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[Hist]: Historisch-vergleichende Ling., Diachronie, Sprachwandel  » nicht erledigt Die deutsche Sprache in 50 Jahren
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17.07.2013, 15:39:02
Beitrag #1
Die deutsche Sprache in 50 Jahren
Hallo zusammen!

Was denkt ihr? Wie könnte die deutsche Sprache in 50 Jahren denn so aussehen? Vorallem interssant zu wissen, ob es immer noch Großschreibung gibt oder einige Initiativler die Kleinschreibung durchsetzen werden? Oder wie sieht's mit dem Einfluss von Fremdwörtern aus? Nimmt der eher zu, nicht nur aus dem Englischen, sondern vielleicht auch aus etwas exotischeren Regionen, wie Indonesien? Sagt man dann "besar" für "toll", wie man heute schon "cool" benutzt?

Und aus grammatischer Sicht? Wird es neue Tempi geben, was vielleicht zusammenhängt mit neutechnischen Erfindungen, wie etwa Zeitmaschinen? Werden neutechnische Erfindungen immer noch Anglizismen sein oder werden wir Bezeichnung wie "Smartphone" oder "Computer" verdeutschen?

Und werden wir umgangssprachliche Sprechweisen einfach übernehmen und diese im schriftlichen Bereich anerkennen? Wird aus "aber" "aba" und aus "einen" "nen"?

Da fällt mir noch ein anderer Aspekt ein: Die französische Jugend spielt ja gerne mit Wörtern, was einige unter uns vielelicht als "Verlan" kennen. Das bedeutet nichts anderes, als dass man einfach Silben vertauscht, als Beispiel: "bizarre" wird zu "zarbi". Wird dieser Trend auch uns erreichen?

Oder wird doch irgendwie alles genauso sein wie heute? Ich weiß, das ist eine ziemlich große Menge an Fragen, aber das Thema ist einfach mehr als interessant; ich freue mich schon auf eure Antworten.


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18.07.2013, 02:46:32
Beitrag #2
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
(17.07.2013 15:39:02)SprachenFreund schrieb:  Vor allem interessant zu wissen, ob es immer noch Großschreibung gibt oder einige Initiativler die Kleinschreibung durchsetzen werden.

Aber gewiss doch! Big Grin

Rolf Landolt
Bund für vereinfachte rechtschreibung (gegründet 1924)
www.rechtschreibreform.ch


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18.07.2013, 09:23:57
Beitrag #3
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
(18.07.2013 02:46:32)Rolf Landolt schrieb:  Aber gewiss doch!

Magst Du Deine Prognose vielleicht einmal begründen?


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18.07.2013, 11:18:34
Beitrag #4
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
@SprachenFreund - so eine Prognose ist schwer zu treffen. Wenn man den schwarzmalerischen Wehklagen derjenigen glaubt, die sich um die #Sprachpflege des Deutschen kümmern, dann ist unsere Sprache dem Untergang geweiht. Siehe hier: http://www.linguisten.de/Thread-Sprachpflege-nutzlos
Vielleicht mag jemand von der @sprachwelt mir hier widersprechen oder mich ergänzen?

Etwas weniger pessimistisch betrachtet kann man nur extrapolieren aus den gegenwärtig beobachtbaren Tendenzen und den Entwicklungen der letzten 50 bis 100 Jahre. Wenn man nur mal schaut, auf wie vehementen Widerstand seitens der Sprechergemeinschaft jegliche Rechtschreibreformen und -reformversuche seit 1902 gestoßen sind, ist es nicht sonderlich wahrscheinlich, dass es innerhalb der nächsten zwei Generationen dazu kommen wird, dass die Substantivkleinschreibung zur Norm erhoben wird. Auch andere Vereinfachungen, egal wie wünschenwert sie aus der Lerner- oder Lehrerperspektive sein mögen, werden es ebenfalls schwer haben, sich zu etablieren: Auch fast ein Jahrhundert nach der Abdankung des Kaisers gehorcht man ihm immer noch und buchstabiert "seinen" Thron mit <th>, weil er seinerzeit auf der Beibehaltung des barocken H-Auswuchses beharrte. Eine einheitliche, eindeutige und konsequente Markierung der Vokalquantitäten, z.B. durch konsequente Doppelung oder den Makron oder einen Akzent als Längenmarkierung wäre wünschenswert, ist aber nicht durchsetzbar.

