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 » nicht erledigt Herkunft von "tja"

22.02.2017, 13:50:52
Beitrag #1
Herkunft von "tja"
Aloha,
ich frage mich gerade, woher eigentlich das Wort "tja" genau kommt. Ich konnte im Internet nirgends eine Etymologieangabe finden. Ich finde, es hat schon einen niederdeutschen Touch und auch der Fakt, dass es im Niederländischen in der gleichen Form vorkommt, würde es nahelegen, dass es aus dem Norden kommt, oder?
Wisst ihr mehr darüber?
Vielen Dank und viele Grüße,
Kevin


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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22.02.2017, 15:06:35
Beitrag #2
RE: Herkunft von "tja"
Tja, wenn man überhaupt eine nicht-onomatopoetische (vgl. die häufig anzutreffende Artikulation mit im Nhd. nicht phonologischem Palatal [c]; Umbildung von ja?) Etymologie annehmen will, kommt es mir bei Blick auf die germanischen Kognaten (https://en.wiktionary.org/wiki/tja) nur im Schwedisch sinnvoll motiviert vor, wenn zu tja 2. 'hi; tschüss' entstanden, welches < tjena < tjenare 'Diener' [= etymolog. Entsprechung], gehörig.

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22.02.2017, 19:24:34
Beitrag #3
RE: Herkunft von "tja"
Hm, ohne diachronen Ansatz wahrer Etymologie mal synchron:
Hermann Paul legt eine Verkürzung aus "und ja" nahe.
Daneben auch "nun ja".

http://http://tinyurl.com/h42bkmb

Ich könnte mir auch ein colloquiales "D(u) ja" in Verkürzung vorstellen.

Ein Sachverhalt (und seine Brisanz/Gültigkeit) wird als solcher rezipiert und rezeptionstechnisch bestätigt,
eine Abhilfeaussage oder ein Abhilfeversuch wird mit "und" oder "du" tentativ initiiert,
aber dann mangels Lösungspotential abgebrochen und in seiner Unlösbarkeit bis auf weiteres resignativ
(oder triumphierend) durch "ja" bestätigt.

[Bild: jra3keq]


Hallo, ich bin Willi Wamser und seit 09.04.2012 15:42 hier angemeldet.
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24.02.2017, 10:04:16
Beitrag #4
RE: Herkunft von "tja"
(22.02.2017 19:24:34)Willi Wamser schrieb:  Hm, ohne diachronen Ansatz wahrer Etymologie mal synchron:

Teach "Wahre" Etymologie (eine Tautologie erster Kajüte übrigens! etymos - 'wahr') ist notwendigerweise stets synchron. Synchron zum Benennungszeitpunkt. Alles andere ist vorbereitende Wortbiographie, die uns zu diesem Zeitpunkt führt. Die eigentliche operation etymologique nach Saussure ist das, was wir im Bennenungsmoment beobachten um die Motivation zu erklären.


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24.02.2017, 17:40:34
Beitrag #5
84_rolleyes Kajüten und so
(0) Captatio benevolentiae

Man sehe dieser längeren Expektoration ihre gewissen Verschrobenheit nach, es ist ja irgendwie Fasching und der hat seine Lizenzen.Shy

(24.02.2017 10:04:16)janwo schrieb:  
(22.02.2017 19:24:34)Willi Wamser schrieb:  Hm, ohne diachronen Ansatz wahrer Etymologie mal synchron:

Teach "Wahre" Etymologie (eine Tautologie erster Kajüte übrigens! etymos - 'wahr') ist notwendigerweise stets synchron. Synchron zum Benennungszeitpunkt. Alles andere ist vorbereitende Wortbiographie, die uns zu diesem Zeitpunkt führt. Die eigentliche operation etymologique nach Saussure ist das, was wir im Bennenungsmoment beobachten um die Motivation zu erklären.

