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 » nicht erledigt Geophonetik
▶ ausgegliedert aus: Vorstellung zweier neuer Fachrichtungen

13.06.2013, 10:39:05
Beitrag #1
Geophonetik
Wie wäre es mit Altophonetik: die Lehre von den höhen-(= elevations-)abhängigen Artikulationspräferenzen.

Das gibt's wirklich. Frisch aus dem Hause Everett jun.: http://www.scientificamerican.com/podcas...u-13-06-12
Ejektive sllen sich vor allem aus artikulationsphysiologischen gründen vor allem in Sprachen entwickelt haben, die im höheren Gebirge gesprochen werden.

Ich schätze den Autor ja persönlich durchaus, aber was das jetzt soll? Das sieht für mich nach einer klassischen Scheinkorrelation aus, die man besser erklären könnte mit dem Faktum, dass in den Hochlagen zumeist kleine Sprechergemeinschaften sind (Rückzugsgebiete), in denen sich exotische Phänomene besser halten. Das hat u.a. Trudgill schon in den 1990ern gewusst. Ich habe da auch mal was zu gemacht:
.pdf  wohlgemuth.pdf (Größe: 636,22 KB / Downloads: 9)

Eine Gegenposition hierzu auch noch: G. Jäger: Sound inventories and population size http://dlc.hypotheses.org/470


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13.06.2013, 13:01:06
Beitrag #2
RE: Vorstellung zweier neuer Fachrichtungen
(13.06.2013 10:39:05)janwo schrieb:  Wie wäre es mit Altophonetik: die Lehre von den höhenabhängigen Artikulationspräferenzen.

Ach nee: Das gibt's wirklich. Frisch aus dem hause Everett jun.: http://www.scientificamerican.com/podcas...u-13-06-12

Erinnert mich - für "die andere Achse" - leicht an diesen Artikel, wo Körperteilbezeichnungspolysemien mit Klimazonen/Breitengraden korreliert wird; das fand ich im Gegensatz eigentlich auch recht plausibel Zwinker

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13.06.2013, 19:42:25
Beitrag #3
RE: Vorstellung zweier neuer Fachrichtungen
Ach so, die Altophonetik ist gar nicht so neu.
Bowern 2008 - http://anggarrgoon.wordpress.com/2008/05...-week-diy/
Siehe dazu auch Langauge Log: http://languagelog.ldc.upenn.edu/nll/?p=142

Und zu den Scheinkorrelationen vor allem:
http://www.replicatedtypo.com/spurious-c.../4374.html
http://www.replicatedtypo.com/most-impor.../5870.html

Akazien und Tonalität. Hm. Wer hätte das gedacht?


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13.06.2013, 20:40:57
Beitrag #4
RE: Altophonetik
Aber jetzt mal Scherz beiseite. ich habe mir inzwischen den Originalaufsatz in PLOS ONE angesehen. Ein paar Schwachstellen, di mir dabei aufgefallen sind, möchte ich einfach mal irgendwo festhalten:
  1. Es wird im Artikel mit den verschiedensten faktoren argumentiert, die das Aufkommen von Ejektiven in in größerer Höhe gesprochenen Sprachen begünstigen sollen. Wenn Ejektive diese Vorteile (leichterer Arikulationsaufwand, Eindämmung des Wasserverlustes) mit sich bingen, müssten sie dann nicht andere Konsonanten ersetzen, statt das System zu erweitern und müssten sie dann nicht deutlich häufiger als "normale" Plosive vorkommen?
  2. Es wird im Artikel zwar gesagt, dass Höhe nur eine einfachere Kontrollgröße als mittlerer Luftdruck sei, dass aber Luftdruck der letztlich entscheidende Faktor sei. Hierbei wird unterschlagen, dass der mittlere Luftdruck nicht nur von der Höhe ü.NN sondern auch der geographischen Breite, der Klimazone und anderen Gegebenheiten abhängig ist. Für diese anderen Faktoren wird aber nicht kontrolliert. Angeblich wird für genalogische Verwandtschaft kontrolliert, dennoch zeigen sich vor allem genalogische Cluster.
  3. Das Fehlen von Ejektiven in den Sprachen Tibets (mithin die höchstgelegenen bewohnten Gebiete der Erde!) wird zwar erwähnt, nicht aber plausibel genug erklärt.
  4. Die oben angeführte Möglichkeit, dass Ejektive vor allem in kleinen Populationen aufkommen und erhalten bleiben können, während sie in großen Sprechergemeinschaften "ausnivelliert" werden, wird nicht in Betracht gezogen. Viele kleinere Sprechergemeinschaften sind aus außersprachlichen Gründen in Rückzugslagen zu finden, die für große Mehrheitengemeinschaften nicht attraktiv waren, hierzu gehören auch Hochlagen.
  5. Das Atlasgebrge (ein Gebiet ohne "Ejektivsprachen") wird mit etwas fadenscheinigen Gründen "wegdefiniert", während andere Gebirgszüge vergleichbararer Größe nicht ignoriert werden. Die ebenfalls "ejektivlosen" Gebirge Alpen, Pyrenäen, die Gebirge der Balkanhalbinsel, Ural, Altai, die Gebirge Indonesiens und Neuguineas usw. werden nicht thematisiert.
  6. Es wird implizit unterstellt, dass die (oder: die meisten) ejektivhaltigen Sprachen ihre Ejektive in situ erworben haben. Dies lässt die Möglichkeit außer Acht, dass Sprachen bereits mit diesen Lauten in die jeweiligen Hochlagen eingewandert sind.
  7. Es wird behauptet, dass man direkte Einflüsse von geogr. Höhe auf das Phoneminventar nachgewiesen habe. Nachgewiesen ist jedoch nichts. Eine Korrelation oder Scheinkorrelation wurde diskutiert, über die Gründe gemutmaßt. Was gemutmaßt wurde sind aber mittelbare, d.h. indirekte Gründe, z.B. dass aufgrund des in größeren Höhen geringeren Luftdrucks eine artikulatorische Anpassung erfolgt sei.