Was andere Entwicklungen angeht, lohnt sich ein Blick in die gegenwärtigen Umgangssprachen, insbesondere der jungen Generation. Vieles, was auch z.B. im Kiezdeutschen passiert, greift Tendenzen verstärkend auf, die in der deutschen Sprache ohnehin bereits erkennbar waren, beispielsweise der Wegfall von Artikeln und Präpositionen in Äußerungen wie Ich muss Alexanderplatz aussteigen oder ich fahr bis Hauptbahnhof.

Es wird mit Sicherheit einen großen Wandel im Bereich des Wortschatzes geben, weil alte Technologien und Artefakte aus dem Alltagsleben verschwinden und mit ihnen natürlich ihre Terminologien. Dafür werden andere Begriffe neu gebildet oder aus anderen Sprachen entlehnt. hauptquelle hierfür ist spätestens seit der Nachkriegszeit, vermutlich aber schon seit der Industrialisierung, das Englische. Ob in Zukunft eine andere #Weltsprache wie Chinesisch oder Arabisch oder brasilianisches Portugiesisch prominenter wird und massiven Lehnwort-Zufluss ins Deutsche bewirkt, darüber kann man nur spekulieren. Das hängt zudem fast ausschließlich von außersprachlichen Faktoren ab, nicht zuletzt wirtschaftlichen, kulturellen und politischen.


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18.07.2013, 13:35:51
Beitrag #5
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
(18.07.2013 09:23:57)janwo schrieb:  Magst Du Deine Prognose vielleicht einmal begründen?

«Der beste weg, die zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.» Willy Brandt


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18.07.2013, 13:49:28
Beitrag #6
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
Mit dieser Frage habe ich mich auch schon oft beschäftigt.
50 Jahre sind nun allerdings kein allzugroßer Zeitraum. Bis dahin wird sich wahrscheinlich relativ wenig verändern, zumal durch die ständige Präsenz des geschriebenen Wortes ein Sprachwandel meiner Meinung nach langsamer verhält.
Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen habe, aber ein Einfluss wie es das Englische auf das Deutsche hält immer ca. zwei bis drei Jahrhunderte an. (Die Regel muss sicher an die Moderne agepasst werden.) Danach nehmen auch wieder die eingesprachlichten Fremd- und Lehnwörter ab, siehe den französischen Einfluss auf das Deutsche. Auch in 50 Jahren wird der Einfluss des Englischen noch sehr präsent sein. Ich glaube nicht, dass sich so schnell eine neue fernere Sprache etablieren wird, zumal das Chinese für Alltags-Europäer noch gar keine Präsenz hat.
Man kann sich bezüglich des Deutschen in 50 Jahren zwei verschiedene Fragen stellen: Wie wird sich die Standardsprache verändern oder wie wird sich die Umgangssprache verändern?
Ich denke du zielst auf ersteres ab. Da die Standardvarietät immer relativ langsam auf die Umgangssprache reagiert, wird sich da wenig verändern. Ich könnte mir vorstellen, dass sich das Schriftbild vor allem dadurch auszeichnet, dass noch mehr Vokale, die bereits verschluckt werden, auch nicht mehr geschrieben werden. (Bsp.: früher: tuen, heute: tun) Hinzu kommen sicherlich einige grammatikalische Änderungen wie den weiteren Verlust des Genitivs, Verlust einiger Deklinationsklassen (Bsp.: Ich hab den Typ gesehn. (So stelle ich mir auch die Schreibweise vor.)), noch mehr analytische Formen, weitere Veränderungen von starken und schwachen Verben (Bsp: geblunken), etc. Viele Wörter, die in idiomatischen Formulierungen vorkommen werden sicher noch weiter verschmelzen (Bsp.: damals: hiu dagu, heute: heute). Vielleicht geht der Gebrauch des Prteritums soweit zurück, dass es nur noch archaisch ist und nur für lyrische Zwecke benutzt wird.
Aber 50 Jahre sind relativ wenig; ich denke es wäre noch spannender, sich vorzustellen, wie das Deutsche in 100 oder 200 Jahren aussieht.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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18.07.2013, 18:17:04
Beitrag #7
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
(18.07.2013 11:18:34)janwo schrieb:  Auch fast ein Jahrhundert nach der Abdankung des Kaisers gehorcht man ihm immer noch und buchstabiert "seinen" Thron mit <th>, weil er seinerzeit auf der Beibehaltung des barocken H-Auswuchses beharrte.

