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 » nicht erledigt Gerede - Kombinationsypothese vs Zirkumfixhypothese

23.11.2014, 18:00:13
Beitrag #1
Gerede - Kombinationsypothese vs Zirkumfixhypothese
Hallo,

ich bereite gerade meine letzte These im großen Thema Wortbildung für meine mdl SpraWi Prüfung vor. In allen anderen 9 Thesen, die ich aufgestellt habe, bin ich gut durchgestiegen, nur kommt mir gerade, dass diese letzte These vllt doch nicht so toll ist, aber nun muss ich da durch...


Also es geht um Gerede und die Kombinationshypothese vs. der Zirkumsfixhypothese.

Hat jemand vllt nen Beitrag dazu, den man lesen könnte oder Pro und Kontra für die eine oder andere Hypothese?


Bis jetzt habe ich nur, dass in der Zirkumfixhypothese Ge...e als ein Affix angesehen wird, es die einzig mögliche Hypothese sein kann, wenn die Grundregel der Binarität gelten soll
(Wörter mit WB-Affix sind grundsätzlich in zwei Einheiten teilbar)
 Zärt 1 lich 2
 Zärtlich 1 keit 2

und es die Abgrenzung von Wörtern ermöglicht, bei denen Präfigierungen und Suffigierungen zeitlich versetzt aufeinanderfolgen
(So leitet das Präfix be das mit bereits mit dem Suffix ig suffigierte Verb festigen ab (befestigen)
--> In 2 Schritten – zuerst fest+ig zu festigen
Dann be+festigen zu befestigen



Bei der Kombinartionshypothese sieht es noch dünner aus... Da habe ich nur

WB-Produkte wie Gerede werden als dreiteilige Struktur gesehen
--> Präfix Ge,
Basis red
Suffix e



Hat jemand noch nen Aufsatz, den man dazu lesen könnte, oder selbst sogar noch Argumente für die jeweilige Hypothese?


Hier könnte pippo289's Signatur stehen...
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23.11.2014, 19:03:28
Beitrag #2
RE: Gerede - Kombinationsypothese vs Zirkumfixhypothese
(23.11.2014 18:00:13)pippo289 schrieb:  Hallo,

ich bereite gerade meine letzte These im großen Thema Wortbildung für meine mdl SpraWi Prüfung vor. In allen anderen 9 Thesen, die ich aufgestellt habe, bin ich gut durchgestiegen, nur kommt mir gerade, dass diese letzte These vllt doch nicht so toll ist, aber nun muss ich da durch...

Aus Prüfersicht kann ich dazu nur sagen, dass kontroverse, diskutierbare Thesen besser sind. Da kommt wenigstens ein echtes Prüfungsgespräch auf.


(23.11.2014 18:00:13)pippo289 schrieb:  Also es geht um Gerede und die Kombinationshypothese vs. der Zirkumsfixhypothese.

Hat jemand vllt nen Beitrag dazu, den man lesen könnte oder Pro und Kontra für die eine oder andere Hypothese?

Uff. So allgemein nicht. Das ist ja auch nicht generell beantwortbar sondern hängt davon ab, welche Morpheme man wie analysieren will und welche Regeln dafür gelten sollen, was "richtig" und "elegant" ist.

(23.11.2014 18:00:13)pippo289 schrieb:  Bis jetzt habe ich nur, dass in der Zirkumfixhypothese Ge...e als ein Affix angesehen wird, es die einzig mögliche Hypothese sein kann, wenn die Grundregel der Binarität gelten soll
(Wörter mit WB-Affix sind grundsätzlich in zwei Einheiten teilbar)
 Zärt 1 lich 2
 Zärtlich 1 keit 2
und es die Abgrenzung von Wörtern ermöglicht, bei denen Präfigierungen und Suffigierungen zeitlich versetzt aufeinanderfolgen
(So leitet das Präfix be das mit bereits mit dem Suffix ig suffigierte Verb festigen ab (befestigen)
--> In 2 Schritten – zuerst fest+ig zu festigen
Dann be+festigen zu befestigen
Ja, das ist plausibel. Bei der Zirkumfixanalyse wertet man das Gesamtgebilde als ein diskontinuierliches Morphem, dessen Teile in dieser Funktion(!) nicht separat Morphemstatus haben.

Die Binarität verletzen auch serielle Affigierungen nicht. Das Gesamtgebilde ist binär, jede seiner unmittelbaren Konstituenten ist ebenfalls binär. Da muss man nur die richtige Reihenfolge finden, wenn es eine gibt.