Findet Ihr noch mehr Punkte?


P.S.: Replicated Typo hat reagiert: http://www.replicatedtypo.com/altitude-a.../6324.html


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16.06.2013, 21:07:23
Beitrag #5
RE: Altophonetik
Noch ein wenig Kritik: http://allthingslinguistic.tumblr.com/po...s-probably


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17.06.2013, 20:27:41
Beitrag #6
RE: Altophonetik
... und noch eine nette Predigt von Martin W. Lewis und Asya Pereltsvaig: "Ejectives, High Altitudes, and Grandiose Linguistic Hypotheses"
http://geocurrents.info/cultural-geograp...hypotheses
... sogar mit einem Sapir-Whorf-Seitenhieb in Sachen #Gender


Ein Kritikpunkt ist mir noch eingefallen. Die Verortungspunkte der Sprachen bzw. ihrer Punktsymbole im #WALS sind teilweise recht willkürlich gesetzt, um bei der Anzeige aller Sprachen beste darstellbareit bei minimierter Überlagerung zu erreichen. Dazu kommt natürlich, dass Sprechen ja nicht nur an diesem einen Punkt, sondern in Arealen gesprochen werden, die ganz andere Relief- und Höhenverteilungen haben können.


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18.06.2013, 09:45:57
Beitrag #7
RE: Altophonetik
Ich kann's nicht lassen. Harald Hammarström hat Everetts Aufsatz auch noch einmal methodisch demontiert: http://dlc.hypotheses.org/491


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18.06.2013, 10:24:32
Beitrag #8
RE: Altophonetik
Die Altophonetik ist tatsächlich ein alter Hut (wurde damals allerdings natürlich nicht so genannt). Sie wurde früher zur Erklärung der ersten Lautverschiebung im Germanischen verwendet, indem man davon ausging, dass beim Berge Erklimme eher Reibelaute als Verschlusslaute artikuliert wurden (Kurzes mit entsprechender Literatur findet sich hier: http://books.google.de/books?id=zD180xU8...lsehttp://.

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18.06.2013, 12:01:10
Beitrag #9
RE: Altophonetik
(18.06.2013 10:24:32)Roland Schuhmann schrieb:  Die Altophonetik ist tatsächlich ein alter Hut (wurde damals allerdings natürlich nicht so genannt).
Danke. Ich mache mir immer noch die Illusion, dass ich den Terminus Altophonetik geprägt hätte.

(18.06.2013 10:24:32)Roland Schuhmann schrieb:  Sie wurde früher zur Erklärung der ersten Lautverschiebung im Germanischen verwendet, indem man davon ausging, dass beim Berge Erklimme eher Reibelaute als Verschlusslaute artikuliert wurden (Kurzes mit entsprechender Literatur findet sich hier: http://books.google.de/books?id=zD180xU8...lsehttp://.

Hach ja, die Schnaufen-und-Pusten-Theorie. Damals aber leider noch ganz ohne peer review oder (zumindest angestrebt) empirische Untermauerung.