Nunja, schon interessant, diese Begriffsexplikationen samt dem Hinweis auf den Benennungszeitpunkt und der Wortbiographie/grafie. Die "modernere" Historiolinguistik untersucht wohl - das dürfte wenig strittig sein - "biografische" Entwicklungen in den phonologischen, syntaktischen und semantischen Komponenten eines Lexems. Dabei setzt sie synchrone Schnitte auf der diachronen Achse und findet so - hoffentlich - eine gute Erklärung für die aktuelle Bedeutung eines Wortes im jeweiligen Sprachgebrauch und schließlich im zeitlich letzten Sprachgebrauch.

(1) Etymologia antiqua

Die antike, mittelalterliche und barocke Etymologie orientiert sich an ihren jeweils synchronen Wortständen, sie will so den wahren Inhalt, i.e. "to etymon", erkennen. So heißt denn etymologia "Streben nach dem wahren und ewigen Wortinhalt".

1.1 Cicero

Cicero etwa bestimmt selbstbewusst die Etymologie des Wortes "religio" im Umfeld von "re-ligere" und meint, dass Religion etwas mit immer wieder rückholenden, vergegenwärtigenden Lesen von religiösen Bestimmungen und Gesetzen zu tun habe. Religion lehre ein bestimmtes gehorsames Wohlverhalten gegenüber den genau erfüllten Vorschriften der Götter und ihrer Kultdiener und verspreche so ein gewisses Wohlergehen der gläubig Lesenden.. (De natura deorum)

1.2 Hexenhämmerer Kramer

Ein bescheuerter Hexenjäger wie Heinrich Kramer haut auf den Putz und argumentiert "etymologisch" in seinem Hexenhammer, indem er Eva als weniger gläubig aufgrund der Apfelsache charakterisiert und in dieser Mutter aller Frauen die typische "femina" sieht, welche ein "minus" (min) an "fides" (fe) besitzt und so den Einflüsterungen des Teufels eher verfällt als die Männer. Es mag - so der Subtext - wohl auch Hexer geben, aber doch sehr viel mehr Maleficae (Hexen):

Ihr von Natur aus geringer Glauben wird [schon] bei der ersten Frau offenbar, da sie der Schlange auf ihre Frage, warum sie nicht von jedem Baum des Paradieses essen würden, sagte: »Von jedem [essen wir], nur nicht etc., damit wir nicht etwa sterben.«, wobei sie zeigt, daß sie zweifle und an die Worte Gottes nicht glaube, was alles auch die Etymologie des Namens demonstriert: es heißt nämlich femina [Frau] von fe und minus, weil sie immer geringeren Glauben hat und wahrt, und zwar von Natur aus bezüglich des [der geringeren] Glaubens [stärke], mag auch infolge der Gnade und der Natur der Glaube in der seligsten Jungfrau niemals gewankt haben, da er doch in allen Männern zur Zeit des Leidens Christi gewankt hatte.

Schlecht also ist die Frau von Natur aus, da sie schneller am Glauben zweifelt, auch schneller den Glauben
auch schneller den Glauben ableugnet. Das ist die Grundlage für die Hexen.


Mala ergo mulier ex natura,
cum citius in fide dubitat etiam citius fidem abnegat,
quod est fundamentum in maleficis.
(vgl. Hexenhammer, hier)
http://tinyurl.com/hxd67ft

1.3 Thomasius ridens

In der spottenden und rational orientierenden Aufklärung findet sich eine schöne Zusammenfassung des Frauenbildes aus dem Hexenhammer, mit dem Hinweis, man möge den Lachanfall zügeln ("risum teneatis").