Zum Beispiel oben: Lass Dich nicht aufs Glatteis führen mit Verben. Das Herantreten des Infinitivsuffixes {-en} ist kein Derivationsschritt, sondern Flexion des (affigierten) Stamms. Das wäre so eine fiese Fangfrage, wie ich sie vermutlich einbauen würde. ;-)

(23.11.2014 18:00:13)pippo289 schrieb:  Bei der Kombinartionshypothese sieht es noch dünner aus... Da habe ich nur

WB-Produkte wie Gerede werden als dreiteilige Struktur gesehen
--> Präfix Ge,
Basis red
Suffix e

Hier wäre es, um binär zu bleiben (manche brauchen das für ihr Seelenheil), die folgende Reihenfolge:
{gerede} = {ge-} + {rede}
{rede} = {red-} + {-e}
fertig.

Das geht bei Gerede ganz gut, weil es (die) Rede gibt, bei Gebirge, Gehuste (nein, die flektierte Form (ich) huste ist hier nicht Basis!) und Gewölle schon nicht mehr. Man sollte bei solchen Diskussionen immer darauf schauen, inwiefern diese Muster produktiv sind und es analoge Formen gibt, die genauso gebildet sind. Manchmal kann man dann daraus generalisieren, welches Muster die meisten Fälle am einfachsten unter einen Hut bringt.

(23.11.2014 18:00:13)pippo289 schrieb:  Hat jemand noch nen Aufsatz, den man dazu lesen könnte, oder selbst sogar noch Argumente für die jeweilige Hypothese?

Nichts als Lektüre, aber einen Denkanstoß:
In der Flexion haben wir ebenfalls Zirkumfixe, und zwar die starken und schwachen Formen des Partizip Perfekt: {ge- -en} und {ge- -t}. Bei denen fällt es, vor allem bei den starken Verben, extrem schwer, eine sinnvolle Reihenfolge für die Kombinationshypothese zu finden:
{gesunken} != *{gesunk} + {-en}
{gesunken} != {ge-} + *{sunken}
{gesunken} = {ge- -en} + {sunk-}


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23.11.2014, 21:55:00
Beitrag #3
RE: Gerede - Kombinationsypothese vs Zirkumfixhypothese
Mhm, danke schon mal - ich beziehe mich allerdings nur auf Substantive, deswegen lasse ich den letzten Punkt außer Acht.
Mist ich dachte gerade hier in dem Forum würde ich jemanden finden, der vllt noch verständliche Lektüre hat.

Wie ist das denn mit der Binarität gemeint - ist diese auch bei der Kombinationshypothese notwendig? Denn hier schreibst du ja:

Zitat:Hier wäre es, um binär zu bleiben (manche brauchen das für ihr Seelenheil), die folgende Reihenfolge:
{gerede} = {ge-} + {rede}
{rede} = {red-} + {-e}
fertig.

Das geht bei Gerede ganz gut, weil es (die) Rede gibt, bei Gebirge, Gehuste (nein, die flektierte Form (ich) huste ist hier nicht Basis!) und Gewölle schon nicht mehr. Man sollte bei solchen Diskussionen immer darauf schauen, inwiefern diese Muster produktiv sind und es analoge Formen gibt, die genauso gebildet sind. Manchmal kann man dann daraus generalisieren, welches Muster die meisten Fälle am einfachsten unter einen Hut bringt.[quote]


Was gibt es denn sonst überhaupt für Unterschiede mal im Hinblick auf die Kombinationshypothese?



Außerdem schreibst du:
Zitat:Das geht bei Gerede ganz gut, weil es (die) Rede gibt, bei Gebirge, Gehuste (nein, die flektierte Form (ich) huste ist hier nicht Basis!) und Gewölle schon nicht mehr. Man sollte bei solchen Diskussionen immer darauf schauen, inwiefern diese Muster produktiv sind und es analoge Formen gibt, die genauso gebildet sind. Manchmal kann man dann daraus generalisieren, welches Muster die meisten Fälle am einfachsten unter einen Hut bringt.

Gebirge kann ja dann weder laut Zirkumfixypothese, noch Kombinationshypothese überhaupt als Zirkumfix gesehen werden, denn egal mit welcher Hypothese man ran geht gibt es keine Basis -birg- !?
Aber das hilft ja ansich nicht weiter, denn das ist ja weder ein Pro noch ein Kontra, weder ein Unterschied, noch eine Gemeinsamkeit der Hypothesen!