Diese erklärung ist ja umstritten (de.wikipedia.org/wiki/Thron); warum hätte man das wort anders als andere wörter griechischer herkunft behandeln sollen? Übrigens war ich im vorfeld der neuregelung erstaunt, dass ausgerechnet die vertreter des arbeiter- und bauernstaats auf th, ph und rh als ausdruck der bildungstradition nicht verzichten wollten.

(18.07.2013 11:18:34)janwo schrieb:  Wenn man nur mal schaut, auf wie vehementen Widerstand seitens der Sprechergemeinschaft jegliche Rechtschreibreformen und -reformversuche seit 1902 gestoßen sind

Das war ja auch vorher (1876, 1901 sowie in bezug auf die fraktur-/antiquafrage) nicht anders; und es war in Dänemark vor der abschaffung der substantivgrossschreibung so. Entscheidend ist (wie bei so vielem im leben), dass irgendwann eine günstige politische grosswetterlage eintritt (in Dänemark nach dem 2. weltkrieg, in Russland nach dem 1.). Diese kann man nicht voraussehen (wer hat den fall der berliner mauer vorhergesehen, wer hat das internet vorhergesehen?), aber man muss dann bereit sein.


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19.07.2013, 14:04:42
Beitrag #8
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
Zitat:janwo: Etwas weniger pessimistisch betrachtet kann man nur extrapolieren aus den gegenwärtig beobachtbaren Tendenzen und den Entwicklungen der letzten 50 bis 100 Jahre. Wenn man nur mal schaut, auf wie vehementen Widerstand seitens der Sprechergemeinschaft jegliche Rechtschreibreformen und -reformversuche seit 1902 gestoßen sind, ist es nicht sonderlich wahrscheinlich, dass es innerhalb der nächsten zwei Generationen dazu kommen wird, dass die Substantivkleinschreibung zur Norm erhoben wird.

Was würdest Du aber zu einer Lockerung der Rechtschreibregelungen sagen? Würden solche Initiativler ruhig stellen oder würde das nur zu einer größeren Verwirrung und Unverständlichkeit führen, wenn alle nach dem Motto "schreib' wie du willst" schreiben? Ein anderer Aspekt, der mir gerade einfällt, ist, dass man verstärkt in Foren und Chatportalen vehement kleinschreibt und da stellt sich mir die Frage: Wenn man in Zukunft immer weniger auf das Papierschreiben beharrt und auch unsere Schulen verstärkt auf das Computerschreiben setzen, wäre da eine Änderung der Großschreibung nicht sinnvoll? Das ständige Drücken auf die Umschalttaste kann doch manchmal zur Plage werden? Was hat das Substantivgroßschreiben überhaupt noch für einen tieferen Sinn, wenn man genau darüber nachdenkt?

Zitat:janwo: Vieles ... greift Tendenzen verstärkend auf, die in der deutschen Sprache ohnehin bereits erkennbar waren, beispielsweise der Wegfall von Artikeln und Präpositionen...

Was würde es bringen, wenn man auch hier Regelungen lockert und solche Schreibweisen anerkennt? Oder ist der Widerstand von Leuten zu groß, die die "Schönheit unserer Sprache" bewahren wollen und sich gegen das "Kiezdeutsch" stellen? Wird Sprachpoesie so immer noch weiter gepeinigt, selbst wenn sie schon längst tot ist?

P.S.: Danke für die Antworten!


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19.07.2013, 14:23:13
Beitrag #9
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
Zitat:Kevin: Ich glaube nicht, dass sich so schnell eine neue fernere Sprache etablieren wird, zumal das Chinese für Alltags-Europäer noch gar keine Präsenz hat.

Der Linguist Jan Dönges meinte mal in einem seiner Artikel, dass China sich wirtschaftlich enorm entwickelt -was uns ja bekannt ist- und Schüler dadurch erhöhtes Interesse am Lernen von Chinesisch hätten. Als Folge würden sich dann immer mehr chinesische Ausdrücke einschleichen können, nicht?

Zitat:Kevin: Vielleicht geht der Gebrauch des Prteritums soweit zurück, dass es nur noch archaisch ist und nur für lyrische Zwecke benutzt wird.

Interessante Aussage! Gibt es dazu irgendwelche Tendenzen oder warum meinst Du, dass es ausgerechnet das Präteritum erwischen könnte?