Vid. Malleus malefic. parte I. qu. 6. p. 91.-104. Ut praegustum de huius auctoribus lector habeat, sequentia inde excerpimus. Primaria ratio, quam adferunt, haec est: dicunt, tria esse in rerum natura, linguam, malitiam ecclesiasticorum, et feminam, quae medium in bonitate et malitia tenere nesciant. Unde post locos communes contra malitiam ecclesiasticorum absque iudicio allatos, quos utique in honorem ordinis ecclesiastici referre abstinemus, multa deblaterant contra mulieres, quod mulier sit necessarium malum, naturalis tentatio caet. quod muliebrium vitiorum fundamentum sit avaritia, quod mulieres sint incontinentis linguae, quod minus valeant intelligendo bona, quam viri, quod Eva formata fuerit de costa curva et torta pectoris, quasi contraria viro; quod femina dicta sit a fe et minus (risum teneatis amici), quia semper minorem habeat et servet fidem, quod mulieres sint proclives ad odia, aemulationem, impatientiam, vindictam, inobedientiam;

Christian Thomasius-De crimine magiae 1701, S. 114; auch in der Bibliotheca Augustana schnell zu finden, internet

(2) Etymologia recentior

Neuere Etymologen sind dann weniger an solchen Wahrheiten interessiert und lassen denn auch den Wahrheitsbegriff eher beiseite, indem sie nach möglichst plausiblen Vortraditionen (sit venia verbo) eines fraglichen Wortes suchen. Der von janwo gern angeführte Wolfgang Pfeifer findet denn auch diachron zusammengehörige frames , fast ist man versucht zu sagen: Kajüten für die "Kajüte":

Zitat:Kajüte f. ‘Wohnraum an Bord eines Schiffes’,
nd. Seemannswort, das bereits in der 2. Hälfte des 15. Jhs. in die Literatursprache aufgenommen wird.
Für den Anfang des 15. Jhs. nachzuweisendes mnd. kajüte entspricht dem (1455 bezeugten) mnl. kayhute (nl. kajuit), das wohl aus mfrz. frz. cahute ‘kleine Hütte’ (statt vorausgehendem gleichbed. afrz. chahute) entlehnt ist.

Dieses frz. Substantiv beruht wahrscheinlich auf Kontamination von afrz. hute, belegt nur in der speziellen Bedeutung ‘Teil einer Bewässerungsanlage’, mfrz. frz. hutte ‘Hütte’, einer Entlehnung von mhd. hütte ‘Hütte, Zelt, Verkaufsladen’ oder schon von ahd. hutta ‘Schuppen, Laube’ (s. ↗Hütte), mit bedeutungsverwandten Wörtern wie mfrz. frz. cabane ‘Hütte’ (s. ↗Kabine), afrz. frz. caverne ‘Höhle’. ...
http://https://www.dwds.de/wb/Kaj%C3%BCte

(3) Tautologia

Kurz und gut, es ist schwierig, bei "wahre Etymologie" von einer Tautologie fetter Kajüte zu sprechen, weil sich der Begriff diachron in seiner Semantik gewandelt hat und der Normalleser kaum die ferne Grundbedeutung interpolieren kann und der Linguist und Spezialist eine andere Semantik ansetzt. Es sei denn man/er beharrt darauf, dass sich hier paradigmatisch und kat'exochen Tautologien tummeln:

ordentlich ordinär
ungarischer Hüne
schüchterner Blödmann
heulende Eule

Dieser Masterstudent hat eine orthographisch richtige, komplett richtige Arbeit abgegeben....

[Bild: karneval-fasching-hexen-maske-11-03-08-d...ry_348.jpg]


Hallo, ich bin Willi Wamser und seit 09.04.2012 15:42 hier angemeldet.
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28.02.2017, 15:17:51
Beitrag #6
RE: Herkunft von "tja"
(22.02.2017 19:24:34)Willi Wamser schrieb:  Hermann Paul legt eine Verkürzung aus "und ja" nahe.
Daneben auch "nun ja".

Das hat einiges für sich: Man könnte etwa und ja > *[(ə)n'tja] > tja (mit Apokope in Unbetontheit, Clustervereinfachung im Anlaut und regressiver Stimmtonassimiliation vor j?) annehmen.

Bei einer Herkunft aus nun ja müsste man den Dental anaptyktisch entstehen lassen (vgl. sekundäre Dentale in deutschen Wörtern, die auf -n endeten: Mond, jemand oder altgriech. kaptō vs. lat. capiō).

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