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[Area]: Areallinguistik, Sprachgeographie, Dialektologie  » nicht erledigt Ist Esperanto (teilweise) eine Minderheitensprache?

11.03.2013, 19:34:55
Beitrag #1
Ist Esperanto (teilweise) eine Minderheitensprache?
(Ich hoffe, das Präfix ist ok...)

Es gibt ein paar Aufsätze zu dem Thema. Kann man nun feststellen, dass Esperanto eine Minderheitensprache ist, dass es keine ist - oder dass die Frage wissenschaftlich noch ungeklärt ist? Es wäre eine "nicht territorial gebundene Sprache".

- Sabine Fiedler: Zu Merkmalen der Esperanto-Sprachgemeinschaft (Ergebnisse einer Probandenbefragung). Interlinguistische Informationen Beiheft 4, 1998, S. 27: "Die Gesamtheit dieser Faktoren, die von den Sprechern als distinktive und für sie positive Charakteristika empfunden werden, bilden zusammen mit der geringen Anerkennung der Sprecher durch die 'Mehrheit' die Grundlage für eine entwickelte Eigenidentität, die es gerechtfertigt erscheinen läßt, die Esperanto-Sprachgemeinschaft als spezifische Art einer sprachlich-kulturellen Minderheit zu charakterisieren."

- KIMURA Goro Christoph: Esperanto als Minderheitensprache: Eine sprachsoziologische Betrachtung. Interlinguistische Informationen, Beiheft, 2009/11, Bd. 16, S. 11-24

- John Edwards: Minority Languages and Group Identity: Cases and Categories. Amsterdam: John Benjamins, 2010: "Esperanto" (...) "this rather special minority language", p. 12.

- Fettes, M.: 1996, 'The Esperanto Community: A Quasi-Ethnic Linguistic Minority?', Language Problems and Language Planning 20 (1), 53-59.

Schon 1980 haben Esperantosprecher das Manifest von Rauma verabschiedet, laut dem das Sprechen des Esperanto als Zugehörigkeit zu einer "selbstgewählten, verstreut lebenden, sprachlichen Minderheit" (''mem elektita diaspora lingva minoritato'') verstanden wird.

Auch z.B. Spiegel Online (Schulspiegel, 24.07.2012 schreibt von der Sprache einer (extrem gut vernetzten) Minderheit.

Anders sieht die Sache Johannes Klare: Esperanto – eine Minderheitensprache? In: Festschrift Kattenbusch. Allerdings geht Klare davon aus, es gäbe keine Esperanto-Muttersprachler, was unzutreffend ist. Und er nimmt an, ein Gebiet müsse eine Minderheitensprache schon haben um als solche zu gelten - das trifft auf Romanes oder das Jenische nicht zu, die wären nach dieser Definition dann keine Minderheitensprachen...

Schon mal vorab danke für Diskussionsbeiträge!


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11.03.2013, 20:14:50
Beitrag #2
RE: Ist Esperanto (teilweise) eine Minderheitensprache?
Zitat:das trifft auf Romanes oder das Jenische nicht zu, die wären nach dieser Definition dann keine Minderheitensprachen...
Romanes gilt in Deutschland als Minderheitensprache, da die Sprecher bereits seit Jahrhunderten in Deutschland sesshaft sind. In Deutschland zählt als Minderheitensprache, die seit ungefähr 300 Jahrhunderten wirklich Teil, der Kultur- und Sprachlandschaft bildet, egal ob schon seit Anbeginn hier oder dann erst zugezogen. Da Esperanto noch nicht so lange existiert, könnte es in Deutschland zum Beispiel nicht den Status als Minderheitensprache erhalten.
Ich selbst bin etwas unschlüssig, ob es als Minderheitensprache zählen sollte, oder nicht. Es gibt einige Aspekte, die dafür und dagegen sprechen. Sprachlich würde man schon von einer Minderheit sprechen, da die Mehrheit kein Esperanto spricht. Aber die Umstände sind doch sehr unterschiedlich zu sonstigen natürlichen Sprachen. So zählt zum Beispiel dazu, dass viele sich die Zugehörigkeit dazu aussuchen (abgesehen von den Muttersprachlern) und die Sprache keine über Jahrtausende gewachsene, natürliche Sprache ist. Ich denke man sollte einen eigenen Begriff dafür formen, da es für eine Minderheit(-ensprache) einfach noch nicht lange genug existiert, für eine Regionalsprache nicht weit genug verbreitet ist, bzw. das Eigenkulturelle ja hervorgehoben wird und sich durch den Status als Plansprache von anderen Sprachen unterscheidet.
Ich denke, das ist aber auch nur ein Faktor der Zeit. Nach zwei Jahrhunderten wird sich die Sprache wahrscheinlich auf natürliche Weise weiter verändert haben und macht gleiche Prozesse wie natürliche Sprachen mit und könnte zu diesen zählen. Außerdem wird sich vielleicht die Sprecherschaft, deren Verteilung und Anzahl verändert haben. Insofern wäre dieser neu zu erbringende Begriff wohlmöglich nur ein Übergang, bis sich die Sprache selbst entwickelt.