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17.08.2013, 15:56:16
Beitrag #10
RE: Altophonetik
Endlich bringt es mal jemand auf den Punkt:
http://www.replicatedtypo.com/uncovering.../6396.html



Zitat:For instance, linguistic diversity is correlated with the number of traffic accidents in a country, even controlling for population size, population density, GDP and latitude. While there may be hidden causes, such as state cohesion, it would be a mistake to take this as evidence that linguistic diversity caused traffic accidents.


Zitat:Coming across statistical patterns by chance has always been part of the scientific process. However, with culture, it’s much more difficult to intuitively distinguish real patterns from noise or historical influence. Correlations between unexpected features will continue to be exciting, but researchers should apply the right controls and see the studies as motivational rather than direct tests of hypotheses.


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05.09.2013, 18:17:00
Beitrag #11
RE: Altophonetik
Und seine Prominenz, Bernard Comrie höchstdaselbst, gibt eine sehr diplomatische Einschätzung der ganzen Geschichte:

Bernard Comrie schrieb:Bernard Comrie, the director of the linguistics department at the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany, says Everett may be on to something, at least in showing that a real correlation exists between altitude and ejectives.

Like others, however, he is more skeptical when it comes to Everett's suggested explanations, but says they are not "unreasonable."

Comrie also says that the controversy may give linguistic science a shake-up it needs.

"I think [this research] is important in that it really suggests a way in which one could seriously investigate a kind of claim that has largely been neglected by linguists," Comrie says.

"This is a direction they are going to have to consider. So far, linguists are rather negative toward such generalizations, but more because their ideological background leads them to be negative, rather than because there is strong empirical evidence against a particular claim."

http://www.rferl.org/content/language-ca...39081.html


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20.01.2015, 16:12:31
Beitrag #12
RE: Altophonetik
Sie können's nicht lasen. Diesmal geht es nicht um die Höhenlage sondern um die Klimazone bzw. die Luftfeuchtigkeit:

http://www.sueddeutsche.de/wissen/klima-...-1.2311150
http://www.replicatedtypo.com/tone-and-h...10207.html

Ich glaube, die evolutionäre Geophonetik hat noch sehr mit methodischen Kinderkrankheiten zu kämpfen, um aus dem "Das-muss-doch-wohl-ein-scherz-sein"-Niveau heraus zu kommen.


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21.01.2015, 21:31:21
Beitrag #13
RE: Altophonetik
Desto absurder die Idee, umso eher verschaffst du dir Gehör.
Ist doch klar, dass um den Äquator herum eher Tonsprachen vorkommen. Hier werden die meisten Sprachen gesprochen, ergo ist die wahrscheinlich höher, dass sich darunter Tonsprachen befinden. Zudem erklärt deren Theorie nicht die Tonsysteme außerhalb dieser Gebiete, bzw. dass es Sprachen en Masse innerhalb dieser Gebiete gibt, die keine Töne haben. Ein Blick auf die WALS-Karte zeigt doch eindeutig, dass die Verteilung der Tonsysteme eher ein Produkt von Sprachfamilienverteilung ist denn ein Wetterproblem. Am Äquator ist die Sprachendichte am höchsten, ergo mehr Sprachfamilien, ergo mehr mögliche Sprachfamilien mit Tonsystemen. Dass Indonesien und Australien relativ tonarm sind, zeigt doch auch, dass die sprachgeschichtliche Entwicklung von Sprachfamilien mit oder ohne Tonsystemen hier eher eine Rolle spielt als das Wetter.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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22.01.2015, 00:15:10
Beitrag #14
RE: Altophonetik
Die methodische Kritik bleibt ja nach wie vor. Man müsste für diese ganzen Sprachen nicht bloß abstrakte Ortspunkte (wobei Punkte ohnehin problematisch sind, weil man die zu willkürlich in dem Gebiet einer Sprache setzen kann) festlegen (die aus WALS oder ein Mittelwert für ganze Genera?), sondern im Grunde jeweils die Regionen herausarbeiten, in denen diese Sprachen gesprochen wurden, als sie Tonalität entwickelten. Das muss dann noch mit den dazu passenden historischen Klimadaten korreliert werden und nicht mit heutigen Orten und Klimaten.


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25.01.2015, 19:24:32
Beitrag #15
RE: Altophonetik
Siehe dazu auch hier einen neuen Artikel: http://www.pnas.org/content/early/2015/0...2.abstract

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