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19.07.2013, 14:34:41
Beitrag #10
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
(19.07.2013 14:04:42)SprachenFreund schrieb:  Was würdest Du aber zu einer Lockerung der Rechtschreibregelungen sagen?

«Die Verschriftung ist nicht notwendigerweise mit Rechtschreibung verbunden. Es handelt sich um ein relativ junges kulturelles Phänomen, etabliert durch Sprach- und Schriftverbesserungsstrategen. – Dabei hätten Sprachwissenschaftler das nötige Wissen, um eine gesunde Skepsis gegen die Rechtschreibnormierung zu entwickeln: Sie wissen, dass Rechtschreibnormen nicht «ewig» sind, daß sie historisch entstanden und damit datierbar sind und daß sie in engem Zusammenhang mit der Herausbildung der Nationalstaaten stehen.»
Elisabeth Leiss: «Die regulierte §chrift. Plädoyer für die Freigabe der Rechtschreibung.» 1997


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19.07.2013, 15:04:01
Beitrag #11
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
Interessantes Thema.

50 Jahre sind echt keine lange Zeit für die Entwicklung bzw. nachhaltige Veränderung einer Sprache. Deshalb denke ich, man muss da scharf trennen zwischen Schriftsprache / Standardsprache (also das was gemeinhin und fälschlicherweise oft als "Hochdeutsch" bezeichnet wird) und gesprochenen Varietäten.

Die Standardsprache wird sich wahrscheinlich nicht signifikant ändern, dafür ist die Zeit zu kurz. Mal abgesehen von eventuellen Rechtschreibreformkatastrophen, die jedoch verbuche ich persönlich nicht als "die Sprache ändert sich" sondern "die Sprache wird von außen verändert". Was sich Reformfanatiker einfallen lassen und ließen hat meiner Meinung nach nicht viel mit einem natürlichen Prozess des Sprachwandels zu tun, mehr mit Politik und Pädagogik und Willkür.

Varietäten sind jedoch immer im Fluss, und vor allem soziokulturell bedingt. Phänomene wie "Mode-Slang", moderne "Fachbegriffe" die plötzlich in aller Munde sind, irgendwelche "Wörter des Jahres" werden immer kommen und gehen, daran können wohl auch Sprachpuristen nichts ändern. Zwinker Meine Mutter sagt "prima", wenn sie etwas "cool" findet, mein kleiner Neffe sagt "krass arg" - wir sind alle nicht in irgendwelchen Subkulturen und ihren respektiven Jargons verwurzelt, sondern schlicht und ergreifend Kinder unserer Zeit, denn solche kleineren Veränderungen ziehen sich wohl durch die Generationen.

Leider finde ich gerade die Quelle nicht, aber kürzlich habe ich einen Artikel dazu gelesen, dass gerade durch den Medienkonsum und die erhöhte Mobilität des Durchschnittsmenschen die deutsche (Umgangs-)Sprache immer mehr vereinheitlicht wird. Das betrifft natürlich vor allem regionale Varietäten und Dialekte - manche reden schon von einem "Dialektsterben". Das extreme Gegenbeispiel dazu ist die Schweiz, also mal sehen wie es sich entwickelt.

Was ich allerdings glaube, ist, dass sich im Laufe der nächsten 50-100 Jahre nicht nur englische sondern immer mehr türkische und südslawische Wörter als Fremd- und Lehnwörter ins Deutsche einschleichen werden. Einfach migrationsbedingt und aus kulturellen Gründen - das hat auf lange Sicht aber nichts mit "Kiezdeutsch" zu tun, meiner Meinung nach, sondern ist eine ganz normale Anpassung an die gesellschaftliche Realität, die im Laufe der Geschichte schon oft passiert ist. Ich denke da ganz explizit an Gallizismen, die ca. im 18. Jahrhundert aufgrund einer Modeströmung in die deutsche Sprache gekommen sind und uns inzwischen so "normal" vorkommen dass wir sie nicht auf den ersten Blick als Fremdwörter identifizieren: Dame, Cousin, Porträt, Zigarette, etc.



Ad Präteritum: darüber musste ich, als Österreicherin, gerade schmunzeln Lächel Wir verwenden das Präteritum eigentlich niemals in der gesprochenen Sprache, in geschriebenen Texten jedoch "ganz normal". War aber glaube ich nicht immer so.


