uns, so allzeit volle Bräter"), der in die Richtung geht, aber semantisch und syntaktisch nicht ganz hinhaut;
einen weiterer ähnlicher Fall ("Weit erschallt wie Kirchenglocken,//Teutschland, deine Herrlichkeit,") immerhin 1814. Das passt beides meiner Ansicht nicht zur heutigen Verwendung, führte aber vielleicht dahin. Die Beispiele sind weiterhin --wie schon die vorherigen -- wohl nicht prominent genug, als dass sie als Quelle herhalten könnten.

Wenn man der Sache auf die Spur kommen will, wäre ein möglicher Weg, der mir vielversprechend erscheint, dass man sich generell anschaut, seit wann diese personifizierte Anrede von [DT]eutschland vorkommt; vmtl. landet man dann eher Richtung dreißigjähriger Krieg. Ich denke, dass die spezifische Konstruktion ein Untertypus dieser Anredeformen ist. In der DNB findet man auch Titel wie "Deutschland, nutze deine Wasserkräfte" (1919) oder "Deine Toten, Deutschland, leben in dir" (1935), die ich ähnlich finde; bei letzterem wären wir dann auch bei der propagandistischen Verwendung angekommen, wenn ich das richtig deute. Eine Häufung gibt es dann ab 1965 mit den im Duden-Zitat angesprochenen "Volksstämmen" ("Deutschland, deine Sachsen", 1965; "Deutschland, deine Preussen", 1966; "Deutschland, deine Schwaben", 1967 -- aber auch). Relativ schnell wurde das dann auch auf andere Sachbereiche übetragen (1966:"Deutschland deine Redner"; 1969:"Deutschland deine Trauer" , Deutschland deine Töchter" usw. usf.) Ich würde daher mutmaßen, dass in dieser Welle der Anknüpfungspunkt zur heutigen Verwendung liegt.

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