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24.11.2014, 00:56:11
Beitrag #4
RE: Gerede - Kombinationsypothese vs Zirkumfixhypothese
(23.11.2014 21:55:00)pippo289 schrieb:  Mist ich dachte gerade hier in dem Forum würde ich jemanden finden, der vllt noch verständliche Lektüre hat
Kann ja noch kommen. Wen/Was hast du denn bislang an Literatur konsultiert?

(23.11.2014 21:55:00)pippo289 schrieb:  Wie ist das denn mit der Binarität gemeint - ist diese auch bei der Kombinationshypothese notwendig? Denn hier schreibst du ja:

Zitat:Hier wäre es, um binär zu bleiben (manche brauchen das für ihr Seelenheil), die folgende Reihenfolge:
{gerede} = {ge-} + {rede}
{rede} = {red-} + {-e}
fertig.
Binär heißt nichts anderes, als dass eine komplexe Bildung in zwei unmittelbare Komponenten segmentiert werden kann. (Die können dann selbst auch wieder binär zerlegt werden...) Das ist bei den meisten Theorien so, egal ob nun Zirkumfixe oder serielle Pä- und Suffixe angesetzt werden.

(23.11.2014 21:55:00)pippo289 schrieb:  Was gibt es denn sonst überhaupt für Unterschiede mal im Hinblick auf die Kombinationshypothese?
Nun, man kann bei der Kombinationshypothese ein kleineres Morpheminventar ansetzen, da die Zirkumfixe als Klasse (weitgehend oder völlig) wegfallen. Das klappt natürlich nur so lange, wie die Zirkumfixe aus Teilen bestehen, die anderswo auch eigenständig auftauchen können. Ansonsten hat man ein kleines Erklärungsproblem, das man aber eventuell sowieso hat, wenn sich die Bedeutung der Gesamtbildung nicht erklären lässt aus Bedeutung der Basis plus Bedeutungen der Derivationsaffixe.
Bei den Kollektiva wie Gerede, Gebirge usw. ist es meiner Meinung nach schon ansatzweise so. Es gibt auch Kollektiva ohne das /-e/ (Gewürm, Geröll, Gebrüll(e), Geschrei), aber welche isolierte/isolierbare Funktion soll das {-e}-Suffix dann haben?
Wir haben es bei den Kollektivsubstantiven also entweder mit nur einem Kollektivpräfix {ge-} und einem gelegentlich (nach welchen Regeln?) auftauchenden, unidentifizierten(? oder übersehe ich da was?) Suffix {-e} zu tun, oder aber mit einem Zirkumfix {ge- -e} und einem Präfix {ge-}

(23.11.2014 21:55:00)pippo289 schrieb:  Gebirge kann ja dann weder laut Zirkumfixypothese, noch Kombinationshypothese überhaupt als Zirkumfix gesehen werden, denn egal mit welcher Hypothese man ran geht gibt es keine Basis -birg- !?
Jain. Wir haben, aus anderer Germanischer Quelle, analog einen Ablaut berge - birg-st. Das Wort Gebirge selbst bewahrt in seiner zweiten Silbe (erste Stammsilbe) seinen althochdeutschen Vokal (gibirgi). Wir können hier entweder nur sagen, dass das Wort neuhochdeutsch nicht mehr analysierbar ist oder aber, dass es einen alternativen, unikalen Stamm birg für diese Derivation hat.

(23.11.2014 21:55:00)pippo289 schrieb:  Aber das hilft ja ansich nicht weiter, denn das ist ja weder ein Pro noch ein Kontra, weder ein Unterschied, noch eine Gemeinsamkeit der Hypothesen!
Es gibt hier kein absolutes Pro oder Kontra. Beide Analysen haben ihre Berechtigung. Es ist irgendetwas zwischen Geschmacks- und Glaubenssache, ob man sich her für die eine oder für die andere Lösung entscheidet. Der Unterschied liegt in der Analyse. Einmal habe ich einen Derivationsschritt, der eine Basis und ein diskontinuierliches Morphem zusammenbringt, und einmal habe ich zwei nacheinander ablaufende Schritte, die eine Basis plus ein Affix zu einer komplexen Basis ableiten, die dann ein weiteres Affix hinzugefügt bekommt zum fertigen Gebilde.


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