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19.07.2013, 16:10:51
Beitrag #12
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
(19.07.2013 15:04:01)lletraferit schrieb:  abgesehen von eventuellen Rechtschreibreformkatastrophen, die jedoch verbuche ich persönlich nicht als "die Sprache ändert sich" sondern "die Sprache wird von außen verändert".

Was ist «außen»? Der Mars? Oder gehört die sprache dir, und du bestimmst, wer innen und wer aussen ist? Abgesehen davon: Eine rechtschreibreform nennt man so (und nicht sprachreform), weil sie die rechtschreibung betrifft.


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19.07.2013, 16:35:37
Beitrag #13
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
Zitat:Eine rechtschreibreform nennt man so (und nicht sprachreform), weil sie die rechtschreibung betrifft.
Bin völlig Deiner Meinung, dass man das nicht in einen Topf werfen kann / darf / soll. Deswegen meinte ich auch, dass eine Rechtschreibreform (wie auch immer geartet) kein Indikator dafür ist, dass die Sprache sich ändert. In den vorigen Beiträgen wurde das jedoch immer wieder mal vermischt, deswegen hab ich's angesprochen. Zwinker

Ich meinte mit "außen" ein (von wem auch immer ernanntes) "Expertengremium" oder eine "Aktivistengruppe", die ihre höchstpersönlichen Vorstellungen umsetzen und dem Rest der deutschsprachigen Welt aufoktroyieren. Im Gegensatz dazu eben die "Veränderung von innen", also durch das Kollektiv der Sprachverwender und ihrer, eventuell gemeinsamen, Gewohnheiten die vom derzeitigen Standard abweichen. Das würde, in meinen Augen, bedeuten, dass die am häufigsten gemachten "Fehler" laut dem jetzigen Standard analysiert werden und die Regeln entsprechend dem tatsächlichen Sprachgebrauch bzw. den Schreibgewohnheiten der Leute verändert werden. Ich habe die letzte Rechtschreibreform noch in meiner Schulzeit miterlebt, und fand die Änderungen die da gemacht wurden inkonsequent, völlig arbiträr und aufgrund dessen auch in keinster Weise vereinfachend...


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19.07.2013, 17:47:26
Beitrag #14
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
(19.07.2013 16:35:37)lletraferit schrieb:  Ich habe die letzte Rechtschreibreform noch in meiner Schulzeit miterlebt und fand die Änderungen, die da gemacht wurden, inkonsequent, völlig arbiträr und aufgrund dessen auch in keinster Weise vereinfachend...
Das hindert dich aber nicht, dich an die neue rechtschreibung zu halten Zwinker. Du könntest ja wenigstens versuchen, eine änderung von innen herbeizuführen. Die alte rechtschreibung kommt für dich allerdings auch nicht in frage, denn sie wurde uns von Konrad Duden und seinen experten und aktivisten aufoktroyiert. Seither gibt es für die schule eine amtliche rechtschreibung, was die existenz amtlicher expertengremien nicht so abwegig macht.

(19.07.2013 16:35:37)lletraferit schrieb:  dass die am häufigsten gemachten "Fehler" laut dem jetzigen Standard analysiert werden und die Regeln entsprechend dem tatsächlichen Sprachgebrauch bzw. den Schreibgewohnheiten der Leute verändert werden.
Genau das hat man gemacht, z. b. beim komma zwischen hauptsätzen, bei «platzieren», «tollpatsch».


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18.08.2013, 18:06:40
Beitrag #15
RE: Die deutsche Sprache in 50 Jahren
Ich hätte da noch ein paar Fragen:

1. janwo meinte, dass das Kiezdeutsche verstärkt auf die Standardsprache zugreift. Denkt Ihr, dass man sich weniger um "Ästhetik" in der Sprache kümmert und der Wegfall von Artikeln ("Ich fahr' Bahnhof") Standard und als korrekt angesehen wird?

2. Oder seid ihr der Meinung, dass die Deutschen ihre Sprache anfangen zu lieben und mit dieser verspielter umgehen? Sprich, weniger Anglizismen und mehr französische Verhältnisse (siehe Verlan (das Vertauschen von Silben, bizarre -> zarbi))

3. Werden wir uns von bestimmten grammatikalischen Dingen verabschieden müssen? Was ist Eure Meinung?

Ich freue mich auf jede Antwort!


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