"So the whole reason the French people can't really dance
Is because they haven't got the beat in their blood.
And why don't they live and breathe the beat?
Because their language has no tonic accent."
Martin Solveig ~ Heart of Africa
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11.03.2013, 20:58:42
Beitrag #3
RE: Ist Esperanto (teilweise) eine Minderheitensprache?
Minderheit ist immer ein relativer (im eigentlichen Sinne) Begriff: Ohne eine Bezugsgröße kann man ihn nicht benutzen. Ein Deutschsprecher in einem Raum voller Anderssprachiger ist – auf diesen Raum bezogen – in der Minderheit. Befindet sich dieser Raum jedoch im deutschen Sprachgebiet ist er (also edr Deutschsprecher) auf das Gesamtgebiet bezogen nicht in der Minderheit.

Da es kein enger fassbares Verbreitungsgebiet oder Territorium des Esperanto gibt, mssen wir wohl al Bezugsrahmen den ganzen Planeten Erde nehmen, meinetwegen unter EInschluss der ISS im erdnahen Orbit. So oder so gesehen ist die Sprechergemeinschaft des Esperanto in diesem Bezugsrahmen eine Minderheit.

Dies lässt jedoch nicht automatisch den Schluss zu, Esperanto sei eine Minderheitensprache. Mit diesem Begriff wird meist ein sprachpolitischer Status (ob nun Schutzstatus oder dessen diskriminierendes Gegenteil gemeint. Und so weit ich weiß genießt das Esperanto diesen Status nirgends.


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11.03.2013, 21:18:33
Beitrag #4
RE: Ist Esperanto (teilweise) eine Minderheitensprache?
(11.03.2013 20:14:50)Kevin schrieb:  
Zitat:das trifft auf Romanes oder das Jenische nicht zu, die wären nach dieser Definition dann keine Minderheitensprachen...
Romanes gilt in Deutschland als Minderheitensprache, da die Sprecher bereits seit Jahrhunderten in Deutschland sesshaft sind. In Deutschland zählt als Minderheitensprache, die seit ungefähr 300 Jahrhunderten wirklich Teil, der Kultur- und Sprachlandschaft bildet, egal ob schon seit Anbeginn hier oder dann erst zugezogen.

Interessant! Wo kann man das nachlesen? Ja, nach dieser strikten Definition wäre es tatsächlich keine. Zumindest in Deutschland nicht. Mir scheint die Definition in Deutschland eher eine Art rückwärtige Definition zu sein (wie nennt man das?). Ein Versuch, die Sprachen als Minderheitensprachen gelten lassen zu können, die ohnehin bereits als solche galten. 300 Jahre ist ein recht arbiträrer Zeitraum.

Ansonsten stimme ich zu, wahrscheinlich wäre ein eigenständiger Begriff praktischer. Allerdings wäre vermutlich Esperanto die einzige Sprache, die sinnvoll in dieses Schema passt. Andere Plansprachen wie Interlingua, Volapük, Lojban, Toki Pona oder auch Klingonisch haben wahrscheinlich nicht in allen Ländern echte Sprechergemeinschaften.


Hallo, ich bin Vortarulo und seit 21.02.2009 hier angemeldet.
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12.03.2013, 12:12:19
Beitrag #5
RE: Ist Esperanto (teilweise) eine Minderheitensprache?
(11.03.2013 20:58:42)janwo schrieb:  Dies lässt jedoch nicht automatisch den Schluss zu, Esperanto sei eine Minderheitensprache. Mit diesem Begriff wird meist ein sprachpolitischer Status (ob nun Schutzstatus oder dessen diskriminierendes Gegenteil gemeint. Und so weit ich weiß genießt das Esperanto diesen Status nirgends.

Zum einen gibt es in Sachen Minderheitensprache den sprachpolitischen Status - das ist also eine politische Entscheidung. Wenn ich recht sehe, meist aus den letzten fünfzig Jahren; in Frankreich gibt es z.B. die Loi Deixonne (1954). Die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen gibt es seit 1992. Da ist Esperanto ausgeschlossen, weil es zwar eine "nicht territorial gebundene Sprache" ist, aber nicht "herkömmlicherweise" gebraucht wird... (Das fehlen zwei von den besagten drei Jahrhunderten.) Und auch sonst ist Esperanto nur mit Mühe irgendwo offiziell anerkannt (z.B. in Ungarn als Schul- und Unisprache), aber wohl in der Tat nirgendwo als Minderheitensprache; das hätte ich in den Artikeln sonst vermutlich gefunden.

Zum anderen sprechen die Linguisten von sprachlichen Minderheiten und Minderheitensprachen. Edwards spricht in Bezug auf Esperanto von einer "rather special minority language". Fiedler zitiert Jacob ORNSTEIN-GALICIA (1987, 713), der das Vorhandensein einer Gruppenidentität als Wesensmerkmal einer Minderheit betrachtet: "ln the final analysis, however, a group's feeling of identity, as well as their perceived distance from the 'mainstream' or power elite may be the most distinctive and significant elements." Dieses Identitätsgefühl ist laut Fiedler innerhalb der Esperanto-Sprachgemeinschaft deutlich festzustellen. Oft gibt es auch das Gefühl, als Sprachgemeinschaft an den Rand gedrängt zu werden.


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