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 » Erledigt: Heute Heute Frage zu den S-Lauten

20.11.2009, 23:21:18
Beitrag #1
Frage zu den S-Lauten
Hallo liebe Linguisten,

ich glaube in diesem Forum bin ich richtig.

Ich bin für meine Diplomarbeit in Typografie auf der Suche nach der genauen Defintion von S-Lauten im Deutschen. Da gibt es ja -s, -ss und -ß, aber soweit ich weiß, gehören auch -x, -c, -tz, und -sch dazu. Ist das richtig? Und gibt es vielleicht noch andere Verbindungen, die mit dazu gezählt werden?

Besten Dank!
Nadine

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21.11.2009, 00:12:28
Beitrag #2
RE: Frage zu den S-Lauten
Hallo,
wenn es um die Verschriftlichung von Lauten geht, muss man etwas aufpassen. Laut(e) und Buchstabe(n) sind nicht das Gleiche.

Den Laut /s/ kann man im Deutschen mit verschiedenen Graphemen (Buchstaben(kombinationen)) wiedergeben: <s>/<S>, <ss>, <ß>, <c(e)> (in Fremdwörtern wie Nuance).

Das <ß> ist dabei eigentlich und historisch gesehen lediglich eine frakturschriftliche Ligatur aus "normalem" ("langen") <s> und dem "runden" Schluss-s das nur am Wortende steht.

Der Laut /s/ ist außerdem in einigen Kombinationen enthalten, die aus verschiedenen historischen Gründen eigene Buchstaben erhalten haben:
/ts/ <c>, <z>, <ts>
/ks/ <x>, <chs>

Mit <sch> (und in einigen Kombinationen von <s> vor <t>, <p> wie bei <Stein>, <Sport>) wird ein anderer Laut bezeichnet: das /ʃ/.

Hinzu kommen noch Ausnahmen, insbesondere in der Schreibung/Aussprache von fremden Namen, Fremdwörtern, Markennamen usw.

Zum Thema "S-Laute":
Der Laut /s/ wird definiert als "stimmloser alveolarer Frikativ" (ein reibender, konsonantischer Dauerlaut, der durch eine Verengung im Bereich der Zahndämme und ohne Schwingung der Stimmbänder erzeugt wird"). Er hat ein stimmhaftes Gegenstück, das in Lautschrift /z/ geschrieben wird und ein "stimmhafter alveolarer Frikativ" ist. Im Standard-Hochdeutschen taucht am Wortanfang und vor Vokalen stets der stimmhafte S-Laut auf <Sonne> : /zɔnə/, mit einer Ausnahme, dem entlehnten Wort <Sex>.

Etwas weiter gefasst gibt es die "Zischlaute", das wären dann auch
/ʃ/ (<sch> usw.) wie in Flasche
/ʧ/ (<tsch> usw.) wie in Matsch
/ʤ/ (<dsch>, <j>, usw.) wie in Dschungel
/ʒ/ (<j>, <g> usw.) wie in Garage
/ç/ (<ch>) wie in Milch, ich
/x/ (<ch>) wie in Nacht, Loch

Kurzum "die S-Laute" sind eigentlich keine genau definierbare Klasse. Man könnte sie etwas umständlich und mit beachtlichem Fehlerpotential höchstens als die Klasse definieren, deren graphematische Repräsentation regelmäßig <s> ist bzw. involviert.

Beantwortet das erst einmal Deine Frage?


Gegenfrage: "Diplomarbeit in Typographie" hört sich spannend an. Vielleicht magst Du uns davon und vom Thema der Arbeit mehr berichten?


Gruß
jan


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21.11.2009, 11:04:59
Beitrag #3
RE: Frage zu den S-Lauten
Hallo Janwo,

wow, was für eine ausführliche Antwort, besten Dank! Das hilft mir um einiges Weiter und erklärt auch, warum ich bisher auf keine exakte Defintion der S-Laute gestoßen bin: es scheint gar nicht so einfach zu sein.

Meine Diplomarbeit in Typografie befasst sich mit dem Buchstaben ß, mit seiner Herkunft und der Problematik, die ihn umgibt und was man so erlebt, wenn man so einen Buchstaben im Nachnamen hat. Wenn ich endlich mal *schnief* damit fertig bin, kann ich auch gerne mehr dazu berichten.

Viele Grüße und vielen Dank!
Nadine


Hallo, ich bin nadros und seit 20.11.2009 hier angemeldet.
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21.11.2009, 15:00:52
Beitrag #4
RE: Frage zu den S-Lauten
Hallo,
noch eben zwei Literaturtipps:
  • Hermann Scheuringer: Geschichte der deutschen Rechtschreibung. Ein Überblick. Wien: Edition Praesens, 1996. (= Schriften zur diachronen Sprachwissenschaft; 4).
  • Martin Neef: Die Graphematik des Deutschen. Tübingen : Niemeyer, 2005. (= Linguistische Arbeiten; 500).
  • Nanna Fuhrhop: Orthographie. 2. Aufl. Heidelberg: Winter, 2007. (=Kurze Einführungen in die germanistische Linguistik; 1). [Seiten 30-31]
  • Wilhelm Schmidt: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. 10. Aufl. Stuttgart: Hirzel, 2007. [Hier ist auch von S-Lauten die Rede; siehe insbesondere Seiten 382-384; dort auch zahllose weitere Literaturangaben]

Ansonsten kann Dir sumire vielleicht noch Tipps geben. DIe hat übrigens auch ein <ß> im Namen. Zwinker


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21.11.2009, 15:12:30
Beitrag #5
RE: Frage zu den S-Lauten
hallo nadros,


ui, auf Deine diplom-arbeit bin ich auch gespannt! Lächel


ich hatte die bereiche "probleme der /s/-schreibung" & "versal-<ß>" neulich noch als prüfungsthema.

die von mir genutzte literatur:

Eroms, Hans-Werner (2000): "Die Neuregelung der s-Schreibung und die Prinzipien der deutschen Orthographie". In: Habermann, Mechthild / Müller, Peter O. / Naumann, Bernd (Hrsg.): Wortschatz und Orthographie in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Horst Haider Munske zum 65. Geburtstag. Tübingen: Niemeyer. 357-373.

Lindauer, Thomas / Schmellentin, Claudia (2008): Studienbuch Rechtschreibdidaktik. Die wichtigen Regeln im Unterricht. Zürich: Orell Füßli. (= UTB. Pädagogik. 3169.) (= utb.de Bachelor-Bibliothek.) 98-101, 147-149.

Müller, Frank / Winkler, Nele (2003): "Totenschein für das Eszett? Eine Vermisstenanzeige". In: Ungewußt 11 (2003/2004). 4-22. [auch ersch. unter ‹http://www.ifan-online.de/ungewu/heft11/mueller-winkler11.pdf› (23.2.2009).]

Munske, Horst Haider (2005): Lob der Rechtschreibung. Warum wir schreiben, wie wir schreiben. München: Beck. (= Beck'sche Reihe. 1671.) 64-72.

Poschenrieder, Thorwald (2006): "Zum großen Eszett im Deutschen aus sprachlicher Sicht". In: Signa 9 (2006). 5-19.

Stötzner, Uta (2006): "Die Geschichte des versalen Eszetts". In: Signa 9 (2006). 21-37.

Stötzner, Andreas (2006): "Der 27. Buchstabe". In: Signa 9 (2006). 39-61.


gerade die beiden signa-hefte bieten viel informationen rund um's <ß>, auch viel typographisches.


gruß,
viola

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21.11.2009, 16:55:22
Beitrag #6
RE: Frage zu den S-Lauten
Hallo und vielen Dank für die Tips. Die meisten Literaturtips sind mir bestens bekannt, vor allem das Signa-Heft von Herrn und Frau Stötzner. Da ich Design studiere, werde ich nicht tiefer in die Linguistik eindringen als notwendig ;-) Vielen Dank noch mal für eure Hilfe!


Hallo, ich bin nadros und seit 20.11.2009 hier angemeldet.
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24.11.2009, 02:24:29
Beitrag #7
RE: Frage zu den S-Lauten
Es gibt doch m.W. auch noch eine leicht andere Art, das "s" zu artikulieren wie wir Deutschen es tun, nämlich die der Niederländer. Soweit ich weiß, wird es dort "weiter hinten" artikuliert (die Zunge drückt also weiter hinten gegen den Daumen) und es hört sich deswegen auch etwas zischender an. Korrigiert mich bitte, falls ich da falsch liegen sollte. Erwähnt wird es aber kaum und ein eigenes IPA-Zeichen für dieses "s" existiert wohl auch nicht. Man möge mich korrigieren, sollte ich was übersehen haben. :-)

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25.11.2009, 13:06:50
Beitrag #8
RE: Frage zu den S-Lauten
Ein separates IPA-Zeichen ist dafür auch nicht unbedingt nötig. Es ist ein [s] mit weniger Friktion. Phonemstatus schafft dieser Unterschied m.W.n. nicht, und wenn man es phonetisch-exakt darstellen will, reichen auch die gängigen Diakritika aus: [s̙]/[s̞] oder so etwas...


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28.11.2009, 16:45:48
Beitrag #9
RE: Frage zu den S-Lauten
Nachtrag:

Das Thema wurde schon mal angeschnitten:
http://www.linguisten.de/showthread.php?tid=185
http://www.linguisten.de/showthread.php?tid=327


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23.02.2010, 13:10:50
Beitrag #10
RE: Frage zu den S-Lauten
Im Sanskrit unterscheidet man zwei sch-Laute. Und ich habe gehört/gelernt, dass es im Deutschen auch so ist, allerdings sind es Allophone.
Das sch in Schuh wird "weicher" als das in Schild ausgesprochen.
Vielleicht ist das ja auch wichtig für deine Arbeit; wollt's nur kurz einwerfen ^^


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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28.10.2010, 18:28:51
Beitrag #11
RE: Frage zu den S-Lauten
Nachtrag: Die Arbeit ist inzwischen fertiggestellt und hat sogar eine Homepage: http://scharfe-type.de/


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